„Hitlergruß sollte man vielleicht sein lassen“ – Wir waren auf einem der größten Neonazitreffen Europas

Jedes Jahr treffen sich Tausende zur Ustaša-Gedenkfeier im österreichischen Bleiburg. Unter dem Deckmantel der kirchlichen Veranstaltung feiern Neonazis mit. Eine Reportage

Hans Jörg Franzl hält sich am Geländer seines Balkons im ersten Stock fest, wenn er nach unten schaut. Dann berührt er die Strohmatte, die ihn eigentlich vor Einblicken schützen sollte. Doch der 48-Jährige will raussehen. Er will sehen, was passiert, oder besser gesagt: wer vorbeigeht.

In Loibach leben gerade einmal 399 Einwohner*innen, der Ort zählt zur Gemeinde Bleiburg im österreichischen Bundesland Kärnten. Jedes Jahr findet im Mai die sogenannte Ustaša-Gedenkfeier mit Prozession statt. An diesem Samstag sollen zwischen 10.000 und 15.000 Besucher*innen aus Kroatien, Deutschland und Österreich kommen. Hans Jörg habe es satt, dass Neonazis sein Zuhause belagern. „Nicht alle hier sind Nazis, manche gedenken wirklich ihrem Opa, aber bei den meisten erkennt man das schon am Aussehen“, so Hans Jörg.

Er blickt von seinem Balkon normalerweise nur auf den Friedhof, die Kirche, viele Gärten mit Gartenzwergen und weißen Keramikschwänen, aus denen Blumen wachsen. Ja, normalerweise passiert hier gar nichts. Vor der Garage seiner Nachbar*innen stehen heute nun Dutzende Polizist*innen. Auf dem Feldweg parkt ein Polizeiauto mit einer Kamera auf dem Dach. Wiesen, Felder und ein wunderschönes Alpen-Panorama. Rundherum Idylle, zumindest in der Landschaft.

Die Hallelujah-Gesänge am Friedhof werden immer leiser. Die Prozession beginnt. Hunderte von Menschen marschieren hinter dem Bischof und all den anderen Geistlichen der kroatischen Kirche zum Loibacher Feld. Vorbei an Hans Jörgs Wohnung.

Was zunächst wie eine beschauliche christliche Veranstaltung wirkt, gewinnt beim zweiten Blick einen düsteren Charakter. Zwischen alten Menschen, die weinen und beten, Nonnen und Mönchen, Menschen in traditionell kroatischer Tracht sind auffällig viele Männer. In schwarz. Sie haben ihre Haare raspelkurz. Sind zwischen 20 und 40. Sonnenbrillen. Die Arme voller Tattoos, Fahnen in der Hand oder als Anstecker auf der Brust.

Wie können die jungen Leute die Geschichte vergessen?“

Auf den ersten Blick sehen diese Fahnen und Abzeichen nicht anders als die Kroatien-Flagge aus. Diese besteht aus drei gleich großen, horizontalen Streifen Rot, Weiß und Blau, darin mittig das Wappen Kroatiens. Ein Schachbrettmuster, das oben links mit einem roten Feld beginnt. Bei den Männern auf den Straßen Loibachs ist diese Flagge oft zu sehen. Aber auch die, bei denen das Wappen mit einem weißen Feld beginnt. „Genau die Menschen wollen wir hier nicht sehen“, sagt Hans Jörg und sein Gesicht verfinstert sich. „Am liebsten würde ich mit einem roten und weißen Spray nach unten gehen und die Flaggen umsprühen. Ich finde es eine Schweinerei. Ich will, dass die Menschen ihr Hirn einschalten. Wie können die jungen Leute die Geschichte vergessen?“ fragt er sich. Dann deutet er in den Himmel, wo seit Stunden ein Hubschrauber kreist und schüttelt den Kopf.

Ustaša gilt als faschistische Bewegung

Die Flagge mit dem umgedrehten Schachbrettmuster ist in Kroatien illegal, denn sie gilt als das Zeichen der Ustaša. Ein von Ante Pavelić 1929 in Italien gegründeter und von ihm geführter kroatischer rechtsextrem-terroristischer Geheimbund, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Im Zweiten Weltkrieg kämpften sie an der Seite der Nationalsozialist*innen.

