So fühlt es sich an, in einem Underground-Wrestling-Studio zu trainieren

Brutale Schläge ohne Blut: Der Andrang auf die Kämpfe der Wiener Underground-Wrestler*innen ist groß. Unsere Autorin hat mit ihnen trainiert.

In der Underground-Wrestling-Szene kennt man ihn als Humungus: etwa 112 Kilo schwer, kahl rasiert und vom Scheitel bis zur Sohle tätowiert, oder gepeckt, wie man in Wien sagt. Als ich den Fitnessraum im Keller des Gemeindebaus betrete und mich zum Probetraining melde, thront der Trainer und Gründer der Wrestling School Austria bereits in seinem Ledersessel.

Um ihn herum machen sich schon die ersten Kämpfer*innen langsam bereit. Alle tragen lockere Trainingskleidung, keine Spur von Spandex. Der Ton ist familiär, manchmal rau bis derb. Bevor es ans Eingemachte geht, wärmen wir uns erst einmal auf. „Lauft’s“, sagt Humungus beiläufig, als wir vollständig sind: vier überwiegend stämmige Männer, drei vornehmlich kleinere, durchtrainierte Frauen, alle mehr oder weniger erfahrene Wrestler*innen, und ich, die stolz von sich behauptet, eine halbe Liegestütze draufzuhaben.

Wir rennen also im Kreis, vorwärts, rückwärts, seitwärts, stopp. Fast könnte man glauben, wir sind ein stinknormaler Sportkurs in einem Fitnessstudio. Aber schon bei den folgenden Aufwärmübungen gibt es erste Unterschiede: Die 30 Kniebeugen, Liegestütz und Crunches zählt immer eine*r aus der Runde mit, die anderen antworten mit Chorgebrüll: „Hai!“

Klingt Japanisch, ist es auch. Die Idee des Underground-Wrestlings stammt nämlich ursprünglich aus Japan, wie mir Humungus erklärt. 2012 trat die Wrestling School Austria dem World-Underground-Wrestling-Verband bei. Zwölf Länder umfasst er inzwischen, aktiv sind davon momentan neben Österreich und Japan etwa die USA, Australien, Thailand und die Philippinen. Der wesentliche Unterschied zum Mainstream-Wrestling besteht darin, dass es bei Underground-Showkämpfen keinen Ring gibt, die Kämpfe finden von verlassenen Fabrikhallen bis zu Nachtclubs so ziemlich überall statt. Der*die Veranstalter*in legt im Vorhinein zwar auch fest, wer am Ende gewinnen und wer verlieren soll, der Rest ist aber nicht durchchoreografiert, sondern größtenteils improvisiert. Vor allem geht es darum, dass Wrestling härter sein soll als eine Art „Trampolinspringen in farbigen Badehosen“, wie Humungus auf der Website der Schule schreibt.

Die Königin des Kellers: Chabela Poderosa

Zu meinem Glück raunt er nach dem Aufwärmen aber erst einmal „Fallschule“ in die Runde, und schon purzeln die Wrestler*innen vorwärts im Kreis über die Matten. „Das Fallen ist das Wichtigste. Wenn du nicht fallen kannst, kannst du nicht wresteln“, sagt er zu mir und weist eine aus der Gruppe an, mit mir im hinteren Bereich des Kellers zu trainieren. Ihren echten Namen verrät sie mir zwar nachher, will aber lieber bei ihrem Wrestling-Namen genannt werden, der aus Humungus‘ Mund eher wie Tschaubella klingt, aber eigentlich Chabela Poderosa ist: Isabelle, die Mächtige. Wie die meisten anderen kämpft auch sie regelmäßig bei Underground-Wrestling-Shows im Keller des Wiener Lokals Weberknecht, bei denen der Zulauf oft so groß ist, dass die Menschenschlange bis auf die Straße reicht. „Die Königin vom Keller“, lachen einige hämisch und anerkennend gleichzeitig. Kellerwitze sind in Österreich aus einigen düsteren Anlässen fast schon so etwas wie ein nationaler Running Gag.

