Yasmin berichtet im Iran über Fußball und darf nicht mal ins Stadion

Yasmin, die 29-jährige Sportjournalistin aus Teheran, ist eine von vielen mutigen Frauen, die alles dafür tun, ihrer Leidenschaft zu folgen.

Iran Fußball

Wenn du schlauer und besser ausgebildet bist als die anderen, können sie dir nichts mehr anhaben. Symbolfoto, Quelle: Unsplash I CC0

Yasmin* ist 29 und lebt in der iranischen Hauptstadt Teheran. Wenn man mit ihr spricht, fällt schnell auf: Yasmin ist anders als ihre Freundinnen. Sie ist unverheiratet, hat keine Kinder und reist beruflich oft in andere Länder. Und das alleine, ohne sich jedes Mal das Einverständnis ihres Vaters einholen zu müssen. „Nein, das ist im Iran wirklich nicht normal“, sagt die 29-Jährige und lacht.

„Einige meiner Freunde sind 29 Jahre alt und waren noch nie allein in einem anderen Land. Ich versuche ihnen zu zeigen, dass so etwas geht. Ich zeige ihnen zum Beispiel, dass ich alleine zu den Olympischen Spielen nach Rio gehen kann und es absolut nicht gefährlich für mich ist“, sagt Yasmin, die als einzige iranische Sportjournalistin bei den Olympischen Spielen in Brasilien war. Dass sie einmal um die Welt reist und von den größten Sportveranstaltungen der Welt berichtet, hätte sie als Teenagerin nie zu träumen gewagt.

Eigentlich sollte Yasmin Ingenieurin werden

Schon während der Schulzeit war klar, Yasmin studiert Mathematik und wird Ingenieurin. So zumindest der Plan ihres Vaters. Neben ihrem Studium begann sie für ein iranisches Sport- und Lifestyle-Magazin zu schreiben. „Dabei habe ich die Liebe zum Journalismus entdeckt und gemerkt, dass ich einfach nur schreiben will“, erinnert sich Yasmin. Sie ist froh, dass auch ihr Vater ihren Berufswunsch akzeptiert: „Meine Familie hat mich zum Glück immer unterstützt. In meinem Land ist es aber alles andere als normal, dass ein Vater es unterstützt, wenn seine junge Tochter als Journalistin mit fremden Männern zusammenarbeitet“.

In Yasmins Land ist es auch alles andere als normal, überhaupt den Berufswunsch Sportjournalistin zu haben. Die Iran Sports Journalist Association hat ungefähr 1.000 Mitglieder – 150 davon sind weiblich.

Als Frau in einer iranischen Sportredaktion akzeptiert zu werden schien für Yasmin anfangs so unmöglich wie ein Flug zum Mars. Sie wurde von ihren Kollegen als Baby bezeichnet, sie redeten kaum mir ihr und ließen sie nicht über wichtige Spiele und Veranstaltungen berichten. „Die meisten Männer glauben, Fußball sei allein ihr Themengebiet. Das sehe ich nicht so. Ich liebe Fußball, deshalb berichte auch darüber“, sagt Yasmin entschlossen. Nur eben vor dem Fernseher und nicht am Spielfeldrand.

Wenn du schlauer und besser ausgebildet bist als die anderen, können sie dir nichts mehr anhaben.“

Die Verachtung der Kollegen war für die junge Sportjournalistin Motivation. Sie perfektionierte ihr Englisch und begann Spanisch zu lernen, um so ihren, wie sie sagt, „faulen Kollegen“ immer einen Schritt voraus zu sein. „Wenn du schlauer und besser ausgebildet bist als die anderen, können sie dir nichts mehr anhaben.“ Niemals aufhören besser werden zu wollen. Das würde sie auch jungen Mädchen in ihrem Land raten, die den gleichen Berufswunsch wie sie haben. Wenn Yasmin von ihren Anfängen als Journalistin erzählt, entsteht oft das Gefühl, als könne sie selbst nicht glauben, dass sie es tatsächlich geschafft hat, ihren Traum zu verwirklichen.

