Wie Trans*studierende an deutschen Unis diskriminiert werden

Welche Toilette nutzen? Und immer wieder mit falschem Namen angesprochen werden: Für Trans*studierende ist das an deutschen Hochschulen Alltag. Warum ändert sich daran nichts?

Die sexuelle und geschlechtliche Identität von Studierenden sollte keine Rolle spielen – an vielen Hochschulen ist das aber leider nicht der Fall. Foto: © Emre Gencer / Unsplash

Emilio* studiert Umweltmonitoring an der HTW Dresden, ist 22 Jahre alt und transsexuell. Eigentlich macht ihm sein Studium Spaß – allerdings kommt er immer wieder in Situationen, die dafür sorgen, dass er sich nicht komplett wohl fühlt an seiner Hochschule. Dass er weiterhin mit weiblichem Namen gelistet wird, auch wenn auf seinen Ausweispapieren mittlerweile der männliche steht, ist einer der Gründe für sein Unwohlsein.

In Deutschland regelt das umstrittene Transsexuellengesetz, wie Trans*menschen ihren Namen und ihr Geschlecht offiziell anpassen lassen können. Dahinter steht ein oft jahrelanger Prozess, bei dem die jeweiligen Personen beweisen müssen, dass sie sich im falschen Körper fühlen. Erst nach einer Untersuchung durch Psycholog*innen und Ärzt*innen kann ein Gericht eine Personenstandsänderung bestätigen und damit Namen und Geschlechtszugehörigkeit ändern. Kritiker*innen bemängeln das fehlende Recht auf Selbstbestimmung, das betroffenen Personen durch das Transsexuellengesetz abgesprochen wird. Sie fordern, dass jeder Mensch selbst über das eigene Geschlecht bestimmen können muss.

Namensänderung als Spießrutenlauf

Wer sich an einer deutschen Hochschule oder Universität einschreibt, muss es unter dem Namen und dem Geschlecht tun, die auch in seinen oder ihren Ausweispapieren stehen. Als Emilio sich immatrikuliert, ist sein Personenstand noch nicht offiziell geändert. Obwohl er zu dem Zeitpunkt schon als Transmann lebt, wird Emilio deshalb als Frau zum Studium zugelassen.

Direkt im ersten Semester wendet er sich an das Studiensekretariat. Da seine Kommiliton*innen nicht wissen, dass er transsexuell ist, befürchtet Emilio, von den Professor*innen mit falschem Namen aufgerufen und so zwangsgeoutet zu werden. In einer langen Mail erklärt er seine Situation und bittet darum, zumindest auf den Listen, die den Profs vorliegen, mit männlichem Namen aufgeführt zu werden. „Mir war schon klar, dass ich keinen neuen Studienausweis bekommen würde, denn meine Namensänderung war zu dem Zeitpunkt noch nicht komplett durch“, erklärt Emilio. Doch trotz der schwierigen Situation zeigte sich seine Hochschule wenig hilfsbereit. „In einer knappen Mail wurde mir mitgeteilt, dass das nicht möglich sei. Zusätzlich wurde ich darin mit weiblichem Namen angesprochen, obwohl ich erklärt hatte, nicht mehr so heißen zu wollen.“

Intoleranz und Unverständnis

Emilios Geschichte ist bei weitem kein Einzelfall. Die Computersysteme an vielen Universitäten sind veraltet, sodass sie die eigentlich unkomplizierte Änderung des Namens und des Geschlechts in den Personaldaten nicht zulassen. Für Trans*studierende wie Emilio bedeutet das, sich immer wieder erklären zu müssen. Das habe für ihn vor allem zu Beginn des Studiums zu einer Reihe unangenehmer Situationen geführt. „Wenn mein weiblicher Vorname vorgelesen wurde, habe ich mich nie gemeldet, sondern musste immer nach der Stunde nach vorne gehen und die Situation aufklären.“ Er erklärt, dass die wenigsten seiner Professor*innen vorher schon einmal mit dem Thema Transsexualität konfrontiert gewesen wären. „Sie haben dennoch relativ entspannt reagiert und glücklicherweise auf mich Rücksicht genommen.“

