WM-Bashing: Könnten wir Fußball bitte einfach wieder genießen?

Unter Linken ist es verpönt, Fan zu sein, den Reaktionär*innen ist die Nationalmannschaft nicht deutsch genug. Können wir bitte einfach das Spiel genießen? Ein Kommentar

Jogis Jungs, oft unter Beschuss. Foto: © Kirill Kudryavtsev / AFP / Getty Images

Eigentlich müssten alle voller Ekstase im Lieblingsbiergarten sitzen und sich vom internationalen Freudentaumel anstecken lassen. Eigentlich. Denn Fußball ist zwar der beliebteste Sport der Welt, es ist gerade Weltmeisterschaft und die deutsche Nationalmannschaft ist – trotz schwachen Beginns – eine der vielversprechendsten Mannschaften des Wettbewerbs. Aber was wären die Deutschen, wenn sie nichts zu Meckern hätten? Weniger deutsch wahrscheinlich, und darum, was schlussendlich deutsch ist, scheint es aktuell viel mehr zu gehen, als um Sport. Oder gar Spaß.

Linke sind primär genervt von Deutschlandflaggen, schwarz-rot-goldenen Bratwürsten und anderen Ergüssen eines wildgewordenen Patriot*innen-Kapitalismus. Das ist verständlich, angesichts zunehmender rassistischer Ausschreitungen im Land, monatelanger medialer Dauerbespielung des Geflüchtetenthemas und einer taumelnden Regierung.

Diese Mannschaft ist vielfältiger als unser Heimatministerium

Die Identifikation über unsere Nationalität ist zudem historisch gesehen eher, sagen wir, schwierig. Doch statt sich auf Kritik an Kapitalismus, Nationalismus und Rassismus zu konzentrieren, geht es im Netz zur Zeit zu häufig um etwas Simpleres: Hier wird sich bitte nicht auf die WM gefreut und schon gar nicht auf die deutsche Nationalmannschaft. Als Fan Deutschland im Wettbewerb zu unterstützen wird mit einer Duldung von Kapitalismus, Nationalismus und Rassismus gleichgesetzt – so, als wären Menschen nicht zu komplexen Positionen fähig.

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Dabei ist genau diese Mannschaft mit das Beste, was Deutschland aktuell zu bieten hat. Sie ist so vielfältig, dass sie den Mitarbeiter*innen Horst Seehofers Heimatministeriums die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sie ist im Vergleich zu unserer alternden Gesellschaft fast schon obszön jung. Sie ist genau die Art von Projektionsfläche, die Spaß machen kann. Eigentlich all das, was sich viele Linke von Deutschland erhoffen. Und Reaktionär*innen zur Weißglut treibt.

Denn natürlich meckern nicht nur die Linken. Das Treffen von Özil, Gündoğan und Erdoğan wurde stark kritisiert – dabei ist das einfach nur heuchlerisch. Bei dem Genörgel an den deutschen Fußballern ging es ja nicht darum, welche politische Haltung Özil oder Gündoğan tatsächlich haben (hat sie mal jemand gefragt?), sondern darum, ob sie den unerfüllbaren Erwartungen entsprechen, die an Deutsche mit Migrationshintergrund gestellt werden. Özil entschied sich mit Volljährigkeit für die deutsche Staatsangehörigkeit, trägt wie die gesamte Mannschaft den Bundesadler auf der Brust – und ist den Reaktionär*innen des Landes trotzdem nicht deutsch genug, um in der Nationalmannschaft zu spielen.

„Können wir bitte einfach das Spiel genießen?“

Also wird gerade von konservativer und reaktionärer Seite aus gemeckert, was das Zeug hält. Anders als bei der Kritik der Linken gibt es hier nicht einmal ein hehres Ziel, das vorgetäuscht wird. Die Ablehnung äußert sich unverhohlen. Wird diese Feindseligkeit adressiert, geschieht das in einer absurden Überbetonung seiner vermeintlich deutschen Werte: Bei der WELT zuletzt sogar mit einem unbeholfenen Heidegger-Vergleich. Identifiziert man sich doch mit der Nationalmannschaft, gipfelt das in geschmacklosen Titelseiten und toxischer Aggression.

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Aber die Wahrheit ist: Wir sind nicht Weltmeister geworden, weil wir dreifarbige Würstchen auf den Grill schmeißen oder unsere Fußballer fehlerlose Persönlichkeiten sind. Wir sind auch nicht Weltmeister geworden, weil Deutschland so toll ist oder manches Medium so provokante Schlagzeilen erfindet. Erst recht sind wir nicht Weltmeister geworden, weil Deutschland als Nation abseits des Fußballs das irgendwie verdient hätte. Nein, wir sind Weltmeister geworden, weil unsere Mannschaft großartig gespielt hat. Sportlich. Fair. Der ermüdende Fokus aufs Deutschsein lenkt ab. Beide Seiten nerven. Können wir bitte einfach das Spiel genießen?