Wie krass es ist, dass eine Schulleiterin gegen Inklusion klagt

Eine Schule für alle? Die Leiterin eines Bremer Gymnasiums möchte das lieber nicht. Unsere Autorin findet das krass. Ein Kommentar

Inklusion: Direktorin klagt gegen Klassen mit Kindern mit Behinderung

Dieses Kind sollte sich in der Schule willkommen fühlen – wie alle anderen Kinder auch. Foto: Pan Xiaozhen / Unsplash | CC0

Auf dem Spielplatz, ein Vater und ich unterhalten uns über die Schulwahl seiner Tochter, sie wird nach den Sommerferien eingeschult. „Bei einem Elternabend wurde auch die inklusive Arbeit der Schule vorgestellt“, erzählt er. Anschließend sollten sich die Eltern melden, die sich für ihr Kind die inklusive Klasse – also eine Klasse, die aus Kindern mit und ohne Behinderung besteht – wünschten. Niemand meldete sich. Eine Mutter meinte sogar, sie wolle nicht, dass ihr Kind „von denen“ abgehalten wird, erfolgreich zu lernen.

„Inklusion ist ja schön und gut, aber bitte nicht für mein Kind“, scheint eine weit verbreitete Haltung zu sein. Besorgniserregend ist, dass sie anscheinend nicht nur Eltern betrifft, die sich vor dem Schuleintritt ihrer Kinder oft nicht intensiv mit Bildungsthemen beschäftigt haben – auch Lehrer*innen sprechen sich gegen Inklusion aus. Ein aktueller Fall ist die Klage einer Schulleiterin aus Bremen, die sich juristisch gegen die Einrichtung einer inklusiven Schulklasse an ihrem Gymnasium gewehrt hat. In einer neu gebildeten Klasse sollen nach den Sommerferien 19 nicht behinderte Schüler*innen mit fünf behinderten Schüler*innen zusammen unterrichtet werden. Christel Kelm klagte dagegen vor dem Verwaltungsgericht.

Inklusion an Gymnasien bringt das Homogenitätsdenken der Mehrheitsgesellschaft durcheinander. Noch immer hält sich das Vorurteil, Kinder würden in homogenen Gruppen besser lernen. Gleich und gleich lernt gut zusammen? Stimmt eben nicht. Empirische Studien zeigen, dass Kinder in heterogenen Lerngruppen bessere oder gleich gute Ergebnisse bei den Schulleistungen zeigen. Je größer die Vielfalt von Informationen und Anregungen, desto komplexer entwickelt sich das Denken. Für die Schule heißt das: je unterschiedlicher die Kinder in einer Klasse, desto schlauer wird jedes einzelne.

Mal ganz abgesehen davon, dass Kinder in Vielfalt besser lernen, lernen sie währenddessen noch viel wichtigere Dinge als Mathematikformeln: Dass sie dazugehören. Dass sie wertvoller Teil der Gemeinschaft sind – unabhängig von Merkmalen wie Behinderung, sozialer Herkunft, Lernschwierigkeiten oder Hochbegabung. Dass sie nicht aussortiert werden, weil sie nicht passen. Also genau das, nach dem sich alle Menschen sehnen: angenommen sein. In Zeiten, in denen jede fünfte Person einmal in ihrem Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt, geht es um einen größeren Auftrag als Wissensvermittlung: Schulen müssen mehr Lebenskompetenz vermitteln, um die Widerstandsfähigkeit der Kinder gegen Druck von außen zu stärken.

Wie wäre es, wenn der (Leistungs-)Druck auf Kinder und Jugendliche nicht durch die Schule ausgelöst werden würde? Wenn Schule ein Ort wäre, an dem Kinder gern gemeinsam lernen würden? Eine Schule für alle, die sich den individuellen Bedürfnissen der Kinder anpasst? Eine Schule, in der das Kind mit Down-Syndrom lernt, mit Mengen umzugehen, während die hochbegabte Schülerin einen neuen mathematischen Lösungsweg entwickelt – und während alle gleichzeitig und miteinander lernen, dass Unterschiede menschlich und wertvoll sind. Soziales Lernen, statt Lernen für die Leistungsgesellschaft.

Dass inklusive Bildung funktionieren kann, zeigt das Beispiel Kanada. Dort gehen bis mindestens zur 9. Klasse alle Kinder auf die gleiche Schule, es gibt nicht das dreigliedrige Schulsystem wie in Deutschland. Es gibt damit auch nicht das Gefühl: Hier passe ich nicht hin, meine Leistung ist nicht ausreichend. Und ja, Inklusion an Schulen umzusetzen kostet Mühe, Geld und Kraft. In Kanada ist Team-Teaching an der Tagesordnung, Unterstützer*innen-Teams geben Beratung und Hilfe.

[Außerdem auf ze.tt: Warum Schüler*innen alles bekommen sollen, um am Unterricht teilzuhaben] 

Dass inklusive Bildung an Schulen zu etablieren erstmal anstrengend sein kann und alle Beteiligten Unsicherheiten überwinden müssen, darf aber nicht gegen Inklusion sprechen. Wir dürfen bei Inklusion nicht mehr über das Ob diskutieren, wir müssen über das Wie sprechen. Denn es geht dabei nicht um einen Good Will für die anderen, es geht um uns alle, und: um ein Menschenrecht. Die Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), der das Recht auf inklusive Bildung beinhaltet, ist Aufgabe aller Schulen und Schulformen. Deutschland muss sich an Forderungen wie dieser messen lassen: „Die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken.“ Ob die Elitenbildung an Gymnasien noch zeitgemäß ist, ist dabei auch eine relevante Frage. Dass sie dem Menschenrecht auf inklusive Bildung für alle widerspricht, ist allerdings schon lange klar.

Die Klage der Gymnasiallehrerin wurde übrigens als unzulässig abgewiesen – begleitet von einem Protest von Student*innen. In einem Interview rechtfertigte Christel Kelm sich für ihre Klage: „Mir haben meine Schüler 41 Jahre am Herzen gelegen.“. Der Verdacht liegt nahe, dass das nicht für all ihre Schüler*innen gilt. Bleibt zu hoffen, dass diese Abweisung auch etwas mit der Haltung der Schulleiterin macht. Die Vorstellung einer Schule mit einer Schulleiterin, die ihre Schüler*innen anhand von leistungsorientierten Merkmalen aussucht – und auch abweist –, ist gruselig. Bleibt zu hoffen, dass die Schüler*innen der neuen Inklusionsklasse das Denken an der Schule verändern können. Damit in Zukunft Inklusionsschulen die beliebtesten werden, weil alle Kinder dort willkommen sind.