Worauf es Menschen im Autismus-Spektrum in Beziehungen ankommt

Autistische Menschen werden oft als Einzelgänger*innen und beziehungsunfähig gesehen. Wie blicken sie tatsächlich auf Partner*innenschaften? Menschen im Autismus-Spektrum berichten.

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Menschen im Autismus-Spektrum haben uns von ihren Beziehungen und Erwartungen an Beziehungen erzählt. Foto: Elly Fairytale / Pexels | CC0

Die Gruppe der Autist*innen ist divers. Deshalb erhalten autistische Menschen nicht mehr wie früher entweder die Diagnose Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom oder Atypischer Autismus. Sondern man geht heute mehr und mehr dazu über, die unterschiedlichen Autismus-Formen unter der Diagnose der sogenannten Autismus-Spektrum-Störung zusammenzufassen. Der Begriff Spektrum verweist auf die Diversität der Gruppe.

Ebenso wie die Einschränkungen autistischer Menschen sehr unterschiedlicher Ausprägung sind und ein Spektrum darstellen, sind auch ihre Vorstellungen von Partner*innenschaft und ihre Beziehungsmodelle sehr verschieden. Wir haben mit sechs Menschen im Autismus-Spektrum über Liebe und Beziehungen gesprochen: Mit Menschen, die noch gar keine Beziehungserfahrungen haben oder nur sehr negative – aber auch mit solchen, die schon seit mehreren Jahren in einer glücklichen Beziehung leben. Die Gespräche zeigen, wie unterschiedlich autistische Menschen auf das Thema Partner*innenschaft blicken.

Sara: „Ich kann es mir zur Zeit nicht vorstellen, jemals jemanden zu finden, mit dem ich eine Beziehung führen kann und möchte“

Sara, die eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte, ist 22 und Studentin. Sie ist single und hatte noch nie eine Beziehung. Im Gespräch mit ze.tt berichtet sie, wieso sie sich auch in Zukunft keine Partner*innenschaft vorstellen kann. Das Gespräch mit Sara findet per Chat statt.

ze.tt: Sara, du hattest noch nie eine Beziehung. Inwieweit hängt das mit deinem Autismus zusammen?

Sara: Ich habe keine Ahnung, wie man überhaupt jemanden kennenlernt. Ich weiß nicht, wie die Kommunikation ablaufen soll. Und mir gefällt die Vorstellung einer Partnerschaft nicht, wenn ich mir die Paare um mich herum ansehe. So eine Beziehung könnte ich nicht führen.

Was an den Beziehungen um dich herum gefällt dir nicht?

Zum Beispiel, wie viel Zeit diese Paare zusammen verbringen. Also wirklich sehr viel. Und dass sie andauernd zusammen hocken und kuscheln und überall zusammen hingehen. Dass sie sich nie alleine lassen, nur gelegentlich Zeit ohne den*die andere*n verbringen, und sogar zusammen schlafen wollen, in einem Zimmer. In einer solchen Beziehung würde ich ganz viel Privatsphäre und Abstand vermissen.

Denkst du, dass du jemals eine Beziehung führen werden willst? Und würde es für dich einen Unterschied machen, ob dein*e Partner*in auch autistisch ist oder nicht?

Ich weiß gar nicht, ob es mir überhaupt möglich ist, eine Beziehung zu führen. Egal, ob zu einem neurotypischen Menschen oder jemandem mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Da ich gefühlsblind bin, weiß ich gar nicht, wie sich Liebe anfühlen soll.

Ich denke, dass es bei einem neurotypischen Partner sehr wichtig wäre, dass derjenige mich verstehen und Kompromisse eingehen würde. Sowie auch ich. Bei einer anderen Person im Autismus-Spektrum wäre das aber, denke ich, genauso. Vielleicht wäre da ein größeres Verständnis vorhanden, aber es müssten dennoch viele Kompromisse eingegangen werden.

Ich kann es mir zur Zeit nicht vorstellen, jemals jemanden zu finden, mit dem ich eine Beziehung führen kann und möchte. Aber ich kann nicht in die Zukunft schauen.

