Wie Menschen mit Behinderung ihren Alltag auf Twitter teilen

54 Menschen mit Behinderung twittern 54 Wochen über ihr Leben. Das Ziel der Initiatorin Tanja Kollodzieyski: Inklusion von der digitalen in die Offline-Welt zu tragen.

Tanja Kollodzieyski möchte Inklusion vom Netz auf die Straße tragen. Foto: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder

Tanja Kollodzieyski möchte Inklusion vom Netz auf die Straße tragen. Foto: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder


Der Name könnte auch für ein Kunstprojekt stehen: 54 Kontraste. Was auf diesem Twitter-Account verhandelt wird, ist bunt. Allerdings geht es weniger um Kunst und mehr um Menschen. 54 Menschen mit Behinderung, die aus ihrem Alltag berichten. Der Alltag mit Behinderung steht im Mittelpunkt des Projekts, das die Literaturwissenschaftlerin und Aktivistin Tanja Kollodzieyski gegründet hat.

Angefangen hat 54 Kontraste mit dem Gefühl von Ärger: „Menschen mit Behinderung werden noch immer oft verallgemeinert als ‚die Behinderten‘ wahrgenommen. Dabei ist jeder Mensch einzigartig.“, sagt Tanja Kollodzieyski. Genau das möchte die Initiatorin mit ihrem Projekt zeigen: „Kein Leben mit Behinderung ist gleich.“ Deshalb kommen verschiedene Personen zu Wort. Statt für 52 Wochen, also ein Jahr, entschied sie sich für 54 Wochen, weil „es besser passt, wenn der Kreis nicht perfekt geschlossen ist.“

Die Idee für das Projekt reifte viele Jahre bei Tanja Kollodzieyski, die selbst mit einer Behinderung lebt. Sie folgt auf Twitter gern Accounts mit wechselnden Schreiber*innen, weil sie so immer wieder in Berührung komme mit Themen, die ihr sonst vielleicht nie auffallen würden. Das Projekt ist ein Selbstläufer, die Teilnehmenden melden sich mittlerweile bei der Initiatorin. Kriterien, um dabei sein zu können, gibt es zwei: Lust auf eine Woche Kommunikation mit fremden Menschen und eine Behinderung oder Beeinträchtigung.

Von Dialyse bis Depression

Auf der dazugehörigen Internetseite werden die Teilnehmenden vorgestellt. Das Projekt ist in der fünften Woche, bisher wurde bereits über das Leben mit Autismus getwittert und über den Alltag aus der Perspektive einer blinden Person. Die thematische Bandbreite ist groß, von Dialyse bis Depression und immer wieder ein zentrales Thema, das alle Teilnehmenden verbindet: die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Damit das Projekt so viele Menschen wie möglich erreicht, bemühen sich alle Teilnehmenden darum, barrierefrei zu twittern.

„Was wirklich alle berücksichtigen können, ist die Bildbeschreibung für gepostete Bilder“, sagt Tanja Kollodzieyski. Fehlt die Beschreibung, werden dadurch oft sehbehinderte oder blinde Personen ausgeschlossen. „Ich bin Fan davon, auf viele Fremd- und Fachwörter zu verzichten, damit möglichst viele Menschen mich verstehen können“, hat die Initiatorin als Tipp. Denn verstehen sollen im besten Fall alle alles.

Inklusion im Netz kann dabei helfen, Berührungsängste auf der Straße abzubauen“, da ist sich Tanja Kollodzieyski sicher. Außerdem helfe das Netz auch dabei, dass Menschen mit Behinderung sich untereinander vernetzten. Freundschaften entstehen, neue Projekte werden entwickelt. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass durch 54 Kontraste ein neues Projekt für Inklusion entsteht, für die selbstverständliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Im Netz, auf der Straße und im Alltag.

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