Warum Skifahren immer mehr zu einem Sport für Reiche wird

Skiurlaub zu machen, kostet viel Geld. Dabei müsste Skifahren für alle erschwinglich sein, findet unsere Autorin. Ein Kommentar

Wie Skifahren immer mehr zu einem Sport für Reiche wird

Rund 800 Euro kostet eine Woche in den Bergen für eine Person. Foto: Maarten Duineveld / Unsplash

Die Sonne kitzelt auf meiner Haut. Jeder Atemzug durchlüftet meine stadtverseuchte Lunge wie einen alten Teppich, der seit Jahren mal wieder ausgeklopft wird. Bei jedem Schwung ziehe ich neue Spuren im frischen Schnee und fühle mich ein kleines bisschen freier. Der Schnee knirscht laut unter meinem Board, während ich die Piste runterziehe. Nach jedem Sprung und folgendem Aufprallen am Boden macht mein Herz einen Sprung. Dieses Mal sehe ich den Schnee nicht nur flüchtig wie morgens auf dem Weg ins Büro, wo er sich längst schon wieder verabschiedet, obwohl ich ihn noch nicht mal begrüßt habe. Dieses Mal bleibt der Schnee und vor allem: Ich bleibe im Schnee. Einen Tag, mehrere Tage, vielleicht sogar eine Woche.

Skifahren ist für mich Freiheit, lässt mich den Schnee und die Natur fühlen und in erster Linie mich selbst dadurch wieder besser spüren. „Schifoan“ wie man es in Österreich im Dialekt nennt, „ist das leiwandste, was man sich nur vorstellen kann“, sang schon der österreichische Sänger Wolfgang Ambros und Tausende Menschen grölen den Refrain heute noch mit.

Mythos Skifahren, der österreichische Volkssport

Bäuer*innen fuhren bereits im 17. Jahrhundert die Berge auf so etwas wie Skiern herunter. Norweger*innen verbreiteten den Skisport in Europa. Parallel dazu entstanden die ersten Skivereine – in Deutschland 1891 in Todtnau, in der Schweiz 1893 in Glarus und in Österreich 1901 in St. Christoph am Arlberg. In den 1920er-Jahren erfuhr der alpine Skisport einen ersten großen Aufschwung. Durch Filme aus den Alpen kamen Berge und Schnee in das Kino und manche Menschen sahen zum ersten Mal Berge dieses Ausmaßes. Nach den beiden Weltkriegen investierten viele Länder in den Ausbau von Skipisten mit Seilbahnen und Skiliften und legten damit den Grundstein, dass Skifahren auch zum Breitensport werden konnte. Immer mehr Menschen begannen, die Piste runterzuwedeln – ob mit Ski oder Board.

Laut Statista waren 2017 und 2018 rund 14,6 Millionen Deutsche und etwa drei Millionen Österreicher*innen auf den Pisten. Beim Ski-Erlebnis geht es um weit mehr als nur den Sport, Wikipedia beschreibt es so: “Dabei steht weniger der Leistungsgedanke (wie beim Wettkampfsport Ski Alpin) im Vordergrund, sondern die Bewegungserfahrung, das unmittelbare Naturerlebnis, soziale Kontakte und, als vorwiegend österreichische Unterhaltungsform, das Après-Ski.” Skilaufen gehört also zu den österreichischsten Dingen, die man machen kann. Es ist Kulturgut, Volkssport und Tradition. Doch der Mythos ist längst weniger präsent. Seit vor über 20 Jahren die Schulskikurs-Pflicht in Österreich abgeschafft wurde, geht die Zahl der Neueinsteiger*innen konstant zurück. Nach einer Studie des Instituts meinungsraum.at fuhren 2013 nur noch 38 Prozent der Österreicher*innen zumindest gelegentlich Ski und nur 22 Prozent tun das jeden Winter.

