„Wir sind Zielscheiben“ – so empfinden queere Menschen die Wiederwahl Dudas in Polen

Die Polen haben den LGBTQIA-feindlichen Präsidenten Andrzej Duda wiedergewählt. Aktivist Bart Staszewski bangt um die Zukunft seiner Community. Im Interview erzählt er, was er befürchtet, von der EU erwartet und wie sein persönliches Treffen mit Duda verlief.

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Bart Staszewski ist Aktivist und Dokumentarfilmer. Er lebt in Warschau. Foto: © Emila Oksentowicz

Seit Monaten hetzt die konservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter Jarosław Kaczyński in Polen gegen die LGBTQIA-Community und versucht, sie nach und nach ihrer Rechte zu berauben. Mit der Wiederwahl des Hardliners Andrzej Duda hat sich die Situation für Minderheiten nun noch weiter verschärft.

Bartosz ‚Bart‘ Staszewski ist Aktivist und Dokumentarfilmer. Er hat Anfang des Jahres 2020 queere Menschen in den sogenannten „LGBT-freien Zonen“ in Polen fotografiert, über die auch ze.tt berichtet hat. Im Gespräch erzählt der Aktivist, wie es derzeit um die Rechte von LGBTQIA-Communitys in Polen steht. Außerdem spricht er über seine Zukunftsängste und erklärt, was er in diesen Zeiten von der Europäischen Union fordert.

ze.tt: Bart, wie hat sich die Situation für die LGBTQIA-Community seit dem Beginn der Präsidentschaft von Andrzej Duda verändert?

Bart Staszewski: Wir sind Zielscheiben. Wir dienen nicht nur im Wahlkampf, sondern auch in der täglichen Politik als Feindbild. Wann immer nach Schuldigen gesucht wird, zeigt die homofeindliche Regierung auf die LGBTQIA-Community. Sie kämpfen gegen uns. Auch wenn ich nicht weiß, ob Kampf in diesem Zusammenhang das richtige Wort ist. Es suggeriert, dass wir es mit zwei gleichgestellten Kräften zu tun haben, dass es ein Kampf zwischen ebenbürtigen Gegner*innen ist. Die Regierung hat aber weitaus leistungsfähigere Werkzeuge als wir.

Wenn gleichgeschlechtliche Paare in Polen in der Öffentlichkeit Händchen halten, ist das unglaublich mutig.

Bart Staszewski

Was für Werkzeuge sind das?

Das öffentliche Fernsehen beispielsweise, in dem sie ihre LGBTQIA-feindliche Propaganda verbreiten. Letztes Jahr gab es mehr Pride-Veranstaltungen denn je in Polen. Wir wissen, dass die polnische Gesellschaft tolerant ist, insbesondere die jungen Menschen. Es gibt auch immer mehr junge Leute, die sich outen. Es hat also Veränderungen gegeben. Im öffentlichen Fernsehen wird das aber nie zu sehen sein. Das ist ein riesiges Problem, weil das Fernsehen für viele Menschen immer noch die Hauptinformationsquelle ist. Das Ausmaß der Propaganda, das derzeit im Fernsehen zu sehen ist, erinnert an die dunkelsten Zeiten des Kommunismus. Rechte Fundamentalist*innen dürfen dort ihren Hass gegen queere Menschen verbreiten, ihnen für alles die Schuld in die Schuhe schieben und behaupten, dass wir Kinder für schreckliche Zwecke benutzen. Sie dürfen im öffentlichen Fernsehen sagen, was sie wollen.

Welchen täglichen Gefahren muss sich die LGBTQIA-Community in Polen derzeit stellen?

Wenn gleichgeschlechtliche Paare in Polen in der Öffentlichkeit Händchen halten, ist das unglaublich mutig. Auch in den großen Städten. Ich wohne in Warschau. Ich bin privilegiert, hier leben zu können. Trotzdem habe ich Angst, die Hand meines Freundes in der Öffentlichkeit zu halten oder dem Uber-Fahrer zu sagen, dass wir noch ein paar Sekunden warten müssen, weil mein Freund gleich kommt. Besonders schwierig ist es aber in kleineren Städten, wenn die Leute erkennen, dass du Teil der LGBTQIA-Community bist. Wer sich outet, riskiert in Polen viel. Nicht nur böse Worte, sondern auch Gewalt.

