Wiedersehen nach 65 Jahren: Südkoreaner*innen treffen auf ihre nordkoreanischen Verwandten

Bei den ersten Familienzusammenführungen seit mehr als drei Jahren treffen sich Nord- und Südkoreaner*innen zum letzten Mal in ihrem Leben. Die meisten Südkoreaner*innen rühren die Treffen zu Tränen – die Jugend des Landes jedoch kann all den Trubel kaum verstehen.

Bei der ersten Familienzusammenführung seit mehr als drei Jahren treffen Südkoreaner*innen auf ihre nordkoreanischen Verwandten.

Bei der ersten Familienzusammenführung seit mehr als drei Jahren treffen Südkoreaner*innen auf ihre nordkoreanischen Verwandten. Foto: © Chung Sung-Jun/Getty Images

Sie symbolisieren die geballte Tragik hinter der jahrzehntealten Teilung der koreanischen Halbinsel: die sogenannten getrennten Familien. Während der Wirren des Koreakriegs (1950-53) fanden sich viele Verwandte plötzlich auf der anderen Seite der entmilitarisierten Zone wieder, die Nord- und Südkorea durch einen verminten Grenzstreifen entzweit. Seit fast 70 Jahren leben sie getrennt, denn Nord- und Südkoreaner*innen ist jeglicher Austausch untersagt. Heute haben 89 Südkoreaner*innen zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben die Chance auf ein Wiedersehen.

Wenn Nordkoreaner*innen abgeschottet leben, wie kam es dann überhaupt zu den Familienzusammenführungen?

Zum ersten Mal fanden sie im Jahr 2000 statt. Damals gab es die sogenannte Sonnenscheinpolitik, bei der sich die zwei Koreas erst mal näher kamen. Als Resultat der verbesserten Beziehungen wurden regelmäßige Treffen zwischen den getrennten Familien vereinbart. Rund 130.000 Südkoreaner*innen bewarben sich damals, fast alle weit über 80 Jahre alt. Mittlerweile sind nicht einmal die Hälfte von ihnen noch am Leben.

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Für das Treffen am Montag wurden knapp 90 Teilnehmer*innen per Computer-Al­go­rith­mus ausgewählt, der älteste von ihnen ist 101 Jahre alt. Er wird per Rollstuhl nach Nordkorea einreisen.

Wie laufen die Treffen genau ab?

Die Familien treffen sich in einem all-inclusive Ferienressort in Nordkorea – ja, so was gibt es tatsächlich. Um die Jahrtausendwende hat sich der mittlerweile verstorbene Hyundai-Firmengründer Chung Ju-yung – vor dem Krieg selber im nördlichen Teil der Halbinsel geboren – einen Lebenstraum verwirklicht, indem er im nordkoreanischen Diamantengebirge eine Hotelanlage für südkoreanische Tourist*innen eröffnet hat. Diese war mehrere Jahre lang auch gut besucht. Dann jedoch wurde 2008 eine südkoreanische Wanderin von nordkoreanischen Soldaten erschossen, nachdem sie angeblich in militärisches Sperrgebiet eingedrungen war. Seitdem liegt die Anlage größtenteils brach.

Eigentlich könnten sich die ausgewählten Teilnehmer*innen der Familienzusammenführung glücklich schätzen, ihre Verwandten wiederzusehen. Doch einige von ihnen werden sicherlich bitter enttäuscht werden: In einem überfüllten Festsaal, zwischen nordkoreanischen Aufpasser*innen und aufdringlichen Fernsehteams, müssen sie versuchen, so etwas wie Intimität herzustellen. Insgesamt werden sie nur wenige Stunden mit ihren Verwandten verbringen. Über Familiengeheimnisse oder politisch brisante Themen werden sie nicht reden können.

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Viele ehemalige Teilnehmer*innen berichten zudem, dass sie ihre nordkoreanischen Verwandten rein optisch nicht mehr wiedererkannt haben. Auch charakterlich haben sich viele Brüder und Schwestern nach Jahrzehnten in unterschiedlichen politischen Systemen zunehmend entfremdet: Einige nordkoreanische Verwandte hätten etwa bei jeder Gelegenheit während der Gesprächszeit „ihren geliebten Führer“ Kim Jong-un angepriesen.

Wie nimmt die Jugend die Trennung des Landes wahr?

Für die Jugend in Südkorea ist Nordkorea ein bisschen wie ein komischer Onkel – der zwar irgendwie zur Familie gehört, aber für den du dich auch manchmal schämst. Sie halten Nordkorea für ärmlich, rückständig und ziemlich bizarr.

Man muss bedenken: Korea ist bereits mehr als doppelt so lange geteilt, wie es Deutschland jemals war. Und zudem gab es in all der Zeit de facto kaum Austausch zwischen den beiden Bevölkerungen. Mal eben eine E-Mail nach Pjöngjang schicken geht nicht – die meisten Nordkoreaner*innen leben vom Internetzugang abgeschlossen. Abgesehen davon verbieten beide Regierungen auch per Gesetz jeglichen Kontakt zum jeweils anderen Land.

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Und dennoch ist in den letzten Monaten das Interesse an Nordkorea unter den jungen Südkoreaner*innen gestiegen: Das hat vor allem mit den Gipfeltreffen zwischen Kim Jong-un zu tun, der sowohl Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in als auch Donald Trump getroffen hat. Auf einmal flimmerten die hochchoreografierten Bilder über die Fernsehschirme – und viele haben sich auf Twitter und anderen sozialen Medien über Kims komischen Akzent ausgelassen, seine scheinbar tollpatschige Art oder seinen exzessiven Zigarettenkonsum. Wirkte der Diktator in den Nachrichten noch wenige Monate zuvor wie das Feindbild schlechthin, hat er nun eine menschliche Note bekommen. Südkoreanische Medien sprechen gar von einer nordkoreanischen „Charme-Offensive“.

Doch trotz des Image-Wandels ist die Bereitschaft zur Wiedervereinigung so niedrig wie noch nie zuvor. Vor allem die Jugend des Landes sieht nicht ein, warum sie für die horrenden Kosten einer möglichen Wiedervereinigung aufkommen sollte. Schließlich steht sie jetzt schon massiv unter Druck: In einem massiven Hamsterradrennen kämpfen sie um die besten Uni- und Arbeitsplätze. Die Jugendarbeitslosigkeit ist zudem auf einem Rekordhoch. Viele Südkoreaner*innen wollen nun ihren Wohlstand nicht für ein Land gefährden, dass sie noch im vergangenen Jahr mit verbalen Attacken sowie Atom- und Raketentests bedroht hat.