Wieso es ein Akt der Liebe ist, für deinen eigenen Tod vorzusorgen

Was morbide klingt, ist das Liebevollste, das du für deine Angehörigen tun kannst. Je mehr geklärt ist, desto besser für die, die zurückbleiben. Und für dich.

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Manche von uns werden steinalt. Andere haben weniger Glück und gehen eher von dieser Welt. Egal, wie es bei dir einmal kommen mag: Für deine Liebsten, die du zurücklässt, ist es ein kleiner Trost, wenn du ihnen ein paar Informationen hinterlässt, was mit dir und deinem Erbe geschehen soll. Foto: lordrieger / photocase.de

Menschen machen fast alles, um ja nicht an den eigenen Tod denken zu müssen – das größte, letzte und unlösbare Geheimnis, die endlose Unbekannte. Und das ist verständlich; im dauerhaften Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit lässt sich kein Leben leben. Trotzdem kann es gut tun, diese Angst zumindest zeitweise zu überwinden und schon als halbwegs gesunder und junger Mensch für den eigenen Tod vorzusorgen.

Das ist den meisten unangenehm. „Ängste sind ja oft etwas neblig und nicht gut zu greifen, denn dafür muss man sich mit ihnen beschäftigen. Oft werden sie dadurch kleiner. Das ist aber anstrengend und nicht alle Menschen sind bereit dazu“, erklärt die Bestatterin, Trauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin Sarah Benz.

Doch je mehr vorher geklärt, abgestimmt und geregelt ist, desto weniger Entscheidungen müssen getroffen, desto weniger Kämpfe mit Banken und Behörden müssen geführt werden – in einer Zeit, in der das Herz voller Trauer ist und ohnehin jeder Schritt, jeder Gedanke unendlich schwer fällt. Wenn du deine Angehörigen, Familienmitglieder und Freund*innen liebst, dann ist es eine liebevolle Idee, für deinen Tod vorzusorgen.

Ich habe Expertinnen aus verschiedenen Bereichen nach ihren Ratschlägen und Erfahrungen gefragt, was es bei der Vorsorge für den eigenen Tod zu beachten gibt.

Medizinische Vorsorge

Alles fängt an mit einer sogenannten Patient*innenverfügung. Darin ist festgelegt, wie du behandelt werden möchtest, wenn du selbst nicht mehr entscheiden kannst, weil du zum Beispiel im Koma liegst oder bewusstlos bist. Bei einem Herzstillstand beispielsweise hilft das den Notfallmediziner*innen dabei, zu entscheiden, wann sie mit der Wiederbelebung aufhören sollen oder ob sie grundsätzlich überhaupt gewollt ist.

„Krankheit und Unfälle können jeden treffen, auch junge Menschen“, sagt Angela Hörschelmann vom Deutschen Hospiz- und PalliativVerband. „Eine Patientenverfügung hilft, um sich gegen Behandlungen, die man unter bestimmten Umständen nicht mehr möchte, abzusichern oder um sicherzustellen, dass alles medizinisch Mögliche getan wird – wenn man zum Beispiel im Wachkoma liegt oder das Sterben unausweichlich ist.“

Wichtig seien vor allem Formulierungen zu der Frage, ob man lebensverlängernde Maßnahmen wünscht oder nicht: „Das sollte sehr klar beschrieben sein, damit die behandelnden Ärzt*innen dann wissen, was die*der Betroffene möchte und was nicht“, sagt Angela Hörschelmann. Sätze, wie: „Ich will nicht an Schläuche angeschlossen sein“ seien wenig hilfreich. Je präziser und persönlicher die Verfügung formuliert ist, desto besser. Willst du am Ende deines Lebens zum Beispiel Morphin gegen Angst und Atemnot bekommen, obwohl es dein Leben eventuell um eine gewisse Zeit verkürzen kann?

Die Vorlagen im Internet sind zumeist kompliziert und für Laien nicht ohne Weiteres zu verstehen. Es kann daher schlau sein, eine Patient*innenverfügung mit deinem*deiner Hausärzt*in zu besprechen und von ihm*ihr unterschreiben zu lassen. Aber auch Hospizdienste in der Nähe informieren zu diesen Themen und bieten Beratung an.

„Es ist wirklich sinnvoller, diese Angebote in Anspruch zu nehmen, als sich alleine durch komplizierte Formulare zu arbeiten“, sagt auch Angela Hörschelmann. Im Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung Deutschland findest du Adressen von Hospizdiensten und -einrichtungen in der Nähe.

