Wie PTBS-Hund Yoshi Julia hilft, ihren Alltag zu bewältigen

Für Julia können schon Alltagssituation wie Einkaufen oder Bahn fahren unglaublichen Stress bedeuten. Sie leidet unter einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Assistenzhund Yoshi soll ihr jetzt helfen.

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Dank Yoshi kann Julia ihren Alltag stressfreier meistern. Der Labrador Retriever ist ein PTBS-Assistenzhund. Foto: Laura Dahmer

Gerade noch ist Yoshi an einem kleinen Busch vorbeigetapst und hat verträumt an den Blättern geschnüffelt. Er ist ein gemütlicher Hund und nimmt seine Umgebung gerne in Ruhe wahr. Manchmal wirkt er beinahe träge, jetzt aber sitzt er auf der Bordsteinkante und schaut seine Hundeführerin Julia Faulhammer aufmerksam an. Denn die ist auf die Straße gelaufen, einfach so. Für den schwarzen Labrador Retriever ist das das Kommando: sitzen bleiben. Nicht bewegen. Blickkontakt suchen. Yoshi ist Julias Assistenzhund, genauer: ein PTBS-Hund.

Julia lebt seit ihrer Jugend mit ihrer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die durch ein traumatisches Erlebnis entstanden ist. Die 27-Jährige ist dadurch in einer Art ständigem Alarmzustand. Immer wieder bekommt sie Panikattacken, Alltagssituationen wie Einkaufen oder Bahn fahren sind für sie mit viel Stress verbunden. Sie war in ambulanter und stationärer Behandlung, hat Medikamente genommen und Konfrontationstherapien gemacht. Trotzdem besteht ihr Alltag für sie nach wie vor aus vielen Stresssituationen. Vor zwei Monaten ist Yoshi zu ihr gezogen und soll ihr helfen.

Wenn Julia eine Panikattacke erleidet oder dissoziiert, ist Yoshi zur Stelle

Und genau deshalb sitzt er jetzt am Bordstein und schaut Julia an. Gerade geht es der 27-Jährigen gut, die beiden gehen spazieren. Yoshi hat seine Kenndecke nicht auf, die ihm und dem Umfeld signalisieren soll, dass er gerade hochkonzentriert ist und Assistenzleistungen ausführen muss. Dann darf man ihn weder streicheln noch auf andere Weise ablenken. Läuft Yoshi ohne Kenndecke herum, kann er freier sein, im Gebüsch schnüffeln und auch selbst den Kontakt zu anderen aufnehmen.

Das Kommando am Bordstein aber führt Yoshi immer aus, wenn er und Julia eine Straße überqueren, Kenndecke hin oder her. Im Notfall muss er das auch. Wenn Julia zum Beispiel dissoziiert – ein Symptom ihrer PTBS –, dann ist sie nicht mehr wirklich ansprechbar und hat keine Kontrolle über ihren Körper. Oft kann sie sich im Nachhinein kaum noch an die Situation erinnern. Passiert ihr das unterwegs, fängt sie manchmal an, zu schwanken, und hat Schwindelanfälle. Dann ist Yoshi gefragt. Er soll verhindern, dass Julia auf die Straße geht und sich selbst und andere in Gefahr bringt. Er setzt sich deshalb stur hin, schon der Widerstand der Leine kann Julia dann zurückholen. Es ist eine von vielen Assistenzaufgaben, die der zweijährige Labrador Retriever übernimmt.

PTBS-Hunde werden nicht von der Krankenkasse bezahlt

Dass es PTBS-Hunde gibt, ist wie bei vielen anderen Assistenzhunden auch kaum bekannt. Es gibt Diabeteswarnhunde, Autismushunde, Borderline-Assistenzhunde und viele weitere. Den meisten sind aber nur Blindenführhunde ein Begriff – und es sind auch die einzigen, die von der Krankenkasse bezahlt werden.

Julia hat vor ein paar Jahren bei ihrer Kasse angefragt, ob sie die Ausbildung von Yoshi übernehmen würde, und eine Absage erhalten. Die Begründung: Der Hund übernehme keine lebensnotwendigen Funktionen, sondern lindere nur die Symptome der Behinderung. Julia findet diese Begründung sehr fadenscheinig.

Ein weiteres Problem ist, dass es nur für Blindenführhunde rechtliche Vorgaben und zertifizierte Ausbildungsstätten gibt. „Da beißt sich die Maus in den Schwanz“, sagt Julia. Denn weil es keine rechtlichen Vorgaben gibt, will die Kasse nicht zahlen. Und weil die Kasse nicht zahlt, gibt es zu wenig Anreize für rechtliche Vorgaben – bis jetzt zumindest. Ausbildungsvereine und Assistenzhundeführer*in setzen sich seit Jahren dafür ein, dass sich etwas ändert.

