Wir bedanken uns viel zu selten – und das liegt an Missverständnissen

Wenn uns jemand geholfen hat, bedanken wir uns laut Studien viel zu selten dafür. Das liegt an falschen Erwartungen und unnötigen Ängsten.

"Viele von uns unterschätzen, welche positiven Effekte es hat, wenn wir uns bei jemandem bedanken oder unsere Wertschätzung ausdrücken." Foto: Giulia Bertelli / Unsplash I CC0

Egal ob im Berufsleben oder im privaten Umfeld: Menschen zeigen anderen nicht immer die Wertschätzung oder die Anerkennung oder die Dankbarkeit, die sie eigentlich empfinden. Warum ist das so?

Amit Kumar und Nicholas Epley von der Universität von Chicago haben anhand einiger Experimente den wichtigsten Grund dafür herausgearbeitet: Viele von uns würden unterschätzen, welche positiven Effekte es hat, wenn wir uns bei jemandem bedanken oder unsere Wertschätzung ausdrücken, schreibt Psychology Today zu den Erkenntnissen der beiden Forscher.

Aber was ist eigentlich Dankbarkeit? Eine kurze Zusammenfassung von Robert Emmons, der seit Jahren zum Thema forscht: „Zuallererst bedeutet Dankbarkeit, dass wir anerkennen, dass es Gutes in unserem Leben gibt. Und zweitens bedeutet es, dass wir anerkennen, dass die Quelle dafür zumindest teilweise außerhalb unseres eigenen Selbst liegt. Wir können anderen Menschen dankbar sein, Gott, Tieren – aber niemals uns selbst. Hier liegt ein ganz signifikanter Unterschied im Vergleich zu anderen emotionalen Gemütszuständen: Man kann auf sich selbst wütend sein, man kann zufrieden mit sich sein … aber es wäre äußerst seltsam, zu sagen, eine Person sei sich selbst dankbar.“

Warum klappt es so oft nicht mit dem Dankesagen?

Soweit alles klar, aber warum, fragten sich auch die beiden Forscher aus Chicago, führt die Tatsache, dass Menschen Dankbarkeit empfinden, nicht automatisch dazu, dass man diese auch zeigt?

Zunächst baten die Forscher ihre Proband*innen, einen Dankesbrief zu schreiben, und im zweiten Schritt vorauszusagen, was dieser Brief bei den Empfänger*innen auslösen würde. Die Ergebnisse zeigten erstens, dass sich die Stimmung der Briefeschreiber*innen erstmal verbesserte; und zweitens, dass die Schreiber*innen völlig unterschätzen, wie stark die Briefe die Empfänger*innen überraschten und ebenfalls in positive Stimmung versetzten; und drittens gingen die Schreiber*innen zu stark davon aus, dass sich die Empfänger*innen nach dem Lesen des Briefes peinlich berührt fühlen würden.

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In den nächsten zwei Versuchen sahen sich die Forscher den Zusammenhang an zwischen der erwarteten Reaktion auf den Brief und der tatsächlichen Motivation, einen solchen Dankesbrief zu schreiben. Dabei kam heraus: Die Proband*innen hatten nur dann das dringende Bedürfnis, Dankbarkeit zu kommunizieren, wenn sie sich absolut sicher waren, dass so ein Brief bei den Empfänger*innen sehr positiv ankäme und diese sich auf keinen Fall unangenehm berührt fühlten.

Die Angst, komisch rüberzukommen

Für das Verständnis der dann folgenden Versuche, schreibt Psychology Today, sollte man im Hinterkopf haben: Menschen bewerten eigene Handlungen oft in Kategorien wie „Kompetenz“ und „Fähigkeiten“,  andere würden eher in Kategorien wie „Absicht“ und „Wärme“ denken.

Um im Beispiel zu bleiben: Während die Person, die einen Dankesbrief schreibt, vor allem damit beschäftigt ist, die richtigen Worte zu finden und auf keinen Fall als inkompetent oder peinlich rüberkommen möchte, ist der*die Empfänger*in nicht auf Kompetenz fokussiert, sondern auf die Absicht des Briefs und die Wärme, die von ihm ausgeht.

In einem letzten Versuch untersuchten die Forscher also, ob es zwischen Schreiber*innen und Empfänger*innen Unterschiede bezüglich der Frage gab, wie sie Kompetenz und Wärme bewerten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Empfänger*innen die Sender*innen nicht nur herzlicher einschätzten als von den Sender*innen erwartet, sondern die Sender*innen zusätzlich auch als kompetenter einschätzten, als von ihnen selbst erwartet.

Man kann nie dankbar genug sein

Zusammengefasst: Unnötige Zweifel an der eigenen Kompetenz sind ein großes Hindernis, wenn es darum geht, Dankbarkeit auszudrücken. Menschen, die uns wichtig sind, unsere Wertschätzung auszudrücken, ist aber ein unglaublich wertvoller und wichtiger Faktor im sozialen Zusammensein, der die Bindung der Menschen untereinander stärkt. Deshalb weisen die Forscher aus Chicago darauf hin, worauf wir alle achten können, damit uns unsere Dankbarkeit und Wertschätzung nicht unter den Tisch fällt – diese Hindernisse stehen uns am häufigsten im Weg:

1. Wir gehen davon aus, dass der*die andere eh schon weiß, dass wir dankbar sind.

2. Wir haben Angst, dass wir als inkompetent oder peinlich empfunden werden, wenn wir unsere Dankbarkeit offen äußern.

3. Wir unterschätzen den positiven Einfluss, den unser Dank oder unsere Wertschätzung auf die Stimmung unseres Gegenübers hat.

Diese Fehleinschätzungen halten uns also davon ab, ein für unser Miteinander positives Verhalten zu zeigen. Kumar und Epley, die beiden Forscher aus Chicago, schreiben abschließend: „Dankbarkeit auszudrücken ist natürlich nicht die Lösung aller Probleme im sozialen Miteinander – aber es hat mehr positive Effekte, als offenbar den meisten bisher bewusst ist!“


Von Lisa Seelig auf EDITION F.

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