Du kannst in einer Patient*innenverfügung auch festlegen, ob du in einem Hospiz oder zu Hause sterben willst. Das ist zwar keine Garantie dafür, dass das auch klappt – manchmal kommen das Leben oder medizinische Gründe dazwischen oder es geht alles zu schnell – aber auch hier nimmst du zurückbleibenden Menschen Entscheidungen ab, indem du deine Vorstellungen vom Sterben verschriftlichst.

„Man kann festhalten, was am Lebensende über die medizinische und pflegerische Versorgung hinaus gewünscht ist, beispielsweise die Begleitung durch nahe Angehörige und Freunde oder einen Seelsorger“, erklärt Angela Hörschelmann.

Das Allerwichtigste jedoch bei einer Patient*innenverfügung: Sie muss jederzeit verfügbar sein.

Sie nützt wenig, wenn sie in einer Schublade verstaubt und niemand im Notfall darauf Zugriff hat. Deshalb kann sie zum Beispiel immer im Portemonnaie stecken; vielleicht auch in Form eines Dropbox-Shortlinks auf einem laminierten Notfallkärtchen. Oder im Mail-Postfach deines Notfallkontaktes, der dann auf dem laminierten Notfallkärtchen steht.

Es gibt kein gesetzliches Vertretungsrecht unter Ehegatten.

Erbrechtsexpertin Cindy Bramke

Und eine Patient*innenverfügung allein reicht nicht; es gehören noch eine Vorsorgevollmacht und eine Betreuungsverfügung dazu. Mit einer Vorsorgevollmacht beauftragst du eine Person deines Vertrauens, deine Interessen wahrzunehmen, wenn du zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung selbst dazu nicht mehr in der Lage bist. „Natürlich sollte man im Vorfeld mit der Person sprechen, die bevollmächtigt werden soll, um zu klären, ob sie das auch möchte“, sagt Angela Hörschelmann. „Sie sollte zudem wissen, was in der Patientenverfügung steht, damit sie diese Interessen später durchsetzen kann.“

Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung können extrem wichtig werden. „Wenn jemand seine Angelegenheiten – egal, aus welchen Gründen – nicht mehr selbst erledigen kann und es versäumt hat, eine Vorsorgevollmacht auszustellen, muss ein Betreuungsverfahren in die Wege geleitet werden“, erklärt die Anwältin für Erbrecht Cindy Bramke.

Das geschehe meist schon während eines Krankenhausaufenthaltes, es wird dann per Gericht ein*e Vertreter*in ernannt. Und es sei ein folgenschwerer Irrtum, anzunehmen, dass automatisch der*die Ehepartner*in zuständig ist, erklärt Expertin Cindy Bramke: „Es gibt kein gesetzliches Vertretungsrecht unter Ehegatten.“

Wenn du das alles wasserdicht haben willst – zum Beispiel, wenn familiäre Konflikte drohen – dann solltest du dich beraten und deine Dokumente beglaubigen lassen. Das ist allerdings nicht ganz billig.

Organisatorische Vorsorge

So ein Tod ist nicht das Ende, wie jede*r weiß, die*der mal eine Beerdigung organisieren musste. Auch hier gibt es unzählige Entscheidungen zu fällen: Welche Art der Bestattung soll es sein, eine Erd-, See- oder eine Feuerbestattung? Wo und wie möchte der*die Verstorbene beerdigt werden: Anonymes Grab oder Familiengrab? Welcher Stein? Welche Schrift? Was für Blumen? Welcher Sarg? Welche Lieder? Redner*in oder Geistliche*r? Wer soll kommen und wer auf keinen Fall? Was soll in der Traueranzeige stehen, sofern es eine gibt?

Je mehr dieser Fragen zuvor durch Gespräche beantwortet wurden, desto leichter kann es für die Menschen sein, die sich um alles kümmern. „Über diese Dinge muss geredet werden mit Menschen, die wichtig sind, aber auf jeden Fall mit der bestattungspflichtigen Person“, sagt Bestatterin Sarah Benz.

Die Trauerfeier sollte zu dem Menschen passen, der verstorben ist und zu denen, die sich verabschieden.

Sarah Benz, Bestatterin

Allerdings muss auch nicht absolut alles vorherbestimmt sein. Denn das kann den Trauernden die Gelegenheit nehmen, selbst etwas beizutragen.

„Ich bin kein Fan davon, wenn Menschen im Voraus alles ganz genau festlegen und dann kein Gestaltungsspielraum für die Zugehörigen mehr bleibt“, meint Sarah Benz. Letztlich sind sie es, die die Trauerfeier erleben und Abschied nehmen. Also ist es nur fair, wenn sie auch mitgestalten können – sofern sie das wollen.

