#WokeUpThisWayChallenge: Mehr Natürlichkeit auf Instagram?

Die #WokeUpThisWayChallenge ist der Versuch, wieder mehr vom wahren Leben auf Instagram zu zeigen. Geht dieser Plan auf? Ein Kommentar

Auf Social Media ploppen in regelmäßigen Abständen diverse Challenges auf. Einige von ihnen sind harmlos und dienen dem guten Zweck, wie etwa die Ice Bucket Challenge aus dem Jahr 2014. Andere Challenges hingegen sind richtig gefährlich – man erinnere sich an die Tide Pod Challenge, für die Jugendliche auf Waschmittelkapseln herumkauten. Nun erobert eine neue Challenge die Social-Media-Plattform Instagram: Initiiert von der Bloggerin und Influencerin Elaine, in den sozialen Netzwerken bekannt als iamfashionlaine, posten User*innen unter dem Hashtag #WokeUpThisWayChallenge Selfies, auf denen sie sich ungeschminkt, meist noch leicht verschlafen zeigen.

[Außerdem auf ze.tt: Diese feministischen Instagram-Accounts pumpen Bodypositivity und Diversität in deinen Feed]

„Das Leben ist nicht perfekt, wir sind nicht perfekt, aber mit Hilfe von Sozialen Medien haben wir es geschafft, unser Leben möglichst perfekt darzustellen. Deshalb starte ich heute eine Bewegung, um das zu ändern!“, schreibt die selbsternannte Pop-Art-Bloggerin unter einem Instagram-Posting, welches sie in einem Bett liegend zeigt. Dann erklärt sie noch, wie die #WokeUpThisWayChallenge eigentlich funktionieren soll: ein Foto nach dem Aufwachen knipsen und hochladen, drei Freund*innen nominieren und in der Bildunterschrift darauf hinweisen, dass alle Nominierten, die nicht an der Challenge teilnehmen wollen, Geld an Lady Gagas Born This Way Foundation spenden sollen, die sich für die Jugend einsetzt. So weit, so unperfekt, aber: Geht der Plan auf?

Empfohlener Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Du kannst dir hier alle externen Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.(Datenschutzerklärung)

Mehr Natürlichkeit? I doubt it

Zugegeben: Es ist nicht das erste Mal, dass ein Hashtag versucht, mehr Natürlichkeit, mehr Echtheit auf Instagram zu holen. Erinnern wir uns nur mal kurz an #FürMehrRealitätAufInstagram. Doch auch trotz dieser netten Versuche, ist mein Instagram-Feed tendenziell eher voll mit perfekt inszenierten Fotos von Freund*innen und von Influencer*innen, die im Infinity Pool diverse Skylines anschmachten, die sich morgens ihren grünen Kale-Smoothie hinterkippen und auf irgendwelchen Fashionevents mit Free Drinks abhängen.

[Außerdem auf ze.tt: Ohne Photoshop: So schön sind unsere nackten Körper]

Aber es ist ja auch irgendwie logisch: Influencer*innen verdienen ihr Geld mit Werbung – und leider sind wir noch nicht soweit, dass Unternehmen dafür Geld zahlen, wenn ein zerzaustes Gesicht versucht, mir ein Lip Kit anzudrehen. Und sind wir mal ehrlich: Wenn wir die Möglichkeit haben, das Bild, welches andere von uns haben, auf irgendeine Art zu beeinflussen, dann machen wir das in den meisten Fällen auch. Nur die wenigsten möchten, dass die Social-Media-Blase weiß, dass man vor dem perfekten Selfie vielleicht gerade sämtliche Pfandflaschen in der Wohnung zusammensuchen musste, um sich die nächste Acai-Bowl leisten zu können. Natürlich zeigen wir lieber den Teil unserer Lebens, den wir auch für zeigenswert halten – geheult wird dann unter der Bettdecke, aber doch bitte nicht in der Insta-Story. Das ist zwar schade, aber offenbar menschlich.

Ach, was bin ich wieder nahbar

Die #WokeUpThisWayChallenge soll nun dagegen wirken, soll zeigen, dass auch Promis, Influencer*innen und Co. morgens mit verquollenem Gesicht und Sabberresten am Kiefer aufwachen – ungeschminkt und noch etwas verballert. Aber so richtig ernst kann ich das nicht nehmen, wenn alle andere Fotos auf den Instagram-Accounts dann eben doch wieder die perfekte Welt zeigen. Wirklich authentisch wirkt das verschlafene Selfie neben den ganzen Posingfotos auf mich nicht.

Außerdem vermute ich auch ein bisschen Kalkül hinter vielen Postings: Schließlich wissen die User*innen, die an der Challenge teilnehmen, natürlich, welchen Effekt sie damit erzielen. Vor allem Personen des öffentlichen Lebens können auf ein mediales Echo à la „Wow, so schön!“ oder „Du bist so mutig“ hoffen und so den ein oder anderen Sympathiepunkt sammeln: Oh, was ist der*die aber nahbar, toll.

[Außerdem auf ze.tt: So schön sehen Frauen ohne Photoshop aus]

Ich denke, dass man das Ganze auf jeden Fall kritisch hinterfragen muss, aber was wäre die Alternative? Weiterhin ausschließlich glatt polierte Photoshop-Illusionen zu posten? Auch, wenn es sich bei der Challenge allemal um einen Tropfen auf den heißen Stein handelt, ist jedes einzelne Bild, das für mehr Natürlichkeit und Echtheit auf Social Media steht, es wert, gepostet zu werden. Denn solange Frauen, die ungeschminkt im Büro erscheinen, gefragt werden, ob sie krank sind, solange eine ungeschminkte Alicia Keys auf dem roten Teppich noch immer ein Aufreger ist, solange Klatschzeitschriften noch immer die Cellulite irgendwelcher Hollywoodstars zum Aufhänger machen, solange brauchen wir auch eine Gegenbewegung. Dabei ist es doch ganz einfach: Wie sagte schon eine sehr weise Frau einst? You wake up – flawless.