Wie sich Weihnachten mit getrennten Eltern anfühlt

Als Kind empfand unser Autor Weihnachten als Fest der Liebe. Seitdem seine Eltern getrennt sind, fühlt er sich wie ein halbausgepacktes Geschenk, das hin- und hergereicht wird.

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Manchmal kommt sich unser Autor selbst wie ein Geschenk vor. Foto: Privat

Heiligabend. Der Kaffee brodelt, das Gebäck mundet, die Heizung heizt. Mutter, Schwester, Großeltern, Onkel plus Freundin und ich sitzen am gedeckten Tisch. Man lobt den Weihnachtsbaum, bespricht das zurückliegende Jahr und befürchtet das Nächste. Bis alle endlich im Moment angekommen sind, vergehen ein paar Weihnachtslieder. Dann taut die Stimmung auf. Meine Oma, eine selbsternannte Showwoman, unterhält den ganzen Tisch, indem sie Grimassen schneidet, Witze erzählt, die keine sind und mit klinischer Präzision darauf achtet, dass ich auch ja genügend Früchtetee zu mir nehme. Ende der Neunziger wurde ihre Performance noch von meinem Großvater gekrönt, der sich so lange als Weihnachtsmann verkleidete, bis ich vom Glauben abfiel. „Benni, ihr müsst bald los“, erinnert meine Mutter mich irgendwann als die Dämmerung einbricht. Dabei bilde ich mir ein, etwas Bedrücktes in ihrer Stimme zu hören: „Bis nachher …“ „Wir warten mit dem Nudelsalat und den Geschenken auf euch“, fügt meine Oma noch hektisch hinzu.

Weihnachten steht vor der Tür und ich werde auch in diesem Jahr von Haus zu Haus ziehen, um es meiner Familie und mir selbst recht zu machen. Noch vor der Bescherung werden meine Schwester und ich uns in die Kälte stürzen und über Stock und Stein zu unserem Vater eilen.

Kurz zu Papa, dann zurück zu Mama

Es ist nur ein großer Acker, der das Haus meines Vaters und seiner Frau von der Wohnung meiner Mutter trennt. Im Nullkommanix sind wir da. Meine Tante und ihr Freund sind bereits vor Ort. Wie immer beschenken wir uns alle gegenseitig. „Wir wollten uns doch dieses Jahr nichts schenken“, gilt erst recht nicht für uns Kinder.

Auch hier ist es gemütlich. Im Kamin lodern Flammen. Dazu hören wir das Beste aus der schier nie aufhörenden Plattensammlung meines Vaters. Von Bob Dylan über nischigen Jazz bis hin zum Thüringer Rennsteiglied ist alles dabei, was das Herz begehrt. Anschließend blättert mein Vater stolz durch ein Album mit gemeinsamen Urlaubsfotos. Zu mehr als Kuchen und Plätzchen greifen meine Schwester und ich aber nicht, denn richtig gegessen wird ja erst, wenn wir wieder bei unserer Mutter zu Hause sind. Nach ein oder zwei Stunden blickt mein Vater auf die Uhr und sagt: „Oh Kinder, die werden da drüben sicher schon unruhig“. Und auch seine Stimme klingt in meinen Ohren gedämpft.

Es kracht im Kopf

Es gibt Patchworkfamilien, in denen knallt es zur Weihnachtszeit lautstark. Vorwürfe, Beleidigungen und all das, was man dem Gegenüber schon letztes Weihnachten und die Weihnachten davor an den Kopf geworfen hat, werden ohne Schleifchen roh auf dem Tisch serviert. In meiner Familie blieb mir bislang der große Hauptgang erspart. Man respektiert sich. Und doch liegt eine stille Unzufriedenheit über dem Fest, die sich keiner wagt auszusprechen. Es gibt keine klaren Regeln, wann wer die Weihnachtstage bei welchem Elternteil verbringt. Stattdessen wird Jahr für Jahr recht kurzfristig entschieden, ob man sich am zweiten Feiertag nicht doch gemeinsam zum Mittag verabreden könnte.

Als Siebenjähriger wusste ich nicht so richtig, welche Konsequenzen die Trennung der eigenen Eltern hat. Nachdem mein Vater ausgezogen war, feierten wir noch ein paar Jahre weiterhin gemeinsam mit ihm Heiligabend, sangen und spielten Gesellschaftsspiele, als wäre nichts gewesen.

Heute ist es weniger die Nostalgie, die mich im Alter von 24 nachdenklich stimmt. Viel stärker ist das Gefühl, es allen recht machen zu wollen. Dem einen Elternteil nicht das Gefühl zu geben, dass es bei dem anderen heimeliger, wärmer, weihnachtlicher gewesen ist. Und auf die Frage „Und, wie war es?“ aufrichtig, aber nicht zu überschwänglich zu antworten.

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Die unbeschwerten Zeiten sind vorbei. Foto: Privat

Heiligabend kann mit oder ohne getrennte Eltern in allen erdenklichen Konstellationen gefeiert oder vergeigt werden. Und auch wenn es ein Privileg ist, zwei Bescherungen an einem Abend erleben zu dürfen, beschleicht mich der Gedanke, meine Schwester und ich müssten als eine Art Bindeglied funktionieren, um unsere Eltern nicht als Paar, aber als Eltern zusammenzuführen. Mehr als zehn Laufminuten sind es ja auch nicht, die sie physisch von einander trennen und dennoch fühle ich mich unserer gemeinsamen Zeit beraubt. Der gemeinsamen Zeit mit meiner Mutter und der gemeinsamen Zeit mit meinem Vater.