„Es ist mehr möglich, als viele Menschen wissen. Aber es kommt immer auf die handelnden Personen vor Ort an. Die Trauerfeier sollte zu dem Menschen passen, der verstorben ist und zu denen, die sich verabschieden“, sagt Sarah Benz. „Selbstbestimmt bestatten heißt für mich nicht, dass man alles machen muss – sondern, dass man Entscheidungen treffen kann, weil man informiert ist und Raum dafür bekommt.“

Vorschläge ergäben sich laut Sarah Benz häufig im Gespräch. „Manchmal purzeln dann kreative Ideen aus den Zugehörigen und es entstehen wunderschöne Rituale, an die sich alle gern erinnern. Denn eine Trauerfeier kann schön sein, trotz allen anderen Gefühlen, die da sind und da sein dürfen.“

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Die Bestattung

Ein für dich und deine Hinterbliebenen geeignetes Bestattungsunternehmen erkennst du unter anderem an den Möglichkeiten der Mitgestaltung. Einfach anrufen und nachfragen, rät Sarah Benz: „Ich würde immer fragen, ob es möglich ist, den Verstorbenen mit anzuziehen und in den Sarg zu legen. Wenn dann jemand rumeiert und es kein eindeutiges ‚Ja‘ dazu gibt, würde ich weitersuchen. Ich würde auch darauf achten, ob die bestattende Person mich fragt, was ich gern möchte – anstatt mir zu erzählen wie ‚es dann abläuft‘.“

Denn ein*e Bestattende*r sei laut Sarah Benz in erster Linie ein*e Dienstleister*in, die*der das umsetzen sollte, was sich die Angehörigen wünschen: „Menschen haben die Freiheit, jederzeit zu wechseln, wenn sie das Gefühl haben, diese Person ist nicht richtig für sie und ihre Bedürfnisse.“

Bestattende sind in erster Linie Dienstleister*innen.

Bestattungen können übrigens insgesamt recht kostspielig werden. Daher ist eine entscheidende Frage: Wie soll das bezahlt werden? Dafür gibt es zum Beispiel Sterbeversicherungen, aber auch die meisten Lebensversicherungen zahlen im Todesfall aus. Wichtig daher, wen du als Begünstigte*n eintragen lässt.

Rechtliche Vorsorge

Wenn jemand stirbt, bleibt mehr von ihm*ihr zurück als Pullis und Erinnerungen in den Herzen der Menschen, die ihn*sie geliebt haben. Abos, Konten, Verbindlichkeiten, Geld, Sachwerte. Und all das muss abgewickelt werden.

Das Allerwichtigste: Jemand braucht eine Vollmacht für dein Bankkonto, die im Todesfall gilt. Nur dann können zum Beispiel laufende Daueraufträge direkt gestoppt werden; eine reine Sterbeurkunde reicht meist nicht. Auch ein Testament kann sinnvoll sein, insbesondere dann, wenn du etwas zu vererben hast. Und einen Erbschein zu beantragen, kann Wochen oder sogar Monate dauern.

Vollmachten können tatsächlich ungeheuer viel Ärger und Zeit vermeiden – vorausgesetzt, sie sind korrekt ausgeführt und durchdacht. „Immer da, wo es familiäre Anspannungen gibt und Erbrechtsstreitigkeiten befürchtet werden, sollte man sich vorher anwaltlich beraten lassen“, so Cindy Bramke. „Als Rechtsanwältin für Vorsorgerecht empfehle ich, einen so genannten Bevollmächtigtenleitfaden anzufertigen. Aus dem kann der oder die Bevollmächtigte alle wichtigen Informationen über Ansprechpartner und Weiteres entnehmen.“

Das erspare allen Beteiligten viel Zeit und Kraft. „Rechtsstreitigkeiten sind nicht nur kosten- und zeitaufwendig, sondern gehen auch an die physische und psychische Substanz“, sagt Cindy Bramke. „Denn immer dann, wenn der Bevollmächtigte nicht personenidentisch mit den Erben des Vollmachtgebers ist, kommt es zu Konflikten.“ Die gebe es in Familien zwar grundsätzlich oft, aber sie werden wesentlich ausgeprägter, sobald es um Geld und Emotionen gehe.

