Wir sind Gina, Tony, Burghardt, Nele, Nicki, Tina und Sonja – Wie Nicki(s) mit dissoziativer Identitätsstruktur lebt

Wenn Menschen ritualisierte Gewalt erfahren, bilden viele dissoziative Identitätsstrukturen: Sie spalten Teile ihrer Identität ab, sie werden viele. So ist es auch Nicki(s) widerfahren. Ein Protokoll

Achtung, Triggerwarnung! In diesem Beitrag geht es um sexualisierten, rituellen Missbrauch sowie um organisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Immer wieder werden Menschen Opfer von organisierter und ritueller Gewalt. Die in Chile ansässige, deutsche Sekte Colonia Dignidad ist bis heute eines der bekanntesten Beispiele dafür. 250 bis 350 Menschen, so die Schätzungen, lebten in dem Siedlungsgebiet südlich von Santiago de Chile, in dem Kinder und Jugendliche immer wieder sexuell missbraucht, körperlich gezüchtigt und schwer misshandelt wurden. Auch in Deutschland gibt es organisierte Strukturen, in denen vor allem Kinder systematisch und teils unter dem Deckmantel religiöser oder faschistischer Ideologien Gewalt erfahren. Viele dieser Taten werden vermutlich nie bekannt, offizielle Zahlen gibt es nicht, unter anderem „weil sie immer vorläufig sind“, erklärt Barbara Kavemann, Soziologin und Mitarbeiterin bei der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Auch das Bundesministerium für Familie haben rituelle Gewalt als Teil organisierter Gewalt längst als gesellschaftliches Problem erkannt. Die Bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2018 weist für 2018 insgesamt 7.449 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornografischer Schriften (Schlüsselzahl 143200) aus. Das Phänomen „ritueller Missbrauch“ wird in der PKS weder als solches erfasst noch strafrechtlich verfolgt, ist sie doch häufig ein Szenario, in dem Material von Folterungen und Missbrauch entstehen.

Die Folgen der Traumas: dissoziative Identitätsstrukturen

Kinder und Jugendliche, die in diesem gewaltvollen Umfeld aufwachsen, kommen dort oft nicht unbeschadet heraus. Weil ihnen dort so große Schmerzen zugefügt werden und sie so traumatische Dinge erleben, bilden viele dissoziative Identitätsstrukturen. Dieser Begriff beschreibt ein psychisches Krankheitsbild, das früher als multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet wurde und bei dem eine Person Teile seiner Identität abspaltet. Diese Anteile nehmen Gefühle wie Wut, Angst und Schmerzen während eines traumatischen Erlebnisses auf. „Viele“ werden – so wird das von Expert*innen heute auch bezeichnet.

Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur leiden oft unter Flashbacks und Erinnerungsverlusten, weil zum Beispiel nur der Anteil, der gerade nach vorne tritt, sich an das, was er erlebt, erinnern kann. Bei organisierter und ritueller Gewalt wird das von Täter*innen zum Selbstschutz provoziert, manchmal konditionieren sie ihre Opfer gar auf sogenannte Trigger, um einen ganz bestimmten Persönlichkeitsanteil in ihnen hervorzurufen.

Die 59-jährige Nicki(s) aus der Nähe von Gütersloh wissen, was das bedeutet. Sie sind in einem Kult aufgewachsen, in dem sie rituelle Gewalt erfahren haben. Und sie sind viele – bei Nicki(s) heißen sie Gina, Toni, Burkhard, Nele, Nicki, Tina und Sonja. Durch jahrzehntelange Therapie haben sie gelernt, mit der dissoziativen Identitätsstörung und den Folgen der erlebten Traumata zu leben.

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In Tagebüchern hat Nicki(s) ihre Erfahrungen verarbeitet – ein langer, schwerer Prozess. Foto: Poliana Baumgarten / ze.tt

Für unseren einstündigen Dokumentarfilm über rituelle Gewalt und ihre Folgen haben wir ausführlich mit den Nicki(s) gesprochen. Den ersten Teil der Doku kannst du dir hier ansehen, den zweiten Teil der Doku findest du hier. Hier liest du das Protokoll unseres Interviews.

