Wieso ich nach der Elternzeit sofort meinen alten Job gekündigt habe

In den Monaten zu Hause, mit etwas Abstand zum Beruf, hinterfragen viele Mütter und Väter ihren Job. Manchmal hilft da nur noch die Trennung. Ein Abschiedsbrief

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"Ciao, alter Job! Wir passen nicht mehr zusammen." Foto: Christin Hume / Unsplash | CC0

Lieber Ex-Job,

was ich dir noch sagen wollte: Von außen betrachtet habe ich dich überstürzt verlassen. Von heute auf morgen war ich weg. Meine dreckige Kaffeetasse stand noch drei Wochen auf meinem Schreibtisch, erzählte mir eine Kollegin später. Tatsächlich war mein Abgang aber einfach nur die logische Konsequenz einer sehr lehrreichen Beziehungspause zu dir. Die Elternzeit war für mich nämlich genau das: Die Berufsversion von „Lass uns mal ’ne Pause machen und schauen, ob wir uns vermissen und in ein paar Monaten noch nacheinander sehnen.“

Lass uns mal ’ne Pause machen und schauen, ob wir uns vermissen.

Doch dass diese Pause bereits der Anfang von Ende war, merkte ich erst im Personalgespräch mit meiner Vorgesetzten. Ein Gespräch, das nach wenigen Minuten in ein Abladen von Vorurteilen über berufstätige Mütter überging, die Projektion von Klischees, in die ich jetzt passte, weil sie doch genau meine Größe hätten. Und dennoch waren es nicht die Sätze „Alle Mütter haben Probleme damit, Kind und Job unter einen Hut zu kriegen“ oder „Das Problem ist nicht, dass du zu viele Projekte hast, sondern, dass du jetzt ein Kind und einen Mann hast, die Ansprüche an dich stellen“, und nicht einmal „Wenn du mehr Überstunden machen würdest, wäre das gar kein Problem für dich. Eigentlich kann man die Stelle gar nicht Teilzeit machen. Vollzeit wäre das alles kein Problem für dich!“, die dazu führten, dass es meine letzte Unterhaltung mit meiner Chefin und spontan mein letzter Tag in diesem Job war.

„Ich hab mich aber nicht auf dich gefreut.“

Nachdem ich schließlich – nach der Flut an Entmutigungen und dem Stress der Wochen zuvor, in denen ich mit vielen zusätzlichen Früh- und Spätschichten versucht hatte, den überzogenen Anforderungen gerecht zu werden – zu Tränen gestresst vor ihr saß, kam die Erkenntnis, dass hier Schluss für mich ist, mit einem Satz wie eine kalte Dusche: „Wir alle haben uns ja auch sehr darauf gefreut, dass du endlich wieder da bist.“

Während in meinem Kopf bis dahin eine kleines Mädchen still sitzend, in die Ecke gekauert, abgewartet und den Dreck über „Teilzeitmuttis“ hingenommen hatte, hob es plötzlich den Kopf, stand auf, klopfte die Kleidung sauber und sagte sehr deutlich: „Ich hab mich aber nicht auf dich gefreut.“

Lieber Job, ich hab dich kein bisschen vermisst. Ich habe die Anrufe abends um neun nicht vermisst, in denen mir meine Vorgesetzte ins Ohr schrie, ihr gefalle ein Foto auf einer Unterseite der Website nicht. Ich habe die endlosen Diskussionen darüber, welche ineffizienten Maßnahmen für ein nicht definiertes Ziel von wem übernommen werden sollten, nicht vermisst. Es gab keinen einzigen Moment während meiner Elternzeit, in dem ich dachte: „Ach, wäre ich doch jetzt im Büro.“

Eigentlich war es schon längst vorbei

Das mit uns, das war schon lange durch. Aber ich war nicht mutig genug, das vorher zu sagen und du dachtest, es liefe doch alles supi mit uns. Ja, am Anfang – damals, 2015 – da war’s nett, da hatten wir Spaß, da war es neu und aufregend, aber das Serotonin ebbte bald ab. Irgendwann war es nur noch Routine. Ich hab mich sogar schon damals nach anderen umgesehen, aber das Feld für eine Anfang-Dreißigjährige mit geisteswissenschaftlichem Abschluss war schon zu diesem Zeitpunkt abgeerntet. Alle Jobs, die zu der Zeit noch auf den Markt kamen, waren nur verfügbar, weil mit ihnen etwas nicht stimmte. Einige klangen aufregend, cool für ein, vielleicht auch mal zwei Projekte, aber nichts für die berufliche Ewigkeit. Und während es ja total okay ist, nach einer Beziehung erstmal Pause zu machen und das Single-Leben zu genießen, muss beim Job normalerweise längst der nächste in Sicht sein. „Eigentlich ganz schön bitchy, schon den nächsten Job anzuflirten, während ich noch im alten Büro sitze“, fand ich.

Dann wurde ich schwanger und mit der Elternzeit kam die wunderbare Chance auf ein freundliches Tschüss mit Kuchen und Umarmungen. Heititeiti auf der ganzen Linie. Ja, klar bleiben wir in Kontakt. Es ist ja nicht für immer. Es ist ja nur eine Pause. War’s ja auch.

Die Euphorie über meinen Workload und die Freude über das Lob, das ich dafür bekam, waren früher auch schon nur vorgetäuscht.

Nach gut einem Jahr war ich dann wieder da, an meinem Schreibtisch, der nicht mehr meiner war, weil sich hier so viel verändert hatte. War okay, ich habe mich ja auch verändert. Ich war jetzt Mutter, voll erwachsen. Jemand der früh schlafen ging und früh aufstand, statt bis halb zwei am Rechner vor sich hin zu tippen, um am nächsten Morgen mit so viel Kaffee gedopt, dass ich alle fünfzehn Minuten aufs Klo muss, im Meeting so zu tun, als hätte ich zugehört und nicht gedacht: „Ich brauche mehr Kaffee, viel mehr Kaffee!“

Ich bin jetzt eine, der Prioritäten setzen und Sachen in fixen Fristen durchziehen wichtiger ist als der Schau-mal-wie-viele-Projekte-ich-parallel-wuppe-Contest unter den Kolleg*innen. Die Euphorie über meinen Workload und die Freude über das Lob, das ich dafür bekam, waren früher auch schon nur vorgetäuscht.

Ohne dich geht’s mir viel besser

Seit ihr und ich, lieber Job, liebe Chefin, liebe Kolleg*innen, jetzt getrennte Wege gehen, so ganz final, nicht Elternzeitpäuschen-On-Off-Style, sondern so richtig final, fühle ich mich wirklich gut. Meine Haut strahlt mehr als in der Schwangerschaft. Meine Augenringe haben einen für Mütter von Kleinkindern absolut akzeptablen Tiefengrad und ich freue mich sonntags darauf, was die nächste Woche wohl bringt, statt mit den Händen vor den Augen darum zu beten, dass eine Naturkatastrophe oder zumindest eine ordentliche Grippewelle diesen Montag und alle weiteren verhindert.

Es ist voll okay, wenn wir jetzt so tun, als hätten wir uns nie gekannt, sollten wir uns nochmal über den Weg laufen. Ich hoffe auch, du siehst bald ein, dass du glücklicher ohne mich bist. Das mit uns, das hätten wir uns einfach schon viel, viel früher sparen sollen und ja, wenn ich ganz aufrichtig bin, hab ich’s die längste Zeit nur des Geldes wegen mit dir ausgehalten.

Tschüss und bye-bye

Nicht-mehr-deine Mrs. Wrong


Von Juliane Schreiber auf EDITION F.

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