Ja, Deutschland hat ein Antisemitismusproblem. Das solltest du darüber wissen

Der Hass auf Menschen jüdischen Glaubens ist nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Deutschland verschwunden. Das Problem ist aktueller denn je.

Weltweit kam es zu Ausschreitungen, nachdem Trump Jerusalem letzte Woche als die Hauptstadt Israels anerkannte.

Weltweit kam es zu Ausschreitungen, nachdem Trump Jerusalem letzte Woche als die Hauptstadt Israels anerkannte. Foto: Marwan Naami/dpa

Antisemitismus ist ein Problem, mit dem wir in Deutschland auch heute noch zu tun haben. Vor einigen Tagen wurden in Berlin auf offener Straße israelische Flaggen verbrannt. Verschwörungstheorien rund um Israel und das Judentum boomen im Netz. Ebenfalls in Berlin wurde dieses Jahr der Fall eines 14-jährigen Jungens bekannt, der so lange aufgrund seines jüdischen Glaubens gemobbt wurde, bis seine Eltern ihn von der Schule nahmen. „Du Jude“ scheint an nicht wenigen Schulen ein gängiges Schimpfwort zu sein.

Was bedeutet Antisemitismus überhaupt?

Antisemitismus bezeichnet die Feindschaft gegen Jüd*innen allein aus dem Grund, dass sie dem jüdischen Glauben angehören.

Was bedeutet das konkret? Stell dir vor, du schlägst deinen jüdischen Mitschüler Johannes. Du wärst ein*e Antisemit*in, wenn du Johannes nur deshalb schlägst, weil er Jude ist.

Du bist kein Antisemit, wenn du ihn schlägst, weil er deine Mutter beleidigt hat und dafür auch gegen Stefan, Hassan und Benji vorgehst. Dann bist du höchstens noch ein Arschloch.

Wie klingt Antisemitismus im Jahr 2017?

Der Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestags, der im April 2017 vorgestellt wurde, enthält drei Kategorien:

1. Den klassischen Antisemitismus, der im Grunde diverse Verschwörungstheorien um Macht und Geld und Kindermorde beherbergt. Alles was mit den Rothschilds und dem Finanzjudentum zu tun hat, fällt in diese Kategorie. Ein typischer Satz lautet beispielsweise: „Juden haben zu viel Einfluss.“

2. Den sekundären Antisemitismus. Diese Form versucht, die Opfer-Täter-Rollenverteilung im Bezug auf den Holocaust zu relativieren und will einen Schlussstrich unter die deutsche NS-Geschichte setzen. Ein Satz, der in diese Kategorie fällt, wäre beispielsweise: „Es ärgert mich, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“

3. Den israelkritischen Antisemitismus. Ein Beispiel hierfür wäre der Satz: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Grunde auch nichts anderes als das, was die Nazis mit den Juden im Dritten Reich gemacht haben.“

Ist jede Israelkritik antisemitisch?

Nein. Aber schon mit der Frage ist man ins erste antisemitische Fettnäpfchen getreten. Israelkritik. Warum üben wir Israelkritik aber keine Italienkritik, Ägyptenkritik oder Chinakritik?

Der sogenannte 3D-Test ist ein Vorschlag von Natan Sharansky, um zu testen, ob Kritik an der israelischen Politik antisemitisch ist. Antisemitismus liegt für ihn immer vor, wenn die Kritik den Staat Israel

  1. dämonisiert
  2. delegitimiert und einen
  3. Doppelstandard an Israel anlegt.

Bedeutet: Wer Israel wie die Vorhölle auf Erden darstellt, das Existenzrecht abspricht oder nach einem anderen Maßstab bewertet als andere Nationen, äußert sich antisemitisch.

Wie groß ist das Problem in Deutschland?

Laut einer Umfrage von in Deutschland lebenden Jüd*innen aus dem Jahr 2016, halten 76 Prozent der Befragten Antisemitismus für ein großes Problem. Viele würden sich nicht mehr trauen, Symbole wie die Kippa, die ihre jüdische Identität zeigen würden, in der Öffentlichkeit zu tragen.