Königin ist Chabela deshalb, weil sie 2018 den Underground-Weltmeistertitel geholt hat, den sie aber inzwischen wieder abgeben musste. Wie alles ist auch das beim Wrestling vorherbestimmt, um einen Spannungsbogen zu erzeugen. Chabela selbst macht sich nichts aus Titeln: „Das macht es zwar für das Publikum einfacher mitzuverfolgen, worum es geht. Aber mir wäre es lieber, wir kämpfen einfach, weil wir einander scheiße finden“, erzählt sie mir später und lacht.

Ich bin nun einmal ein Warrior.

Chabela Poderosa

Jetzt zeigt sie mir aber erst einmal, wie ich mich sicher nach vorne, nach hinten und zur Seite abrolle. Sicherheit geht vor – immerhin geht es trotz aller gespielter Brutalität ja nicht darum, sich ernsthaft zu verletzen. „Fangen wir mal mit der Vorwärtsrolle an, die kennst du wahrscheinlich noch aus dem Turnunterricht.“ Chabela lächelt mich freundlich an und hechtet im nächsten Moment kopfüber auf die Matte, dreht sich ein und steht wieder. Jetzt bin ich dran. Zum Glück muss ich nicht gleich aus dem Stehen abrollen, sondern darf es erst einmal aus dem Sitzen probieren. Dabei wird es für mich in den nächsten zwei Stunden auch bleiben. Bei der nächsten Übung lässt sich Chabela aus dem Stand kerzengerade in die Plankposition fallen. Auch das soll ich erst einmal vom Kniestand aus probieren. Ich stürze mich also mit vollem Karacho auf meine Unterarme. „Hau richtig auf den Boden“, sagt Chabela. Das ist im ersten Moment sogar aus kleinem Abstand eine Überwindung für mich, doch irgendwie wirkt das Donnern auf die Matte fast befreiend.

Der Bodyslam

Im vorderen Bereich des Kellers geht es inzwischen ans Wurftraining. Ich merke, dass Chabela lieber mit den Profis trainieren würde, und verstecke mich sicherheitshalber eine Zeitlang hinter meiner Kamera. „Machen wir Bodyslam“, sagt Humungus und erhebt sich langsam aus seinem Sessel. Die sieben Wrestler*innen stehen im Kreis, immer eine*r geht von Partner*in zu Partner*in, greift mit einem Arm zwischen den Beinen durch, der andere Arm schlingt sich über die Schulter und schon schwebt das Gegenüber für eine kurze Zeit waagrecht in der Luft, bevor es lautstark mit dem Rücken auf die Matte gedonnert wird, Schmerzensschreie inklusive.

Mir stockt kurz der Atem. War das echt? „Du musst nicht verkaufen“, raunt Humungus einer Wrestlerin zu, die jedes Mal besonders überzeugend schreit. „Jetzt geht’s um die Technik.“ Ganz können sich die Kämpfer*innen die Show aber doch nicht verkneifen. Auch Chabela startet mit geschwellter Brust und markigen Sprüchen auf einen Locker-über-100-Kilo-Mann zu, hievt ihn in die Höhe und wirft ihn mit voller Wucht auf den Boden. „Au!“ dröhnt es aus dem mir abgewandten Torso wie aufs Stichwort zurück. „Geht’s eh?“ Im nächsten Moment lachen wieder alle. Man sollte sich hier selbst auf keinen Fall zu ernst nehmen. „Stütz‘ dich ab an ihr und drück‘ dich weg“, instruiert Humungus den Gefallenen im Nachhinein. Nur wenn die Attackierten selbst mithelfen, ist es physikalisch möglich, dass sich die unterschiedlichsten Gewichtsklassen und Staturen gegenseitig auf die Matte schleudern, als wären übernatürliche Kräfte im Spiel.

