Wie Lea als nicht-binäre Person in einer Gesellschaft lebt, die nur zwei Geschlechter kennt

Öffentliche Toiletten meidet Lea. Denn dann müsste sie sich entscheiden: Mann oder Frau. Lea ist beides nicht.

Wie Lea als nicht-binäre Person in einer Gesellschaft lebt, die nur zwei Geschlechter kennt

Geschlecht hat viele Facetten. Foto: Vusal Ibadzade / Unsplash | CC0

Schon als Kind hat Lea lieber Kleidung aus der Jungenabteilung getragen. Hemden, lockere T-Shirts, weite Hosen. Lange Kleider oder kurze Röcke zieht sie nicht an. Ihre braunen Haare sind kurz geschnitten. Keine Schminke. Viele Menschen sind irritiert, wenn sie Lea kennenlernen. Junge oder Mädchen? Mann oder Frau?

Eine Gesellschaft, die nur zwei Geschlechter kennt, stellt Menschen wie Lea jeden Tag vor Probleme. Die 19-jährige Schülerin ist non-binary, genderqueer. Das bedeutet: Sie definiert sich weder als Mann noch als Frau. Geschlecht hat viele Facetten. Wer genderqueer ist, passt nicht in die traditionellen Definitionen von Mann oder Frau.

Lea lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Schweiz. In der Schweiz müssen sich Eltern bis spätestens drei Tage nach der Geburt ihres Kindes entscheiden, ob dieses männlich oder weiblich ist. Ein anderes Geschlecht ist in der Schweiz rechtlich nicht anerkannt. In Deutschland hingegen gibt es seit Januar 2019 neben männlich und weiblich auch den dritten Geschlechtseintrag divers. Wer angibt, divers zu sein, muss jedoch ein medizinisches Gutachten vorlegen. Dieses muss biologische Merkmale aufzeigen, die eine Person weder als eindeutig männlich oder als eindeutig weiblich einordnen. Daran gibt es viel Kritik. Auch Lea findet: „Geschlecht sollte gar nicht erst abgefragt werden. Das sollte für alle Lebensbereiche gelten.“

Lea muss sich erklären und rechtfertigen

Wenn Lea auf die Frauentoilette geht, wird ihr gesagt, sie sei hier falsch und solle bitte die Männertoilette aufsuchen. Wenn Lea mit ihrer Familie Urlaub macht, dann werden ihre Eltern nach ihrem Sohn gefragt. Wenn sich Lea auf einer Party vorstellt, dann wissen die anderen Gäste nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen.

Lea geht in die Abschlussklasse. Auch in der Schule wird sie für etwas gehalten, was sie nicht ist. Ein Junge aus der Nachbarklasse beschimpfte sie auf dem Gang als „Scheiß Transe“. Ein Mädchen wollte sich vor dem Sportunterricht nicht in derselben Umkleidekabine umziehen. Selbst als der neue Klassenlehrer die Klassenliste das erste Mal durchging und Lea aufrief, wollte dieser nicht glauben, dass sie Lea ist. „Das hat mich sehr getroffen.“

Die Angst, nirgendwo hineinzupassen

Oft wusste Lea nicht, wie sie reagieren soll. Sagen, dass sie eine Frau ist, damit ihr Gegenüber sie ernst nimmt? Lea hat sich viele Frage gestellt, an sich selbst und an die Gesellschaft. Das kostet Energie. Ihren Eltern wollte sie davon nichts erzählen.

Mit 17 ging es Lea dann sehr schlecht. Zuerst sagte sie immer mehr Treffen mit Freund*innen ab, dann schaffte sie es kaum noch aus dem Bett. Mit der Depression kam die Angst, nirgendwo hineinzupassen. „Das wächst in alle Lebensbereiche. Irgendwann habe ich mich in der Öffentlichkeit unwohl gefühlt.“ In der Schule fehlte sie immer öfter. Irgendwann hat sie es nicht einmal mehr allein vor die Haustür geschafft. „Mir war schlecht. Ich habe immer gedacht, ich müsste mich übergeben. Ich hatte Angstzustände. Es war mir einfach alles zu viel.“

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Mit 18 Jahren beschließt Lea, eine Therapie zu beginnen. Ihrem Therapeuten erzählte sie von dem vermeintlichen Anderssein und den vielen Fragen, die sie hat. In einer späteren Sitzung erzählte sie auch alles ihren Eltern. „Meine Mutter war den Tränen nahe. Für meinen Vater hat es keinen großen Unterschied gemacht.“ Auf der Fahrt nach Hause sagte er, sie hätten schon über vieles Bescheid gewusst. Warum Lea zum Beispiel keine Kleider tragen möchte, ist seitdem kein Thema mehr am Esstisch.

Die Therapie hat Lea nach einem Jahr beendet. Heute steht sie immer mehr für sich selbst ein. „Ich habe gelernt, selbstbewusster aufzutreten und mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken“, sagt sie. Ihre Freund*innen akzeptieren Lea so, wie sie ist. Die meisten von ihnen kennt sie über die Schule. Mit ihnen spricht sie über Themen wie Liebe oder Geschlechtsidentität. Aber sich selbst wirklich gefunden, hat sie noch nicht.

Lea macht anderen Mut

Ab und an besucht Lea ihre Freundin Frida in Köln. Bevor Lea in die Schweiz gezogen ist, waren die beiden Nachbarinnen. Zum Tanzen gehen sie auf die Schaafenstraße. Das ist der queere Hotspot der Stadt. Hier fühlt sich Lea wohl, denn hier ist das vermeintliche Anderssein die Norm. Hier tanzt Lea, während sich neben ihr zwei Männer küssen und eine Dragqueen an der Bar sitzt und die tanzende Menge beobachtet.

Lea macht auch anderen Menschen Mut, zu sich selbst zu stehen. In ihrer Nachbarklasse hat sich ein Junge vergangenen Sommer offen zu seiner Homosexualität bekannt. Zuvor hatte er oft im Unterricht geweint. Die gleiche Schule wie Lea zu besuchen, habe ihm geholfen, sich selbst zu akzeptieren und sich nicht mehr zu verstecken. Das erzählte er ihr nach seinem Coming-out.

Lea wird dieses Jahr ihren Schulabschluss machen. Sie möchte Jura studieren, vielleicht in St. Gallen. Die Universität im Norden der Schweiz zählt europaweit zu den führenden Wirtschaftshochschulen. Doch für die Zukunft wünscht sie sich vor allem, sich nicht immer erklären zu müssen, sondern einfach akzeptiert zu werden. So wie sie ist.


In Absprache mit Lea werden in diesem Text die Pronomen sie/ihre verwendet.