Wie viel Widerstand steckt noch in der Body-Positivity-Bewegung?

Auf Instagram gibt es mittlerweile mehr als 3,6 Millionen Posts zum Thema #bodypositivity. Doch wie steht es um die Bewegung, der es mal darum ging, dass alle Körper akzeptiert werden?

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"Frauen wie Ashley Graham werden zu Aushängeschildern der Bewegung gemacht, während dicke Frauen oder solche mit dunklerer Haut wiederum unsichtbar und stigmatisiert werden", sagt Forscherin Elisabeth Lechner über Body Positivity. Foto: © ANGELA WEISS/AFP/Getty Images

Body Positivity ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Seit mittlerweile sechs Wochen steht mit Lizzo eines der prominentesten Gesichter der Bewegung auf Platz 1 der US Billboard Charts. Die Netflix-Serie Glow startete am 9. August in ihre 3. Staffel. Das Hashtag #bodypositivity bietet der Bewegung auf Instagram mit mehr als 3,6 Millionen Posts eine riesige Plattform.

Aber nicht nur in den sozialen Medien und in der Popkultur ist das Hashtag an vielen Stellen anzutreffen, sondern auch in der kritischen Kulturwissenschaft. Seit 2015 forscht Elisabeth Lechner, Doktorandin am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien, über Körperideale und Body Positivity.

Während sie sich in ihrer Forschung zunächst mit Lena Dunhams Girls und Charlotte Roches Feuchtgebiete beschäftigte, hat sich ihr Fokus nun auf die Body Positivity als Bewegung verschoben. Somit bestimmen nun die Fragen, wie sich in sozialen Medien Communitys rund um die zentralen Figuren und die stark polarisierenden Texte bilden, ihren Forschungsalltag.

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Elisabeth Lechner erforscht die Sichtbarkeit und Popularität von sogenannten ekligen weiblichen Körpern in der Popkultur und der Body-Positivity-Bewegung in sozialen Medien. Foto: © Barbara Maly-Bowie

ze.tt: Elisabeth, wie würdest du Body Positivity in zwei Sätzen beschreiben?

Elisabeth Lechner: Body Positivity ist eine Bewegung, die sich in ihrer radikalsten und kritischsten Form dafür einsetzt, dass alle Körper akzeptiert werden, wie sie sind, und dabei gleichzeitig die komplexen Strukturen aufzeigt, die Schönheitsideale und Körpernormen überhaupt erst hervorbringen. Die Bewegung hat vor allem über soziale Medien mit den drei Bereichen der Fat Acceptance, dem Menstrual und Body Hair Activism mittlerweile den popkulturellen Mainstream erreicht – oft ist aber von den radikalen Ursprüngen der Body Positivity nicht mehr viel übrig.

Ein großer Teil der Bewegung spielt sich ja mittlerweile auf Instagram ab. Meinst du mit „nicht mehr viel übrig“, dass Body Positivity durch den immer größer werdenden Trend – gerade in sozialen Medien – an kritischer Durchschlagskraft verliert?

Diese Frage erinnert mich an die oft geführten Diskussionen rund um Popfeminismus. Können einfache, kurze und unterhaltsame Posts mit feministischen Inhalten, die vielleicht wegen ihrer Kürze und leichten Konsumierbarkeit auch Leerstellen beinhalten, Menschen zum Feminismus und einer vertieften Auseinandersetzung mit diesen Themen bringen? Sind sie schädlich für feministische Bewegungen als Ganzes, weil sie so leicht vereinnahmt werden können? Die Antwort auf diese komplizierten Fragen muss wohl jede*r für sich selbst ausloten. Accounts wie effyourbeautystandards oder bodyposipanda von Megan Jayne Crabbe schaffen es durchaus, Unterhaltung, Empowerment, bewegende Geschichten und Systemkritik gleichzeitig zu verbreiten.

Ich finde, generell hat jede*r das Recht, zu äußern, sich im eigenen Körper unter dem gegebenen Schönheitsdiktat nicht wohlzufühlen, mit sich und dem eigenen Körperbild zu hadern. Ich halte es aber für problematisch, wenn sich beispielsweise weiße, schlanke Frauen ins Zentrum der Bewegung katapultieren, ohne die eigene privilegierte Position zu reflektieren. Denn es sollten jene im Mittelpunkt der Bewegung stehen, die von lookistischer Diskriminierung (Anm. d. Red. lookistisch = auf das Erscheinungsbild bezogen) am meisten betroffen sind und dadurch vom Mainstream-Diskurs ausgeschlossen werden.

Wenn sich die gesellschaftlichen Schönheitsvorstellungen öffnen, wird nun immer mehr Menschen der Druck auferlegt, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Was ist deine Einschätzung dazu?