Marie: „Mein Partner sollte mir zuhören, wenn es mir schlecht geht, und meine Probleme nicht herunterspielen, sondern ernst nehmen“

Marie, 19, war etwa fünf Monate lang in einer toxischen Beziehung zu einem neurotypischen Mann. Kurz vor der Trennung von ihrem Ex-Freund erhielt sie eine Autismus-Diagnose. Sie erzählt uns, warum sie eine weitere Beziehung zu einem nicht-autistischem Mann nur sehr vorsichtig angehen würde. Das Gespräch mit Marie findet per Chat statt.

ze.tt: Marie, hatte die Trennung von deinem Ex-Freund etwas mit der Diagnose zu tun?

Marie: Ich gehe davon aus. Mein damaliger Freund sagte mir, dass er dieses Verfahren für unnötig halte und ich mich einfach nur anstellen würde. Ich solle mich einfach mehr zusammenreißen und dann wäre alles in Ordnung.

Welche Reaktion hättest du von ihm erwartet?

Dass er mich unterstützt hätte, mir den Halt gegeben hätte, den ich gebraucht hätte. So eine Diagnose ist anstrengend und ich war oft ziemlich fertig. Ich hätte mir gewünscht, dass er für mich wenigstens ein bisschen Verständnis gehabt hätte.

Welche anderen Konfliktsituationen gab es?

Eine Situation, die oft vorgekommen ist, war, dass er darauf bestand, dass wir uns mit seinen Freunden treffen sollten. Ich habe mich unwohl gefühlt und wollte eigentlich überhaupt nicht. Ich habe ihm erklärt, dass ich lieber Zeit mit ihm allein verbringen würde. Das gab jedes Mal eine Diskussion, weil er nicht verstehen konnte, dass ich diese öffentliche Situation mit seinen Freunden nicht mochte.

Außerdem hat er mich immer wieder auf Veranstaltungen mitgenommen. Eigentlich hieß es, wir würden nur kurz bleiben und es wäre nicht so voll. Meistens war es dann aber sehr laut und sehr voll. Ich habe in diesen Situationen Panik bekommen. Das tue ich auch heute noch. Ich fange an zu weinen, zittere, halte mir die Ohren zu und bleibe dort stehen, wo ich gerade bin. Ich schaffe es nicht, mich zu bewegen. In solchen Momenten hat er mich am Oberarm gepackt und meinte, ich solle mich nicht so auffällig verhalten, mich nicht so anstellen.

Es gab auch Situationen, in denen wir allein waren, in denen ich nicht angefasst werden konnte und er das einfach überspielt hat und gemeint hat, ich solle mich nicht anstellen, das gehöre zu einer Beziehung dazu.

Kannst du dir in Zukunft eine weitere Beziehung zu einem neurotypischen Mann vorstellen? Oder sagst du nach diesen Erfahrungen: nie wieder?

Ich halte es nicht für unmöglich, noch einmal eine Beziehung mit einem neurotypischen Menschen einzugehen. Allerdings bin ich voreingenommen und wäre aufgrund meiner Erfahrungen sehr vorsichtig.

Würdest du eine Partner*innenschaft zu einem autistischen Mann bevorzugen?

Ja, würde ich. Ich glaube, dass es einfacher wäre, den*die andere*n in seinen*ihren Schwierigkeiten zu verstehen. Da besteht dann ja eine ganz andere Grundbasis, auch wenn man natürlich trotzdem unterschiedlich ist.

Was wünschst du dir für zukünftige Beziehungen?

Verständnis, Offenheit und Freiraum. Mein Partner sollte mir zuhören, wenn es mir schlecht geht, und meine Probleme nicht herunterspielen, sondern ernst nehmen. Er sollte mich so nehmen, wie ich bin, und meine Schwierigkeiten akzeptieren.

Julian: „Wenn wir früher telefoniert haben und es spät wurde, habe ich nicht so richtig verstanden, dass ein Gähnen ins Telefon bedeutet: Ich möchte mich gerne hinlegen“

Julian, 25, hat seit Kurzem eine Verdachtsdiagnose, ins Autismus-Spektrum zu fallen. Seitdem er die Diagnose hat, werden für ihn immer mehr Dinge aus seiner Vergangenheit erklärbar. Er ist mittlerweile sehr sicher, dass er autistisch ist. Auf die Idee, sich in diese Richtung testen zu lassen, hat ihn seine Freundin gebracht, die selbst neurotypisch ist und im Nebenfach Psychologie studiert hat. Im Gespräch erzählt Julian, was in der Beziehung zwischen neurotypischen und autistischen Menschen zu Konflikten führen kann, und wie seine Freundin und er mit diesen umgehen. Das Gespräch mit Julian findet per Telefon statt.

ze.tt: Julian, wodurch genau kam deine Freundin auf die Idee, dass du im Autismus-Spektrum sein könntest?

