Wir brauchen eine kuscheligere Kultur für Kritik bei der Arbeit

Im Job sollen viele von uns möglichst mega-kreativ sein – aber die Art, wie in vielen Unternehmen Kritik geübt wird, verhindert das. Zeit für Veränderung.

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Die Arbeit funktioniert besser mit der richtigen Kritikkultur. Foto: Helena Lopes / Unsplash | CC0

Ohne sie läuft heute im Job nichts mehr: Kreativität. Gefragt sind kreative Angestellte, kreative Lösungen, kreative Vorschläge und wer sich nicht berechtigterweise mit Out-of-the-box-Thinking brüsten kann, braucht sich morgens im Grunde gar nicht erst aus dem Bett zu schleppen.

So weit die Theorie. In der Praxis stehen dem Ideal der stets vor brillanten Ideen sprühenden Mitarbeitenden allerdings einige Hindernisse im Weg. Eins der größten ist die weit verbreitete Kultur harscher Kritik, besonders in Verbindung mit ausgeprägten Hierarchien. Wenn beispielsweise explizit nach Kreativität gefragt wird und dann Vorschläge abgebügelt werden, beeinträchtigt das die Quantität ebenso wie die Qualität der Ideen. Und dann heißt es am Ende wieder „Wir machen das mit den Fähnchen“. Puh. Das muss doch auch anders gehen.

Wer kritisiert wen?

Die zwei kanadischen Doktoranden Yeun Joon Kim und Junha Kim haben sich unlängst mal genauer angeschaut, wie sich negative Kritik in Unternehmen auf die Kreativität auswirkt. Dafür haben sie zwei Experimente durchgeführt – eins in einer Firma, das andere unter Laborbedingungen.

In beiden Untersuchungen kam heraus, dass Kritik die Kreativität sowohl behindern als auch beflügeln kann – und zwar stark abhängig davon, wer wen kritisiert. Wenn die Beteiligten von Vorgesetzten oder Kolleg*innen negatives Feedback bekamen, war ihre Arbeit anschließend weniger kreativ. Wenn die Kritik jedoch von Kolleg*innen weiter unten im Organigramm kam, stieg ihre Kreativität.

„Es ergibt Sinn, dass Angestellte sich durch Kritik von Vorgesetzten bedroht fühlen könnten“, sagt Yeun Joon Kim. „Sie haben großen Einfluss auf Beförderungen und Gehaltserhöhungen. Negatives Feedback von Vorgesetzten kann Karriereängste auslösen.“ Dass die Kreativität auch durch Kritik von Gleichgestellten sinkt, könnte laut der Wissenschaftler an einem Gefühl der Konkurrenz liegen. Beides führt dazu, dass wir im Kopf gestresst und weniger risikobereit sind. Dabei sind mentaler Raum und Risikobereitschaft zwei besonders wichtige Aspekte in kreativen Prozessen.

Kritik von unten nach oben

Interessanterweise sorgte der Untersuchung zufolge Kritik von Untergebenen bei Vorgesetzten für mehr Kreativität. „Es ist nicht so, dass Vorgesetzte Kritik toll finden – vielmehr sind sie in einer Machtposition und können deshalb besser mit dem ausgelösten Unbehagen umgehen“, so Kim.

Oft ist es so, dass es Organisationen und Unternehmen viel um Firmenpolitik, Status und Gefühle geht und nicht ausschließlich um Inhalte. Aus Angst davor, dem eigenen Standing zu schaden, sich lächerlich zu machen, vor versammeltem Team runtergeputzt zu werden oder in verborgene Fettnäpfchen zu treten, trauen sich manche Angestellte erst gar nicht, Vorschläge vorzubringen.

Dabei ist es entscheidend für die Kreativität, dass Mitarbeitende ihre Ideen frei äußern können – auch, wenn sie noch nicht zu Ende gedacht sind. Denn erstens hat ein Unternehmen nur so Zugriff auf das volle Potenzial der Angestellten und zweitens entwickeln sich viele gute Vorschläge erst durch gemeinsame Denkprozesse. Beides schwierig, wenn Feedback und Kritik in der Regel rüde oder die Hierarchien arg verkrustet sind.

Tanzendes Teddybärchen? Nicht nötig

Natürlich heißt das nicht, dass Kritik nur noch weichgespült von einem tanzenden Teddybärchen vorgebracht werden muss oder gar komplett wegfällt; es ist entscheidend, auf Schwachstellen und Fehler hinzuweisen. Allerdings ist es genauso wichtig, dabei einen konstruktiven Ansatz zu verfolgen. Also zum Beispiel statt „Was ist denn das für ein Schwachsinn, Müller!“ vielleicht eher „Guter Ansatz, aber lasst uns da noch ein Stück weiterdenken.“

Auch das Annehmen von Kritik ist im kreativen Prozess wichtig. Negatives Feedback, so es denn konstruktiv vorgetragen wurde, nicht persönlich nehmen, sondern als Weiterentwicklung des Vorschlags begreifen und darauf aufbauen.

Je mehr die Kultur für Kritik es zulässt, desto mehr Kreativität und Entwicklung kann stattfinden – und desto mehr Angestellte trauen sich, auf Schwachstellen und Fehler hinzuweisen, sich kreative Lösungen dafür auszudenken und damit die Unternehmensperformance zu verbessern.

Zu diesem Schluss sind auch die kanadischen Forscher gekommen. Vorgesetzte und Kolleg*innen sollten bewusster und vorsichtiger mit negativem Feedback umgehen, und Empfänger*innen von Kritik sich weniger Gedanken um die Folgen machen. Oder wie Yeun Joon Kim sagt: „Nicht rücksichtslos kritisieren. Jeder, der im Job Kritik üben will, sollte das diskret und einfühlsam tun.“ Dann macht bald auch niemand mehr das mit den Fähnchen.