Wie wird sich die Situation für LGBTQIA-Communitys in Polen nach den Wahlen verändern?

Es wird immer schlimmer werden. Wir sehen die Versprechen, die Duda den Menschen gegeben hat. Er will die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare verbieten. Er will LGBTQIA-Ideologien in öffentlichen Institutionen bekämpfen. Jetzt haben er und die PiS-Regierung den Raum, diese Gesetze einzuführen. Wir sind auf dem Weg, die Europäische Union zu verlassen. Wir werden sicherlich einen Teil ihrer Finanzierung verlieren. Das Leben wird für Minderheiten immer schwerer werden.

Ich befürchte, dass die Anzahl an gewalttätigen, homofeindlichen Angriffen steigen wird. Dieser Kampf gegen Minderheiten, den die Regierung führt, gefährdet aber unsere Kinder am meisten. Mehr queere Kinder werden Suizid begehen. Wir wissen, dass bis zu 70 Prozent bereits jetzt Suizidgedanken haben. Die Hälfte von ihnen zeigt Symptome von Depressionen. Aus diesem Grund habe ich mich auch vor einigen Wochen mit Andrzej Duda getroffen.

Ich erwarte, dass die Europäische Union keine Union der leeren Worte und Slogans ist. Ich erwarte eine Gemeinschaft, die allen Menschen Lebensqualität und Würde sichert.

Bart Staszewski

Wie lief dieses Treffen ab?

Unser Treffen dauerte ungefähr eine Stunde. Ich zeigte ihm Bilder von Teenager*innen, die aufgrund von Homo- und Transfeindlichkeit Suizid begangen haben und erzählte ihm von den Statistiken. Er erklärte mir, dass ihn das traurig mache und, dass diese Kinder wohl psychologische Hilfe bräuchten, keine Gleichberechtigung. Ich fuhr fort, indem ich ihm erzählte, dass die Steine, die letztes Jahr bei einer Pride-Veranstaltung auf uns geworfen wurden, nicht von irgendwoher kamen, sondern dass sie auf seiner und der homofeindlichen Haltung der Regierung beruhten. Er meinte immer wieder, er habe noch nie etwas von diesen Dingen gesehen oder gehört. Hier haben wir also das Oberhaupt des Landes, den Leiter des Militärkomplexes, der behauptet, er habe keine Ahnung, was in seinem Land passiert. Natürlich lügt er. Unser Staatsoberhaupt und die anderen Machthaber*innen betonen ständig, dass sie alles tun, um alle Menschen in Polen zu schützen. Sie schweigen aber, wenn es um die Suizide dieser Kinder geht, weil sie wissen, dass sie dafür verantwortlich sind.

Welche Hilfe erwartest du von der Europäischen Union?

Ich erwarte, dass die Europäische Union keine Union der leeren Worte und Slogans ist, dass sie sich nicht als reine Wirtschaftsunion begreift, wie es in den letzten Jahren oft der Fall war. Ich erwarte eine Gemeinschaft, die allen Menschen Lebensqualität und Würde sichert. Als wir in die Europäische Union eintraten, wusste ich, dass dies nicht nur eine wirtschaftliche Partner*innenschaft war, sondern dass es mehr sein sollte. Die Mittel, die wir von der Europäischen Union erhalten, können nicht zur Finanzierung von LGBT-freien Zonen in Polen verwendet werden. Für mich widerspricht das allem, wofür die Europäische Union stehen will. Deshalb müssen diese Mittel von ihrer Seite überprüft und gekürzt werden. Nur so wird die polnische Regierung verstehen, dass sie die falschen Entscheidungen trifft.

Du hast die sogenannten „LGBT-freien Zonen“ erwähnt, die in Polen existieren. Gibt es für queere Menschen Unterschiede zwischen den ländlichen Gebieten und den Städten?