Julian: Das kam dadurch, dass wir relativ regelmäßig Reibungspunkte hatten, was sich immer wieder in längeren Diskussionen geäußert hat. Wenn wir dann am nächsten Tag darüber gesprochen haben, hat sich meistens herausgestellt, dass es eigentlich nur ein Missverständnis war. Dass das Problem also nicht darin bestand, dass wir zu irgendeiner Position eine komplett verschiedene Meinung hatten, sondern eher, dass ich was kommuniziert hatte, was bei meiner Freundin als anders intendiert ankam, oder umgekehrt.

Außerdem hat mir meine Freundin berichtet, dass mir die Fähigkeit zu fehlen scheine, Sachen etwas einfühlsamer zu kommunizieren. Mein Naturell ist eher so, dass ich eine relativ klare Aussprache habe oder eine direkte Art, Sachen zu artikulieren, die sehr sachbezogen ist.

Ich konnte es noch nie so richtig nachfühlen, warum man sich von Kritik, die auf das eigene Handeln fokussiert ist, persönlich angegriffen fühlen kann. Und das führt bei mir zu einer Art und Weise, mit Kritik offener umzugehen, die in der Vergangenheit, nicht nur mit meiner Freundin, sondern auch mit verschiedenen anderen Menschen, zu Reibungen geführt hat.

Wie geht ihr mit solchen Reibereien um? Habt ihr da Strategien entwickelt?

Da wir das Thema Autismus erst seit Kurzem erforschen, sind wir da noch nicht so weit, konkrete Strategien zu entwickeln. Ich würde aber schon sagen: Die Erkenntnis, dass die Kommunikation auf beiden Seiten ein bisschen anders funktioniert, bewirkt, dass wir mit diesem Wissen in unsere Dialoge reingehen und diese dann auch ein bisschen besser justieren können.

Wenn wir früher telefoniert haben und es spät wurde, habe ich nicht so richtig verstanden, dass ein Gähnen ins Telefon bedeutet: Ich möchte mich gerne hinlegen. Wenn ich jetzt die Vermutung habe, dass so etwas im Raum steht, dann frage ich einfach nach. Seitdem ich die Verdachtsdiagnose habe, fällt es mir leichter, nachzufragen, weil ich nicht mehr latent der Überzeugung bin, dass ich gerade blöd wäre oder so. Das macht den Umgang schon leichter.

Aus deiner Erfahrung heraus: Was sollte ein neurotypischer Mensch mitbringen, der eine Beziehung zu einem autistischen Menschen aufbauen will? Was ist da wichtig?

Ich glaube, wichtig ist, dem*der Partner*in Verständnis gegenüber seiner*ihrer Kondition entgegenzubringen. Wie in jeder anderen Beziehung auch, ist es wichtig zu versuchen, dem*der Partner*in wohlwollend zu begegnen. Ich glaube, wenn man das wirklich macht, dann kann man mit Vielem zurecht kommen, was vielleicht auf den ersten Blick nicht so ganz einfach erscheint.

Martina: „Mein Partner will am liebsten jeden Menschen umarmen und ständig umarmt werden. Ich dagegen käme damit klar, wenn ich gar niemanden mehr umarmen würde“

Martina, die eigentlich anders heißt, 22, ist seit vier Jahren mit einem anderen Autisten verlobt. Im Gespräch erzählt sie, warum ihr Verlobter und sie dennoch ein unterschiedliches Bedürfnis nach Körperkontakt haben und wie sie damit in der Beziehung umgehen. Das Gespräch findet per Telefon statt.

ze.tt: Martina, wie unterscheidet sich eure Beziehung von Beziehungen zwischen neurotypischen Menschen?

Martina: Ganz stark fallen mir die Unterschiede in der Kommunikation auf. Wenn wir Gefühle haben, werden diese wörtlich ausgesprochen. Es stellt keine*r von uns beiden die Anforderung, die mir aus anderen, neurotypischen Beziehungen gespiegelt wird, dass man dem*der Partner*in ansehen soll, wie er*sie sich fühlt. Diese Erwartungshaltung hat keine*r von uns beiden. Das macht es deutlich entspannter.

Ist es für die Beziehung von Vorteil, wenn beide Partner*innen autistisch sind?

