Wie Masken, Cremes und Apps Menschen in Polen gegen den Smog helfen sollen

Schicke Atemmasken, teure Cremes und große Innenreiniger: Weil die Luftverschmutzung in Polen so hoch ist, kaufen die Menschen Produkte, die gegen den Smog schützen sollen. Aber helfen sie wirklich?

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Die Menschen in Krakau müssen an manchen Tagen Atemmasken tragen. Daraus entwickelte sich eine ganze Industrie. An Werbetafeln wird der Grad der Luftverschmutzung angezeigt (mitte). Fotos: © Sophie Rebmann

Zwischen Müsliriegeln und Nahrungsergänzungsmitteln liegen im Krakauer Fitnessstudio Atlantic seit einem Jahr auch zwei grellbunte Atemmasken. Denn Marcin Górka und seine Kolleg*innen beraten die Kund*innen nicht mehr nur beim Training, sondern auch bei der Wahl ihrer Atemmasken. Ihr Label Ozone führt eine Sport-Edition für Radfahrende und Jogger*innen, sowie das Model Casual für eine einfache Straßenbahnfahrt ins Büro oder zum Einkaufen.

Wenn im Oktober mit den ersten kalten Tagen der Smog in der Stadt heftiger wird, verkaufen sie die ersten Masken. „Dann beginnt die Smog-Saison“, sagt Górka. Denn zu den Autoabgasen kommt Feinstaub aus Heizöfen hinzu, weil in Polen immer noch mit Kohle geheizt wird – oder mit Müll.

Schwarzer Rotz in der Nase

Den Kohlegeruch rieche ich schon, als ich morgens in Krakau aus dem Flugzeug steige. Abends ist der Rotz in meiner Nase schwarz – und nach vier Tagen fange ich an, mich andauernd zu räuspern und zu husten. Der Feinstaub in der Luft schadet der Gesundheit, und in Polen ist es besonders schlimm: 33 der 50 am meisten von Luftverschmutzung betroffenen Städte Europas liegen hier.

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Airly ist eine der beliebtesten polnischen Apps um den aktuellen Stand der Luftverschmutzung nachzuschauen. Screenshot: Airly

Gegen den Smog sind die Menschen machtlos: Seit Jahren protestieren Aktivist*innen dagegen, aber ohne großen Erfolg. Deswegen versuchen die Pol*innen, sich zumindest dagegen zu schützen. Und das Geschäft mit den Smog-Artikeln wächst: Vor allem Radfahrer*innen und kleine Kinder sieht man tagsüber mit Atemmasken, und wenn die Luft besonders dreckig ist, dann tragen sie auch viele Passant*innen.

Atemmasken in Schuhläden und Cafés

Eine von ihnen ist Dorota Krakowska, die schon ihre zweite Atemmaske besitzt. „Die letzte war hässlich: riesengroß und lila“, sagt sie. Die erste Maske musste sie 2015 noch selbst bestellen, und die Auswahl war klein, weil die Menschen gerade erst begonnen hatten, sich dafür zu interessieren.

Nun sind die Farben bunter und die Modelle hipper. Atemmasken bekommt man inzwischen wie bei Marcin Górka in Sportstudios, in Fahrradläden und Apotheken – und sogar in Cafés oder in Schuhläden liegen sie aus.

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Atemmasken gibt es in allen Farben und Formen. Foto: © Sophie Rebmann

Um sich auch zu Hause vor dem Feinstaub zu schützen, besitzen immer mehr Menschen Innenreiniger. Kleine Maschinen gibt es schon für 100 Euro, wenn aber die Luft in großen Räumen gefiltert werden soll, dann kann ein Luftreiniger schnell 800 Euro kosten. In Warschau wurden damit alle Kitas und Kindergärten bestückt. In kleineren Städte weigern sich die Kommunen aber oft, das Geld für die Maschinen und ihre anschließende Wartung auszugeben, denn die Filter müssen bei so hoher Luftverschmutzung mindestens ein Mal in der Smog-Saison gewechselt werden.

Wem die Atemmasken zu unbequem sind, dem*r bietet Katarzyna Karpo Antismog-Schals der Firma Bioscarf: „Die tragen sich angenehmer als Masken und sind viel schicker“, sagt sie. Man müsse den Schal nur weit genug über die Nase legen, das Material filtere den Feinstaub heraus, erklärt sie.

Die Menschen versuchen, sich irgendwie von der dreckigen Luft abzukapseln.

Weil das Geschäft gegen den Smog so gut läuft, kommen immer neue Produkte dazu: Onlineforen und Zeitungen bewerben Pflanzen, die den Feinstaub besonders toll filtern sollen, und Handwerksläden bieten Wandfarben gegen Smog an. Auch Kosmetiklabels haben inzwischen Cremes dagegen entworfen. Aleksandra Sompolińska ist eine der Unternehmer*innen: Seit vier Monaten verkauft auch sie eine Creme, die „vor städtischen Einflüssen und vor Smog“ schützt, pünktlich zum Beginn der Smog-Saison. Noyau heißt das Label. Sie setzt auf alles, was gerade trendig ist: Die Verpackung ist recycelt, das Logo handgemalt, die Creme vegan. Sie bildet eine Schutzschicht, die verhindert, dass Feinstaub und andere Schwermetalle aus der Luft in die Haut eindringen, erklärt sie mir. Das 50ml-Fläschchen kostet 30 Euro.

Weronika Michalak, Koordinatorin der europäischen Gesundheitsorganisation HEAL in Polen, hält davon nichts: „Ich bin mir sicher, dass keine Cremes und auch nicht irgendwelche Schals gegen den Smog schützen. Die sind ja auch gar nicht zertifiziert“, sagt sie.

Auch in einem Krakauer Kosmetikladen, in dem Antismog-Cremes verkauft werden, glaubt die Verkäuferin nicht an die Versprechen auf der Verpackung: „Das ist ein Marketingtrick, der gut funktioniert, weil die Menschen Angst haben vor dem Smog“, sagt sie. So erklärt sich auch Michalak die vielen neuen Produkte: „Die Menschen wissen, dass die Luftverschmutzung gesundheitsgefährdend ist. Und sie versuchen, sich irgendwie von der dreckigen Luft abzukapseln.“