Wie mir die BDSM-Szene geholfen hat, meinen Körper so zu lieben, wie er ist

BDSM hat vor allem mit Brutalität zu tun? Wir haben mit Heidi Berkmüller über die Szene gesprochen, mit Klischees aufgeräumt und sie gefragt, wie sie durch BDSM zu mehr Körperliebe gefunden hat.

Unterwaesche-Sex-BDSM-Bodypositivity-09-07-2019-08-59

"Mein erster passender BH hat mein Leben verändert." Foto: © Fernando Veiras

Mit ihren Kurven und großen Brüsten passt Heidi Berkmüller in keines der gängigen Schönheitsideale. Das wurde ihr als junge Frau schon dadurch deutlich gemacht, dass sie kaum sexy Unterwäsche in ihrer Größe fand. Darunter litt nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch ihr Sexleben. Zu sich selbst, ihren Vorlieben und ihrer Körperliebe fand sie erst später – durch die BDSM-Szene und gut sitzenden, erotischen Dessous.

BDSM steht für Bondage, Dominanz, Sadismus und Masochismus. Darunter fallen beispielsweise Fessel- oder Rollenspiele, die im gegenseitigen Einverständnis stattfinden. Heidi beschreibt die Szene als sehr divers und offen: Jede*r könne hier so sein, wie er*sie möchte und anziehen, was man schön findet – vorausgesetzt, es gibt die gewünschten Dessous in der richtigen Größe.

Für Heidi mit der Körbchengröße G war die Auswahl allerdings überschaubar. Die für sie logische Konsequenz: Sie gründete ihr eigenes Label Pique Lingerie für Fetischwäsche ab Körbchengröße E. So möchte sie Frauen mit erotischer Unterwäsche zu mehr Selbstbewusstsein helfen – denn schöne Dessous sollten keine Frage von Körbchengrößen sein.

Wir haben mit ihr darüber geredet, warum ihr gerade Unterwäsche und BDSM zu mehr Körperliebe verholfen haben und wie die Tabuisierung von Sex, Fetischen und Übergrößen das Leben von Frauen beeinträchtigen kann.

Heidi, gab es einen Schlüsselmoment, der dir gezeigt hat, dass dein Körper, so wie er ist, schön und sexy ist?

Heidi Berkmüller: Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mein erster passender BH mein Leben verändert hat – noch bevor ich Teil der BDSM-Szene wurde. Die BH-Auswahl hört in den meisten Läden bei D auf, weswegen Verkäufer*innen verzweifelten oder mich einfach in die Schwangerschaftsabteilung schickten, was mir als Teenager damals sehr peinlich war. Ich dachte, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt, wenn mir nichts passt. Erst mit 27 fand ich heraus, dass ich ein G-Körbchen trug. Mein Entsetzen war groß, aber noch größer war meine Erleichterung zu wissen: Das Problem ist nicht mein Körper. Ich muss mich nicht für meine Brüste schämen. Guck mal, wie toll sie in diesem BH aussehen! Dieses Schlüsselerlebnis half mir, nicht an mir und meinem Körper zu zweifeln, sondern mein Umfeld kritisch zu betrachten und wie es mich und meine Beziehung zu meinem Körper beeinflusst.

Wie hat sich das Gefühl, dass mit deinem Körper angeblich etwas nicht in Ordnung ist, in deinem Sexleben bemerkbar gemacht?

Bei großen Brüsten meldet sich irgendwann die Schwerkraft und es war mir total unangenehm, wie tief sie hingen, da ich auch besonders weiches Gewebe habe. Ich habe beim Sex jede Position vermieden, bei der die Brüste zu schlackern drohten. Das verringert natürlich schlagartig die Optionen. Ich fand es auch immer sehr peinlich, wenn meine Partner zwischen meinen Riesenmöpsen dann irgendwann keine Luft mehr bekommen haben. Inzwischen ist mir das egal. Wer sich da rein traut, ist selbst schuld (lacht).

Bis du deinen richtigen BH gefunden hast, ist ganz schön viel Zeit vergangen. Denkst du, das kommt daher, dass der weibliche Körper und sogenannte Problemzonen Tabus in der Gesellschaft sind?

Ich glaube nicht, dass Problemzonen und der weibliche Körper Tabuthemen sind – schließlich reden Frauenzeitschriften über nichts anderes. Ich denke, das Tabu bezieht sich eher auf Körper, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Ich habe mit meinen Kurven und meinem Übergewicht noch nie da rein gepasst. Zu dick war ich sowieso, aber dann auch noch diese Brüste! Mir wurde durch meine Familie und mein Umfeld immer zu verstehen gegeben, dass man Brüste in dieser Größenordnung doch bitteschön verstecken möge. Damals war ich noch nicht reif genug, um selbst zu entscheiden, woraus ich meinen Selbstwert ziehe und zu akzeptieren, dass mein Körper einfach wunderbar ist.