Dem steht die Meinung gegenüber, dass in Deutschland kaum jemand negativ gegenüber Jüd*innen eingestellt sei. Das glauben 77 Prozent aller Deutschen, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2013 zeigte. Wie der Spiegel berichtet, zeigten Untersuchungen aus dem Jahr 2012, dass 15 bis 20 Prozent der Deutschen latent antisemitische Haltungen hätten. Acht bis zehn Prozent der Deutschen äußerten sich in Umfragen offen antisemitisch, hielten Jüd*innen etwa für andere, schlechtere Menschen.

„Ein großes Problem ist die fehlende Einsicht in der Bevölkerung, dass Antisemitismus ein aktuelles Problem ist“, sagt Patrick Siegele, der an dem Antisemitismusbericht 2017 mitgearbeitet hat.

Und wenn doch mal über Judenhass geredet wird? Dann waren es meistens, klar, die Muslim*innen.

Ist Antisemitismus ein hauptsächlich muslimisches Problem?

Nachdem der US-Präsident Donald Trump vor wenigen Tagen Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, löste dies nicht nur eine eine Welle des Protests in den palästinensischen Gebieten aus. Auch in Berlin wurden aus Solidarität mit Palästinenser*innen israelische Flaggen verbrannt und antisemitische Parolen skandiert – überwiegend von jungen muslimischen Männern.

Warum sind es vor allem junge Muslim*innen, die in Berlin auf dem Pariser Platz demonstriert haben? Eine Erklärung dafür gibt der Ahmet Toprak, Professor an der Universität Dortmund, auf Zeit Online: „Es gibt viele Untersuchungen, die nachweisen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, insbesondere aber Muslime, Diskriminierungen, Benachteiligungen und Stigmatisierungen in Deutschland ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass junge Muslime sich in ihrer kulturellen Verortung häufig nur als Hybrid empfinden. Sie fühlen sich also halb deutsch und halb muslimisch.“

[Außerdem bei ze.tt: Kurz erklärt: Was es bedeutet, dass Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt]

„Aus diesem Spannungsverhältnis heraus kann es zur Bildung einer negativen Identität kommen: Minderwertigkeitsgefühle werden zu einem schlechten Selbstbild verinnerlicht und abweichendes Verhalten – wie etwa das Verbrennen von Israel-Fahnen – wird zur Lösungsstrategie eines bewussten oder unbewussten Identitätskonfliktes. Im Zweifelsfall neigen Betroffene dazu, sich mit den Schwachen, in diesem Fall mit den Palästinensern, die sie stellvertretend für alle Muslime sehen, zu solidarisieren.“

Aber Antisemitismus prinzipiell den Muslim*innen in die Schuhe zu schieben, ist schlichtweg falsch: „Nicht selten wird der Anschein erweckt, als seien ,die Muslime‘ die Hauptträger des Antisemitismus in diesem Land. Seit der Zuwanderung von Flüchtlingen sind solche Zuschreibungen noch einmal verstärkt wahrzunehmen. Das hat dazu geführt, dass der Rechtsextremismus als zentrales Milieu antisemitischer Inhalte in […] den Hintergrund getreten ist”, sagte Dr. Witzel, Mitglied des Expertenkreises Antisemitismus des Bundestags.

Wie sieht rechter Antisemitismus aus?

Insbesondere muslimische Verbände und Moscheegemeinden würden undifferenziert als Hort antisemitischer Agitation abgestempelt werden. Repräsentative Untersuchungen zu antisemitischen Einstellungen in muslimisch geprägten religiösen Milieus, die diese Vermutungen untermauern könnten, gäbe es bisher jedoch kaum, so der Expertenkreis Antisemitismus.

Mit der Alternative für Deutschland ist eine Partei in den Bundestag eingezogen, die eben mit diesen Vorurteilen Stimmung gegen die muslimische Bevölkerung macht.

Dabei haben mehrere Politiker in der AfD selbst mit antisemitischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht. Um nur einen Fall zu nennen: Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon bezeichnete laut Vice die zutiefst antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ als intellektuell „hochwertig, ja genial“ und behauptete, die Juden arbeiteten an der „Versklavung der Menschheit im messianischen Reich der Juden“. Gedeon ist nach wie vor Mitglied der AfD.

