Wie mich Super Mario Kart durch die Corona-Zeit bringt

Viele Menschen suchen derzeit nach einem Zeitvertreib. Die einen lernen Sprachen, die anderen puzzlen mit 1.000 Teilen – Hauptsache, irgendwie klarkommen. Was unserer Autorin hilft: daddeln.

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Danke, Super Mario. Foto: Pixabay / Pexels | CC0

Computerspiele machen dumm. Das wurde mir gesagt, als ich noch ein bisschen jünger war als heute. Meine Lehrer*innen waren sich da sicher und meine Eltern sowieso. Computerspiele machen dumm. Und wem langweilig war, der*die sollte „nach draußen gehen“.

Lieber durch die Gegend streifen als daddeln. Denn daddeln galt als Inbegriff des Zeitverschwendens. „Daddeln“ ist in der selben Kategorie wie „trödeln“, und beides war etwas für die geistigen Toastbrote, die Dumpfen, diejenigen, die mit diesem „draußen“, wo immer alle ständig hinsollten, eh nichts anzufangen wussten. Und so daddelten die Daddler*innen, sie mampften Chips mit Riffeln, tranken literweise klebrigen Eistee. Sie daddelten tagein tagaus. Selbst kiffen schien dagegen irgendwie kreativen Mehrwert zu haben. Eins war klar: Sei kein*e Daddler*in. Carpe diem!

Nutze den Tag!

„Nutze den Tag!“ ist als Imperativ jetzt wieder in Mode. Nutze den Tag, denn jetzt ist die Zeit dafür! Endlich Zeit für die Bücherstapel, die Fotoordner, die ungebackenen Kuchen und aufgeschobenen Vorsätze aus den Jahren 2012 bis 2019, für die Notizen, Listen und To-Dos im Smartphone. Zeit, sie scheint gerade wie aus einem Füllhorn über uns ausgeschüttet und fühlt sich doch irgendwie angeknabbert an. Sie ist wie eine saftige, reife Orange mit Schimmel-Druckstellen an der Unterseite. 

Die derzeitigen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen lassen also Gewissheiten kippen: Zeit verschwenden ist vielleicht doch kein Sakrileg, sondern ein Segen. Und daddeln vielleicht das Beste zum Klarkommen.

Und dann war da ein Gerät

Zunächst war ich trotzdem skeptisch, als T. dieses kleine Gerät anschleppte, sich einen Fernseher auslieh und das Ganze am Fußende des Bettes aufbaut. Ich schaue ihm regungslos zu, ein noch ungelesenes Buch in der Hand. „Aber das bleibt da nicht“, bestimme ich. Wenn ich will (und auch manchmal aus Versehen), kann ich wirken wie eine Terrorfürstin. „Computerspiele machen dumm“, prangt nur allzu deutlich vor meinem inneren Auge. T. sagt nichts, sondern drückt mir einen Controller (Joy-Con für Eingeweihte) in die Hand.

Nun gut. Mitten in der Corona-Zeit auf Spielverderberin machen ist womöglich wirklich zu gouvernantenhaft. Als Kind hatte ich schließlich auch einen Gameboy, seitdem aber nur höchstens mal spät nachts an einem Flipperautomaten gestanden und gedaddelt. Und einmal bei meiner Freundin Laura mit einer Uralt-Konsole gespielt, die sie Weihnachten in ihrem ehemaligen Kinderzimmer ausgehoben hatte. Aber auch das war spät nachts. Zu einer Zeit, in der die Regeln von Lehrer*innen und Eltern nicht gelten.

Aber jetzt, mitten am Tag? Die schöne Zeit! Sollten wir sie wirklich jetzt schon unangespitzt in den Boden rammen? Ich greife nach dem Joy-Con.

So ein Joy-Con liegt übrigens ganz leicht in der Hand. Viel leichter als die Gitarrensaiten, die ich zu Beginn der Ausgangs- und Kontaktbegrenzungen noch mühsam zu einem A-Moll-Akkord zusammendrückte, weil ich dachte, dass das ja so schwer nicht sein kann. Die dunkelroten Eindrücke auf meinen Fingerkuppen überzeugten mich dann schnell vom Gegenteil und der Erkenntnis Nummer eins aus der Krisenzeit: Nichtgenutzte Zeit muss man abhaken. Schnell.

Super Mario Kart to the rescue

T. steuert ein Spiel auf der Konsole an. „Super Mario Kart äjjjjjt“, fiepst die Mario-Figur auf dem Bildschirm. Und mir fällt dann doch wieder ein, warum Computerspiele dumm machen. Wie erschütternd, denke ich. Jetzt glotze ich hier wie eine Amöbe auf einen sehr bunten Bildschirm und diskutiere mit T. die Vorteile von „Donut Ebene 3“ gegenüber „Käseland“. Das ist sie also, die Regression, denke ich. Doch dann sind wir schon mitten drin im ersten Spiel, ich verfahre mich und habe also andere Probleme. Ich hänge mit meinem kleinen süßen rosa Auto in einer Sanddüne fest. Erst drehen die Reifen durch und dann ich. Ich jaule laut auf. „Guck mal, ich stecke feeeest“, schreie ich. T. lacht.