Dass immer weniger Menschen Skifahren, liegt nicht (nur) am Gedränge, dem ständigen Schwitzen, dem andauernden Warten, den nervtötenden Tourist*innen, traumatisierend ehrgeizigen Eltern oder schlechtem Wetter – sondern am Geld. Auf die Frage, warum sie nicht mehr skifahren, nannte fast die Hälfte der Befragten der Studie die Kosten eines Winterurlaubs als Hauptgrund. Viele Menschen können sich Skifahren oder gar einen Skiurlaub einfach nicht mehr leisten. Ausrüstung, Tageskarte, Anfahrt und Unterkunft: Skifahren kostet viel Geld.

Wer kann sich Skiurlaub heute noch leisten?

„Es war immer schon ein Angebot für den gehobenen Mittelstand, etwa für das obere Drittel”, sagt Tourismusforscher Peter Zellmann der österreichischen Rechercheplattform addendum. Ganz so eindeutig ist das aber nicht, denn die Preise steigen unter anderem auch durch den Klimawandel. Da es immer weniger Schnee gibt, müssen immer mehr Pisten und Abfahrten künstlich beschneit werden. Das kostet. addendum hat sich im Detail angeschaut, wie sich die Preise verändert haben: Eindeutig teurer geworden sind die Liftkarten in Österreich. In Ischgl verteuerte sich die Tageskarte beispielsweise in den letzten 30 Jahren um 130 Prozent.

Und mit der Liftkarte allein ist es noch nicht getan: Ein hochwertiger Ski kostet gut 500 Euro, dazu kommen Skianzug, Unterwäsche, Helm, Brille und Handschuhe. „1.000 Euro für eine komplette Skiausrüstung sind folglich noch lange nicht die Nobelvariante, sondern eigentlich eher das unterste Limit“, heißt es auf dem Blog alpen-journal. Wer günstig im Voraus bucht, bekommt Ski, Schuh und Stöcke zwischen 20 und 50 Euro pro Tag. Das deutsche Skiportal Snowplaza hat errechnet, dass ein Skiurlaub in den Alpen für eine vierköpfige Familie samt Anreise, Unterkunft, geliehener Ausrüstung, Liftkarten und Skikurs für die Kinder im Februar zwischen 3.000 und 5.100 Euro kostet. Fährt man allein, muss man mit rund 800 Euro für eine Woche in den Bergen rechnen.

Obwohl sich immer weniger Menschen einen Skiurlaub leisten können, spitzt sich im Winter- und Skitourismus ein Trend zu mehr Luxus zu: Beheizte Lifte, Vier-Sterne-Skihütten, perfekte Pisten und neue Wellness-Hotels statt Selbstversorgerhütten. Die Pisten werden immer länger und perfekter. Die Gastronomie rund herum immer teurer. Um für den Luxus Abnehmer*innen zu finden, werben viele Regionen und Hotels mit Influencer*innen auf Instagram. Ihre Bilder sind nicht nur für leidenschaftliche Skifahrer*innen mit viel Ironie schwer zu verkraften:

Erinnerungen ans Skifahren

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an meinen Skikurs. Nicht nur, weil ich dort meinen ersten Kuss bekam und auch meine erste Beziehung in die Brüche ging, sondern weil wir viel Spaß hatten. Es war das Ereignis der Schulzeit. Auch wenn es das Gegenteil von Luxus war: Wir schliefen in einer alten Pension in Stockbetten zu sechst in einem Zimmer, aßen Buchstabensuppe und feierten in einem Aufenthaltsraum Themennächte, die wir nicht Partys nennen durften. Das Geld für den Skikurs und vor allem die Ausrüstung konnten alle Kinder aufbringen, weil es Förderungen gab. Das hat auch damit zu tun, dass ich ein privates Gymnasium besuchte. In meiner Klasse gab es damals kein einziges Kind mit Migrationsgeschichte. Alle von uns lernten Skifahren, bekamen Ausrüstung, es war eine Selbstverständlichkeit. Die meisten konnten Skifahren, bevor sie Fahrradfahren konnten.

