Wie Joost mit drei Frauen in einer polyamorösen Beziehung lebt

Joost liebt drei Frauen. Und nicht nur das – er führt auch Beziehungen mit ihnen und alle wissen voneinander. Das hört sich erst einmal kompliziert an. Ist es das auch? 

Polyamorie_Unsplash

Liebe zu viert: Wie funktioniert das? Zum Beispiel, indem man, wie die Menschen in diesem Stockfoto, offen damit umgeht. Foto: Jessica Castro / Unsplash | CC0

Auf den ersten Blick wirkt Joost wie ein ganz gewöhnlicher Mann Mitte dreißig. Er lebt in einem kleinen Haus mit hellblauen Fensterläden in einem Vorort von Amsterdam. Er arbeitet von Montag bis Freitag als Programmierer bei einem Start-up, am Wochenende geht er auf Partys, spielt Videospiele und trifft Freund*innen. Fragt man Joost, ob er in einer Beziehung ist, sagt er, es sei kompliziert. Eine Antwort, wie man sie häufig auf derlei Fragen erhält. Doch Joost führt wirklich keine gewöhnliche Beziehung, er führt drei gleichzeitig.

Eine Beziehung mit drei Menschen zu führen, das hört sich für viele nach einem absoluten Tabu an. Ist das nicht betrügen? Nein, denn Joost lebt in polyamorösen Beziehungen. Polyamorie bedeutet, in mehrere Partner*innen zur gleichen Zeit verliebt zu sein und zu jeder*m Einzelnen eine Liebesbeziehung zu pflegen, wobei alle Beteiligten davon wissen und damit einverstanden sind. „Menschen überall auf der Welt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr von traditionellen Lebensformen abgewendet, auch weil sie durch eigenes Erleben und Scheidungsstatistiken wissen, dass die monogame Ehe als Lebensform für die meisten Menschen nicht funktioniert”, erklärt Viktor Leberecht, Berliner Beziehungsexperte mit Fokus auf Polyamorie.

Joost sitzt an einem dunklen Holztisch in seinem Wohnzimmer in dem Haus mit den hellblauen Fensterläden – das ehemalige Haus seiner Eltern. Er streicht sich durch sein kurzes blondes Haar, und nach einer kurzen Pause beginnt er zu erzählen. Davon, wie es ist, mit drei Frauen gleichzeitig in Liebesbeziehungen zu sein. „Für mich ist Polyamorie die Liebe zu Menschen in unterschiedlichen Formen zur gleichen Zeit. Um dazu in der Lage zu sein, trete ich einen Schritt zurück und frage mich, was ich in einer Beziehung benötige und was meine Partnerin von mir braucht”, erklärt er.

„Ich habe zu viel Energie für eine Partnerin”

Während einer dreijährigen Beziehung in seinen Zwanzigern spürten seine damalige Partnerin und er, dass ihnen etwas in der Beziehung fehlte, was ihnen der oder die andere nicht geben konnte. „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass meine Energie manchmal zu viel für eine Partnerin ist”, sagt Joost. Sie entschieden sich, es mit einer offenen Beziehung zu versuchen, also einer Beziehung, in der es erlaubt ist, mit anderen sexuellen Kontakt zu haben. Bis vor eineinhalb Jahren ist er diesem Beziehungsmodell treu geblieben. Mit einer seiner derzeitigen Partnerinnen, Anna, mit der er heute auch zusammenlebt, führte er bis dahin eine offene Beziehung. „Wir haben an einem gewissen Punkt gemerkt, dass wir in der Lage sein möchten, intimere Beziehungen mit anderen zu führen als nur auf sexueller Ebene. Deshalb entschieden wir uns gemeinsam für Polyamorie.”

Heute ist Joost nicht mehr nur mit Anna in einer Beziehung, sondern auch mit Lena* und Eva*. Und Anna, Lena und Eva führen Beziehungen mit mehreren weiblichen und männlichen Partner*innen. Joost kennt die Partner*innen seiner Freundinnen zwar, gemeinsame Zeit verbringen sie jedoch nicht. „Klar, an manchen Abenden habe ich keine Ahnung, mit wem meine Partnerinnen gerade im Bett sind. Aber das ist okay.”