Als sie mit ihrer Runde fertig ist, fängt Chabela meinen neugierigen Blick auf. „Willst du auch mal?“, fragt sie mich und schon schwebe ich mit ihrem Oberarm im Schritt durch die Luft. Auf die Matte knallt sie mich zu meinem Glück noch nicht, das ist nur etwas für Fortgeschrittene. Ich fühle mich erstaunlich sicher in ihrem Griff, so einen halben Meter über der Matte baumelnd. Plötzlich muss ich unwillkürlich kichern. Dann bin ich an der Reihe. Bevor ich mir überhaupt noch über Berührungsängste Gedanken machen kann, halte ich Chabela schon waagrecht vor meinem Körper. Bei mir wirkt das zwar eher, als würde ich sie behutsam in den Schlaf wiegen wollen, aber dank Hebelwirkung funktioniert das immerhin erstaunlich gut.

Doch Physik allein macht noch keine gute Wrestlerin. Neben ihrem regulären Training zweimal die Woche geht Chabela in die Kraftkammer, macht Akrobatik, geht laufen und hält sich allgemein fit, um auch die körperlich anspruchsvollen Übungen glaubwürdig zu verkaufen. Immerhin muss sie es ja nicht nur schaffen, ihre Gegner*innen regelmäßig auf den Boden zu schleudern, sondern dabei auch noch in ihrer Rolle bleiben. Das fiel ihr allerdings von Beginn an nicht besonders schwer. Wenn sie nicht gerade andere auf die Matte schleudert, arbeitet sie nämlich als Schauspielerin und Clownin.

„Was neu für mich war, war es, kämpferisch rüberzukommen. Aber ich bin nun einmal ein Warrior„, sagt sie. In ihren Kämpfen ist sie meistens Heel, also die Böse, wobei die Trennung in Heels und Faces, also die Guten, im Underground Wrestling ohnehin verschwimmt. Welche Rolle man einnimmt, bestimmt das Publikum. „Wenn das Publikum entscheidet, dass es dich ausbuht, darfst du das nicht persönlich nehmen.“ Das tut Chabela auch nicht, im Gegenteil: „Es ist ein Geschenk, wenn sie das machen. Dann kannst du damit spielen.“

Der Fireman’s Carry

Bis ich soweit wäre, müsste ich aber noch einiges lernen. Und nach dem Bodyslam folgt auch schon der Fireman’s Carry. „Fireman deshalb, weil Feuerwehrleute diesen Griff früher verwendet haben, um Menschen zu bergen“, erklärt mir Humungus, und schon baumle ich wie ein nasser Sandsack auf seinen massiven Schultern. Auch das fühlt sich nicht bedrohlich, sondern eigentlich ziemlich lustig an. Wieder entgleitet mir nervöses Gekicher.

Er stellt mich ab und ich hieve meinem Rücken zuliebe im Gegenzug nicht ihn hoch, sondern wieder Chabela, die sich bereitwillig von mir ein paar Schritte durch den Keller schleppen lässt. Auch hier gehe ich als Rookie nicht bis zum Äußersten und schmettere sie anschließend in hohem Bogen auf die Matte wie die anderen. Während die sich noch gegenseitig stemmen, werfen und anpöbeln, zeigt mir Chabela lieber den Headlock, auch bekannt als Schwitzkasten. Schon hat sie meinen Kopf unter ihrer Achsel, presst ihren Unterarm gegen mein Jochbein und zieht meinen Kopf nach oben. Ich soll dabei nach vorne schauen, das Publikum will immerhin mein schmerzverzerrtes Gesicht sehen. Und das ist in diesem Moment tatsächlich nicht gespielt, der Druck aufs Jochbein ist alles andere als angenehm.

Brutalität sieht Chabela an sich nicht unbedingt negativ, sondern als etwas, das in jedem*jeder von uns schlummert. „Am Wrestling allgemein fasziniert mich der Kampfsport, die Show. Beim Underground Wrestling speziell ist es die Nähe zum Publikum. Es ist generell brutaler, kämpferischer“, erzählt sie mir nach dem Training und wirkt dabei in ihrer Alltagskleidung und der bunten Strickmütze alles andere als brutal, sondern eigentlich ziemlich harmlos und ausgeglichen. „Das Schöne ist, dass ich dabei Stereotype verprügeln kann. Ich kann sagen: Million Dollar Man, ich habe etwas gegen den Kapitalismus, für den du stehst, und dafür verprügle ich dich.“

