Woran du vorher erkennst, mit welchen Freund*innen du Urlaub machen kannst

Zusammen verreisen kann Freund*innenschaften zerstören. Ein Freund*innenschaftsexperte erklärt, worauf es bei Urlaub mit Freund*innen wirklich ankommt.

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"Ein langer Urlaub mit Freunden führt dazu, dass man sich fühlt, als hätte man eine Beziehung" Foto: criene / photocase.de

Gemeinsamer Urlaub mit Freund*innen kann die Hölle auf Erden werden und in einigen Fällen sogar langjährige Freund*innenschaften irreparabel ruinieren – wenn Menschen miteinander verreisen, die nicht kompatibel sind. Und dann hockt ihr da in Málaga, ödet euch an und zählt die Stunden bis zum Heimflug.

Deshalb die entscheidende Frage: Lässt sich vorher erkennen, mit welchen Freund*innen man einigermaßen gefahrlos zusammen verreisen kann? Einen amtlichen Test mit Garantie gibt es zwar nicht, wohl aber ein paar mehr oder minder subtile Hinweise.

Freund*innen sind anders als Partner*innen

Grundsätzlich gilt für Urlaub mit Freund*innen ähnliches wie für Urlaub mit Partner*innen: Erwartungsmanagement ist das A und O. Dennoch gibt es durchaus feine, aber entscheidende Unterschiede zwischen Freund*innenschaften und Liebesbeziehungen, wie der Psychotherapeut, Buchautor und Freundschaftsexperte Dr. Wolfgang Krüger erklärt: „Freundschaften haben einen kleinen eingebauten Abstand, deshalb können wir dort mit Konflikten meist besser umgehen.“

Im Gegensatz zur Liebesbeziehung würden durch diese Distanz alte Wunden, Kränkungen oder Traumata aus der Kindheit in Freund*innenschaften weniger schnell und weniger stark getriggert. Bei Freund*innen falle es deshalb leicht, mit vielen Dingen nachsichtiger zu sein, der Urlaub mit Freund*innen sei laut Dr. Krüger daher häufig entspannter.

Allerdings gibt es da eine kleine Einschränkung: „Ein langer Urlaub mit Freunden führt dazu, dass man sich fühlt, als hätte man eine Beziehung.“ Und dann werden die Beteiligten empfindlicher.

Daran erkennst du gute Urlaubsfreund*innen

Ihr mögt die gleichen Bücher, Serien und Filme? Ihr lacht über den gleichen Quatsch? Hervorragend! Denn für Urlaub mit Freund*innen gilt: Je ähnlicher, desto besser. „Dass man miteinander lachen kann, zeigt, dass man ähnliche Werte hat und innerlich miteinander schwingt“, sagt der Freund*innenschaftsexperte. Das zeigen auch neurologische Studien wie diese.

Dementsprechend stehen die Chancen gut, dass ihr auch im Urlaub im gleichen Takt schwingt. Also, gammeln am Pool oder Bildungsausflug zur Alhambra? Flirten an der Beach-Bar bis in die Puppen oder Sonnenaufgangsyoga? Wenn ihr ohne große Diskrepanzen und Diskussionen Lösungen für derartige Fragen findet und daher alles im Flow ist, minimiert das das Konfliktpotenzial erheblich. Und das wiederum trägt enorm zur Entspannung und so zum gelungenen Urlaub bei.

Anders sieht das aus, wenn ihr euch schon im Alltag selten ohne Gespräch und ein gewisses Genöle auf gemeinsame Unternehmungen einigen könnt, die beiden in etwa gleich viel Spaß machen. Denn das wird sich selbstverständlich auch im Urlaub zeigen: „Man hat dann zu unterschiedliche Vorstellungen: Der oder die eine will mehr Ruhe am Strand, der oder die andere will mehr erleben und unternehmen“, sagt Dr. Krüger.

Und Nachteule und Frühaufsteher*in im selben Zimmer – auch das kann schwierig werden und zu Konflikten und Streit führen. Es sei denn, ihr wisst und klärt das vorher und könnt dann entsprechend vor Ort damit umgehen. Doch wenn zum Beispiel eine*r von beiden Leichtschläfer*in ist und der*die andere schnarcht wie ein Grizzly, dann sind vielleicht getrennte Zimmer eine erholungsfördernde und freund*innenschaftsrettende Idee.

Nachteule und Frühaufsteher*in im selben Zimmer – das kann schwierig werden.

Schweigen und Streiten

Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass ihr nicht zusammen verreisen könnt oder solltet – nur, weil einer von euch über Monty Python lachweinen kann und die andere eher nicht.