T. lacht wieder, als sich mein Segel aufspannt und ich durch den Canyon der Zelda-Karte fliege. „Fliege“ – ich kann nämlich nicht fliegen. Wie ein strunzbesoffenes Eichhörnchen wanke ich durch die Lüfte, crashe gegen eine Mauer und stürze ab. Eine kleine Kreatur, die auf einer Wolke sitzt, kommt zu Hilfe und angelt mich wieder auf die Fahrspur. „Hast du das gesehehäään??“, schreie ich.

Eine Runde später schon merke ich, dass fliegen eigentlich ganz einfach ist. Man muss nämlich gar nichts machen. Einfach gar nichts. Zenmäßig senke ich also meine Hände in den Schoß und warte einfach, bis ich lande, und überlege, ob ich mir das irgendwie in meiner Meditations-App anrechnen lassen kann. Nichts tun und fliegen. Durch Nichtstun fliegen. Nichts tun und trotzdem ankommen. Wow. Vielleicht ist daddeln manchmal auch einfach eine einzige große Metapher.

Gehirn am Anschlag

Bei Super Mario Kart fährt man in verschiedenen Karten. Ich weiß nicht, wie viele es insgesamt sind und danach googlen will ich jetzt auch lieber nicht, damit ich nicht aus Versehen auch noch beim Super Mario Kart googeln hängenbleibe. Die einzelnen Karten haben Namen wie „Regenbogen-Boulevard“ und „Koopa-Strand“, das sind zumindest zwei der Namen, die ich mir gemerkt habe. Sie sind allesamt bunt, schrill, detailverliebt und von einer Musik untermalt, die sich anhört, als wäre sie von Fünfjährigen komponiert.

Der Bildschirm ist geteilt, rechts fährt T., links fahre ich. In jeder Ecke des Bildschirms ein Art Infokasten: Welche Munition man als Nächstes schießen kann, die wievielte Runde man fährt, wieviele Münzen man gesammelt hat, an welcher Stelle im Gesamttableau man steckt. Alles an Super Mario Kart ist komplett gaga, viel zu viel, und ich bin sicher, dass mein Gehirn die ganze Reizüberflutung nur mühsam wegsteckt. Mein armes Hirn. Es gibt doch sicherlich viele Studien, die zeigen, wie man bei solchen Spielen übersteuert, kognitiv abbaut, verroht. Können Neuronen streiken? Nun. Ich bin bereit, das herauszufinden.

Kurz vorm Ausflippen

In der nächsten Runde schubse ich beim Start mit meinem Autohinterteil erstmal Prinzessin Daisy weg. Dann ärgere ich mich wahnsinnig, dass sich T. in eine übergroße Kanonenkugel verwandelt und mich über den Haufen fährt. Mein Figürchen schüttelt benommen den Kopf. Ich werfe aus Rache eine Bombe Richtung T. und sprenge mich damit selber in die Luft. Ich bin kurz vorm Ausflippen.

Außerdem hasse ich Bowser. Bowser ist so eine Art Aggro-Rocker-Schildkröte und fährt manchmal im blauen Team mit und drängt mich aus Kurven. Wenn er mich dann überholt, rufe ich Wörter, die ich mir sonst nie durchgehen lassen würde und hier mit Sicherheit nicht schreiben. Ich rufe sie laut und oft und mit Herzblut. „Dieser XXX!“ T. guckt, als wäre ihm neu, dass ich solche Wörter überhaupt kenne.

Für eine Sekunde sieht er mich an mit all den Augen der Lehrer*innen und Eltern und Großeltern und Pfadfinderkinder dieser Erde. Dann brülle ich, dass ich Bowser in die Fresse schlagen werde. T. nickt voller Verständnis. Und irgendwer drückt den Pause-Knopf der echten Welt, nur die Nintendowelt läuft weiter und ich fühle mich seltsam lebendig.

 

Klar. Ich könnte jetzt stattdessen Fotos sortieren. Doch noch Gitarre lernen. Ich könnte jetzt lesen. Es wäre perfekt zum Lesen gerade. Ich könnte (und sollte, wie ich mir immer wieder vorwerfe) jetzt verdammt nochmal mein Hirn auswringen nach Antworten auf Fragen, nach noch mehr Fragen, die diese elende Pandemie im Sekundentakt hochwirft: Werden nach der Krise die Banken Kredite bei den Supermärkten aufnehmen? Was bedeutet Immunität eigentlich genau? Wann werde ich wieder Menschen begegnen, ohne automatisch auf Abstand zu gehen? Aber ich bin von diesen Fragen gerade noch mehr überfordert, als von dem durchgeknallten Bling-Bling vor meinen Augen. Im Vergleich zu diesen Fragen ist das ganze Geblinke wie ein Waldspaziergang. 

Mein Gehirn platzt eh, denke ich, bitte bitte noch eine Runde Kart fahren und hoffentlich nicht mehr im doofen Käseland.

„Noch ein Spiel?“, fragt T. Ich gucke auf die Uhr. Wie verwegen, Mittwochabend, 23:40 Uhr. „Mir macht das richtig Spaß“, gestehe ich und habe den Eindruck, gerade eine geheime Seite von mir offenbart zu haben. Mir macht es wirklich Spaß. T. drückt auf „A“ und meint nur: „Ich weiß.“