Nicki(s), 59: „Ohne den Schutzmechanismus, uns zu spalten, hätten wir nicht überlebt“

„Viele“ bedeutet in der heutigen Fachsprache eine dissoziative Identitätsstörung. Wir sind da, glaube ich, hineingeboren worden. Unsere Mutter wollte uns nicht haben. Sie hat sich in den Bauch gehauen, hat versucht, selbst abzutreiben, aber es hat nicht funktioniert. Wir vermuten, dass wir deshalb schon als Säugling im Mutterleib eine erste Spaltung hatten – ob das fachlich oder wissenschaftlich korrekt ist, können wir nicht sagen. Durch viele andere, massive Gewalterfahrungen als Kleinkind und Jugendliche hatten wir die Fähigkeit, uns zu spalten, in eine andere Person zu gehen. Dadurch sind wir viele.

Wir kennen keine Zeit, wo wir nicht gefoltert worden sind. Es gab mal Tage, an denen nichts passiert ist. Aber an den meisten Tagen eben schon, vor allen am Wochenende. Unsere Fehlzeiten in der Schule waren überwiegend samstags – damals gab es noch Samstagsschule. Das kann man auch aus Unterlagen unserer Schule sehen. Als wir schwanger waren, mit 14, da fehlten wir ein halbes Jahr. Wir sind später dann in einer anderen Klasse eingeschult worden. Das Kind wurde geopfert, in einem Ritual des Kultes, in dem meine Eltern waren. Unserer Sportlehrerin ist damals aufgefallen, dass etwas nicht stimmt – aber nur dadurch, dass sie uns am Rücken angefasst hatte. Und weil wir so stark misshandelt wurden, kam Blut raus. Da hat sie das Jugendamt angerufen und wir sind in eine Pflegefamilie gekommen.

Unsere Erfahrungen in der Kindheit gingen weit über Missbrauch hinaus.

Nicki(s)

Wir wurden nie auf den Arm genommen oder so. Unser Stiefvater, der war immer nur brutal. Er hat viel getrunken, wie unsere Mutter auch, und Drogen konsumiert. Dass wir da Liebe erfahren haben, kann man nicht behaupten. Auch unsere anderen Geschwister nicht. Wir waren mal acht Kinder. Ein Junge ist bei der Geburt gestorben, der zweite ist tödlich verunglückt. Zu ihm hatten wir ein ganz enges Verhältnis. Als er erfahren hat, dass wir von zu Hause weggehen, in eine Pflegefamilie, ist er tödlich verunglückt. Wir vermuten eher, dass er sich umgebracht hat. Aber das sind reine Spekulationen.

Unsere Erfahrungen in der Kindheit gingen weit über Missbrauch hinaus. Es war eher so, dass uns viele in dem Kult, in dem wir waren, missbraucht und gefoltert haben. Sie haben uns programmiert, damit wir bei bestimmten Sachen reagieren. Es gab ein Selbsttötungsprogramm, Verletzungsprogramme, solche Sachen. Das ist weit mehr als sexueller Missbrauch. Das ist rituelle Gewalt, wo man auch trainiert wird, bestimmte Sachen zu tun. Wir können mal ein Beispiel nennen: Ekeltraining. Ekeltraining bedeutet, dass man Urin trinken muss oder Kot oder rohes Fleisch essen muss. Wenn man das ausbricht, muss man es wieder essen. Man wird dabei geschlagen, mit einem Elektroschocker zum Beispiel. Dass Ekeltraining ist dazu da, die Macht des Satans zu spüren – wie das Trinken menschlichen Blutes, das gibt Macht und Power, wurde uns immer gesagt. Heute wissen wir, dass das Blödsinn ist. Dass diese Menschen einfach nur Macht über Kinder haben wollen.

Durch all diese Erfahrungen haben wir eine Dissoziation entwickelt, sind „viele“ geworden. Klar ist, dass wir auch heute noch durch bestimmte Aussagen oder Filme im Fernsehen eine Belastung haben. Aber es triggert uns nicht. Trigger heißt, wenn man im Fernsehen oder einem Film etwas sieht über Satanismus, und das etwas mit einem macht. Viele kippen zum Beispiel um, weil sie das so triggert, dass sie nichts mehr machen können und weitergucken, anstatt zu sagen: Ich mach das jetzt aus. Für uns waren früher gelbe Sachen ein Trigger: Eine gelbe Decke, ein gelber Pullover. Aber das ist heute nicht mehr so. Wir haben dagegen angekämpft, wir haben das ins Positive gesetzt. Das ist wichtig. Wir haben aber immer noch unheimlich viele körperliche Schmerzen, haben nur noch einen Eierstock, keine Gebärmutter und keinen Dickdarm mehr und Migräne. Durch Verspannung haben wir Fibromyalgie entwickelt, so dass wir unheimliche Muskelschmerzen haben. Wir müssen Medikamente nehmen, haben eine Erwerbsminderungsrente, dürfen nur noch drei bis sechs Stunden am Tag arbeiten, 24 Stunden in einer Woche. Vollzeit geht gar nicht mehr, das schaffen wir mehr.