Es ist ein Vorteil für eine Beziehung, wenn man nachvollziehen kann, was der*die andere für Schwierigkeiten hat. Wenn ich mir jetzt vorstellen würde, eine Beziehung zu einem neurotypischen Menschen zu führen, hätte ich Sorge, dass er*sie Anforderungen an mich stellt, die ich aufgrund meiner Einschränkungen nicht erfüllen kann. Zum Beispiel könnte es passieren, dass der*die Partner*in eben erwarten würde, dass ich seine*ihre Gefühle lesen kann.

Es kann aber auch ein Nachteil in einer Beziehung sein, wenn beide Partner*innen auf Hilfe angewiesen sind. Mein Verlobter und ich sind in unserem Alltag viel auf fremde Hilfe angewiesen, was dazu führt, dass wir manchmal die Sorge haben, die Bedürfnisse des*der anderen nicht erfüllen zu können, nicht genügend füreinander da sein zu können, weil wir in dem Moment selbst auf Unterstützung angewiesen sind.

Hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, mit einem neurotypischen Menschen zusammen zu sein?

Nein. Dafür hatte ich mehrere neurotypische Freund*innenschaften. Ich muss schon sagen, dass ich das als sehr anstrengend empfunden habe, da ich oft die kommunikativen und emotionalen Bedürfnisse meiner neurotypischen Freund*innen nicht erfüllen konnte.

Was waren das für Bedürfnisse, die du nicht erfüllen konntest?

Du musst doch sehen, dass es mir gerade schlecht geht, oder: Du musst doch nachvollziehen können, warum ich jetzt so verletzt bin. Dann auch das Bedürfnis nach Körperkontakt: Du musst mich jetzt mal in den Arm nehmen, weil es mir schlecht geht.

Das ist sogar etwas, das in meiner Beziehung zu einem autistischen Partner relativ schwierig ist. Mein Partner hat ein deutlich höheres Bedürfnis nach Körperkontakt als ich. Er ist zwar Autist, aber will am liebsten jeden Menschen umarmen und ständig umarmt werden. Ich dagegen käme damit klar, wenn ich gar niemanden mehr umarmen würde.

Wie geht ihr mit diesem unterschiedlichen Bedürfnis nach Körperkontakt um?

Ich habe von Anfang an angesprochen, dass ich Probleme habe mit Körperkontakt. Meinem Verlobtem war das also vom Beginn der Beziehung an klar und das ist dementsprechend auch ein Thema, das er nicht negativ wertet.
Ganz wichtig war es für mich, ihm zu kommunizieren, dass Körperkontakt nicht gleich Körperkontakt ist. Vielen Autist*innen und auch mir geht es so, dass leichte Berührungen sehr unangenehm sein können, weil die viel mehr Reize auf der Haut verursachen als stärkere Berührungen. Eine sehr feste Umarmung zum Beispiel kann für mich sehr angenehm sein, weil sie auch eine sensorische Überreizung abmildern kann.

Was würdest du auf das Vorurteil „Menschen im Autismus-Spektrum sind beziehungsunfähig“ erwidern?

Ich würde sagen, Menschen im Autismus-Spektrum sind gegebenenfalls sogar beziehungsfähiger als neurotypische Menschen, da sie in der Lage sind, Gefühle auf der Sachebene zu kommunizieren, was eine Beziehung deutlich erleichtern kann.

Wenn ich zum Beispiel zu meinem Verlobten sage: Du hast aber zugenommen, dann ist bei ihm nicht die Annahme da: Sie sagt, ich sei dick, und sie mag mich nicht. Sondern dann ist die Annahme da: Das ist ein Fakt, der kommuniziert wird. Er wird mich gegebenenfalls fragen: Was meinst du denn damit? Und dann würde ich darauf antworten: Dein Körpergewicht ist angestiegen. Kann es sein, dass es dir gesundheitlich momentan nicht so gut geht? Oder: Müssen wir vielleicht ein bisschen mehr auf deine Ernährung achten? Und mein Partner würde das nicht als Angriff auffassen.

Es sind einfach andere Möglichkeiten der Kommunikation da: Wir interpretieren nichts von dem, was gesagt wird, und fragen nach, wie es gemeint ist. Und das bevor wir uns aufregen.