Die Aufständischen, wie sie übersetzt heißen, sind verantwortlich für Massenmorde, insbesondere in dem Konzentrationslager Jasenovac. Dem einzigen Vernichtungsslager, das nicht von Deutschen betrieben wurde. Das Regime brachte mindestens 60.000 Menschen um, darunter vor allem Serb*innen, Jüd*innen und Roma. Am Ende des zweiten Weltenkrieges, flohen die Ustaša und ihre Angehörigen vor den jugoslawischen Tito-Partisan*innen in Richtung britischer Besatzungsgebiete und damit ins heutige Kärnten. Am 14. Mai 1945 erreichten sie das Loibacher Feld bei Bleiburg. Doch die Brit*innen schickten sie zurück über die nahegelegene Grenze. Zehntausende starben in der Folge von Todesmärschen und bei Massakern.

Seit fast 70 Jahren wird der Soldat*innen des zweiten Weltkriegs und deren Angehörigen in Bleiburg gedacht. Veranstaltet wird die Gedenkfeier von der kroatischen katholischen Kirche und findet auf einem von der kroatischen Regierung finanzierten Privatgrundstück statt. Dazu gehört ein mehrstündiger Gottesdienst im Freien und Kranzniederlegung am Friedhof. In den vergangenen Jahren besuchten zwischen 10.000 und 30.000 Menschen die Gedenkfeier. Dabei gab es zahlreiche Vorfälle der in Österreich verbotenen sogenannten Wiederbetätigung wie Hitlergrüße oder Hakenkreuz-Tattoos.

Alles für die Heimat

Da es im vergangenen Jahr viele Probleme und anschließende mediale Öffentlichkeit gab, kündigte die Kirche an, dass in diesem Jahr alles anders werden solle. Keine Symbole der Ustaša. Kein Alkohol. Keine politischen Reden. Keine Uniformen. Davon merkt man am Friedhof und in der Prozession nichts. Die Menschen schwenken ihre Fahnen, für die sie in Kroatien eine Anzeige bekommen würden. In Österreich hingegen erwarten sie keine Konsequenzen.

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Einige der jungen Männer tragen faschistische T-Shirts mit Soldaten und Sprüchen wie Za dom spremni, übersetzt „Für die Heimat – bereit“, darauf, das sind die umstrittenen Worte, die einst das faschistische Ustaša-Regime gebrauchte. Diese Worte sind in Österreich nicht verboten, aber eine Gratwanderung. Ein Austesten der Grenzen der Narrenfreiheit im Ausland.

Die Sonne knallt vom Himmel und die Menschen in schwarz haben Schweißperlen im Gesicht. Auf dem Feld angekommen folgt ein mehrere Stunden andauernder kroatischer Gottesdienst, mit Singsang und Predigt. Es wird nur kurz Deutsch gesprochen, als man sich bedankt, dass die Feier in Bleiburg möglich ist.

Kritik an der Veranstaltung

Das renommierte Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, DÖW, wertet das Treffen als eines der „größten Treffen von Neonazis in ganz Europas“. Offiziell heißt es in der österreichischen Politik, dass man nichts dagegen tun könne, da es sich um eine religiöse Veranstaltung handele. Zudem finde sie auf einem Privatgrundstück statt. Laut dem Verfassungsjuristen Bernd Christian Funk hätte die Gedenkfeier aber durchaus verboten werden können. Es würden schließlich „Meinungsäußerungen kundgetan, politische Reden gehalten“, sagte Funk im Morgenjournal. „Hier hat man bis jetzt weggesehen, versucht dieses Wegschauen auch noch mit fadenscheinigen Argumenten zu legitimieren“, so Funk.

Ich habe niemandem etwas getan.“

Ein aus Zagreb stammender Mann um die 50, der seinen Namen nicht verraten will, versteht die Kritik an der Veranstaltung nicht. Er trägt ein weiß-blau gestreiftes Hemd, eine Sonnenbrille, hat schneeweißes Haar und ist mit zwei Freunden zur Gedenkfeier gekommen. So wie jedes Jahr sind sie morgens um halb sieben von Kroatien los.

Einige der Grenzübergänge seien gesperrt gewesen, erzählt er. Er sehe darin eine Strategie der Polizei, dass die Menschen möglichst spät oder erst gar nicht nach Loibach kommen. Darum seien auch nur um die 10.000 Menschen anwesend. Viel weniger als im letzten Jahr. „Ich fühle mich aufgebracht und verletzt. Überall ist Polizei. Ich habe niemandem etwas getan.“ Er steht neben dem offiziellen Eingang. Dort werden nun doch einige Fahnen eingesammelt und kontrolliert, T-Shirts ausgezogen und Abzeichen weggepackt. Alles von privaten Sicherheitsbediensteten der Veranstaltung und nicht der Polizei. Im Hintergrund wird laut gesungen. Kirchengesang.

