Wie Leonie mit Vaginismus lebt – und den Spaß am Sex wiederentdeckte

Manche haben durch die Serie Sex Education erstmalig davon gehört, dabei sind bis zu 17 Prozent aller Menschen mit Vagina davon betroffen: Vaginismus, ein unfreiwilliges Verkrampfen der Vagina. Leonie ist eine der Betroffenen.

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Inzwischen hat Leonie einen Umgang mit dem Vaginismus gefunden und klärt andere Menschen darüber auf. Foto: Paula May / Unsplash | CC0

Achtung: Dieser Beitrag enthält Teil-Spoiler für Staffel 1, Folge 8 der Serie Sex Education.

Ein grüner Hügel, ein Junge und ein Mädchen um die 16. Ihr Gesprächsthema: Sex, der nicht funktioniert. Lily, die nerdige Comiczeichnerin, sagt, dass der Versuch der Penetration bei ihr riesige Schmerzen auslöst. Otis, Sohn einer Sexualtherapeutin, diagnostiziert: „Ich denke, du hast Vaginismus. Deine Vagina verkrampft automatisch, wenn du versuchst, Sex zu haben.“ – „Ich hab doch gar keine Angst vor Sex.“ – „Aber du hast Angst, loszulassen. Und deshalb wirst du jetzt mit dem Fahrrad diesen Berg hinunterfahren.“

Lily fährt los, lacht, kreischt, dazu dröhnt Rockmusik – schließlich fällt sie erleichtert ins Gras. „Ich hoffe, ich kann jetzt Sex haben“, sagt sie. Als Zuschauer*in der Serie Sex Education wünscht man es ihr auch. Nur: Einfach mal loslassen, sich trauen – ist das schon die Lösung für Vaginismus?

„Bullshit“, sagt Leonie. Sie ist 24, Studentin, seit vier Jahren in einer Beziehung – und leidet unter Vaginismus. Beim Serienschauen war sie hin- und hergerissen. „Erst dachte ich: Krass, das ist das erste Mal, dass ich Vaginismus in der Popkultur sehe, aufbereitet für ein Massenpublikum. Was ich weniger gut fand, war die Message, dass Lily sich einfach locker machen soll, denn das ist ein weitverbreiteter Irrtum über Vaginismus. Es geht hier nicht um ein bisschen Verkrampftheit, sondern um eine sexuelle Funktionsstörung.“

Primärer und sekundärer Vaginismus

Und die ist ziemlich komplex: Während sie bei manchen Betroffenen nur beim Versuch von penetrativem Sex auftritt, ist bei anderen auch die gynäkologische Untersuchung oder das Nutzen von Tampons nicht möglich. Auch kann die Erkrankung zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben auftreten. Eine wichtige Unterscheidung ist in der Forschung allerdings etabliert: Die zwischen primärem und sekundärem Vaginismus. Bei primärem Vaginismus war penetrativer Sex und teilweise auch vaginale Untersuchungen noch nie möglich, bei sekundärem hingegen schon, bis etwas eingetreten ist, das den Vaginismus ausgelöst hat – beispielsweise eine Operation, Krankheiten wie Endometriose oder Vaginalinfektionen, sexuelle Gewalt oder eine schwierige Geburt.

Leonie ist von der ersten Form, dem primären Vaginismus, betroffen. Dass bei ihr etwas anders war, merkte sie, als sie mit 19 das erste Mal mit ihrem damaligen Freund schlafen wollte. „Allein der Versuch, einzudringen, hat mega weh getan. Ich sagte ihm also: ‚Lass mal aufhören, das geht irgendwie gar nicht.'“ Er zeigte Verständnis, doch Leonie war verunsichert: „Damals dachte ich, Sex ist gleich Penetration. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, weil meine Vagina diese Funktion überhaupt nicht erfüllte, obwohl ich Lust hatte.“

„So ist es kein Wunder, dass da kein Penis reingeht“

Bei der Frauenärztin Rat einzuholen schien der nächste logische Schritt. Diese versuchte, Leonie zu untersuchen, doch Leonie verkrampfte sofort. Was die Ärztin dann sagte, hat sich ihr eingebrannt: „Entspannen Sie sich mal. So ist es kein Wunder, dass da kein Penis reingeht.“

Leonie recherchierte online weiter. Hilfreiche Informationen gab es kaum auf deutschen, aber auf englischsprachigen Seiten. „Dabei erfuhr ich, dass es eine medizinische Diagnose namens Vaginismus gibt. Vorher fühlte ich mich wie der einzige Mensch auf der Welt, der so etwas hat.“ Tatsächlich sind etwa 1 bis 17 Prozent der Menschen mit Vagina im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Dass der geschätzte Anteil so stark variiert, liegt daran, dass bislang repräsentative Studien fehlen.