Ein Extra-Schlafzimmer für andere Partner

Das erste Mal, das Joost mit einer Frau intim und zur gleichen Zeit mit einer anderen in einer Beziehung war, geschah bei einem Partner*innentausch. Er erinnert sich an seine Unbeholfenheit, dass es zunächst komisch war zu sehen, wie seine Partnerin es genoss, von einem anderen Mann geküsst zu werden und wie er eine andere Frau küsste – in ihrer Gegenwart. Er fühlte Eifersucht in sich aufkommen, wie bei einer Flasche, die man vor dem Öffnen geschüttelt hat. Doch er hielt inne und fragte sich, warum er überhaupt eifersüchtig war. Sie liebte ihn und schien es zu genießen, von diesem Mann liebkost zu werden. Und plötzlich fühlte es sich richtig an. „In der Polyamorie spielen Einfühlungsvermögen und die Freude für den Partner eine sehr große Rolle. Selbst dann, wenn man nicht direkt dafür verantwortlich ist”, erklärt Joost. 

In der Polyamorie spielen Einfühlungsvermögen und die Freude für den Partner eine sehr große Rolle. Selbst dann, wenn man nicht direkt dafür verantwortlich ist.

Joost

Wenn Joost über seine Beziehung spricht, tut er dies mit Selbstbewusstsein und Entschlossenheit. „Oft werde ich gefragt, ob Polyamorie nicht verdammt anstrengend sei. Darauf kann ich nur sagen: ‘Ist es anstrengend, eine Familie zu haben, in der du allen Beteiligten Zuneigung und Aufmerksamkeit schenken willst?’. Für mich ist das sehr vergleichbar.” Er gibt jedoch zu, Koordination und Planung seien nötig, um allen Partnerinnen gerecht zu werden. Gewöhnlich besteht die Regel, dass ein Tag pro Woche für jeweils Lena und Eva eingeplant ist, den Rest der Woche verbringt Joost mit Anna, je nachdem, wann es den beiden passt. Da sie miteinander leben, ist es einfacher, spontane Verabredungen zu organisieren. Um all die Geburtstage und andere wichtige Termine nicht zu vergessen, führt Joost einen Kalender.

Zusammenzuleben hat seine Vorteile, bedarf jedoch in einer polyamorösen Beziehung Planung und Absprachen. „Wir versuchen, keine Verabredungen mit anderen Partner*innen am gleichen Tag zu Hause zu haben. Wenn jemand eine*n Partner*in zu Besuch hat und man gemeinsam zu Bett gehen möchte, steht uns dafür ein Extra-Schlafzimmer zur Verfügung. Das haben wir speziell für diese Momente eingerichtet.” Ein zweites Schlafzimmer im gemeinsamen Haus, in dem die beiden mit anderen intim sein können – an diesen Gedanken muss man sich erst einmal gewöhnen. Selbst die Besucher*innen.

Der Kompromiss ist, sich jemanden zu teilen

Joost erinnert sich an einen Abend, als er spätabends nach Hause kam und Anna einen ihrer Partner zu Besuch hatte. Er erinnert sich an den sprachlosen Kerl, der mit offenem Mund auf der Treppe zum Schlafzimmer stand, verständnislos zwischen Joost und Anna hin und her blickte und nicht sicher war, ob er gerade richtig verstanden hatte, dass Joost ihm und Anna vorschlug, die Nacht doch gemeinsam im Extra-Schlafzimmer zu verbringen. Im eigenen Schlafzimmer schlafen nur Anna und Joost, das ist die Regel.

Und wenn die Freundin mit einem anderen Mann im Schlafzimmer verschwindet, verspürt man dann keine Eifersucht? „Wer eine erfolgreiche polyamoröse Beziehung führen will, muss rational mit Eifersucht umgehen können. Ich war jedoch auch nie wirklich der eifersüchtige Typ.” Ein häufiger auftretendes Problem als Eifersucht ist eher der Neid, erklärt Joost. „Manchmal finde ich es schade, dass eine meiner Partnerinnen etwas Tolles mit jemand anderem unternommen hat, sei es, in den Erlebnispark zu fahren oder etwas Neues im Bett auszuprobieren. In solchen Momenten ist es einfach wichtig, darüber zu sprechen und zu kommunizieren, dass man diese Erfahrung auch gerne mit der anderen Person teilen will.”