Hast du in der BDSM-Szene ein neues Umfeld gefunden, wo du so sein und so aussehen kannst, wie du willst?

Die Überraschung war groß, als ich auf meinen ersten Fetischpartys sah, wie kurvige Frauen ihre sogenannten Problemzonen ganz und gar nicht kaschierten. Im Gegenteil: Brüste schwappten über das Korsett, Fettpolster wurden unter engem Latex noch mehr betont und unter kurzen Kleidchen und Röcken guckten breite Oberschenkel ohne Thigh Gap hervor. Die Frauen trugen Sachen, die ich mich mit meinem Körper nie zu tragen getraut hätte – und das mit so einem Selbstbewusstsein. Und sie bekamen auch noch Komplimente dafür! Ich dachte mir: Vielleicht kann ich das auch. Diese Frauen gaben mir den Mut, mich auszuprobieren und ich fing an, die Kleidung zu tragen, von der ich glaubte, sie sei nur für schlanke Frauen mit kleinen Brüsten.

Hast du mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, wenn du von BDSM erzählst?

Die BDSM-Szene wird sehr oft missverstanden. Viele denken, dass es nur um Sex, Gewalt und Brutalität geht. Das stimmt nicht, denn was oft nicht gesehen wird, ist die Zuneigung, die im BDSM steckt. Stell dir vor, du hast eine Fantasie, ein Gelüst, das vom Rest der Gesellschaft verpönt oder sogar als total abstoßend empfunden wird. Und dann findest du jemanden, der*die dir genau das gibt und geben möchte – ohne dich zu verurteilen, zu hinterfragen oder dich als abartig abzustempeln. Das ist die Seite von BDSM, die niemand sieht. Was viele auch nicht wissen: Ein extrem wichtiger Bestandteil von BDSM ist das sogenannte Aftercare. Das bedeutet, dass sich beide Partner*innen nach einem Spiel nochmal zurückziehen, kuscheln, sich etwas zu essen und zu trinken bringen, über das Spiel reden, gucken, ob alles in Ordnung ist, und die gegenseitige Zuneigung genießen. Ähnlich wie bei der Kuschelphase nach dem Sex ist Aftercare eine sehr zärtliche Angelegenheit mit viel Zuwendung und Intimität.

Ist BDSM für jede*n etwas, um Selbstbewusstsein und Körperliebe zu entwickeln?

Nein, nicht für jede*n, man sollte wirklich nur das ausprobieren, worauf man Lust hat. Wer bereits mit dem Gedanken spielt, sich beispielsweise von seinem*r Partner*in fesseln zu lassen, sollte dies im beidseitigen Einvernehmen auch gerne tun. Wer aber keine Lust auf so etwas hat, es sich nicht vorstellen kann und diese Gedanken nicht einmal in der Fantasie kursieren, dem bringt BDSM wahrscheinlich auch nichts.

Du hast weltweit das einzige Label für Fetischwäsche ab Körbchengröße E gegründet – ein Zeichen, dass noch mehr für Body- und Sexpositivity getan werden muss?

Auf jeden Fall! Warum sehen wir so selten Bilder von dicken und kurvigen Frauen, die stark, selbstbewusst und sexy rüberkommen? Dazu muss ich aber sagen, dass das natürlich nicht das wichtigste ist, wie frau sich zeigen soll. Es nervt mich selbst, Frauen als Sexobjekte in den Medien zu sehen. Denn es bestärkt nochmal das, was mir als Teenager so zu schaffen machte – mich über mein Aussehen zu definieren. Gleichzeitig sind aber für mich sexuelle Entfaltung und sich sexy zu fühlen mein persönlicher Bezugspunkt zur Modeindustrie und zum Thema Body Positivity. Hier setze ich an, das ist mein kleines Steckenpferd. Ich versuche das Tabu, bei dem Erotik nur mit einer gewissen Körpergröße und Körperform assoziiert wird, aufzubrechen. Wohlwissend, dass es – man glaubt es kaum – auch andere wichtige Dinge im Leben gibt, als sich sexy zu fühlen und guten Sex zu haben.

Was hast du aus der BDSM-Szene gelernt, was du anderen Frauen gerne mitgeben würdest?

Ich hätte am Anfang gerne jemanden gehabt, dem*r ich meine Fragen stellen kann und der*die mir wichtige Tipps gibt, wie ich auf meine eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Vorlieben achte. Deswegen kann ich euch sagen: Lasst euch nicht einschränken. Nicht von anderer Leute Meinungen, nicht von euren eigenen Unsicherheiten. Wir haben alle Bereiche, in denen wir weniger selbstbewusst sind. Aber das muss sich nicht zwingend negativ auf unsere Leben auswirken. Sucht euch Freiräume, in denen ihr euch ausleben könnt: sexuell, oder anderweitig. Have fun!


Von Denise Ott auf EDITION F.

Hier könnt ihr EDITION F auf Facebook folgen.