Melisa Erkurt beschreibt in der österreichischen Stadtzeitung Falter, wie es sich anfühlt, als eines der wenigen Kinder mit Migrationsgeschichte im Skikurs zu sein und nicht Skifahren zu können. Während ihre Mitschüler*innen in den meisten Ferien und Feiertagen auf den Brettern standen, musste sie sich die rote Piste runterkämpfen. Denn ihre bosnischen Eltern konnten weder Skifahren, noch hätten sie es sich leisten können, wie sie erzählt.

Skifahren symbolisierte damals für mich etwas, das nur echten Österreichern vorbehalten war.

Melisa Erkurt

Dieses Jahr gab die Journalistin und Lehrerin dem Skifahren noch eine Chance und genoss es. “Ich fühlte mich mutig, frei, angekommen und vor allem – so richtig österreichisch”, schreibt sie. Trotzdem mache es sie traurig, dass es so vielen Kindern anders ergehe und sie davon ausgeschlossen seien.

Es braucht mehr Inklusion im Skisport!

Skifahren ist ein sozialer Sport, der Spaß macht und verbindet – oder besser gesagt sollte es sein. Wenn Preise immer weiter steigen, Tourismusregionen immer teurer und exklusiver werden, es immer weniger Schnee und damit weniger Regionen zum Skifahren gibt, entwickelt sich das Skifahren zu einem Sport nur für Reiche. In den USA ist das bereits der Fall. Im Skigebiet Aspen kostet ein 6-Tages-Skipass stolze 894 Dollar, umgerechnet sind das in etwa 759 Euro.

Damit die Skipreise nicht weiter steigen, wäre es wichtig, dass die Skigebiete nicht immer weiter ausgebaut werden. Niemand braucht noch längere Abfahrten, noch modernere Lifte oder eine Luxus-Skihütte für die Mittagspause. Eine Reduktion all des Luxus würde nicht nur der Umwelt guttun, sondern auch den Preisen. Ich fahre lieber den Hang mit einem alten Sessellift und dafür leistbar rauf. Zudem braucht es mehr Angebote speziell für Familien. Manche Skigebiete bieten bereits ermäßigte Tickets an, doch um den Skiurlaub für Familien wieder leistbar zu machen, müssen auch die Unterkünfte in den Skigebieten sowie die Verpflegung günstiger werden. Kurz gesagt, es braucht einfach mehr Inklusionsgedanken im Wintersport.

Gerade weil Skifahren in Österreich Tradition hat und von vielen immer noch als Volkssport gesehen wird, finde ich es wichtig, dass dieser nicht nur Privilegierten der oberen Mittelschicht vorbehalten ist. Skifahren muss wieder erschwinglich werden, damit alle Kinder, die es wollen, zum Beispiel in den Skikurs fahren können und nicht nur die „echten“ Österreicher*innen, wie Melisa Erkurt schrieb. An dieser Stelle kann ich nicht anders und muss noch einmal Wolfgang Ambros zitieren, er singt: “I steh‘ am Gipfel, schau‘ obe ins Tal. A jeder is glücklich, a jeder fühlt sich wohl.” Damit dieser Moment bei allen eintreten kann, die auf die Piste wollen, muss das Skifahren auch bezahlbar sein und zwar für “a jeden” und “a jede”, weil „Schifoan ist das leiwandste, was man sich nur vorstellen kann“.


„Was geht mit Österreich?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich unsere Korrespondentin und Exil-Österreicherin Eva Reisinger in ihrer Serie. Sie lebt halb in Berlin und halb in Wien und erzählt euch, was ihr jeden Monat über Österreich mitbekommen müsst, worüber das Land streitet oder was typisch österreichisch ist. Wenn du unseren Österreich-Newsletter abonnierst, bekommst du ihn alle zwei Wochen in dein Postfach.