Wer eine erfolgreiche polyamoröse Beziehung führen will, muss rational mit Eifersucht umgehen können

Joost

Mit Eva geht Joost spazieren, mit Lena spielt er Nintendo, mit Anna Brettspiele. Für jedes seiner Hobbys hat er eine Freundin, die dieses mit ihm teilt. Das hört sich praktisch an. Doch bedeutet eine Beziehung zu führen nicht auch, Kompromisse einzugehen und manchmal Dinge zu tun, die einem nicht gefallen? „Auch Menschen in polyamorösen Beziehungen gehen Kompromisse ein. Ich kann mit der Freundin, die die Stadt liebt, auf einen Citytrip gehen und mit der, die gerne am Strand liegt, ans Meer fahren. Doch unser Kompromiss liegt darin, dass wir den Menschen, den wir lieben, immer mit jemand anderem teilen müssen. Wir akzeptieren, dass wir nicht jeden Urlaub mit dieser Person erleben, weil sie auch andere Menschen in ihrem Leben hat.”

Ist Polyamorie die reinste Art der Liebe?

Auch im gemeinsamen Sexleben gehören Kompromisse dazu. Joost erzählt von sogenannten safe circles in polyamorösen Beziehungen, in denen die Mitglieder dieser Kreise, also die eigenen Partner*innen und deren Partner*innen, sich darauf verständigen, nur miteinander zu schlafen und deshalb auf ein Kondom verzichten, soweit sie wissen, dass alle gesund sind. Joost und seine Partnerinnen haben sich jedoch darauf verständigt, dass sexuelle Begegnungen mit anderen in Ordnung sind. Deshalb muss stets nicht nur mit Pille, sondern auch mit Kondom verhütet werden. Für Joost ist das besonders wichtig, weil er keine Kinder möchte. Mehrere Partner*innen bedeutet auch mehr Sex, oder? Ja, sagt Joost, jedoch schlafe er nie mit mehreren Partnerinnen gleichzeitig. Es könne aber vorkommen, dass er mit mehr als einer seiner Freundinnen am gleichen Tag schläft. Das sei kein Problem, solange man sich sauber hält und die emotionalen Bedürfnisse der Partner*innen bedenkt. 

Drei Menschen gleichzeitig lieben, ist die Liebe dann nicht notgedrungen unterschiedlich intensiv? „Es ist nicht so, dass ich eine meiner Partnerinnen mehr liebe als die andere, ich empfinde einfach eine unterschiedliche Liebe für jede von ihnen. Das ist abhängig von unseren gemeinsamen Erfahrungen und unserer Geschichte.” 

Viele halten ihre polyamoröse Beziehung geheim

Viele assoziieren Polyamorie mit Menschen, die unfähig sind, Beziehungen zu führen. Es ginge nur um Sex, Swingerpartys und Pornografie, sagt Joost. „Ja, man führt sexuelle Beziehungen mit mehreren Menschen, doch man geht auch alle Verpflichtungen ein, die mit einer Beziehung einhergehen. Ich habe zwar dreimal so viel Freude durch meine Partnerinnen, doch ich teile auch dreimal so viel Leid.” Seine Familie weiß nichts von seiner Beziehung: „Die würden das nicht verstehen.” Laut Polyamorie-Experte Leberecht halten viele ihre polyamoröse Beziehung geheim, aus Furcht vor Unverständnis, Ablehnung und Diskriminierung. Für diesen Artikel haben zwar Joost und Anna sich bereit erklärt, mit Namen genannt zu werden, seine zwei anderen Freundinnen wollten jedoch anonym bleiben.

Joost schlendert vom Garten zum Haus zurück und betritt das Wohnzimmer durch die Terrassentür. Hier ist es warm, es riecht nach Holz und gebackenem Brot. Ob er immer in einer polyamorösen Beziehung leben wolle, kann Joost nicht sagen. „Unser Leben ist nicht statisch, alles bewegt sich so unfassbar schnell. Wer weiß, vielleicht werde ich eines Tages monogam leben. Momentan sehe ich das aber nicht.” Es raschelt an der Haustür. Anna ist nach Hause gekommen. Sie steckt den Kopf durch die Wohnzimmertür und lächelt Joost an. Die beiden verbringen heute einen entspannten Tag zusammen auf der Couch. Vielleicht unternehmen sie einen kleinen Spaziergang. So wie ein ganz normales Paar. 

*Namen geändert

Außerdem auf ze.tt: Was passiert, wenn man sich in einer offenen Beziehung in jemand anderen verliebt?