Wieso wir plötzlich im Homeoffice mehr arbeiten

Wegen des Coronavirus arbeiten mehr Menschen von zu Hause aus. Dort fallen oft mehr Stunden an. Woran es liegt, dass wir im Homeoffice mehr arbeiten – und was wir dagegen tun können.

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Nur, weil Menschen Corona-bedingt im Homeoffice sitzen, heißt das nicht, dass sie weniger arbeiten. Ganz im Gegenteil. Foto: © Thought Catalog / Unsplash | CC0

Küchenhocker statt ergonomisch ausgetüftelter Sitzgelegenheit – die Lieferzeit von Bürostühlen liegt aufgrund der hohen Nachfrage derzeit bei ungefähr sechs bis acht Wochen. Denn die, die irgendwie können, erledigen ihren Job im Homeoffice. Ein sinnvoller Ansatz während einer globalen Pandemie.

Aber nur, weil Menschen (unbequem) im Homeoffice sitzen, heißt das nicht, dass sie weniger arbeiten. Ganz im Gegenteil: Viele von ihnen arbeiten sogar mehr, wie eine Datenerhebung eines VPN-Anbieters laut Forbes-Bericht ergeben hat. Demnach liegt die Zeit, die Europäer*innen im Homeoffice mehr arbeiten, in etwa bei zwei und bei US-Amerikaner*innen sogar bei drei Stunden pro Tag. Uff.

Daran liegt’s, wenn wir im Homeoffice mehr arbeiten

Nun sind aber Überstunden ja nun mal Überstunden – egal, ob wir sie in Arbeitsoutfit oder Jogginghose abreißen. Die Hauptgründe dafür, dass wir im Homeoffice mehr arbeiten, erklärt Teresa Bauer. Sie ist Expertin für mobiles Arbeiten und begleitet momentan Unternehmen dabei, eine Homeoffice-Kultur und entsprechende Strukturen zu etablieren.

Ein Aspekt bei der Mehrarbeit im Homeoffice sei laut Teresa Bauer das Wegfallen von Routinen. „Das kann dazu führen, dass wir anders und dadurch auch oft mehr arbeiten“, so die Expertin. Obwohl der Arbeitsweg entfällt und wir dadurch eigentlich Zeit sparen, ist oft das Gegenteil der Fall.

Dadurch, dass Treffen mit Freunden ausgeschlossen sind, füllen manche die freie Zeit mit Arbeit, um die Einsamkeit nicht zu spüren.

Teresa Bauer

Und das liegt vor allem an der Vermischung von Beruflichem und Privatem. Teresa Bauer: „Morgens vor dem Frühstück oder auch noch nach Feierabend die Mails zu checken, kann sich nach und nach einschleichen.“ Weil er keine klaren Grenzen hat, zieht sich der Arbeitstag im Homeoffice schon mal ordentlich in die Länge.

Doch auch die momentane Situation schlägt sich in der Arbeitszeit nieder: „Der äußere Umstand der aktuellen sozialen Isolation ist ebenfalls ein Punkt, der längere Arbeitszeiten begünstigt“, erklärt Bauer. „Dadurch, dass Treffen mit Freunden abends ausgeschlossen sind, füllen manche die freie Zeit lieber mit Arbeit, um die auftretende Einsamkeit nicht zu spüren – ein kleiner Teufelskreis.“

Einige Unternehmen vertrauen ihren Mitarbeiter*innen auch nicht genug, weil sie sie nicht permanent sehen können, und versuchen deshalb, sie im Homeoffice besonders stark zu kontrollieren. Das treffe jedoch nicht auf alle zu, wie Teresa Bauer sagt: „Viele Führungskräfte fragen mich eher, wie sie verhindern können, dass ihre Angestellten im Homeoffice zu viel arbeiten und dadurch ausbrennen.“

Aktuell sehe ich in vielen Firmen einen Meeting- und E-Mail-Overload.

Teresa Bauer

Doch dafür sei eine entsprechende Struktur der Zusammenarbeit entscheidend. Und genau daran hapere es in vielen Fällen, vor allem im Hinblick auf Kommunikation. „Aktuell sehe ich in vielen Firmen einen Meeting- und E-Mail-Overload“, sagt Teresa Bauer. „Durch die Bank berichten Angestellte, dass dadurch weniger Zeit für die eigentliche Arbeit bleibt.“ Noch ein Zoom-Cällchen gefällig, anyone?

Und auch dieser Overload basiert zumindest teilweise auf dem Wunsch nach Kontrolle und Überblick. Eine Einstellung, die nicht leicht zu ändern ist – schon gar nicht von heute auf morgen. „Damit der gewünschte pünktliche Feierabend keine leere Phrase bleibt, müssen Unternehmen erst mal für eine effektive Zusammenarbeit und Kommunikation auf räumliche Distanz sorgen – und das passiert nicht automatisch“, sagt Teresa Bauer.

Sie rät Vorgesetzten und Verantwortlichen deshalb, entsprechende Leitlinien zu entwickeln und ihre Angestellten darauf aufmerksam zu machen, dass ein pünktlicher Feierabend gewünscht wird.

