Wie Unternehmen vorgaukeln, queere Menschen wertzuschätzen

Während des Pride Month gibt es überall Regenbogenartikel zu kaufen. Wer glaubt, damit sei was für die LGBTQ-Community getan, irrt sich gewaltig. Ein Kommentar

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Eine Fast-Food-Kette wirbt zum Pride Month mit einem schwulen Paar. Screenshot: Burger King Deutschland / YouTube

„Hast du schon die neuen Tüten von Ikea gesehen?“, fragte mich vor einigen Wochen ein Freund. Nee, hatte ich nicht. „Die haben jetzt ihre großen Tüten als Regenbogenversion im Verkauf – das ist mega toll, schau mal.“ Und prompt hatte ich einen gegoogelten Packshot vor der Nase. Tatsächlich war ich sofort Feuer und Flamme und stiefelte mit meinem Mann ein paar Tage später in das große Einrichtungshaus in Tempelhof: auf der Suche nach der Regenbogentüte. Ich kaufte gleich mehrere, man weiß ja nie. Pride und so. 1,99 Euro ist ja auch ein guter Preis, der tut in keiner Geldbörse weh.

Ja, wir Queers und unsere Regenbogenflagge, wir lieben sie schon sehr. 1978 wurde die von Gilbert Baker zum ersten Mal als Symbol der LGBTQ-Community aus der Taufe gehoben. Seitdem tragen wir die Flagge mit Stolz und Ehrfurcht, sie ist das verbindende Element unserer doch sehr divers aufgestellten kleinen Randgruppe – dort ganz weit hinten, wo das angeblich Normale für Familie Schmidt aus Hinterfotzingen aufhört. Als ich mir meine erste Flagge für einen CSD kaufte, ich erinnere mich noch an das schöne Gefühl im Bauch … Egal, ich schweife ab, der alternde Transvestit wird nostalgisch.

Nach meiner Shoppingtour bei Ikea gingen einige Wochen ins Land und ich kam doch sehr ins Stutzen, dass nach und nach sämtliche Labels irgendwas Beschissenes mit Regenbogen in den Verkauf brachten. Ob Nike, H&M, Primark, Levi’s, DKNY, ja sogar Disney – aber auch wirklich alle sprangen nach und nach auf den Zug auf, ihr Sortiment um Regenbogenartikel zu erweitern. Wenn ich denn wollte, ich könnte mir jetzt auch mit einer Pride-Mundspülung von Listerine den Zahnbelag weggurgeln.

Das ist eigentlich schon Satire, aber leider ernst gemeint.

Noch nie habe ich so viele lesbische und schwule Testimonials in den Kampagnen großer Konzerne gesehen. Burger King zum Beispiel wirbt gerade mit einem schwulen US-amerikanischen Paar, das nach Deutschland fliegt, um endlich zu heiraten. Zur Feier des Tages presst der Fast-Food-Konzern aus einem Whopper einen Diamanten, der in die Trauringe eingearbeitet wird. Das ist eigentlich schon Satire, aber leider ernst gemeint.

Jetzt mag der*die eine oder andere Lesende meinen, dass das doch total gut sei. Endlich seien Queers mal im Mainstream präsent. Wir würden als Teil der Gesellschaft wahrgenommen und eingegliedert, dafür hätten wir doch seit Jahrzehnten gekämpft. Akzeptanz statt Toleranz. Hm, ja und nein. Das Argument ließe ich bei öffentlichen Einrichtungen gelten, Kindergärten oder Altenheimen zum Beispiel. Rathäuser sind zur Pride-Saison beflaggt, finde ich gut und richtig, meinetwegen können die das auch dauerhaft machen. Die Liste der Dinge, bei denen wir noch lange nicht gleichberechtigt sind, ist lang und sprengt hier den Rahmen.

Wenn aber Nike Regenbogen-Badelatschen ins Schaufenster stellt, ist das ein rein kapitalistischer Vorgang. Pinkwashing nennt man sowas. Uns Queers soll vorgegaukelt werden, dass der Modekonzern uns liebt und wertschätzt. Das gibt uns ein positives Gefühl und stärkt die Markenbindung. Das fördert aber nur eines: den Profit, denn Kaufkraft ist ja da. Das ist wie mit den ganzen Bioprodukten und veganen Fleischersätzen. Ob das alles genauso schön grün ist, wie es auf der Packung steht, das weiß noch nicht mal die Helikoptermutter aus Prenzlauer Berg. Ausnahmen bestätigen die Regel. Natürlich sind die meisten Marken nur in den Ländern so aggressiv queerfreundlich, in denen das auch erlaubt ist. Da, wo man fürs Homosein noch Stockhiebe bekommt, würde sich der Verkauf ja nicht lohnen. Logisch.

Die meisten Marken sind nur in den Ländern so aggressiv queerfreundlich, in denen das auch erlaubt ist.

Wenn ich radikal sein wollte, ich würde den Begriff der Kulturellen Aneignung in den Raum werfen. Das Fass mache ich aber nicht auf. Ich beobachte den ganzen Vorgang aber argwöhnisch. Ich fühle mich als schwule, stolze öffentliche Person irgendwie benutzt. Das ist natürlich persönliche Befindlichkeit. Meine Regenbogentüte liegt tatsächlich noch unbenutzt im Schrank. Ich bin bockig und will da jetzt nicht mehr mitmachen. Wahrscheinlich sollen die ganze Pride-Produkte eh nur die Lücke zwischen Ostern und Halloween schließen.

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