Lisa & Bob: „Nur weil man anders ist, heißt das noch lange nicht, dass man unfähig ist.“

Lisa und Bob, 29 und 27, haben beide das Asperger-Syndrom und leben seit einem Jahr in einer festen Beziehung. Bob hat Lisa durch ihren YouTube-Kanal Girl from Planet Aspie kennengelernt und wusste vorher noch gar nicht, dass er selbst im Autismus-Spektrum ist. Erst durch Lisa kam er auf die Idee, sich diagnostizieren zu lassen. Im Gespräch erzählen die beiden, inwieweit ein Kennenlernen im Internet für autistische Menschen barrierefrei sein kann im Gegensatz zum Kennenlernen im echten Leben, und was ihre Beziehung im Vergleich zu Beziehungen zwischen neurotypischen Menschen auszeichnet. Das Gespräch mit Lisa und Bob findet per Chat statt.

ze.tt: Lisa und Bob, ihr habt euch im Internet kennengelernt. War es für euch barrierefrei, euch online kennenzulernen?

Lisa: Ja. Auf jeden Fall, da Mimik und Gestik online keine Störfaktoren sind und man als Autist*in ein besseres Feingefühl für die Situation entwickeln kann. Das gilt im Übrigen nicht nur für Partner*innenschaften, sondern generell auch für Freund*innenschaften.

Bob: Außerdem kommen bei Treffen im Restaurant oder Café Licht, Geräusche, Gerüche und andere Menschen als zusätzliche Reize hinzu. Wenn es zu Hause zu viel würde mit den Reizen, würden wir ja einfach unsere Kopfhörer aufsetzen oder einen ruhigeren Raum aufsuchen. Das geht ja nicht, wenn man unterwegs ist. Zumindest wird es dann schnell als unhöflich eingeschätzt.

Ist es für autistische Menschen einfacher, eine Beziehung zu führen, wenn der*die Partner*in auch autistisch ist?

Lisa: Ich würde nicht sagen, dass es einfacher ist. Ich würde sage: Die Beziehung funktioniert anders. Uns sind andere Dinge wichtig, die für uns eine gute Beziehung auszeichnen. Unsere Kommunikation und unsere Nähe zueinander ist eine andere als zwischen neurotypischen Menschen.

Bob: Da man ähnliche Erfahrungen hat, was die Psyche angeht – zum Beispiel was die Reizüberflutung anbelangt –, ist die Beziehung, denke ich, schon mit mehr Verständnis für die jeweils andere Person verknüpft.

Was zeichnet eure Beziehung im Vergleich zu Beziehungen zwischen neurotypischen Menschen aus?

Bob: Beziehungen zwischen Autist*innen sind viel geregelter, auch wenn die Regeln nicht zwingend ausgesprochen werden – alleine schon durch die repetitiven Verhaltensmuster oder Routinen. Außerdem ist unser Schlafrhythmus ein ganz anderer. Wir sind oftmals in der Nacht aktiver und fitter als tagsüber, weil es nachts ruhiger und dunkler ist. Tagsüber wirken die ganzen Reize wie Lärm oder Licht auf uns ein.

Lisa: Ja. Total. Wir genießen die Nacht, weil uns da kein Laubbläser, Rasenmäher oder laute Menschen stören.

Bob: Außerdem sind uns Rückzugsmöglichkeiten super, super wichtig. Wir haben noch vor, einen Panic Room einzurichten, wo wir uns zurückziehen können. Momentan nutzt Lisa das Schlafzimmer und ich das Büro. Und dann setzen wir unsere Kopfhörer auf und die Welt um uns herum wird ruhiger.

Was würdet ihr auf das Vorurteil „Menschen im Autismus-Spektrum sind beziehungsunfähig“ erwidern?

Lisa: Naja, das ist genauso widerlegbar wie das Vorurteil, Autist*innen hätten keine Gefühle. Wir führen unsere Beziehungen anders, aber das heißt nicht, dass wir unfähig sind. Genauso wie wir Gefühle auch einfach nur anders ausdrücken als neurotypische Menschen.

Bob: Genau: Nur weil man anders ist, heißt das noch lange nicht, dass man unfähig ist. Manche Verhaltensweisen autistischer Menschen erscheinen – rein äußerlich betrachtet – vermutlich schnell als falsch oder als nicht richtig. Anderen autistischen Menschen, die auf Partner*innensuche sind, rate ich, nach außen so zu sein, wie sie sind. Das kommt am besten an. Was auf den ersten Blick als Fehler erscheinen mag, kann sich im näheren Kontakt als Qualität erweisen.