Wie ihr endlich damit aufhört, euch gegenseitig Fehler vorzuhalten

„Aber du hast damals … “ Im Streit schmeißen wir unserem*r Liebsten gern seine*ihre Verfehlungen an den Kopf. Wir werfen vor, rechnen auf und benutzen Verletzungen als emotionale Währung. Dabei sollten wir unsere Konflikte lieber gleich austragen, findet unsere Autorin.

Ein Paar liegt im Bett und diskutiert.

Fehler in Beziehungen sollte man sich nicht ewig vorhalten, sondern sie gleich ausdiskutieren. Foto: Toa Heftiba / Unsplash | CC0

Wenn mein Freund und ich uns streiten, ganz egal worüber, fällt oft dieser eine Satz. Er kommt ganz automatisch aus meinem Mund, wie ein Brechreiz, gegen den ich mich nicht wehren kann: „Und dann hast du auf der Party mit dieser Blonden geknutscht und mir nichts davon erzählt!“. Dumm gelaufen, dieser Abend, das ist uns beiden klar. Das Ding ist: Diese Episode ist eine halbe Ewigkeit her. Wir haben drüber geredet, er hat sich entschuldigt, ich bin okay damit. Trotzdem kommt die Geschichte immer wieder hoch, wenn ich wütend auf ihn bin. Und so einige andere Dinge auch.

Wenn es emotional wird, fangen wir an aufzurechnen

Bin ich besonders nachtragend? Rachsüchtig? Emotional inkompetent? Ich glaube nicht. Denn es geht vielen so wie mir. Meinem Freund zum Beispiel (ja, auch er hat diesen einen Satz). Und dem Freund davor. Und den allermeisten meiner Freund*innen. „Aber du hast damals mit xy geflirtet/mich einfach so auf der Party stehengelassen/behauptet, dass mein Bauch dick ist …“ – in jeder Beziehung gibt es eine ganze Reihe von ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vorwürfen an einander.

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Die meiste Zeit brodeln sie unter der Oberfläche, doch wenn es emotional wird, kochen sie plötzlich hoch. Dann fangen wir vielleicht sogar an, aufzurechnen: Wer hat wem was angetan und was wiegt schwerer? Sind Vergeltungsmaßnahmen möglich, kommt es mitunter zu diesen berüchtigten und zu absolut nichts Gutem führenden „Wenn du darfst, darf ich auch“-Gedanken. Verletzungen werden dann zur emotionalen Währung, mit der wir den*die Andere*n unter Druck setzen und zurück verletzen können.

Verletzungen gehören zum Beziehungs-All-inclusive-Paket

Falls an dieser Stelle der Eindruck entsteht, ich würde ein zu pessimistisches Bild von meiner Beziehung und den Beziehungen in meinem Umfeld zeichnen: Wir sind glücklich miteinander. Und die meisten meiner Freund*innen sind es auch. Trotzdem kommt es eben hin und wieder vor, dass wir streiten. Überhaupt sind, wenn zwei Menschen eine Beziehung (oder auch Freundschaft) eingehen, Verletzungen vorprogrammiert. Egal, wie viel Mühe wir uns geben, wertschätzende, liebevolle und aufmerksame Partner*innen zu sein – wir werden dieses Ideal nie zu hundert Prozent erfüllen.

Manchmal sind wir müde oder gereizt oder haben schlicht keinen Bock auf den*die Andere*n, weil wir anderes im Kopf haben. Dann grunzen wir vielleicht so etwas Unachtsames, wie „Manchmal hast du eine echt lange Leitung“, oder checken es nicht, dass unser*e Partner*in einen Scheißtag hatte und einfach nur in den Arm genommen gehört. Oft sind es Kleinigkeiten, die uns selbst nicht einmal bewusst sind, unser Gegenüber aber erstaunlich hart treffen.

Vorwürfe gehören auf den Müllhaufen unserer Beziehungsgeschichte.“

Dann gibt es noch diese Dinge, von denen wir wissen, dass sie dem*r Anderen weh tun werden. Dinge, wie ihn*sie zu versetzen oder anzulügen, fremdzugehen, Versprechen nicht zu halten oder sie gar nicht erst zu geben. Klar, die meisten von uns halten sich für moralisch einwandfrei, trotzdem können uns solche Missgeschicke nunmal passieren. Und manchmal haben wir schlicht unterschiedliche Bedürfnisse und müssen entscheiden, wer nun vorgeht: unser*e Liebste*r oder wir selbst. Und ja, es ist okay, sich selbst zu wählen. Doch unser Gegenüber hat genauso ein Recht darauf, verletzt zu sein wie wir und Bedürfnisse durchzusetzen.

Verletzungen und Enttäuschungen kriegen wir in jeder Beziehung also quasi frei Haus mitgeliefert. Das allein ist aber kein Grund zum Verzweifeln. Sondern viel mehr die Tatsache, dass viele von uns es nicht schaffen, diese Dinge so aufzuarbeiten, dass sie da hinkommen, wo sie hingehören: auf den Müllhaufen unserer Beziehungsgeschichte. Oft sind es sogar noch viel ältere Verletzungen, die überhaupt nichts mit der aktuellen Beziehung zu tun haben und, die in solchen Momenten hochgeholt werden. Das wurde mir klar, als ich letztens über den Abend mit der Blonden und alles, was danach passierte, nachgedacht habe.

Gefühle lassen sich nicht wegargumentieren

Klar, mein Freund und ich hatten einen ganzen Nachmittag lang über die Sache gesprochen. Im Zuge dessen hatte ich ein paar böse Dinge gebrüllt, Türen geknallt und mich 24 Stunden nicht mehr gemeldet. Aber konnte ich ihm ewig böse sein wegen einer Partyknutscherei, die sogar ausdrücklich erlaubt war und nur nicht heimlich passieren durfte?

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Ich entschied schließlich, es mit meinem Angepisstsein nicht zu übertreiben. Alles andere hätte mich unentspannt und kleinlich wirken lassen und überhaupt, ich wollte doch die Zeit mit ihm genießen und mich nicht in irgendwelche Streitereien reinsteigern. Ich war immer noch verletzt, aber ich ließ es nicht zu. Lieber argumentierte ich meine eigenen Gefühle weg. Mit dem Ergebnis, dass sie immer wieder zu mir zurückkamen.

So etwas passiert uns oft, im Kleinen wie im Großen. Ob es eine unsanfte Berührung ist oder ein grober Betrug – ich glaube, wir sollten dranbleiben. Nicht mit Vorwürfen oder Aufrechnen, sondern mit dem Erforschen und Mitteilen unserer Gefühle, bis sie sich verflüchtigen. Das mag uns in diesem Moment vielleicht mehr schmerzen, als sie zu unterdrücken. Und auch für unser Gegenüber gibt es garantiert angenehmere Szenarien. Aber es ist eh nicht so, als hätten wir eine echte Wahl: Denn unsere Verletzungen kommen wieder hoch. Um uns daran zu erinnern, dass wir uns ihnen widmen müssen. Und das ist verdammt gut so.