Ich finde, das ist ein spannender Punkt. Diese Extensivierung des Schönheitsdrucks, wie Ana Sofia Elias und ihre Kolleginnen die Ausbreitung des Schönheitsdrucks in ihrem Buch Aesthetic Labour nennen, betrachte ich sehr kritisch. Schönheitsideale werden auf immer neue Bereiche, wie der thigh gap und die Vulvalippen, ausgeweitet. Auch Männer sind stärker vom Schönheitsdruck betroffen. Gleichermaßen kann es auch sehr ermächtigend wirken, wenn Menschen sich selbst als schön bezeichnen können und durch ihren Aktivismus die engen – oft rassistischen, sexistischen und ableistischen – Grenzen von Schönheitsvorstellungen verschieben. Dieses Bestreben ist mehr als verständlich, wenn man bedenkt, dass diese Menschen ihr Leben lang als hässlich oder eklig beschimpft wurden.

Außerdem belegen empirische Studien, dass Schönheit einen Marktwert hat. Wer als schön gilt, wird eher befördert, findet eher eine*n Partner*in, verdient mehr et cetera. Ständiges Body Shaming kann zum Rückzug aus dem sozialen Umfeld und zu schweren Erkrankungen führen. Wenn die Bewegung dazu beitragen kann, dass immer mehr Menschen Schönheit als kapitalistisch-patriarchales Konstrukt weißer Überlegenheit kritisieren und sich selbst nicht darüber definieren lassen, kann ich das nur feiern.

Es springen auch mehr und mehr Unternehmen auf die Bewegung auf und versuchen, sie für sich zu vereinnahmen. Wollen diese nicht einfach nur den eigenen Markt erweitern, indem sie auch Menschen inkludieren, die vorher vom Schönheitsdiskurs ausgeschlossen waren?

Auf jeden Fall! Gerade das Erschaffen neuer, aber immer noch exklusiver Schönheitsstandards gilt es ständig zu hinterfragen. Vor allem, wenn es sich dabei um Models wie Ashley Graham mit einer perfekten Sanduhrfigur – also einem ausladenden Busen und Hintern, aber einem ganz flachen Bauch und einem schlanken Gesicht – handelt. Diese werden zu Aushängeschildern der Bewegung gemacht, während dicke Frauen oder solche mit dunklerer Haut wiederum unsichtbar und stigmatisiert werden. Auch wenn Models wie Graham für den Plus-Size-Fashionmarkt viel getan haben, halte ich diese Schieflage für sehr problematisch.

Kannst du kurz erklären, weshalb du in diesem Kontext auch auf dunklere Haut verweist?

Es gibt ja viele Dimensionen, auf die sich die Body Positivity bezieht. Es geht nicht ausschließlich um Fat Acceptance, sondern eben auch gegen Colorism, der Women of Color mit sehr dunkler Hautfarbe noch weniger Platz im Diskurs zuspricht als anderen People of Color. Body Positivity ist als inkludierende Bewegung zu verstehen, in der jede*r sich betroffen Fühlende einen Platz findet. So fallen eben auch Menstrual, Body Hair oder Disability Activism darunter. Das bedeutet für mich, dass die intersektionalen Dimensionen der Body Positivity dieser Bewegung eine unvergleichbare Relevanz und Tiefe geben.

Aber wie ist denn diese Verknüpfung eines kapitalistischen Systems mit dem einer Bewegung gegen lookistische Diskriminierung in Einklang zu bringen?

Gar nicht – aber wenn Unternehmen mitbekommen, dass mit aktivistisch gefärbter Werbung und Empowerment gerade Geld zu verdienen ist, tun sie das. Andi Zeisler nennt diese ambivalenten Werbestrategien Femvertising und fasst sie in ihrem Buch We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement so zusammen:
„Nach Jahrzehnten, in denen Frauen für ihre Rechte gekämpft haben, war das der große Durchbruch der Werbebranche: Schaff es, dass Frauen sich nicht schlecht fühlen und es ist wahrscheinlicher, dass sie dein Produkt kaufen.“

Als Beispiel kann ich hier Dove und ihre berühmte Campaign for Real Beauty nennen. Sie waren in den 2000er Jahren die ersten, die auf mehr Diversität in ihrer Werbung gesetzt haben und das auch bis heute tun. Gleichzeitig verkaufen sie noch immer Produkte gegen vermeintliche Makel wie Cellulite, fallen immer wieder mit rassistischen Werbungen auf und gehören strukturell zum Unilever-Konzern, der unter anderem in Asien Whitening Creams verkauft. Dove wird als die eine Firma wahrgenommen, der Frauen vertrauen können, doch ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht ohne die Unsicherheiten ihrer Kundinnen, die sie trotzdem reproduzieren, jetzt allerdings um einiges subtiler.

