Wie Wien zum Hotspot für Street-Art wurde

Die Stadt von Klimt und Schiele gilt oft als Metropole der klassischen Kunst und großen Kulturinstitutionen. Aber seit einigen Jahren wird Wien immer mehr zum gefragten Street-Art-Hotspot.

Es ist Sommer in Wien und die Mittagshitze bringt den Beton am Donaukanal zum Flirren. Doch Saek hat schon begonnen zu arbeiten. Der Berliner ist mit Spraydosen, Campingstuhl und einer Packung Mannerschnitten ausgestattet. Denn unter einer der zahlreichen Brücken am Donaukanal soll sein neuestes Graffito entstehen. Saek kommt oft hierher. Warum? „Weil man hier legal sprayen kann. Und die Atmosphäre ist der Hammer.“

Der Donaukanal

Saek ist nicht alleine. Die Wände zwischen Technoclub und Badeschiff ändern ihren Anstrich so oft, dass man kaum den Überblick behält. Denn der Donaukanal ist, neben Naherholungsgebiet und Fortgehmeile, eine einzige ausgedehnte Freiluftgalerie für Street Art und Graffiti. Auch wenn hier nicht alle Flächen legal sind, ziehen die bunt besprühten Dockwände viele Künstler*innen an. Der Donaukanal ist somit einer der Gründe, warum Street Art und Graffiti in Wien boomen.

Von den 1980ern bis heute

Seit den Anfängen in den 1980er-Jahren machen sich österreichische und internationale Sprayer*innen und Street Artists in Wien einen Namen. Eine von ihnen ist Chinagirl Tile. Die österreichische Künstlerin arbeitet vor allem mit Keramik. Ihre Werke, die von Pop Art inspiriert sind, finden sich von Japan bis Kolumbien. Sie kennt aber auch die Wiener Szene und weiß, welche Entwicklungen die Stadt in Sachen Street Art weitergebracht haben.

Legale Wände in Wien

Laut Chinagirl Tile nimmt Wien im Kampf um legale Wände eine Vorreiterrolle ein. Denn wer in Wien auf Wänden im öffentlichen Raum malen will, muss nicht immer die Zustimmung von Besitzer*innen einholen. Die Initiative Wienerwände stellt auf ihrer Webseite eine Liste mit legalen Flächen zur Verfügung, was die Arbeit von Street Artists und Graffiti-Künstler*innen wesentlich erleichtert. „Das gibt’s in der Form in keiner anderen Stadt,“ so Chinagirl Tile.

Street-Art-Festivals

Auch Festivals sind ein Grund, warum Street Art in Wien floriert, erzählt die Künstlerin Frau Isa. „Durch Street-Art-Festivals wird es interessanter für die Öffentlichkeit und die Wände werden schneller genehmigt. Früher war das ein langer Prozess.“ Neben ihrer Tätigkeit als Illustratorin malt Frau Isa schon seit einigen Jahren auf großen, öffentlichen Flächen. Zum Teil verdankt sie diese Möglichkeit den Festivals, die mit Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlungsprogrammen auf Street Art aufmerksam machen und damit legale Flächen generieren.

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Links: Helmut Kand und die ‚Mauersegler‘ (Kurt Neuhold, Arturo Peña-Velarde, Christine Ulm „Des Malers Sechste“), rechts: Stinkfish, RUIN; kuratiert von Calle Libre – Austrian Street Art
© privat

Ein solches Projekt ist das Calle Libre Festival. Seit 2014 bemüht sich der Gründer Jakob Kattner um einen regen Austausch mit der Bevölkerung – mit Workshops, Vorträgen, geführten Street-Art-Touren und Partys. „Wir versuchen, die urbane Ästhetik aus dem Stigma der Subkultur, des Vandalismus, zu lösen, um es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Mit Erfolg. Denn immer mehr Menschen kommen auf Jakob Kattner zu. Sie wollen ihre private Wände für Street Art zur Verfügung stellen. Das Festival steigert laut Jakob Kattner aber nicht nur das Interesse an Street Art, sondern verbessert auch die Lebensqualität in der Stadt. „Wir haben grundsätzlich immer sehr, sehr gutes Feedback. Besonders die Bewohner und Anrainer freuen sich über die Arbeiten, die ihre Bezirke aufwerten.“

Wien als Stadt der Künste?

Letztlich macht nicht nur das Calle Libre Festival, das jedes Jahr zahlreiche internationale Artists anzieht, Wien zum Street-Art-Hotspot. Auch Wiens Ruf als eine Stadt der Künste trägt wesentlich dazu bei. „Wien ist eine sehr reizvolle Stadt, besonders für Künstler. Auch wegen des kunsthistorischen Aspekts. Wien und Kunst gehören ja zusammen,“ meint Frau Isa.

Trotzdem ist der Weg für Street Art in Wien noch lang, denn die Kunstmuseen und Galerien beginnen sich dem Thema gerade erst anzunähern. Im Sommer 2019 fand der erste groß angelegte museale Zugang zu Street Art und Graffiti in Wien statt, als das Wien Museum Künstler*innen wie Chinagirl Tile seine Pforten öffnete. Reichlich spät, meint diese. Jakob Kattner ist dennoch überzeugt, dass Wien in Sachen Street Art auf seine Traditionen in der Kunst aufbauen kann. „Wien war vor mehr als 100 Jahren schon ein Kunstmekka und es entwickelt sich wieder dazu.“

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