Frauen sieht sie im Underground Wrestling absolut gleichberechtigt – zurzeit gibt es sogar mehr Frauen- als Männerkämpfe. Aber auch gegen Humungus sei sie schon einmal angetreten. Es kommt also nicht aufs Geschlecht, sondern auf die Story an. Dass Gewalt dabei verherrlicht wird, spielt für Chabela keine Rolle: „Überall wird Gewalt in einer Art und Weise verherrlicht.“ Wrestling ist demnach nur eine logische Konsequenz dessen, womit wir ohnehin tagtäglich konfrontiert sind. Nur eben, ohne bis zur letzten Konsequenz zu gehen. Und mit einem großen Batzen Selbstironie, der die übersteigerte Brutalität irgendwie erträglich macht.

Am Ende echte Schläge

Zum Abschluss trainieren wir Schläge. Humungus macht es vor: Er hebt das Kinn seines Gegenübers mit der einen Hand an, holt mit der anderen aus und donnert auf ihn ein. Aber zu meiner Erleichterung nicht mit der gestreckten Faust ins Gesicht, sondern mit der ganzen Länge seines Unterarms auf seine Brust. Die donnert ein wenig retour. Wichtig ist, dass nicht Knochen auf Knochen trifft, sondern Fleisch auf Fleisch, das tut weniger weh. Dann folgt ein angedeuteter Tritt in den Bauch, das Gegenüber klappt unter gespielten Schmerzensschreien zusammen und zum Abschluss lässt Humungus seinen Unterarm noch einmal auf den gekrümmten Rücken niederschnalzen. Jetzt ich.

Umringt von den anderen, soll ich dem gefühlt drei Meter großen Mirko also eine scheuern. Ich hebe sein Kinn an, hole zaghaft mit einer Hand aus und mache etwas, das sich für ihn wahrscheinlich anfühlt, als würde ich ihm die Brusthaare flechten wollen. Es ist das erste Mal, dass ich auf jemanden einschlage, auch wenn es nur mit dem Unterarm ist. Wir lachen alle, ich peinlich berührt, die anderen amüsiert. Ich soll richtig zuhauen, gibt mir Humungus zu verstehen. „Wir arbeiten schon miteinander“, sagt er, „aber wir schenken uns nichts. Wenn ich hinhaue, haue ich wirklich hin.“

Ich gebe mein Bestes und touchiere mit meinem großen Zeh Mirkos Bauch. Mir zuliebe krümmt er sich, als hätte ich Bruce-Lee-mäßig zugetreten. Dann nehme ich alles, was ich an Aggressionspotenzial zusammenkratzen kann, und schlage mit dem Unterarm auf seinen Rücken, nicht mit besonders viel Kraft, aber schon fester. „Der war okay“, sagt Mirko und lacht. Als alle an der Reihe waren mit einstecken und austeilen, muss nur noch ich die Pseudo-Schläge kassieren.

Mein Gegner ist ausgerechnet wieder der baumgroße Mirko, der sich jetzt für meine schlaffe Performance rächt. Er hebt mein Kinn an, ich grinse zurück, und schon detoniert sein Unterarm auf meinem Brustbein, als hätte mich eine Abrissbirne getroffen. Mir bleibt die Luft weg, das Grinsen fällt mir aus dem Gesicht. „Geh Mirko!“, rufen einige halb besorgt und lachen. Einstecken kann ich definitiv glaubwürdiger als austeilen. Das ist beim Wrestling aber gar nicht so verkehrt, wie Humungus sagt: „Du bist dann eine gute Wrestlerin, wenn du gegen einen Besenstiehl kämpfen kannst und der Besenstiehl glaubwürdig gewinnt.“ Herausforderung angenommen. Aber üben werde ich das vorerst lieber zu Hause. Denn um regelmäßig zum Wrestling-Training zu gehen, ist meine brutale Ader einfach nicht groß genug – abgesehen von meinem Bizeps. Dafür ist aber meine Neugierde gewachsen: Den nächsten Underground-Kampf schaue ich mir definitiv an.

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