Siehst du in der Body Neutrality als alternativer Bewegung fernab des Schönheitsdrucks einen Ausweg aus dem Dilemma?

Während Body Positivity sagt „Alle Körper sind gut und schön!“ und kritisiert, wer warum als schön gilt, fordert Body Neutrality einen neutraleren Umgang mit dem eigenen Körper und postuliert „Wir sind mehr als Schönheit“. Dabei geht es um scheinbar einfache Dinge. Den Körper als solches anzunehmen. Sich nicht immer positiv fühlen zu müssen in Bezug auf das eigene Körperbild. Dankbar dafür zu sein, dass einen der Körper durchs Leben trägt.

Für mich bleibt Body Neutrality einstweilen aber noch Utopie. In lookistischen Gesellschaften werden Menschen nach ihrem Aussehen beurteilt. Bis wir gesamtgesellschaftlich an einem Punkt ankommen, an dem Aussehen keine Bedeutung mehr hat, wird es noch lange dauern. Als Weg zu einem entspannteren Umgang mit dem eigenen Körper ist Body Neutrality aber eine großartige Ergänzung zur Body Positivity in ihrer ursprünglichen radikalen Form. Einerseits müssen exklusive Schönheitsstandards kritisiert werden, andererseits aber auch darauf gepocht werden, dass gerade Frauen mehr sind als ihre Körper und ihr Aussehen. Ich halte daher beide Bewegungen – vor allem wie sie sich gegenseitig ergänzen – für sehr wichtig.

Du beschäftigst dich im Rahmen deiner Doktorarbeit ja mit sogenannten ekligen weiblichen Körpern. Diese existieren in der Populärkultur neben den gesellschaftlich akzeptierten Körpernormen. Gibt es Beispiele dafür, dass dieses Empowerment auch außerhalb der eigenen Nische angekommen ist und Schönheit wirklich neu gedacht wird?

Definitiv! Die heutige Popkultur ist voll von Körpern, die vor nur fünf Jahren keine Chance im Mainstream gehabt hätten. Wenn auch Kritik an ihrer Person und ihren Arbeiten angebracht ist, hat Lena Dunham mit ihrer HBO-Serie Girls einen großen Teil dazu beigetragen, dass Body Positivity nun so zentral im öffentlichen Diskurs vertreten ist. Es folgten unzählige Shows wie Broad City oder Shrill, die das Stigma noch weiter aufgebrochen haben. Auch Comedy-Specials wie Growing von Amy Schumer wären in ihrer Radikalität bis vor kurzem noch nicht möglich gewesen. Immer mehr werden Körperbehaarung und Menstruation ohne Stigma thematisiert und dicke Schauspieler*innen dürfen in ihren Rollen mehr sein als nur lustig. In der Musik ist mit Lizzo der neue Star am Pophimmel auch zu einer Ikone der Body Positivity auserkoren worden. Ein weiteres Beispiel wäre hier noch Alyona aus der Ukraine.

Leider gibt es immer noch sehr viel Gegenwind. Das schwedische Model Arvida Byström erhielt beispielsweise Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, weil sie sich für eine Adidas-Werbung mit unrasierten Beinen ablichten ließ.

Auch wenn sich die Grenzen um Schönheitsideale langsam verschieben, gibt es also immer noch Menschen, die nicht damit umgehen können, wenn Frauen selbst bestimmen, wie sie ihre eigene Schönheit definieren und leben.

Viele Influencer*innen, hinter denen indigene Personen und Gruppen aus dem sogenannten angloamerikanischen Raum stehen, verweisen explizit und mit Stolz auf ihre dicken Körper, um sich so von weißen Schönheitsidealen abzugrenzen. Kommt es im Zuge der Body Positivity nicht auch zu einer Kolonialisierung des Schönheitsdiskurses?

Schönheit ist in Wahrheit ein kapitalistisch-patriarchales Konstrukt weißer Überlegenheit. Ich habe schon erklärt, dass in lookistischen Gesellschaften Schönheit aber einen Marktwert hat und es nach wie vor entscheidend ist, ob man als schön gilt oder nicht. Das heißt, oft sind zum Beispiel Schwarze Menschen durch ihre Hautfarbe oder Haarstruktur per Definition von der Kategorie schön ausgeschlossen, was ihnen in unserer Gesellschaft Nachteile bringt. Auch die hohen Verkaufszahlen von Whitening Creams in Asien oder vorgenommene Augenlid-Operationen machen deutlich, wie sehr Schönheitsideale sich an den kolonialen Standards des Westens orientieren.

Schönheit als unerreichbares Ziel dient vor allem der Unterdrückung von Frauen. All das Geld, die Zeit und die Energien, die wir in Schönheitsarbeit stecken, wären besser in Aktivismus und andere ehrenamtliche Tätigkeiten investiert. Also nie vergessen: „Riot – Don’t Diet!“