Digitaler Nachlass

Auch in Sachen Internet gibt es im Todesfall Dinge zu erledigen, die du deinen Hinterbliebenen leichter machen kannst. Facebook will zum Beispiel nicht nur einen vorher ausgewählten Notfallkontakt, sondern auch die Sterbeurkunde sehen. Und selbst dann kann es dauern, bis das Konto abgeschaltet oder in einen Gedenk-Account umgewandelt wird.

„Der digitale Nachlass ist noch wenig im Blick. Er nimmt keinen Platz weg, ist zunächst unsichtbar“, sagt Birgit Janetzky, Expertin für digitalen Nachlass. Aber er existiert, und zwar theoretisch für immer. „Zu klären ist, was mit der Hardware passiert: Zugangsschutz, Datenorganisation auf dem Computer, auch zwischendurch mal nicht mehr benötige Dateien löschen.“

Der digitale Nachlass ist noch wenig im Blick.

Birgit Janetzky, Expertin für digitalen Nachlass

Außerdem die Fragen: Welche Onlinekonten existieren, welche davon sind wichtig und was ist damit zu tun? „Dazu gehört zum Beispiel Wertermittlung von Domains, Dinge wie PayPal und andere Dienstleister, das Kündigen oder Übertragen von Verträgen, das Löschen von Onlinezugängen“, sagt Birgit Janetzky.

Auch dafür bräuchten Nachlassverwalter*innen Vollmachten – und die kannst du vorher ausstellen.

„Ich persönlich nutze einen Passwortmanager. Das ist eine Software, alle Zugangsdaten sind geschützt durch ein Masterpasswort. Und einen digitalen Vertrags- und Nachlassmanager“, sagt Janetzky. Das helfe bereits zu Lebzeiten, den Überblick zu behalten und Dinge zu organisieren, zum Beispiel bei einem Umzug.

„Wenn ich sterbe, ist dort alles Wichtige erfasst, die Berechtigten sind definiert, Guthaben werden treuhänderisch abgewickelt“, sagt Birgit Janetzky. „Ich kann sogar definieren, wann bestimmte Konten gelöscht werden, ohne dass meine Angehörigen davon erfahren. Der Rest kann von dem definierten Berechtigten mit wenigen Klicks gekündigt werden.“

Wer vorgesorgt hat, erspart den Angehörigen einige Rennerei, Schriftwechsel, Rätselraten über den vermutlichen Willen des verstorbenen Menschen. Die Menschen haben mehr Freiräume für die Trauer.

Birgit Janetzky, Expertin für digitalen Nachlass

Von manuell geführten Listen mit Zugangsdaten in irgendwelchen Tresoren hält die Expertin nicht viel, da sich das nicht gut aktuell halten lasse. Alternativ ginge die Speicherung der Zugangsdaten auf einem USB-Stick – aber hier helfe einem niemand, Struktur in die Vorsorge zu bringen.

Weitere Infos findest du zum Beispiel auf einer Seite der Verbraucherzentrale. Doch der digitale Nachlass sei in vielen Fällen sehr komplex. „Laien kommen hier mit den Standardtipps schnell an ihre Grenzen. Da ist es gut, wenn man sich professionelle Unterstützung holt“, schränkt Birgit Janetzky ein.

Für den eigenen Tod vorzusorgen, das ergibt laut Janetzky nicht nur beim digitalen Nachlass Sinn: „Wer vorgesorgt hat, erspart den Angehörigen einige Rennerei, Schriftwechsel, Rätselraten über den vermutlichen Willen des verstorbenen Menschen. Die Menschen haben mehr Freiräume für die Trauer.“

Darum ist für den Tod vorzusorgen ein Akt der Liebe

Es ist ganz normal, nicht an den Tod denken zu wollen und Angst davor zu haben. „Ich habe auch Angst vor dem Tod, obwohl ich beruflich viel mit ihm zu tun habe“, sagt auch Bestatterin Sarah Benz. „Ich glaube aber, den Ängsten vor dem Hinsehen und den Abläufen kann man etwas entgegensetzen: Offenheit, Transparenz, Licht – in einem Feld, in dem es oft dunkel und neblig ist. Ganz werden wir den Tod aber nie begreifen und vielleicht ist das ja auch eins der Geheimnisse des Lebens.“

Für deinen Tod vorzusorgen, ihm ab und an Raum zu geben, immer mal wieder mit Nahestehenden darüber zu sprechen und wichtige Dinge vorher zu regeln, kann tatsächlich ein bisschen Licht ins unendliche Dunkel bringen. Und was zunächst morbide klingen mag, ist in Wahrheit ein Akt der Liebe – zu den Menschen, die dir am Herzen liegen genauso wie zu dir selbst.