Wiener Rapper T-Ser: „Wir lassen uns den Rassismus nicht mehr gefallen!“

Wiener Rapper T-Ser und seine Kollegen wurden am Sonntag von der Polizei angegriffen. Sie filmten es und starteten die Bewegung #nichtmituns. ze.tt hat sie getroffen und mit ihnen über Rassismus, Racial Profiling und Zivilcourage gesprochen.

Rassismus T-Ser: "Wir lassen uns den Rassismus nicht mehr gefallen!"

Jemand hat vor dem Park, in dem die Wiener Rapper T-Ser und seine Kollegen von der Polizei kontrolliert wurden, ein Plakat aufgehängt. Collage: ze.tt, Foto: Romar Ferry

Der Wiener Rapper T-Ser und seine Kollegen wurden am Sonntagnachmittag während eines Label-Meetings in einem Park im siebten Wiener Gemeindebezirk von der Polizei kontrolliert und aus dem Park gezerrt. Für die Musiker hatte das eindeutig mit ihrer Hautfarbe zu tun, da die Polizei niemanden sonst kontrollierte.

Die Polizei weist den Vorwurf des Racial Profiling, also das auf Stereotypen und äußerlichen Merkmalen basierende Agieren von Beamt*innen, zurück. Laut einem Statement gegenüber der Wiener Zeitung seien die Kontrollen Teil von sogenannten Schwerpunktkontrollen gewesen, die es im Park gebe, weil es dort vermehrt zu „gerichtlich strafbaren Handlungen“ komme.

Wiener Rapper T-Ser macht Rassismus-Vorwurf öffentlich

Die Rapper veröffentlichten ein Video, das den Vorfall zeigt, auf Instagram und Facebook und ihre Videos erreichten mittlerweile mehrere hunderttausend Personen. Unter dem Hashtag #nichtmituns wollen sie sich wehren und andere dazu motivieren, es ihnen gleichzutun und ihre Erfahrungen mit Rassismus zu teilen. ze.tt hat T-Ser, Sidney und Meydo am Dienstag zum Interview in Wien getroffen.

ze.tt: Was ist am Sonntag passiert?

T-Ser: Wir waren am Sonntag im Josef-Strauß-Park, weil das Wetter so gut war und wir unser Label-Meeting nach draußen verlegen wollten. Wir sind dort gesessen und hatten eine Besprechung. Dann sind zwei Polizisten in den Park gekommen: Personenkontrolle. Ich habe sie gefragt, warum wir kontrolliert werden, ob es einen Verdacht oder Grund gäbe. Sie haben gemeint, wir sähen verdächtig aus. Der Park war voller anderer Menschen, aber wir wurden kontrolliert. Ich wollte das nicht so stehen lassen und hab weiter nachgefragt. Daraufhin haben sie sich umgesehen und meinten, wir wären in einem Pavillon, der uneinsichtig sei, deswegen wären wir verdächtig. Dieser Pavillon ist übrigens von beiden Seiten offen (siehe Video).

Krass, wir sind in etwa gleich alt, ich wurde noch nie nach meinem Ausweis gefragt.

T-Ser: Genau darum geht es. Darüber wollte ich mit dem Polizisten auch diskutieren. Ich hab ihm gesagt, dass wir keinen Bock haben, hier ohne Grund kontrolliert zu werden, nur weil wir Schwarz sind. Für mich war es aber offensichtlich. Alle anderen Leute im Park waren weiß und wurden nicht kontrolliert. Die Polizei hat natürlich gesagt, dass die Kontrolle nichts mit der Hautfarbe zu tun hätte. Ich hab ihnen gesagt, dass ich meinen Ausweis nicht dabei hätte, aber gerne meine Personalien hergäbe. Dann haben sie die Daten überprüft. Danach hab ich sie gefragt, ob die Amtshandlung nun vorbei wäre und der Polizist hat das bejaht. Trotzdem sind sie dann noch eine halbe Stunde bei uns stehen geblieben.

Sidney: Sie sind hinter uns gestanden und haben irgendwelche Sachen von dem offenen Laptop notiert. Das war Mobbing.

T-Ser: Ja, das war Mobbing von Polizisten in der Öffentlichkeit. Sie haben versucht, uns aus dem Park zu ekeln. Irgendwann wurde es einigen der Jungs zu blöd und sie wollten gehen. Dann sind wir aus dem Park raus. Ich hab dann zu den Anderen gesagt, dass ich es nicht einsehe, dass wir uns aus dem Park rauswerfen lassen. Dann sind wir wieder rein.