[Außerdem bei ze.tt: Björn Höcke hat jetzt sein eigenes Holocaust-Mahnmal vor dem Haus]

Der AfD-Spitzenpolitiker Bernd Höcke forderte im Bezug auf die deutsche Erinnerungskultur „nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. In derselben Rede nannte er das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“. Und das, obwohl der Antisemitismusbericht Bildung, vor allem Aufklärung über die nationalsozialistische Judenverfolgung, als eine der wichtigsten Maßnahmen gegen Antisemitismus ansieht. Politische Bildung müsse helfen, dem „unreflektierten Übernehmen“ von Vorurteilen entgegenzuwirken.

Gibt es linken Antisemitismus?

Antisemitische Positionen sind auch in der Linkspartei zu finden, in der einzelne Abgeordnete antisemitischer Verschwörungstheorien befürworten.

Schon mal was von Ken Jebsen gehört? Der ehemalige RBB-Moderator ist bekannt für seine Verschwörungstheorien, die er im Netz verbreitet. Er warf Jüd*innen unter anderem vor, in Palästina eine sogenannte Endlösung anzustreben. Am Donnerstag wurde er im Berliner Kino Babylon mit einem Preis für Engagierte Literatur und Publizistik ausgezeichnet, vergeben wurde der Preis von dem umstrittenen Blog Neue Rheinische Zeitung.

Der Linken-Politiker und Berliner Kultursenator Klaus Lederer hatte zunächst versucht, die Veranstaltung zu verhindern. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm und andere Linken-Politiker*innen hatten daraufhin gegen Lederers Intervention protestiert. Die Frankfurter Rundschau zitiert Dehm folgendermaßen: „Antisemitismus ist Massenmord und muss dem Massenmord vorbehalten bleiben.“ Bedeutet: Laut seiner Definition ist alles unter Massenmord kein Antisemitismus, nur legitime Israelkritik.

Es gilt aber festzuhalten, dass Meinungen wie die Dehms in der Linkspartei kein Konsens sind und von den meisten scharf verurteilt werden.

Was tun gegen Antisemitismus?

Hass gegen Menschen jüdischen Glaubens ist in Deutschland ein in vielen gesellschaftlichen Schichten verbreitetes Phänomen. Was lässt sich dagegen tun? Der Expertenkreis Antisemitismus empfiehlt, einen Antisemitismusbeauftragten einzusetzen. Darüber hinaus sei Bildung und Aufklärung ein wichtiger Fakt.

Überall finden sich Menschen und Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Problem anzuprangern. Beispielsweise der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen Volker Beck, der sich seit Jahren intentsiv um den öffentlichen Diskurs über Judenhass in Deutschland bemüht.

Oder auch die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die in der Zeitung Die Welt Muslim*innen dazu aufrief, sich gegen Judenfeindlichkeit einzusetzen. So wie Muslim*innen als Minderheit in Deutschland erwarten würden, dass andere sich für sie einsetzen, wenn sie diskriminiert werden, „müssen sie ihre Stimme viel lauter erheben, wenn Juden in unserem Land bedroht werden.“

Auch die Amadeu-Antonio-Stiftung kämpft seit Jahren gegen Antisemitismus in Deutschland. Mit verschiedenen Projekten versucht die Stiftung, Prävention zu leisten und die Wahrnehmung des Problems zu stärken. Auf der Website findet man auch Tipps, was jede einzelne Person gegen Antisemitismus tun kann.

Aber es gibt auch deutschlandweit viele kleine, außerparlamentarische Gruppen, die versuchen, über Antisemitismus aufzuklären. An der Freien Universität Berlin gibt es etwa die Hochschulgruppe Gegen jeden Antisemitismus. Die Studierenden organisieren regelmäßig Veranstaltungen, wie etwa Iran im Fokus: Antisemitismus in der islamischen Republik und beteiligen sich an Demos, etwa der Protestdemo gegen die Preisverleihung mit dem Verschwörungstheoretiker Jebsen am Donnerstag.