Ich würde niemals sagen, dass alle Pol*innen homophob sind, aber sie sind es gewohnt, egoistisch zu sein, und das ist ein Problem. Menschen in ländlichen Gebieten, Dörfern, sind vor allem damit beschäftigt, was ihnen in ihrem Leben zugutekommt, und sehen nicht, wie andere dadurch benachteiligt werden könnten. Duda hatte in den kleineren Städten und Dörfern einen Vorsprung, während Rafał Trzaskowski in größeren Städten geführt hat. In den ländlichen Gebieten wird Duda gewählt, weil er verschiedene Sozialprogramme initiiert hat. Die vorher regierende Partei, zu der auch Trzaskowski gehört, hat damals viele unbeliebte Entscheidungen getroffen. So hat sie beispielsweise das Renteneintrittsalter erhöht. Aus diesem Grund werden viele Menschen sie nie wieder wählen, auch, wenn ihnen Trzaskowski vielleicht sympathisch war.

Gibt es noch weitere Gründe?

Wie schon erwähnt, ist da auch noch das Problem mit dem polnischen Fernsehen, das die Menschen in den Dörfern mit Propaganda und Anti-LGBT-Hass verführt. Viele Leute schauen nur öffentliches Fernsehen. Fake News sind mitunter unsere größten Gegner*innen in diesem Kampf. Selbst eine sehr kritisch denkende Person, wird sich irgendwann fragen, ob vielleicht etwas Wahres am Erzählten dran sein könnte, wenn sie ständig mit Fehlinformationen gefüttert wird.

Wir können nicht akzeptieren, dass Menschen aufgrund der Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität diskriminiert werden. Es braucht starke Reaktionen aus ganz Europa.

Bart Staszewski

Gibt es Pläne der PiS-Partei, die besonders gefährlich sind?

Ich habe Angst vor einem Gesetz gegen „Homo-Propaganda“, wie es das in Ungarn und in Russland gibt. In Polen wird das „Gesetz gegen die Förderung von LGBT-Ideologien“ genannt. Im Grunde genommen ist es dasselbe Prinzip. Normalerweise sollten öffentliche Einrichtungen, die ebenfalls von der Europäischen Union finanziert werden, Vielfalt und Inklusion fördern. Mit dem neuen Gesetzesentwurf könnten sie das nicht. Die Einführung dieses Gesetzes wäre mein schlimmster Albtraum, aber ich befürchte, es ist erst der Anfang. Sie werden alle Anzeichen von LGBT-Personen im öffentlichen Raum bekämpfen.

Hast du auch Hoffnungen für die Zukunft?

Ich stecke meine Hoffnung in die Europäische Union. Wir kämpfen bereits vor Ort, versuchen das Bewusstsein zu schärfen, arbeiten mit NGOs zusammen und bekämpfen Homo- und Transfeindlichkeit. Es wird nicht genug sein. Es leben ungefähr 39 Millionen Menschen in Polen, unter denen ein paar NGOs für unsere Rechte kämpfen. Unser Haus brennt aber. Wir brauchen dringend Hilfe. Politiker*innen in ganz Europa sollten nicht nur abwarten und beobachten, was passiert. Sie können sich auf einer anderen politischen Ebene engagieren als wir. Sie können polnische Politiker*innen tatsächlich unter Druck setzen. Wir sind im 21. Jahrhundert. Wir können nicht akzeptieren, dass Menschen aufgrund der Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität diskriminiert werden. Es braucht starke Reaktionen aus ganz Europa. Darauf hoffe ich. Polen selbst wird in den kommenden Jahren von sich aus keine Änderungen vornehmen.

Was sollte die Welt derzeit noch über Polen wissen?

Es gibt auch fröhliche und positive Geschichten zu erzählen aus diesem Land. Wie anfangs erwähnt: Junge Leute outen sich mehr. Die Pride-Events im letzten Jahr hatten so viele Besucher*innen wie noch nie und wurden von junge Menschen in kleinen und großen Städten organisiert. Das ist neu. Der Hashtag #IAMLGBT ging in Polen viral. Wir sehen mutige junge Leute, die sich auf Facebook, Twitter und Instagram zu ihrer Situation äußern, auch wenn es gefährlich für sie werden kann. Einerseits haben wir eine Regierung, die ihre Anti-LGBTQIA-Agenda vorantreibt, und gleichzeitig wehren sich junge Menschen in Polen gegen die Ungerechtigkeiten. Meine Hoffnung liegt auch auf ihnen.