Die Polizei wirft euch vor, dass ihr sie beleidigt habt, was sagt ihr dazu?

T-Ser: Es gab die Situation, wo die beiden Polizisten gegangen sind und ich ihnen nachgerufen habe: „Schämt euch“. Sie sagen, ich hätte ihnen „Fickt euch“ nachgerufen. Wenige Minuten später sind fünf weitere Polizeiautos mit Blaulicht gekommen. Es waren zwölf oder 13 Polizisten. Dann hat ein Polizist erneut nach den Ausweisen gefragt. Ein anderer hat gesagt, wir störten die Anlage, wir müssten den Park verlassen.

Sidney: Obwohl wir nichts gemacht haben! Wir sind nur dort gesessen und haben niemanden gestört. Das sind so Gründe, wo du dich fragst, was wollen die von uns?

T-Ser: Wir sind aufgestanden, dann haben sie uns umzingelt, angefangen uns zu schubsen und an den Klamotten zu reißen. Wollten mich immer wieder am Ärmel nehmen. Sie haben dann Sidney und mich aus dem Park gezerrt. Mir hat der eine Polizist, den man in meinem Video sieht, immer wieder gesagt: „Noch einmal und du gehst in den Häfen (Anm. d. R: umgangssprachlich für Gefängnis).“ Er hat das mehrmals wiederholt. Der andere Polizist hat Sidney immer wieder geschubst und gegen seine Kamera geschlagen, wie man im Video sieht.

Ihr habt danach gesagt, dass dieser Fall nicht mal besonders schockierend für euch wäre, sondern einfach nur gut dokumentiert wäre und sich darum so schnell verbreitete.

T-Ser: Derartiges Verhalten von der Polizei ist gang und gäbe. Das ist der Dauerzustand für uns.

Sidney: Uns hat es sogar erschrocken, dass die Leute so schockiert waren über den Vorfall.

Es wird versucht, uns aus dem öffentlichen Bild zu verdrängen. Wir dürfen kein Aushängeschild von Wien sein.“ – T-Ser

T-Ser: Uns flasht die öffentliche Empörung. Ich hab immer wieder Fälle veröffentlicht, wo die Polizei farbige Leute belästigt, schikaniert oder verhaftet. Als Beispiel: Bei fast jedem Videodreh, wenn wir als Gruppe von ein paar Schwarzen Jungs in Wien auf der Straße sind, kommen immer die Cops. Das ist eigentlich das grundlegende Problem an der Sache. Es wird versucht, uns aus dem öffentlichen Bild zu verdrängen. Wir dürfen kein Aushängeschild von Wien sein. Ich hab aufgehört zu zählen, wie oft ich – und zwar nicht an einem Bahnhof, an einem Flughafen, an der Grenze oder beim Autofahren, sondern einfach so zu Fuß auf der Straße – kontrolliert wurde. Egal, wie gut man Deutsch spricht, egal, wie kooperativ man ist, die Polizei ist extrem respektlos. Es macht einen paranoid und es exkludiert Menschen aus der Gesellschaft. Denn du kannst zwar rausgehen und teilhaben an der Gesellschaft, aber du musst immer damit rechnen, dass du jederzeit mitgenommen werden könntest.

Das klingt als hättest du überhaupt kein Vertrauen mehr in den Rechtsstaat?

T-Ser: Ich habe null Vertrauen in den Rechtsstaat. Ich hab in meinem Leben noch nie die Polizei gerufen, egal was passiert ist. Weil ich weiß, dass die Polizei mich abfucken wird. Und mir haben mittlerweile so viele Leute geschrieben, dass es ihnen ähnlich geht. Den meisten Polizisten ist nicht klar, was ihr Verhalten auslöst. Wenn sie Menschen kontrollieren, die nicht in das Bild des typisch österreichischen Menschen passen, diskriminieren sie diese. Dieser Rassismus macht viel mit den Menschen. Nämlich dass man keine Hoffnung mehr in das Land hat. Dass man das Gefühl bekommt, hier kann man sowieso nichts Großes erreichen. Du kannst Anwalt, Arzt, Politiker sein, du kannst mit einem Anzug herumlaufen und zehn Millionen Euro auf dem Konto haben und diese Kontrollen werden dir immer noch passieren.

[Außerdem bei ze.tt: Was macht man so als Ausländer*in?]

Machen Schwarze Männer da andere Erfahrungen als Schwarze Frauen?

