Wie „Prince Charming“ mit einem reaktionären Männerbild im TV aufräumt

Für Balzformate wie Die Bachelorette oder Love Island wird immer derselbe Typ Mann gecastet. Bei Prince Charming ist es zum Glück anders, findet unsere Autorin. Ein Kommentar

Prince Charming
Alexander Schäfer ist der neue Prince Charming in der Datingshow, die auf TV Now gestreamt werden kann. Foto: © Arya Shirazi / TV Now

„Es wird bestimmt eine unvergesslich schöne Zeit“, sagt Alexander Schäfer über seine Rolle als neuer Prince Charming in der gleichnamigen Datingshow. „Ich freue mich unnormal auf den Moment, in dem es endlich losgeht.“ Wann das genau sein wird, ist noch nicht bekannt. Aber noch in diesem Jahr soll Alexander – 29 Jahre alt, Marketing-Manager aus Frankfurt am Main – mit einer Gruppe Männer bei Prince Charming rumflirten.

Prince Charming, das ist die sehr erfolgreiche Reality-Dating-Show, die letztes Jahr ihre Premiere bei TV Now feierte. Und TV Now wiederum ist die Streamingplattform der RTL-Gruppe, auf der Formate getestet werden, für die das lineare Fernsehen erstmal zu feige ist. So wie Prince Charming. Denn das ist eine schwule Datingshow: 20 Männer buhlen um die Gunst des einen begehrten Junggesellen. Das Setting ist natürlich auch hier eine Villa irgendwo an einem Strand, wo es sonnig und warm ist, damit man auch viel Haut zu sehen bekommt. Bald also auch die nackte Haut von Alexander und Co. – und ich freue mich sehr darauf.

„Ich wollte Sonnenöl, Schwänze und Intrigen!“

Als vergangenes Jahr die erste Staffel von Prince Charming anlief, kam ich über das Format erst mal ins Grübeln. Ich habe Der Bachelor, den Vater dieses Typs von Datingshow, beim Sendestart 2003 sehr kritisiert. Da bieten sich 20 Frauen einem Mann an und benehmen sich wie Edelprostituierte auf dem Weg zum nächsten Kunden? Unerhört! Was ist das denn für eine Chauvi-Scheiße! Ich war stark empört.

Nun haben wir Zuschauer*innen uns in den letzten 17 Jahren an sowas gewöhnt. Gegen so neue Balzformate wie Temptation Island oder Paradise Hotel wirkt Der Bachelor schon fast wie die Lindenstraße der Datingshows. Und bei Prince Charming war ich begeistert davon, endlich mal was Schwules sehen zu können. Ich freute mich darauf, viele nackte Männer beim Balzen zu beobachten. Ich wollte Sonnenöl, Schwänze und Intrigen! Und ich bekam nicht nur das, sondern auch eine Besonderheit im deutschen Reality-TV zu sehen: eine verhältnismäßig diverse Auswahl von Männern.

Gecastet wird eigentlich immer dieselbe Sorte Mann? Nicht bei Prince Charming

Für solche Shows wird eigentlich immer dieselbe Sorte Mann gecastet. Die Beschreibung im Briefing an die Castingagentur könnte so aussehen:

  • gesucht wird ein Adrian oder Sammy, Alter ist Mitte 20
  • sein größtes Hobby ist Fitness, hier kann er den Alltag draußen lassen und Druck abbauen
  • seinen Körper pflegt er ebenso akribisch wie sein Instagram-Profil
  • wenn er Tattoos auf der Haut trägt, haben sie definitiv eine tiefere Bedeutung, vielleicht hat er ein Porträt seiner Mutter auf dem Bizeps
  • seinen hohen Testosteronspiegel trägt er stolz vor sich her und ist ein ziemlicher Proll
  • von Manspreading hat er noch nie was gehört, kann das aber sehr gut
  • bei Frauen steht er auf sportliche Figur und großen Arsch, sie darf keine Zicke sein
  • die hellste Kerze am Leuchter ist er nicht, aber in seiner Einfältigkeit durchaus liebenswert

Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel und ich pauschalisiere, bitte verzeiht. Über das Männerbild, das hier gefeiert wird, kann man sicherlich kontrovers diskutieren. Ich persönlich empfinde es aber als ziemlich reaktionär. Waren wir da nicht eigentlich schon mal weiter? Das Ganze passt zumindest gut in unsere Zeit. Oberflächlich und egozentrisch könnte man dazu sagen.

Anders ist es allerdings bei Prince Charming. In der letzten Staffel war der Cast schon ziemlich divers, was mich positiv überraschte. Für mich fand da eine Emanzipation von genau dem Männerbild statt, das ich oben für euch gezeichnet habe. Da gab es den blonden Twink, die Fitnessstute, den Latino-Daddy oder die exaltierte Supertunte. Manche recht dümmlich, andere recht geistreich – alles dabei! Männer, die ihre Geschichten mitbrachten und sie auch erzählten. Wir Schwuppen sind da anders gestrickt als Heteromänner. Vielleicht liegt es daran, dass alle Schwulen – ob man sich nun gut leiden kann oder nicht – die eine garantierte Gemeinsamkeit haben: das überstandene Coming-out.

„Wir sind alle Sissys und ich liebe das“

Prince Charming wurde oft dafür kritisiert, dass die Show nur schwule Stereotype zeige, alles kreischende Tunten die den ganzen Tag Prosecco trinken. Dem möchte ich aber vehement widersprechen! Der Cast war durchaus vielfältig und hat meiner Meinung nach die schwule Lebenswelt ziemlich gut abgebildet. Es gab Fleischbeschau, Lebensbeichten, Empowerment und fieses Gezicke – das machte Spaß. Und seien wir mal ehrlich: Auch der maskulinste Muskel-Gay ist in seinem Inneren eine kreischige Tunte, auch wenn sich das viele nicht eingestehen wollen. Wir sind alle Sissys und ich liebe das.

Deshalb freut es mich sehr, dass Prince Charming in die zweite Runde geht. Das Format hat letztes Jahr einen Grimme-Preis bekommen, das finde ich amüsant und ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Jedenfalls ist also doch möglich, mit schwulem Content erfolgreiches TV zu machen. Mal gucken, wen sich der Alexander aussuchen wird. Viel Freude damit und feiert die schwule Sichtbarkeit!