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Der Mann schüttelt den Kopf. „Das sind hier ganz normale Landsleute von mir“, erklärt er. Hitlergrüße? Gebe es auf jeder Veranstaltung mit vielen Menschen. Ustaša-Fahnen? Das Symbol gab es bereits unter dem ersten König der Kroat*innen Tomislav im Jahr 925, wie es auch das Hakenkreuz vor dem Weltkrieg gab. Ein Treffen von Rechtsextremen? „Nein, dann wär ich ja auch einer. Und das bin ich bestimmt nicht“, sagt er und verabschiedet sich.

Frauen knien mittlerweile im Schotter auf mitgebrachten Deckchen. Sie beten, in der Hand halten sie Rosenkränze. Während des Gebetes hat es nach Angaben einiger Besucher*innen immer wieder Hitlergrüße und in Österreich verbotene Symbole gegeben. Im Wald dahinter picknicken Menschen und suchen Schatten. Dazwischen Polizei.

Hitlergruß sollte man vielleicht sein lassen.“

Marko* ist ein Kärnter-Kroate. Er ist Mitte 20. Patriot, wie er erklärt, und zum ersten Mal hier. Auch er will seinen Namen nicht verraten. Er will zuerst gar nicht mit der Presse sprechen. Erklärt sich dann aber doch bereit. Seine blonden Haare sind zu einem Sidecut geschoren, er ist um die 1,70 groß, trägt ein T-Shirt mit Totenköpfen darauf und eine Sonnenbrille. „Ich habe Angst, dass diese Feier verboten wird“, erklärt er. Er ist hier wegen seiner Herkunft und seiner Religion. Er glaubt an Gott und bezeichnet sich selbst als „sehr religiös“. Wie als einen Beweis dafür, zeigt er die Marien-Abbildung, die er auf seine Arme tätowiert hat.

Marko sieht in den Taten der Ustaša kein Problem, schließlich hätten sie sich nur verteidigt. Und wie sieht’s mit den Hitlergrüßen aus? „Ja, das sollte man halt vielleicht lassen“, meint er. Seine ganze politische Hoffnung setzt er auf den rechten Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Sein Freund beobachtet unser Gespräch skeptisch, will nicht mit uns sprechen. Auch er trägt viele Tattoos. Sein rechter Oberarm ist mit schwarzem Klebeband abgedeckt.

Neun Anzeigen nach Verbotsgesetz auf religiöser Veranstaltung

Insgesamt gibt es an diesem Tag neun Anzeigen nach dem Verbotsgesetz. „Sieben Verdächtige wurden festgenommen, zwei Anzeigen gegen unbekannte Täter wegen des Hitlergrußes und eine wegen eines Aufenthaltsverbots sind erfolgt“, sagt Polizeisprecher Rainer Dionisio. Zum ersten Mal findet in Bleiburg auch eine Gegendemo statt. Um die hundert Menschen, die Transparente hochhalten, auf einigen steht „Nazis Raus“. Aber weit weg vom Loibacher Feld.

Auch Hans Jörg hat schon überlegt, ein Transparent an den Balkon zu hängen mit „Nazis Raus“. Aber er will nicht alle Besucher*innen in einen Topf werfen. „Es geht nicht darum, das Totengedenken abzuschaffen, sondern darum, dass hier Neonazis ihre Symbole offen zur Schau stellen.“ Dagegen müsste Österreich endlich rechtlich vorgehen und die Symbole der Ustaša verbieten.

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Ein Mann schreit auf den Balkon und fragt Hans Jörg, ob er zwei Bier für ihn habe. Kahler Kopf, Sonnenbrille und eine Ustaša-Fahne in der Hand. Hans Jörg schüttelt den Kopf und schimpft mit sich selbst. Wirft es aber dann doch runter und schreit: „Aber brav bleiben, gell?“ Der Mann ruft zurück: „Pa da!“(„Aber ja!“) lacht und schwenkt seine Fahne neben den dort stehenden Polizist*innen.

* Name von der Redaktion geändert.

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