T-Ser: Auf jeden Fall. Als Schwarzer Mann wirst du nach wie vor in das Licht gestellt, dass du eine Gefahr bist. Nach dem Stereotyp, dass du Drogendealer bist oder Böses im Schilde führst. Schwarze Frauen werden in meinen Augen eher exotisiert, als exotische Trophäe gesehen und von der Polizei schließlich genauso respektlos behandelt. Vor Schwarzen Männern haben viele irgendwo Angst. Ich spüre das in der Bevölkerung immer wieder.

Wie fühlt ihre diese Diskriminierung in eurem Alltag?

Meydo: Zum Beispiel, wenn Leute in der Nacht die Straßenseite wechseln und du draufkommst, dass es wegen dir ist.

Sidney: Ich bin mal in der Straßenbahn in Wien gesessen und eine Frau ist eingestiegen. Der Mann gegenüber, um die 40, meinte zu mir, ich sollte aufstehen und der Frau Platz machen. Und hey, ich hätt‘ ihr meinen Platz vermutlich ohnehin angeboten. Aber der Mann sagte als Begründung Sachen wie: „Wir zahlen ja Geld für dich als Flüchtling, mach‘ Platz.“

Meydo: Allein die Annahmen, warum manche Menschen denken, dass unsere Eltern hergekommen sind. Als wäre das eine einfache Entscheidung gewesen. Unsere Eltern haben hart gearbeitet und alles gegeben, dass wir hier heute sitzen können und wir in der Gesellschaft angenommen werden und bleiben können.

Sidney: Die Leute denken nicht darüber nach, wie sich die Menschen fühlen, wenn sie sowas zu ihnen sagen. Ich war nach dem Vorfall in der Straßenbahn dann in der Schule und den ganzen Tag so im Arsch, weil ich so wütend war wegen dieses Vorfalls. Mit der Zeit kostet der Rassismus so viel Energie.

Meydo: Ich glaube, darum haben wir uns auch als Freunde gefunden, weil man das selbe Schicksal teilt.

T-Ser: Ich würde sagen, man sucht einfach Normalität untereinander. Und die findet man anders nicht, ohne in Schubladen gesteckt zu werden.

Wie war eure Schulzeit?

Die drei reden durcheinander. Jeder erzählt, dass er das einzige Schwarze Kind an der Schule war.

Meydo: In der Schule fängt alles schon an. Du wirst anders behandelt. Bei mir in Graz waren wir damals die einzige Schwarze Familie weit und breit. An uns mussten sich die Leute tatsächlich erst gewöhnen. Mir haben alle dauernd in die Haare gegriffen. Als kleines Kind findest du das vielleicht lustig, aber später wird dir einiges klar.

Sidney: Ich fand das noch nie lustig. Mir wollten immer alle in die Haare greifen. Vor allem alte Omas. Ich habe es gehasst.

[Außerdem bei ze.tt: Warum Straßennamen aus der Kolonialzeit endlich abgeschafft gehören]

T-Ser: Bei mir zum Beispiel ist der Rassismus schon im Kindergarten losgegangen. Die Kinder im Kindergarten haben mich als N*** beschimpft. Es gibt ein Freundschaftsbuch von meiner Cousine, von 1999, da war ich sechs Jahre alt, wo bei Spitzname tatsächlich N*** drinnen steht. Wenn man mixed ist und mit seiner weißen Mutter lebt, merkt man, dass die Gesellschaft einen schon ausschließt. Deine Mutter wird dann von anderen als eine Hure bezeichnet, die mit einem Schwarzen schläft. Kinder wiederholen, was ihre Eltern sagen. Meine Lehrer haben nicht nur weggeschaut, die haben auch rassistische Witze gemacht wie: „Wir sind nicht in Timbuktu“ oder „Ob ich gerade frisch aus dem Dschungel komme.“ Das ermutigt natürlich auch die Kids weiter, Witze zu machen. Ich persönlich hab mir nie etwas gefallen lassen. Was bedeutete, dass ich 24/7 in Schwierigkeiten war. Ich habe in der dritten und vierten Klasse Hauptschule (Anm. d. R: entspricht der 8. und 9. Klasse) fast gar nicht mehr am Unterricht teilgenommen, weil mich die Lehrer ständig auf den Gang verwiesen haben.

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Das größte Problem ist, dass Rassismus in Österreich nie als Problem anerkannt wurde“ – T-Ser

Ist Österreich besonders rassistisch?