Leonies erste Beziehung ging relativ bald wieder auseinander. Ihr Wille, den Vaginismus zu heilen, blieb. „Viele denken, es geht darum, dass man schnellstmöglich penetrativen Sex haben kann“, sagt sie. „Sex habe ich inzwischen auf viele andere Arten, doch durch den Vaginismus kann ich keine gynäkologische Krebsvorsorge machen.“

Welche Behandlung bei Vaginismus empfohlen wird, hängt mit der vermuteten Ursache zusammen. Auch bei primärem Vaginismus gibt es mehrere mögliche Auslöser, zum Beispiel Angst der Betroffenen, dass die Vagina zu klein oder dass Sex etwas Schamhaftes, Falsches sei, sowie eine sexualfeindliche Erziehung. Psychotherapie ist dann ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

Offizielle Seiten wie der britische National Health Service weisen aber auch darauf hin, dass der Auslöser oft unklar ist. So auch bei Leonie. Der zweite Arzt, den sie aufsuchte, war auf weibliche sexuelle Funktionsstörungen spezialisiert. „Er riet mir von einer Psychotherapie ab, weil ich kein Trauma habe. Also fokussierte ich mich auf physische Behandlungsstrategien.“

Vaginismusbehandlungen: vielfältig, aber nicht von der Kasse erstattbar

Dazu zählt das Training mit Dilatatoren, auch Dehnungsstifte genannt. Mit ihnen soll der Körper nach und nach an das Gefühl des Einführens gewöhnt werden. Sie werden im Set verkauft, in aufsteigender Größe. Auch Physiotherapie wird angeraten, um zu lernen, den Beckenboden bewusst zu entspannen.

Mit diesen Techniken merkte Leonie erste Verbesserungen. Überraschenderweise war es dann aber ihre Physiotherapeutin, die ihr eine zusätzliche psychologische Behandlung anriet: „Sie sagte, dass das gut helfen könne, auch wenn man nicht traumatisiert ist. Und so war es dann auch bei mir. In der Therapie konnte ich Dinge identifizieren, die eventuell meinen Vaginismus beeinflussen, wie meine Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Außerdem hat Vaginismus an sich eine Auswirkung auf Psyche und Sexualität. Es tut gut, das mit einer Therapeutin zu besprechen.“

Eine weitere Behandlungsoption kommt aus den USA: Botox. Unter Vollnarkose wird die Substanz an mehrere Stellen des Scheideneingangs gespritzt. Die Vaginalmuskeln werden dadurch entkrampft, die Wirkung hält einige Monate lang an. In der Zeit übt man mit Dilatatoren, kann schmerzfreie Penetration erleben und somit die Angst verlieren.

„Ich kenne Betroffene, denen es geholfen hat. Gerade, wenn der Vaginismus so stark ausgeprägt ist, dass nicht einmal der kleinste Dilatator reingeht“, sagt Leonie dazu. Doch für sie wäre es eher „die letzte Rettung, falls ich mit nichts anderem weiterkomme“. Ganz abgesehen davon, dass Vaginismus-bezogene Behandlungen in Deutschland nicht von der Krankenkasse übernommen werden und Leonie schon mehrere hunderte Euro investieren musste, denn weder Dilatatoren noch die Vorstellung bei spezialisierten Privatärzten wird übernommen. Kassenbehandlungen für Vaginismus gibt es bislang nicht in Deutschland.

Vaginismus und Sex: Keineswegs nur ein Trauerspiel

Unterstützt in dem Prozess wird sie von ihrem langjährigen Freund, dem sie von Beginn an offen sagte, „dass Penetration nicht geht, sich aber alles andere sehr gut für mich anfühlt. Obwohl es mir noch etwas unangenehm war, konnte ich es ihm relativ sachlich erklären.“ Seine Reaktion? „Es tut mir leid für dich, wenn dir das Probleme macht, aber das ändert nichts an meinen Gefühlen zu dir.“ Ein Satz, den Leonie in einer ernsten Beziehung auch erwartet. „Letztlich bringt jeder Mensch körperliche oder mentale Herausforderungen mit. Wenn man sich liebt, findet man gemeinsam Wege.“

Diese Wege können vielfältig sein: Manche leben sich beim Analsex aus, andere bei Oralsessions oder bei Experimenten mit Toys. „I put the fun in sexual dysfunction“, schreibt Leonie auf ihrem Instagram-Profil, auf dem sie seit mehreren Monaten über Vaginismus aufklärt. Ihre Vagina bezeichnt sie als „closed but still awesome„. Der selbstbewusste Umgang geht auch auf den Austausch mit ihrer Therapeutin zurück: „Sie sagte, Menschen mit sexuellen Funktionsstörungen seien oft sogar besser im Bett: Man spult kein Standardprogramm ab, sondern muss kreativ sein und offen kommunizieren.“ So fand sie heraus: Abgesehen von Penetration gibt es viel, was ihr Lust und Spaß macht.

Eine offenere Kommunikation über Vaginismus wünscht sich Leonie allerdings auch auf gesellschaftlicher Ebene. „Jeder hat mal in der Bravo gelesen, dass Männer nicht immer einen hochkriegen, aber niemand weiß, was Vaginismus ist.“ Um das zu ändern, sollte das Thema in Sexualkunde unterrichtet werden und in medizinischen Berufsausbildungen. Dadurch, glaubt Leonie, würde es nach und nach mehr Forschung und erstattbare Behandlungen geben.

Die neue Staffel von Sex Education könnte dazu beitragen. Denn Fahrradfahren hat auch in der Fiktion nicht als Lösung gereicht, das Thema wird in Staffel 2 vertieft. Leonie hat die neuen Folgen bereits gesehen und ist begeistert. „Vielleicht muss ich jetzt nicht immer alles ganz von vorne erklären. Jetzt kann ich sagen: ‚Ich habe Vaginismus, so wie Lily aus Sex Education.'“

Außerdem auf ze.tt: Endometriose: Betroffene erzählen, wie sie mit der chronischen Erkrankung umgehen

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