World Press Photos: Bilder von Nachrichten, die wir nicht vergessen sollten

Zum Tag der Pressefreiheit zeigt der World Press Photo Contest die einschneidendsten Ereignisse des vergangenen Jahres in Bildern.

Einmal im Jahr veranstaltet die NGO World Press Photo Foundation einen weltweiten Wettbewerb, um die besten fotojournalistischen Arbeiten auszuzeichnen – und um damit auf die wichtigsten nachrichtenbezogenen Ereignisse des vergangenen Jahres aufmerksam zu machen. Unter Zehntausenden Einsendungen freier Pressefotograf*innen, Presseagenturen, Zeitungen und Magazinen wählte eine Fachjury diesmal die Arbeit des japanischen Fotografen Yasuyoshi Chiba zum besten Pressefoto des Jahres 2020.

Das Foto namens Straight Voice zeigt einen jungen Mann, der während einer Demonstration für eine Zivilregierung in Khartum, Sudan, Protestgedichte aufsagt. Dabei beleuchten ihn andere Demonstrierende mit Handylichtern. „Dieser Moment war der einzige friedliche Gruppenprotest, dem ich während meines Aufenthalts begegnet bin. Ich fühlte ihre ungeschlagene Solidarität wie brennende Glut, die immer noch aufflammen muss“, sagt Yasuyoshi Chiba. Er ist Cheffotograf der Agence France-Presse (AFP) für Ostafrika und den Indischen Ozean und lebt derzeit in Nairobi, Kenia.

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Gewinner des World Press Photo of the Year Awards und 1. Platz in der Kategorie General News. Foto: © Yasuyoshi Chiba, Japan, Agence France-Presse

Die Proteste im Sudan begannen im Dezember 2018 und breiteten sich schnell im ganzen Land aus. Im April 2019 veranstalteten die Demonstrant*innen ein Sit-in in der Nähe des Armeehauptquartiers in der Hauptstadt Khartum und forderten ein Ende der 30-jährigen Herrschaft des Diktators Omar al-Bashir. Am 11. April 2019 wurde al-Baschir durch einen Militärputsch aus seinem Amt gejagt und eine militärische Übergangsregierung eingesetzt. Die Proteste gingen weiter und forderten die Übergabe der Macht an zivile Gruppen. Am 3. Juni 2019 eröffneten Regierungstruppen das Feuer auf unbewaffnete Demonstrierende. Zahlreiche Menschen wurden getötet, viele der anhaltenden Gewalt ausgesetzt.

Der Angriff wurde international stark verurteilt, die Afrikanische Union setzte die Mitgliedschaft des Sudans vorübergehend aus. Die sudanesischen Behörden versuchten unterdessen, die Proteste durch Stromausfälle und die Abschaltung des Internets zu unterdrücken. Aber die Demonstrierenden kommunizierten weiter per SMS, Mundpropaganda und Megafon – der Widerstand gegen die Militärregierung hielt an. Trotz eines weiteren gewalttätigen Durchgreifens am 30. Juni gelang es der pro-demokratischen Bewegung schließlich, am 17. August 2019 ein Machtteilungsabkommen mit dem Militär zu unterzeichnen.

„Wir sehen diesen jungen Menschen, der nicht schießt, der keinen Stein wirft, sondern ein Gedicht rezitiert. Das ist Anerkennung, aber auch das Aussprechen eines Sinns der Hoffnung“, sagt Lekgetho Makola, Vorsitzender der Fotojury. Es sei wichtig, gerade in der jetzigen Zeit, in der es so viel Gewalt und so viele Konflikte gebe, ein Bild zu haben, das die Menschen inspiriere, sagt er. Chris McGrath, Fotograf für Getty Images und ebenfalls Jurymitglied, beschreibt das Foto hingegen so: „Es war einfach ein wirklich schönes, ruhiges Foto, das all die Unruhen auf der ganzen Welt zusammenfasste, die die Menschen, die Veränderungen wollen, hervorgerufen haben.“

Die beste Fotoserie: Jugend in Algerien

Die NGO vergibt auch einen Preis für die World Press Photo Story of the Year. Dafür können Fotograf*innen eine Fotoserie einschicken, um mit mehreren Fotos eine Geschichte zu erzählen. Dieses Jahr gewinnt den Preis der französische Fotograf Romain Laurendeau für seine Serie Kho, the Genesis of a Revolt. Sie erzählt die Geschichte des Unbehagens der algerischen Jugend – die sich traute, Autoritäten herauszufordern und damit den Rest der Bevölkerung dazu inspirierte, sich ihnen anzuschließen. Mit ihren Aktionen schaffte sie es, die größte Protestbewegung in Algerien seit Jahrzehnten ins Lebens zu rufen.

Algerien ist ein junges Land. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist unter 29 Jahre alt, der Großteil davon arbeits- und bildungslos. Ein entscheidender Moment der Geschichte Algeriens sind die Unruhen von 1988, der sogenannte Schwarze Oktober, denen sich vor allem Schüler*innen und junge Arbeitslose anschlossen. Sie protestierten in mehreren Städten des Landes gegen den Mangel an Grundnahrungsmitteln und den starken Preisanstieg für Schulequipment. Der Schwarze Oktober wurde von der damaligen Regierung mit Einsatz von Schusswaffen, körperlicher Gewalt und Folter brutal niedergeschlagen. Mehr als 500 Menschen wurden getötet, es folgte ein ganzes Jahrzehnt voller Gewalt und Unruhen.

Die Wut von damals verspürt die Jugend 30 Jahre später laut Fotograf Romain Laurendeau immer noch. „In einem traumatisierten Land führt die hohe Arbeitslosigkeit zu Langeweile und Frustration im Alltag, und viele junge Menschen fühlen sich vom Staat und seinen Institutionen abgekoppelt“, sagt er. Daher spiele Fußball in Afrikas größtem Land eine große Rolle. Für viele junge Männer sei Fußball sowohl Identität als auch Fluchtweg. Nicht selten werden quasi-politische Fangruppen, Ultras, bei Protesten gewalttätig. In vernachlässigten Arbeiter*innenvierteln wie Bab el-Oued in Algier suchen junge Menschen oft Zuflucht in so genannten Dikis, private Zufluchtsorte, wo sie keine Angst vor den konservativen Werten der Gesellschaften haben müssen.

Dieser Gemeinschaftsgedanke und Sinn für Solidarität reichen aber oft nicht aus, um über die schlechten Lebensbedingungen hinwegzuhelfen. Anfang März 2019 gingen wieder mehrere Zehntausende junge Menschen auf die Straße, um gegen die fünfte Amtszeit des damals 82 Jahre alten Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zu protestieren.

„Für einen Teil von mir war es unmöglich, sich in diesen jungen Menschen nicht wiederzuerkennen. Sie sind jung, aber sie sind dieser Situation überdrüssig und sie wollen einfach nur leben wie alle anderen“, kommentiert Romain Laurendeau seine Fotoserie. Der Fotograf reist um die Welt, um den „Zustand von Gesellschaften in all ihren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten“ zu dokumentieren.

Gegründet im Jahr 1955 riefen drei niederländische Fotografen den World Press Photo Contest ins Leben, um fotojournalistische Arbeiten für die breite Öffentlichkeit verfügbar zu machen. Heute gilt die Wahl zum Pressefoto des Jahres als eine der höchste Auszeichnungen unter Fotograf*innen. Die World Press Photo Foundation vergibt Preise in insgesamt acht Kategorien. Wir zeigen alle Fotos in der Galerie oben.

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