Neben Humor und ähnlich gelagerten Bedürfnissen und Interessen ebenfalls wichtig: Wie kommt ihr klar, wenn nicht viel um euch herum passiert? „Wenn man miteinander schweigen kann, zeigt das tiefe Vertrautheit einer Freundschaft“, meint Dr. Krüger. Den*die andere*n einfach sein lassen können, seine*ihre Gegenwart genießen – ohne Party- oder Performancedruck. Ein guter Hinweis für einen angenehmen Aufenthalt am Reiseziel.

Auch, wie ihr typischerweise im Alltag eventuelle Zwistigkeiten und Missstimmungen beilegt, ist ein prima Indikator dafür, wie gut ihr miteinander Urlaub machen könnt. Denn Ärger und Kritik herunterschlucken und passiv-aggressiv zicken oder schmollen machen sich auch am Strand nicht gut. Je konstruktiver ihr Konflikte löst, desto besser.

Wenn ihr euch also beispielsweise im Alltag mal übereinander ärgert, aber entweder vorwurfsfrei und sachlich darüber redet oder die Wut schnell wieder verfliegt, dann ist das laut Dr. Krüger ein gutes Zeichen: „Das zeigt, dass es keine gravierenden Differenzen gibt und dass das Positive überwiegt.“

Bedürfnisse und Erwartungen

Entscheidend ist aber auch die Sache mit der Nähe und der Distanz. „Es gibt die typischen Nähe-Konflikte. Einer oder eine will sich auch zurückziehen können und lesen oder mal allein spazieren gehen, der Freund oder die Freundin will alles gemeinsam unternehmen und ist dann gekränkt“, so der Freund*innenschaftsexperte. „Deshalb folgende Empfehlung: Beide sollten sehr selbstständig sein und notfalls etwas allein unternehmen können.“

Vor allem solltet ihr vorher darüber reden, was sich jede*r von euch vom gemeinsamen Urlaub wünscht und was er*sie braucht. Dann gibt es weniger unausgesprochene und enttäuschte Erwartungen.

Beide sollten sehr selbstständig sein und notfalls etwas allein unternehmen können.

Wolfgang Krüger, Freund*innenschaftsexperte

Ihr könnt eure diesbezügliche Kompatibilität im Zweifelsfall auch testen, mit einem Kurztrip zum Beispiel. „Es ist gut, wenn man schon einmal probeweise längere Ausflüge gemacht hat und dabei lernen konnte, die ersten Konflikte auszutragen“, sagt Dr. Krüger.

Übrigens: Konflikte austragen heißt nicht unbedingt Streit mit Gebrüll, Tränen und Türknallen, sondern auch, dass ihr unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Vorstellungen miteinander in Einklang bringt und Kompromisse aushandelt.

Was tun, wenn es im Urlaub Streit gibt?

Selbst die friedliebendsten und einander ähnlichsten BFFs können sich mal in die Wolle bekommen und schon hängt der Hotelzimmersegen schief. Und dann?

Das hängt davon ab. Wenn ihr reflektierte, versöhnliche Menschen seid und es nur einer Kurskorrektur bedarf, könnt ihr das vor Ort beim abendlichen Weinchen besprechen und eine Lösung finden.

Falls nicht, ist es vollkommen okay, die Klappe zu halten, durchzuziehen, bis es vorbei ist, und sich in Deeskalation zu üben. „Das bedeutet oft konkret: Man schweigt gelegentlich, spricht nicht alles aus und glättet die Wogen“, sagt Dr. Krüger. „Wenn man wieder zu Hause ist, kann man auch einen kräftigen Streit riskieren, um dann tage- oder wochenlang nicht miteinander zu reden. Aber das geht schlecht, wenn man ein Hotelzimmer teilt und sich beim Frühstück anschweigt. Also verschiebt man den Streit – soweit dies möglich ist.“

Sonst könne die Freund*innenschaft eventuell unwiederbringlich darunter leiden: „Wenn beide den Streit eskalieren lassen, kann es seelische Verletzungen, Kränkungen und Beleidigungen geben, die eine Beziehung ruinieren.“ Und das kann doch niemand wollen.

Vertragt euch

Zusammengefasst lässt sich festhalten: Wenn ihr gleich tickt, ähnliche Bedürfnisse und Interessen habt, wenn ihr auch ohne Action miteinander oder auch alleine Zeit verbringen könnt und euch dabei wohl fühlt, wenn ihr den*die andere*n so annehmen und lassen könnt, wie er*sie ist, dann sind das ziemlich gute Hinweise darauf, dass ihr einen schönen Urlaub zusammen haben werdet.

Vor allem aber ist für gelungenen Urlaub mit Freund*innen entscheidend, ob sich Konflikte entwickeln und wenn ja, wie ihr sie löst. Oder wie Dr. Wolfgang Krüger sagt: „Eine längere Reise sollten nur Freunde oder Freundinnen unternehmen, die sich auch vertragen können.“

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