20.000 bis 30.000 Euro kostet die Ausbildung im Regelfall

Denn ein Assistenzhund ist teuer: 20.000 bis 30.000 Euro kostet die zweijährige Ausbildung eines PTBS-Hundes im Regelfall, je nachdem, ob man das Tier selbst oder durch eine*n Trainer*in fremdausbildet. Yoshi wurde von der Akademie für Assistenzhunde (AfA) trainiert. Dort orientiert man sich an den anerkannten Ausbildungsstandards, die es in Ländern wie Österreich und den USA schon gibt, erklärt Kati Zimmermann, Assistenzhundetrainerin, Traumatologin und Geschäftsführerin der AfA.

Um diese Ausbildung zu bezahlen, hat Julia einige Jahre gespart und über ihren Blog und ihren Bekanntenkreis Spenden gesammelt. „Insgesamt sind dabei knapp 7.000 Euro Spenden zusammengekommen. Bis jetzt hat Yoshi uns insgesamt 29.405 Euro gekostet“, sagt Julia. In den ersten Monaten hat sie die Ausbildung von ihrem BAföG abbezahlt, mittlerweile hat ihr Mann einen festen Job und kann mit seinem Gehalt aushelfen.

Vielen Therapeut*innen sind Assistenzhunde kein Begriff, sagt Julia

Die Sonne scheint, die 27-Jährige sitzt neben ihrem Mann in einem Biergarten. Im Schatten, weil Yoshi keine Sonne mag. Der Assistenzhund liegt zu ihren Füßen, sie krault ihn manchmal, während sie spricht. Vor drei Jahren stieß Julia im Internet auf PTBS-Hunde. Schnell war ihr klar: Sie will so einen haben. Koste es, was es wolle. Sie besprach die Idee mit ihrem Mann, der schnell zustimmte, und brachte ihren Wunsch bei einem Treffen mit ihrer Psychiaterin an. Die hatte vorher sogar schon mal davon gehört. „Was selten ist, denn die meisten Therapeut*innen wissen nicht, was ein PTBS-Hund ist – und empfehlen es ihren Patient*innen deshalb nicht“, so Julia. Deshalb, und weil sie, so fügt die junge Frau an, Sorge haben, dass die Patient*innen von ihrem Assistenzhund zu abhängig werden.

Trainerin Kati Zimmermann teilt diese Sorge nicht. „Natürlich braucht man dann den Hund, aber er gibt dem Menschen viel Lebensqualität, die er ohne den Hund vielleicht nicht hätte. Wenn das schon Abhängigkeit wäre, wäre ich von meinem privaten Hund auch abhängig“, sagt sie. Ein Assistenzhund biete außerdem da Hilfe, wo der*die Betroffene sich nicht mehr selbst zu helfen wisse. Die Hundetrainerin würde sich wünschen, dass Fachpersonal und Therapeut*innen besser über Assistenzhunde aufgeklärt wären. „Das Gleiche gilt übrigens auch für Supermärkte und anderen Einzelhandel. Oft muss noch in jedem Einzelfall diskutiert werden, warum der Assistenzhund mit in den Laden darf. Das kostet Betroffene viel Kraft.“

Yoshi gibt Julia beim Einkaufen, Autofahren und Spazieren viel Sicherheit

Ein PTBS-Hund soll in öffentlichen Räumen Sicherheit und Orientierung geben. Seit Yoshi da ist, kommt er zum Beispiel mit in die Bahn oder zum Einkaufen, ist immer nah an Julia dran und schirmt sie nach den Kommandos „Check“ und „Block“ von vorne und hinten ab, um immer zwischen ihr und einer anderen Person zu stehen. Julia hat ein sogenanntes menschenverursachtes Trauma und empfindet den meisten Menschen gegenüber, durch ihre PTBS bedingt, ein grundsätzliches Misstrauen.

Yoshi kann, wie andere PTBS-Hunde, aber auch Julias Symptome anzeigen. Bahnt sich eine Panikattacke an, spürt der Labrador Retriever das über Julias Körpersprache oder Geruch. Er stupst sie dann heftig an, um sie darauf aufmerksam zu machen. „Das trainieren wir gerade noch. Anfangs hat er das über Kratzen signalisiert, aber das war eher suboptimal, meine Beine waren schnell völlig verkratzt“, bemerkt sie lachend. Kommt die Warnung bereits zu spät, läuft Yoshi los und holt ihre Skill-Tasche, in der sich Dinge wie Tiger Balm und Kreislauftropfen befinden, die Julia bei einer Panikattacke helfen. Yoshi wirft sie ihr dann vor die Füße – das allein kann schon helfen, um Julia zurück in die Realität zu holen. Passiert der gebürtigen Dachauerin das im öffentlichen Raum, führt ihr Assistenzhund sie gegebenenfalls aus der Menschenmenge heraus an einen ruhigen Ort. Und wenn sie Hilfe braucht, die Yoshi nicht leisten kann, läuft er los und macht auf sich aufmerksam, damit Außenstehende Julia bemerken.