[Außerdem auf ze.tt: Hört auf, bei Trans*menschen immer nur an schillernde Dragqueens zu denken]

Mittlerweile ist die Personenstandsänderung bei Emilio komplett durch, inklusive neuem Studienausweis. Die Namensproblematik hat sich dennoch nicht verbessert: „Seit anderthalb Jahren habe ich einen neuen Namen, aber auf den Listen stehe ich immer noch mit dem falschen. Ich habe schon mehrere Mails geschrieben – aber es passiert nichts.“ Seine Stimme klingt verärgert und gleichzeitig enttäuscht. Er hat nicht das Gefühl, dass sich an seiner Hochschule jemand um Verbesserungen bemüht.

Sucht man auf der Website der HTW Dresden nach den Begriffen Transsexualität oder Transgender, erhält man keine Suchtreffer. Auf Nachfrage erklärt die Pressestelle der Hochschule: „Jede Studentin und jeder Student, der sich in Bezug auf ihr/sein Geschlecht in irgendeiner Weise diskriminiert fühlt, kann und soll sich bitte unbedingt an die Gleichstellungsbeauftragten der Fakultäten oder die zentrale Gleichstellungsbeauftragte wenden. Hier können die Probleme vertraulich besprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.“

Initiativen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung

Vereine und Initiativen versuchen, die Situation für Trans*studierende zu verbessern. Abhilfe soll der sogenannte dgti-Ergänzungsausweis schaffen, der zusätzlich zu staatlichen Personalpapieren beantragt werden kann. 2017 wurde er von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. vorgestellt und enthält alle selbstgewählten personenbezogenen Daten sowie ein aktuelles Passfoto, sodass keine Diskrepanz zwischen den Papieren und der Person bestehen bleibt. Damit sollen Trans*personen auch schon einen neuen Studierendenausweis beantragen können, wenn die Personenstandsänderung noch nicht durch ist. Die meisten Universitäten akzeptieren den Ergänzungsausweis bis jetzt jedoch nicht.

Auch All-Gender-Toiletten gibt es bisher nur an wenigen Universitäten. Sie stehen allen Menschen offen, unabhängig der geschlechtlichen Identität. Dabei sind von fehlenden Toilettenangeboten nicht nur Trans*personen betroffen, sondern alle, die sich nicht klar entweder dem männlichen und weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Emilio ging schon auf die Männertoilette, bevor er mit der Testosteron-Therapie begonnen hatte. „Auf der Männertoilette ist es für mich nie zu einer unangenehmen Situation gekommen, aber aus der Frauentoilette wurde ich mehrfach rausgeschickt.“ Die All-Gender-Toiletten würden solchen Situation vorbeugen – wer sie besucht, muss nicht den binären Geschlechtszugehörigkeiten entsprechen.

Ausziehen in der Öffentlichkeit

Schwierig wird es bei Umkleidekabinen. Beim Umziehen fallen körperliche Unterschiede schnell auf, weshalb viele Trans*studierende das Fitnessstudio und den Unisport meiden. Lange hat sich Emilio zu Hause umgezogen, wenn er mit Kommiliton*innen zusammen Sport machen wollte. Zum Schwimmen geht er weiterhin ungern. Er spricht von Komplexen, die er entwickelt habe: „Gerade das Ausziehen in der Öffentlichkeit fällt mir einfach weiterhin schwer.“

Die Lösungen für solche Probleme liegen nicht immer auf der Hand. Gerade deshalb kämpfen Aktivist*innen für Räume, in denen Diskussion und Austausch möglich werden. Wenn die Probleme und die Lebensrealität von Trans*studierenden am Campus nicht ernst genommen werden, werden diese Personen im Zweifelsfall aus dem Universitätsalltag verdrängt. Dass es bisher keine verlässlichen Zahlen und Studien zu Trans*studierenden und ihrer Erfahrung mit Diskriminierung gibt zeigt, dass diese Thematik weiterhin zu wenig öffentliches Interesse bekommt.

* Name geändert