„Wir sind nicht commited!“ – Warum es einfacher ist, sich auf Englisch zu trennen

Love you ist leicht gesagt. Ich liebe dich, ist ein sprachliches Schwergewicht. Dass wir, wenn es um die Liebe geht, gerne mal die Sprache wechseln, hat simple Gründe.

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Nie liebte ich eine Engländerin. Und auch keine Frau aus dem restlichen angelsächsischen Raum. Meine Freundinnen waren immer deutschsprachig. Allerdings habe ich mich immer wieder in Frauen verliebt, die für einzelne Sätze ins Englisch wechselten. Man könnte sagen: I have a thing for this kind of women.

Eine dieser Frauen machte mir – schüchtern und maßvoll betrunken – die tagespolitisch schönste Liebeserklärung der westlichen Welt, als sie sagte: „I like you more than Obama likes Care.“ Eine andere rechtfertigte mir gegenüber, dass sie einen anderen Mann geküsst (und so weiter) hatte, mit dem Satz: „We didn’t have a commitment.“ Ich bin schon lange über diese Frau hinweg, aber ihr rätselhafter Satz fasziniert mich bis heute. Was hat er zu bedeuten?

Was ist das zwischen uns?

Nähern wir uns an. Commitment meint wörtlich übersetzt Verpflichtung, Festlegung oder Bekenntnis. Auch Psycholog*innen nutzen den Begriff im Sinne einer Selbst- oder Handlungsverpflichtung. Sie gehen davon aus, dass eine Person mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Handlung ausführt, sofern sie ihre Absicht dazu formuliert. Das bekannteste Commitment ist wahrscheinlich der Satz: Ja, ich will.

I like you more than Obama likes Care.“

Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war die monogame Ehe das einzige akzeptierte Beziehungsmodell. Aber die starren Strukturen wanken, das postmoderne Individuum möchte nicht mehr gesagt bekommen, wie und wen es zu lieben hat. Nicht aber die freie Liebe setzt sich damit durch, sondern eben das individuelle Commitment.

Die neue Beziehung macht sich unabhängig von überholt klingenden Normen wie Sittlichkeit, Treue und Ehre. Das sind alte deutsche Wörter. An ihre Stelle treten Deals zwischen Individuen. Schatz, Baby und Süßer sind längst juristische Personen. Zwischen ihren Herzen klafft eine Leerstelle. In sie stößt das Commitment.

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Was „das hier zwischen uns ist“, was Liebende voneinander erwarten und erhoffen können, soll bei aller Freiheit beschreibbar bleiben. Wir müssen reden und dafür brauchen wir Begriffe. Gender Studies und Klatschmagazine werfen immer neue Kategorien auf den Markt wie etwa Polyamorie, serielle Monogamie oder die RZB (Romantische Zweierbeziehung). Das sind Vorlagen für Spielregeln, die jedes Paar für sich modifizieren kann. Wer ein Commitment aushandelt, darf sich später darauf berufen. Umgekehrt natürlich auch. Wenn kein Commitment vorliegt, darf auch jede*n küssen, wen er*sie will.

Liebe auf gut Deutsch

So verhielt es sich mit der Frau und mir. Sie durfte streng liebesjuristisch ausgelegt also nicht nur mich, sondern auch diesen anderen Mann küssen. By the way: ein ausgesprochener Trottel, um nicht zu sagen a dickhead. Sie war also im Recht und musste sich keine Vorwürfe machen. Warum aber antwortete sie mir auf Englisch?

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Es wäre nur konsequent gewesen, hätte sie ihren Satz so deutsch und bürokratisch formuliert, wie sein Inhalt gemeint war. In etwa so: Ich habe Verständnis für deine Enttäuschung, aber wir haben uns in der Vergangenheit die Monogamie betreffend nicht auf einheitliche Richtlinien verständigt, weswegen ich keine Veranlassung sah, ein erotisches Angebot auszuschlagen. Aber das wäre albern gewesen, es ging in unserem Gespräch immerhin um Gefühle wie Enttäuschung, Eifersucht, Scham, alles. Und die Frau war in dieser Situation nicht albern, sondern zerknirscht und sich eines Vertrauensbruchs bewusst.

Die Fremdsprache fungiert so als eine Art Gummiknüppel auf dem Schlachtfeld der Gefühle.“

Und ich glaube genau das ist der Grund, warum sie Englisch sprach. Weil Sätze in Fremdsprachen neutraler klingen, weil gewichte Dinge leichter über einen Umweg zu verhandeln sind. Ein Rest Distanz bleibt selbst bei Menschen, die eine Zweitsprache perfekt beherrschen. Es sind nicht die Laute, mittels derer sie überhaupt erst erlernt haben, mit Menschen in Kontakt zu treten und ihre Beziehungen zu reflektieren. Es bleibt ein Unterschied zwischen Fremd- und Muttersprache. Und dieser Unterschied spricht für das Englische, wenn es gilt, schwierige Sätze zu sagen.

Die Fremdsprache fungiert so als eine Art Gummiknüppel auf dem Schlachtfeld der Gefühle. Fuck you oder love you ist leicht gesagt, fick dich oder ich liebe dich sind sprachliche Schwergewichter, die sensiblen non-native speakers nicht leichthin über die Zungen rollen.

Rihannas Vulgärromantik

Die Band Tocotronic hat das Problem in einem Song beschrieben: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“. Popmusik ist sicher ein Grund für die Beliebtheit von Anglizismen in der Verhandlung des Zwischenmenschlichen. Eine, zugegeben schlichte, Google-Übersetzung des Rihanna-Titels Work lautet: „Ich dachte, all deine Träume wären Wirklichkeit. / Du hast mir mein Herz, die Schlüssel und meine Fantasie genommen.“ Das klingt peinlich, geradezu revolverheldesk.

Und doch singen auch Menschen diesen Song mit, die Geschmack und Stilbewusstsein für sich reklamieren. Wir verstehen durchaus, was Rihanna da für eine Vulgärromantik von sich gibt, müssen uns aber nicht rechtfertigen, während Helene Fischers Textzeilen so aufdringlich unterkomplex wirken, dass nur wenige Akademiker*innen sich öffentlich als ihre Fans bekennen. Das Englische aber fördert über alle UNIcert-Stufen hinweg eine beruhigende Distanz zum in ihm ausgedrückten Inhalt. Das kam auch der Frau zugute, mit der ich kein Commitment hatte. Sie hat ihre Rechtfertigung auf Englisch formuliert, weil sie dadurch leichter auszusprechen war. So wie die juristische Sprache Gewaltverbrechen verhandeln kann, ohne dabei emotional zu klingen.

Das heißt aber auch: Wer auf ein Commitment pocht, ist ein Apparatschik der Liebe. Er kennt nur die Verantwortung für formulierte Regeln, nicht für eigene oder fremde Gefühle. We didn’t have a commitment. Der Satz transportierte genau aus, was die Frau meinte, aber sagte es eben nicht auf gut Deutsch. Er bot einen Ausweg aus der unangenehmen Situation. So konnte sich die Frau mitteilen, ohne sprachlich die ganze Verantwortung zu übernehmen. Natürlich war ich enttäuscht von diesem feigen Satz. Das Letzte, was ich zu der Frau sagte, war: Du bist eine dumme Nuss. Tocotronic singen übrigens auch: „Über Frauen kann man schlecht im Deutschen fluchen. / Man sollte es nicht versuchen.“