T-Ser: Ja. Ich bin auch viel in Berlin und, klar, da gibt es auch derartige Übergriffe, aber es gehört nicht so zur Tagesordnung wie hier. Es existiert eine viel diversere Gesellschaft. Wien ist auch wieder ein Mikrokosmos von Österreich, wo es grundsätzlich eine breite und liberale Gesellschaft gibt, aber außerhalb von Wien sieht es viel kritischer aus. Ich glaube, das liegt daran, dass Österreich Dinge wie Rassismus nie aufgearbeitet hat. Die FPÖ, die heute in der Regierung ist, wurde aus NSDAP-Mitgliedern gegründet. Viele Beamte und Lehrer sind geblieben– klar, dass sich nichts verändert.

Woran, glaubt ihr, liegt das?

T-Ser: Es mangelt an Bildung bei Beamten wie Lehrern, Polizisten und so weiter. Das größte Problem ist, dass Rassismus in Österreich nie als Problem anerkannt wurde. Auch jetzt: Hunderttausend Menschen sind empört darüber, wie wir behandelt wurden. Die Polizei sagt in ihrer Presseaussendung, es gäbe kein rassistisches Verhalten seitens der Polizei, es gäbe kein Racial Profiling.

Wenn ihr zurück an Sonntag denkt, was können andere Personen tun, wenn sie Racial Profiling und Rassismus-Vorfälle mitbekommen?

T-Ser: In erster Linie mal darauf achten, was da passiert. Versuchen, die Situation zu verstehen. Weil ich will natürlich auch nicht sagen, dass es keine Schwarzen Verbrecher gibt. Wenn man ein Verhalten beobachtet, das nicht okay ist, sollte man sich verbal einmischen. Also was hilft: Filmen, was passiert und bei der Polizei nachfragen, was sie macht.

Hat euch am Sonntag jemand Hilfe angeboten?

T-Ser: Ja, zwei Leute haben gefragt, was los ist und ob sie bei uns bleiben sollen. Aber die hatten kleine Kinder dabei und wir haben sie dann weggeschickt. Weil es müssen nicht auch noch die Kleinen sinnlose Gewalt mitkriegen.

Meydo: Das ist ja das Nächste. Da sind kleine Kinder am Spielplatz und man denkt zurück, wie man selbst ein Kind war und ständig diese Gewalt mitbekommen hat. Und jetzt sind wir im Jahr 2018 und es sehen wieder die nächsten Kinder.

Ihr habt vergangene Woche den Song Lingard veröffentlicht. Könnt ihr die Aufmerksamkeit jetzt für eure Musik nutzen?

T-Ser: Auf jeden Fall. Für mich ist es im Grunde so, dass ich zum dritten Mal wegen Belästigung von der Polizei viral gehe. Das erste Mal wurde ich bei der Josefstädter Straße grundlos verhaftet. Ich hab damals sogar einen Artikel geschrieben, aber noch anonym. Dann machte Noisey eine Doku über uns und was auch da bei den Leuten hängen geblieben ist, war wieder die Polizeigewalt gegenüber uns. Die Polizei züchtet sich seinen eigenen Golem dadurch. Weil unsere Stimme wird immer lauter. Die Unterstützung wird immer größer. Die Solidarität ist crazy momentan.

Sidney: Ich glaube, es ist sogar gut, dass es unserer Gruppe passiert ist. Wir sind privilegiert, weil wir Reichweite haben.

T-Ser: Und wir wissen uns zu wehren. Ich versuche aus Prinzip der Polizei contra zu geben, um sie nicht in ihrem Fehlverhalten zu bestärken. Viele kommentieren jetzt, wir hätten uns kooperativer zeigen müssen, aber wir haben alles gemacht, uns ausgewiesen et cetera. Ich sehe es trotzdem als mein Recht an, meine Meinung zu äußern.

Was ist nach all den Vorfällen nun wichtig?

T-Ser: Es gibt immer noch so viele Kinder, die mit ähnlichen Problemen und Rassismus hier aufwachsen. Ich sehe es als unverantwortlich an, nichts dagegen zu tun. Ich bettle nicht darum, dass sich die Polizei ändert oder entschuldigt. Aber es soll ihnen klar werden, dass wir uns das nicht mehr gefallen lassen.

Meydo: Was noch wichtig ist: Es geht nicht darum, die Schwarzen in den Vordergrund zu rücken, sondern alle People of Color, alle Minderheiten und alle, die diskriminiert werden, auch Frauen.

T-Ser: Genau, es betrifft alle, die aufstehen und sich wehren, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen unfair behandelt werden. Und sagen: Nicht mit uns!