Jeden Sonntag machen wir eine innere Konferenz, das haben wir in der Therapie gelernt. Wir sitzen dann im Kreis und reden über die Woche.

Nicki(s)

Es gibt viele Menschen, die sterben nach Nahtoderfahrungen oder bei einem schweren Verkehrsunfall. Wir hatten diesen Schutzmechanismus in uns, uns zu spalten. Wir glauben, wir hätten sonst nicht überlebt. Eine einzige Person kann das, was wir erlebt haben, nicht überleben. Wir sind jetzt zu siebt. Das ist toll, jeder hat sein eigenes imaginäres Zimmer. Ich als Nicki habe eine Lichterkugel, in die ich mich zurückziehe, ich brauche viel Wärme. Gina ist eher so eine Powerfrau, sie hat sich immer gewehrt, das war unfassbar. Sie hat mit Lichtkugeln überhaupt nichts am Hut, da sind wir wirklich Welten auseinander. Nele hat ihr kleines Kinderzimmer mit Stofftieren. Die beiden Jungs haben eher mit Musik zu tun. So ist das bei uns. Man kann sagen, das ist wie ein kleines, inneres Häuschen.

Ich bin meistens vorne. Früher war es Sonja, das war die Ursprungsperson. Aber sie ist komplett weg. Wir wechseln uns ab, gerade auf der Arbeit sind nur Gina und ich vorne, wenn wir zu Hause sind, kann Nele spielen – sie spielt gerne mit dem iPad oder der Wii. Die Jungs wollen gerne was im Internet gucken. Wir kriegen das alles ganz gut geregelt. Jeden Sonntag machen wir eine innere Konferenz, das haben wir in der Therapie gelernt. Wir sitzen dann im Kreis und reden über die Woche, wie was passieren kann. Wer mal was anderes machen möchte, wer auf den Weihnachtsmarkt möchte oder auf eine Kirmes. Das ist ganz wichtig. Weil wir das Gefühl haben, es funktioniert nicht, wenn man Innenpersonen ignoriert. Die rebellieren dann, man bekommt wieder Zeitverluste. Das wollen wir auf gar keinen Fall, das hatten wir früher genug.

Zeitverluste sind für uns früher so gewesen, dass Gina zum Beispiel einfach rausgekommen ist, ohne Bescheid zu sagen. Sie hat dann den Körper übernommen und ist mit dem Motorrad weggefahren, wieder zu den Tätern oder sonst wohin. Ich bin dann später aufgewacht und habe mich gefragt: Wie komme ich hier in dieses Hotelzimmer? Wo bin ich? Das sind diese Zeitverluste, die ganz viele mit dissoziativer Identitätsstruktur haben. Oder Flashbacks zum Beispiel: Dass man irgendetwas sieht, was einen völlig aus der Bahn haut. Da kommt man alleine ganz schwer wieder raus. Wir halten zusammen, bei uns funktioniert das alles bestens. Wir haben keine Flashbacks und keine Zeitverluste mehr. Aber das liegt daran, dass wir uns untereinander akzeptieren, so wie wir sind und mit all den Macken, die jede*r Einzelne von uns hat. Und das geht gut. Aber das ist ein langer Weg in der Therapie, den Kontakt zu den einzelnen Innenpersonen so hinzubekommen.

