Wie junge Menschen in Wien das Wahlergebnis erklären – und in die Zukunft blicken

Wir haben uns am Tag nach der Wahl auf den Straßen von Wien umgehört. Hier sind Erklärungsansätze, warum die Sozialdemokrat*innen so schlecht abgeschnitten haben, die Grünen nun im Parlament sind und die FPÖ Stimmen verloren hat.

Wie junge Menschen in Wien das Wahlergebnis erklären – und in die Zukunft blicken

Viele Menschen überraschte das Ergebnis. Besonders den Absturz der FPÖ sagten die Umfragen nicht voraus. Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Österreich hat gewählt. Zwei Parteien haben gewonnen, zwei verloren. Dazu gewonnen haben die Österreichische Volkspartei (ÖVP) und die Grünen. Sebastian Kurz konnte das Ergebnis seiner Partei um fast sechs Prozentpunkte steigern und die Grünen ziehen nun wieder in das Parlament ein. Verloren haben die Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), die mit 21 Prozent das schlechteste Ergebnis jemals hinnehmen musste und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die auf 16 Prozent schrumpfte und gegenüber den vorigen Wahlen fast zehn Prozentpunkte verloren hat.

Viele Menschen überraschte das Ergebnis. Besonders den Absturz der FPÖ sagten die Umfragen nicht voraus. Denn nach dem Ibizaskandal schien die Partei zunächst keinen größeren Schaden davonzutragen. Die Spesen-Vorwürfe gegen den ehemaligen Parteichef Heinz-Christian Strache – die erst kurz vor dem Wahltag publik wurden – scheinen das Wahlergebnis dann doch noch beeinflusst zu haben. Wir haben uns in Wien umgehört, wie es jungen Menschen mit dem Ergebnis geht und wie sie es deuten.

Dana, Studentin: „Ich freue mich über das Ergebnis“

„Ich bin zufrieden mit dem Wahlergebnis. Ich freue mich, dass die Grünen wieder im Parlament sind. Nichtsdestotrotz finde ich es erschreckend, wie viele Menschen Parteien unterstützen, die gezeigt haben, dass sie nicht regieren können. Überrascht hat mich das Ergebnis der FPÖ. Ich denke, dass viele FPÖ-Wähler gar nicht gewählt haben und Zuhause geblieben sind. Aktuell sieht es so aus, als würde es eine Schwarz-Grüne-Koalition geben, aber man weiß nie, was die Verhandlungen bringen werden. Ich fände diese Koalition gut, da Klima ein wichtiges Thema ist. Ich hoffe, dass Sebastian Kurz jetzt die richtige Entscheidung trifft.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Patrick, Student: „Der Verlust der Sozialdemokraten schockiert mich“

„Ich finde das Wahlergebnis durchwachsen. Der große Verlust der FPÖ freut mich sehr, aber der Verlust der Sozialdemokraten schockiert mich. Ich finde, dass die SPÖ mit Pamela Rendi-Wagner eine sehr kompetente Spitze hat, dass so wenige Menschen sie gewählt haben, finde ich einfach nur traurig. Ich frage mich, was die Gründe dafür sind. Ich will nicht sagen, dass die Leute alle dumm sind. Das wäre zu einfach gedacht. Aber ich kann es mir wirklich nicht erklären. Ich erwarte, dass die SPÖ nun weiter nach rechts rutscht, wie es auch die ÖVP gemacht hat. Denn die Wähler, die die SPÖ an die ÖVP verloren hat, die bekommen sie nicht mehr zurück. Vor allem nicht mit linken Themen. Bei der vergangenen Wahl haben sich die Grünen wahnsinnig schlecht angestellt und haben es verdient, dass sie rausgeflogen sind. Nun haben sie einen guten Wahlkampf gemacht und sind zurecht wieder im Parlament. Ich glaube aber nicht, dass ihnen eine Koalition mit der ÖVP gut tun wird.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Anna Maria, Studentin: „Die SPÖ ist eine Wischiwaschi-Partei“

„Ich hab gemischte Gefühle. Grundsätzlich find ich das Wahlergebnis aber positiv. Nach dem Ibizaskandal war es unsicher, ob die FPÖ einfach so weitermacht wie bisher. Ich bin sehr überrascht, dass sie tatsächlich zehn Prozent verloren haben, genauso über den starken Verlust der SPÖ. In meinem Umfeld habe ich immer wieder gehört, dass Pamela Rendi-Wagner die SPÖ retten wird. Das war nun doch nicht so. Ich wähle die SPÖ nicht, weil es eine Wischiwaschi-Partei ist. Einerseits sagen sie, dass sie voll für Klimaschutz sind. Andererseits wollen sie dann doch den Flughafen ausbauen. Sie lästern extrem gegen andere Parteien und deren Parteienfinanzierung, wollen aber ihre eigenen Finanzen nicht offenlegen. Diese Unehrlichkeiten schrecken mich ab. Ich will eine Partei aus Überzeugung wählen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Laura, Studentin: „Ich war sehr überrascht“