Ein Hund muss bestimmte Eigenschaften mitbringen, um für die Ausbildung zum Assistenzhund geeignet zu sein. „Er darf kein Draufgänger sein, nicht zu dominant oder dickköpfig“, erklärt Zimmermann. „Er braucht einen ausgeprägten ‚Will to please‘, muss ruhig und ausgeglichen sein. Gerne darf er verschmust sein, muss aber einen eigenen Kopf und eine gewisse Intelligenz haben.“ Die Hundetrainerin und ihre Kolleg*innen machen dafür eine Reihe von Tests mit den Welpen. Labradore, Golden Retriever, Labrador Retriever, Pudel und unter Umständen Collies sind grundsätzlich gut einsetzbar, fügt sie hinzu. „Ungeeignet sind zum Beispiel Schäferhunde oder Jagdhunde, die einen ausgeprägten Schutz- oder Jagdtrieb haben.“

Yoshi hat meine Lebensqualität schon nach zwei Monaten verbessert.

Julia Faulhammer

Ein paar Monate hat es gedauert, bis Hundetrainerin Zimmermann den richtigen Hund für Julia gefunden hatte. Einen kleinen, wenige Wochen alten Labrador Retriever namens Calle. Er kam in die Ausbildung und erhielt kurz darauf einen neuen Namen: Yoshi. Mit dem jungen Hund kamen auch viele neue Sorgen zu Julia. „Mir war klar: Ich bin alleine für diesen Hund verantwortlich. Ich habe alles hinterfragt. Wiegt er zu viel? Wiegt er zu wenig? Gehe ich genug mit ihm raus? Bekommt er genug abwechslungsreiches Fressen?“, sagt sie. Manchmal raubte es ihr nachts den Schlaf, nach einer Woche war sie kurz davor, Yoshi wieder zurückzugeben. „Nicht wegen ihm, sondern weil mich diese ganzen Ängste müde machten.“ Aber mit jedem Tag, den Yoshi blieb, wurde sie ruhiger. Und um nun eine Abhängigkeit von ihrem neuen Assistenzhund zu vermeiden, lässt Julia Yoshi öfter mal zu Hause. Gerade dann, wenn es ihr gut geht.

Bevor Yoshi zu ihr kam, hat sie viele Alltagssituationen alleine nicht bewältigen können. Auch ihr Psychologiestudium musste die 27-Jährige abbrechen, als sie schon kurz vorm Abschluss stand. „Ich konnte keine Vorlesungen und Seminare mehr besuchen, ich konnte nicht zu Prüfungen gehen“, erzählt Julia. Der Stress wurde zu groß, die ehemalige Studentin erlitt Panikattacken, bekam Schlafstörungen und dissoziierte immer öfter, auch während Prüfungen. „Danach bin ich dann zum Beispiel an der falschen Bushaltestelle wieder zu mir gekommen und wusste nicht einmal, ob ich überhaupt bei der Prüfung war – geschweige denn, was ich geschrieben habe“, erzählt sie und beschreibt die Dissoziation, als würde man bei einem Film vorspulen und bei einer ganz anderen Stelle wieder rausspringen. Oft schrieb Julia in den Prüfungen sogar noch gute Noten. Aber ihr wurde es zu gefährlich, sie wurde immer unsicherer und isolierte sich immer weiter.

Schon jetzt, nach gut zwei Monaten, macht Julia die Beobachtung, dass sich ihre Lebensqualität durch Yoshi verbessert. Dank des Hundes geht sie jetzt auch entspannter einkaufen, gerade ist sie außerdem in einer ausbildungsvorbereitenden Maßnahme der Arbeitsagentur. Viele Berufe kann sie durch ihre komplexe PTBS nicht ausüben, Julia wollte erst Psychotherapeutin werden, dann Elektrikerin. Mit ihrer psychischen Erkrankung ist beides undenkbar. Jetzt hat sie einen neuen Wunsch: eine Ausbildung zur Industriekauffrau oder Sozialversicherungsfachangestellten zu machen. Und mit Yoshis Hilfe kann sie das vielleicht bald.