Nur: Das mit dem Feierabend funktioniert logischerweise nicht sonderlich gut, wenn wir uns selbst nicht daran halten.

„Sich gut zu organisieren und die Arbeitszeit auch bei flexibler Auslegung im Blick zu behalten, das gehört natürlich auch dazu“, sagt Teresa Bauer. „Ebenso wie sich zu trauen, auch mal ganz klar Nein zu sagen.“ Und zwar auch zu Kolleg*innen und Vorgesetzten – nur so könne Überforderung eingedämmt und verhindert werden. Das fällt nicht allen Menschen leicht und braucht manchmal ein bisschen Übung.

Nein zu sagen ist laut Teresa Bauer übrigens mitnichten ein Zeichen von Schwäche, „sondern ganz einfach aktive Mitgestaltung einer neuen Form der Zusammenarbeit“. Es reiche allerdings nicht, einfach nur rundheraus Aufgaben und Anfragen abzulehnen. Stattdessen sollten Mitarbeiter*innen mit einem Nein auch mögliche Alternativen vorschlagen.

Verständnis und Rücksicht

Besonders anstrengend ist es im Homeoffice außerdem, wenn Kinder oder Angehörige zu betreuen sind – Zusatzaufgaben, die häufig an Frauen hängenbleiben. Dazu kommt der psychische Stress, den diese Ausnahmesituation einfach mit sich bringt. Die Corona-Pandemie stellt uns auf allen Ebenen vor erhebliche Herausforderungen. Und uns fehlen erprobte Strategien für den Umgang damit.

„Der Stress der Gesamtsituation durch die Pandemie und die Unabsehbarkeit wirken sich mit Sicherheit auch auf die Konzentration vieler Mitarbeiter aus“, sagt Teresa Bauer.

Die aktuellen Herausforderungen und Belastungen entwickeln sich von Mensch zu Mensch und von Tag zu Tag unterschiedlich und beeinträchtigen selbstredend auch die Arbeit im Homeoffice oder anderswo.

„Während einige mit Einsamkeit zu kämpfen haben, sind Eltern und allen voran Alleinerziehende mit der Doppelbelastung überfordert und wiederum andere haben vielleicht Sorge um die Großeltern, die ohne jeglichen Besuch in einem Pflegeheim sind“, so Bauer. „Genau diese ganz unterschiedlichen Situationen dürfen wir im Arbeitsalltag nicht außer Acht lassen und brauchen deshalb besonders viel Verständnis für Kollegen und Kolleginnen. Denn jeder hat auf eine andere Art mit der Situation zu kämpfen.“

Umso wichtiger sind jetzt Rücksicht und Nachsicht füreinander, auch mit Führungskräften, genauso wie mit sich selbst. Es gibt gute und schlechte Tage, das ist ganz normal.

So arbeiten wir keine zwölf Stunden

Damit im Homeoffice Überstunden nicht zur Regel werden, lassen sich ein paar gedankliche Stützen etablieren. Dazu gehört beispielsweise die Einrichtung eines festen Arbeitsplatzes – sofern das möglich ist. Der macht klar: Wenn du hier sitzt, wird gearbeitet.

Außerdem gibt die Expertin für mobiles Arbeiten noch ein paar grundlegende Tipps aus ihrer alltäglichen Erfahrungen mit den gängigen Hürden im Homeoffice.

Wichtig ist, so banal es klingt, eine Wochentagsroutine. Wer um 8:57 Uhr bloß aus dem Bett rollt, um Kaffee zu machen, und dann wieder zurück krabbelt, um an der Schlafstatt die E-Mails zu bearbeiten, kommt halt nicht so gut in Schwung. „Ich empfehle eine Morgen- und Abendroutine, bei der der Weg zur Arbeit mit einem kleinen Spaziergang simuliert wird und das zu einer festen Zeit“, sagt Teresa Bauer. Die frische Luft und die Bewegung signalisieren dem Körper die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben.

Auch eine feste Arbeits- und Erreichbarkeitszeit festzulegen und zu kommunizieren, ist hilfreich. Nicht nur, damit Kolleg*innen und Vorgesetzte Bescheid wissen – sondern auch für sich selbst. „Es ist nicht sinnvoll, so lange zu arbeiten, bis man fertig ist. Denn fertig ist man nie“, sagt die Expertin. „Werden die Tagesziele regelmäßig nicht erreicht, dann lieber am eigenen Zeitmanagement arbeiten, als die Arbeitszeit in die Länge zu ziehen.“

Damit wir nicht dauerhaft im Homeoffice mehr arbeiten als sonst, ist also ein Motto zu beherzigen: Feierabend ist Feierabend. Und auch dafür kann man sich ein Ritual ausdenken. Von der Jogging- in die Pyjamahose schlüpfen, eine Tasse Tee oder eine Flasche Bier gönnen, den BH ausziehen, eine Runde joggen oder spazieren gehen, was kochen oder backen – ganz egal. Hauptsache, der Arbeitstag hat ein klares Ende.

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