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Der berufliche Erfolg wirft jedoch dunkle Schatten auf Yasmins Privatleben. „Ich bin ziemlich einsam“, gibt die junge Journalistin zu. „Ich glaube Sport und Sportjournalismus nehmen einen großen Teil meines Privatlebens ein.“ Zeit für Hobbys, Urlaub oder häufige Treffen mit Freund*innen bleibt kaum. Die Iranerin glaubt auch, dass ihr Beruf ein Grund dafür ist, weshalb sie noch keinen Mann gefunden hat: „Die meisten iranischen Männer wollen keine schlaue und eigenständige Frau. Ich verstehe das zwar nicht, aber es ist so“, sagt Yasmin und kichert. Sich von einem Mann das Arbeiten verbieten zu lassen und Hausfrau und Mutter zu werden, kommt für sie nicht infrage. Eine Familie zu gründen schließt die selbstbewusste Frau nicht kategorisch aus. Allerdings nur mit einem Mann, der sie und ihren Beruf akzeptiert.

Es ist anstrengend und traurig zu sehen, wie andere Journalistinnen ständig wegen eines Artikels oder nur eines falschen Satzes verhaftet werden.“

Neben dem ständigen Druck, sich als Journalistin besonders beweisen zu müssen, ist Angst ein täglicher Begleiter bei der Arbeit. Zum Beispiel wegen eines falschen Outfits oder eines verrutschen Kopftuchs von irgendeinem Gesetzeshüter abgemahnt oder angeschrien zu werden. Doch dadurch lässt sich die junge Frau nicht einschüchtern. Viel mehr Angst hat sie davor, wegen ihrer Arbeit verhaftet zu werden. „Es ist anstrengend und traurig zu sehen, wie andere Journalistinnen ständig wegen eines Artikels oder nur eines falschen Satzes verhaftet werden“, erzählt die Sportjournalistin.

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Die Situation und die Rechtslage der Frauen im Iran hat sich im letzten Jahrhundert mehrmals stark verändert. Vor der islamischen Revolution 1979, zu Zeiten des Schahs, waren Frauen vom dem Gesetzt quasi gleichberechtigt. Das Familienrecht erlaubte ihnen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und sogar das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder zu bekommen. Außerdem wurde das Mindestheiratsalter für Mädchen kurzzeitig von neun auf 18 Jahre erhöht. Heute kaum vorstellbar: Für Frauen galt sogar ein Kopftuchverbot.

Wer als Frau heute im Iran sein Kopftuch abnimmt, riskiert mehrwöchige Gefängnisstrafen

Mit der Gründung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979 veränderte sich das Gesetz und damit auch die Rechte der Frauen. Wer als Frau heute im Iran sein Kopftuch abnimmt, riskiert mehrwöchige Gefängnisstrafen. Zur vorgeschriebenen Kleidungspflicht für Frauen im Iran kommen weitere Gesetzte, die die einstige Gleichberechtigung wieder in unerreichbare Ferne rücken. Dazu gehören das Verbot Fahrrad zu fahren, einen Hund zu halten oder ein Stadion zu betreten, in dem Männer Sport treiben.

Im Herbst fliegt Yasmin nach Jakarta zu den diesjährigen Asian Games. Dort wird sie über Wrestling und andere Sportarten berichten, die sie im Iran noch nie live gesehen hat. Neben Vorfreude klingt selbst bei der erfahrenen Journalistin etwas Aufregung mit durch: „Ich habe Wrestling bisher immer nur im Fernsehen gesehen und dann darüber geschrieben. Ich war noch nie in einem Wrestling-Stadion. Ich weiß überhaupt nicht wie das ist“.

Versucht in ein Stadion zu kommen, hat sie in Teheran schon oft. Geklappt hat es allerdings noch nie. „Ich fühle mich jedes Mal schrecklich, wenn ich von den Sicherheitsleuten vor dem Stadion angeschrien und weggeschickt werde“, sagt Yasmin etwas geknickt. „Wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass alle Frauen in jedes Stadion der Welt gehen dürfen. Nicht nur als Journalistinnen, sondern auch als Zuschauerinnen“, sagt die 29-Jährige. Viel Hoffnung schwingt dabei allerdings nicht mit.

*Name von der Redaktion geändert