„Ich war sehr überrascht, dass die FPÖ so viele Stimmen verloren hat und dass die ÖVP so viele Wähler dazu bekommen hat. In den vergangenen Wochen sind so viele Skandale bei der FPÖ aufgekommen. Alle ihre Wähler, die nicht zu hundert Prozent von der FPÖ überzeugt sind, haben nun die ÖVP als Alternative gewählt. Es blieben nur die Stammwähler bei der FPÖ, alle die sich unsicher waren, gingen zur ÖVP.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Reinhard, Pharmaziestudent und Angesteller: „Österreicher denken links und wählen rechts“

„Das Wahlergebnis ist gut für Österreich. Ich glaube, dass wir jetzt mehr weiterbringen können. Ich hoffe sehr, dass es nun gemäßigter im Land zugeht. Damit meine ich, dass wir von der Politik der aggressiven Töne wegkommen. Wie gesprochen wurde, egal auf welcher Seite, ist eine Katastrophe für die politische Kultur in Österreich gewesen. Das Wahlergebnis erkläre ich mit der Grundeinstellung vieler Österreicher: Österreicher denken links und wählen rechts. Die SPÖ hat eine Führungsschwäche, die Sozialdemokratie hat sich selbst abgeschafft und Sebastian Kurz hat einen sehr starken Wahlkampf gemacht. Er hat nun die Wahl zwischen mehreren Koalitionen. Jetzt liegt es an ihm.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Andreas, Rechtsanwaltsanwärter: „Es bräuchte nun einen Umbruch in der Sozialdemokratie“ (kein Foto)

„Für mich war das Wahlergebnis absolut vorhersehbar. Es freut mich, dass die FPÖ abgestraft wurde. Aber in der SPÖ wurden die Themen falsch gewählt und der Vorsitzenden fehlt es an Charisma. Es bräuchte nun einen Umbruch in der Sozialdemokratie, aber den wird es nicht geben.“

Ismael, Rechtsstudent: „Die FPÖ-Wähler, die ich kenne, sind eine eingeschweißte Bruderschaft“ (kein Foto)

„Mich hat das Wahlergebnis sehr überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass die SPÖ so stark abstürzen würden und die Grünen so gut abschneiden werden – das habe ich sehr unterschätzt. Ich hätte gewettet, dass die ÖVP die 35 Grenze erreicht, aber nicht fast 38. Da sag ich: Gutgemacht! Sebastian Kurz hat auf seiner Linie beharrt, die er auch schon im vergangenen Wahlkampf durchzog und hat darauf gewartet, dass sich die anderen Parteien sich gegenseitig aus dem Weg räumen. Diese Strategie hat sehr gut funktioniert. Mehr hat er nicht gemacht. Die ÖVP hat sich sehr viele FPÖ-Wähler geholt. Wie das ging, leuchtet mir nicht ein. Die FPÖ-Wähler, die ich kenne, sind eine eingeschweißte Bruderschaft. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was diese Bruderschaft aufgebrochen hat. Nach der Ibizaaffäre war davon nichts mitzubekommen. Im Gegenteil sie haben ‚Jetzt erst recht‘ gerufen. Die Menge an Skandalen hatte Auswirkung, aber ich glaube nicht, dass das der Hauptgrund war. Ich kann mir den Grund einfach nicht erklären, es macht mich sprachlos.“

Christiana, Studentin für Physik und Philosophie: „Es geht bergauf mit der österreichischen Politik“

„Ich bin sehr, sehr happy mit dem Wahlergebnis. Mich hat der Rückschlag der FPÖ sehr überrascht, aber er freut mich sehr. Umwelt- und Klimaschutz wurden zu wichtigen Themen. Ich finde es geht bergauf mit der österreichischen Politik. Greta Thunberg hat das Klima zum Thema gemacht – auch in Österreich. Die FPÖ hat sich durch die Ibizaaffaire und alles was danach kam, selbst zerstört. Anderen Parteien mussten dieses Mal gar nicht viel tun.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Du willst keine unserer Österreich-Geschichten verpassen? Dann abonniere unseren Newsletter und du bekommst ihn alle zwei Wochen in dein Postfach – inklusive Österreichisch-Nachhilfe.