Sonja hat 1987 geheiratet. Bis wir wussten, was wir haben, dass wir „viele“ entwickelt haben, hat unser Mann immer gesagt: ‚Mal bist du so, mal bist du so, mal bist du so.‘

Nicki(s)

[Gina kommt.] Ich mache das mal. Ich bin Gina, hallo. Ich habe immer gedacht, dass irgendetwas mit uns nicht stimmt. Weil ich andere Stimmen gehört habe und solche Sachen. Aber ich habe immer gedacht, jeder hat das. Jeder Mensch dieser Welt hat das. Und habe dann nie was darüber gesagt. Das kam erst 1991 raus, da waren wir schon über drei Jahre in Therapie. Die Therapie sollte eigentlich enden, weil wir so stabil waren, dass es ging. Dann aber haben sich ganz viele von uns schriftlich bei der Therapeutin gemeldet, sie wusste damit überhaupt nichts anzufangen. Erst Monate später ist sie mal mit dem Zug gefahren und war in einer Bahnhofsbücherei. Dort hat sie das Buch Aufschrei aufgeschlagen. Kurz darauf hatten wir Therapiestunde und sie sagte: „Ich weiß jetzt, was Sie haben.“ Wir haben das damals ignoriert. Sonja zum Beispiel hat zu unserer Therapeutin gesagt, sie spinnt, das gibt es nicht.

Ich war sehr rebellisch, ich fand das schrecklich mit der Therapie. Sie hat mich auch manchmal so sehr provoziert, dass ich dachte, ich hau jetzt ab. Aber sie hat nie aufgegeben. Am Ende waren wir 20 Jahre bei ihr. 2007 war die Therapie abgeschlossen. Bis auf die körperlichen Geschichten geht es uns heute super. Wir sind keine Menschen, die lockerlassen können, unsere Muskeln sind ständig verkrampft, wir leiden unter Migräne. Unsere Schwester, von unserer Pflegefamilie, die ist Physiotherapeutin und jedes Mal, wenn wir uns sehen, sagt sie: Schulter lockerlassen. Wir können das nicht, kriegen das nicht aus uns raus. Das erinnert uns natürlich immer an die massive Gewalt.

Sonja hat 1987 geheiratet. Bis wir wussten, was wir haben, dass wir „viele“ entwickelt haben, hat unser Mann immer gesagt: „Mal bist du so, mal bist du so, mal bist du so.“ Als die Diagnose kam, ist unser Mann super damit umgegangen. Er ist zum Beispiel mit Tony in den Wald gegangen und hat ihm so einen elektrisch fahrenden Jeep geschenkt. Er hat mit Nele gespielt und ihr eine Puppe gekauft. Aber Sexualität ging nicht, nachher, als es ganz massiv rauskam, das Viele-Sein. Wir haben in der Therapie gelernt, zu vertrauen, obwohl das immer wieder gekippt ist. Unsere Therapeutin hat gesagt, das sei ganz normal. Gerade, wenn sie sechs Wochen in Urlaub war, haben wir oft gedacht, wir können ihr nicht mehr vertrauen, wenn sie wiederkommt. Wir haben dann gedacht, dass sie in den sechs Wochen bei der Sekte, dem Kult war und sich Infos geholt hat oder so. Aber das war Quatsch, das wurde von Innenpersonen so dargestellt.

Heute arbeiten wir und machen viel Sport, damit wir uns vernünftig bewegen können. Wir gehen zwei Mal die Woche in ein Fitnessstudio und machen Wassergymnastik. Ansonsten stecken wir viel Zeit in unseren Verein Lichtstrahlen. Einmal im Monat leiten wir außerdem eine Selbsthilfegruppe an. Da reden wir über Alltagsgeschichten, nicht über Therapie, das ist ein No-Go in der Selbsthilfegruppe. Das Schöne ist: Wir wechseln da immer ab. Auch die Innenkinder dürfen rauskommen. Dann wird gebastelt, oder wir spielen und backen. Das macht viel Spaß. Gerade Innenkinder haben, obwohl sie so viel überlebt haben, noch ein ganz unbeschwertes Leben. (Nele kommt, zeigt etwas.) Guck mal, das sind unsere ganzen Kekse. Letztes Mal haben wir die gebastelt. Diese Woche sind die Großen dran, nächsten Woche basteln wir wieder (lacht vergnügt). (Nicki spricht.) Als wir mit unserer Geschichte das erste Mal an die Öffentlichkeit gegangen sind, hatten wir panische Angst, dass die Täter*innen uns umbringen, weil sie da immer mit gedroht haben. Aber mittlerweile fühlen wir uns von der Öffentlichkeit geschützt.


Hilfe holen

Hilfe bietet die bundesweite, kostenfreie und anonyme telefonische Anlaufstelle berta unter der Telefonnummer 0800 3050750, sie richtet sich an Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt, sowie an Angehörige, Helfende und Fachkräfte.

Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch  erreichst du unter 0800 22 55 530, es ist die bundesweite Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten. Beide sind kostenfrei und anonym.

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