Zehn Bücher, die die Nazis 1933 verbrannten – und die ihr lesen solltet

Vor 86 Jahren verbrannten Nazis öffentlich die Bücher jüdischer und anderer oppositioneller Autor*innen. Ihre Schriften sind heute wichtiger denn je. Eine Auswahl

Zehn Bücher, die die Nazis 1933 verbrannten

"Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Foto: Patrick Tomasso / Unsplash | CC0

Der Schriftsteller Erich Kästner ist Augenzeuge am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz. Er sieht dabei zu, wie seine Bücher und die zahlreicher weiterer Autor*innen von deutschen Studierenden ins Feuer geworfen werden. Die Aktion wurde vom Dachverband Deutsche Studentenschaft initiiert. In etwa 20 weiteren Städten kommt es an diesem Abend zu über 100 Bücherverbrennungen. Kästner schreibt später: „Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners.“

Der abgefeimte, durchtriebene Lügner ist Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, der in Berlin seine sogenannte Feuerrede hält. Auf sogenannten Schwarzen Listen werden jene Autor*innen geführt, die die nationalsozialistische Ideologie und Propaganda verfehmt: jüdische, sozialistische und pazifistische Schriftsteller*innen, progressive Wissenschaftler*innen, Autorinnen, die traditionelle Geschlechterrollen infrage stellten und moderne Schreiber*innen aus dem Ausland.

Wir haben zehn Autor*innen ausgewählt, deren Werke die Nazis verbrannten und indizierten. Und die es heute mehr denn je lohnt zu lesen.

Joseph Roth – Juden auf Wanderschaft (1927)

In dem Essay Juden auf Wanderschaft zeichnet Roth, selbst jüdischer Autor und im ukrainischen Brody geboren, die Kultur osteuropäischer Jüd*innen nach. Er beschreibt darin das Elend, das sie in die Welt hinaustrieb, wie sie in westlichen Großstädten wie Wien, Berlin oder Paris neue Heimatorte zu finden hofften – und vielerorts auf Ablehnung und Antisemitismus stießen. Eine Reise in die jüdischen Viertel der 1920er-Jahre.

Anna Seghers – Die Gefährten (1932)

Als Jüdin, KPD-Mitglied und antifaschistische Oppositionelle war Seghers den Nazis ein Dorn im Auge. Ihr erster Roman Die Gefährten erschien vier Monate vor Hitlers Machtergreifung. Darin porträtiert sie fünf kommunistische Revolutionäre, die die Welt verändern wollen. Der Kampf für ihr Ideal steht für sie über allem – und endet für einige von ihnen mit dem Tod. Ein Roman über das Durchhalten in scheinbar aussichtslosen Kämpfen.

Siegfried Kracauer – Die Angestellten (1930)

1929 untersuchte der Journalist und Soziologe Siegfried Kracauer Leben und Arbeit von Angestellten in Berlin. Der von ihm beobachtete Widerspruch: Angestellte befinden sich in einer proletarischen Lage, sind aber von bürgerlichen Werten geprägt. Die Berliner Zerstreuungskultur ermöglicht ihnen die Flucht aus dem Alltag. Dadurch verkennen sie aber ihre reale Situation, statt zu versuchen, die sozialen Verhältnisse zu verbessern. Ein Buch, das in seiner Kritik der Arbeitsverhältnisse immer noch aktuell ist.

Rosa Luxemburg – Sozialreform oder Revolution (1899)

Die Schrift Sozialreform oder Revolution ist einer der zentralen Texte des linken Flügels innerhalb der SPD. Luxemburg, 1919 von Offizieren ermordet, argumentiert darin für einen konsequenten Klassenkampf. Sozialreformen dürften das Ziel einer sozialen Revolution nicht aus den Augen verlieren. Sozialismus war für sie nur durch eine Ermächtigung des Proletariats und eine Umwälzung der Produktionsverhältnisse denkbar. Eine Streitschrift gegen die kapitalistische Gesellschaft.

Ernest Hemingway – In einem anderen Land (1929)

Seine Erlebnisse als Sanitäter an der italienischen Front im Ersten Weltkrieg lässt Hemingway in In einem anderen Land miteinfließen. Es ist die Geschichte einer Liebe zwischen einem Amerikaner, der in der italienischen Armee dient, und einer britischen Krankenschwester. Ein Antikriegsroman, in dem der Erzähler pessimistisch resümiert: „Die Welt zerbricht jeden […] die, die nicht zerbrechen wollen, die tötet sie.“

Erich Kästner – Fabian (1931)

Es ist das Gesellschaftsbild Berlins am Vorabend der Machtergreifung Hitlers, das Kästner in dem Roman Fabian entwirft. Der Protagonist Dr. Jakob Fabian gerät darin zwischen die politischen Fronten von Nationalsozialist*innen und Kommunist*innen sowie von Moral und lasterhaftem Nachtleben. Ein Buch, das den Untergang der Weimarer Republik wohl vorhersah.

Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Heinrich Heine, aus der Tragödie Almansor

Irmgard Keun – Gilgi, eine von uns (1931)

Mit ihrem ersten Roman Gilgi schuf Keun eine Identifikationsfigur für die neuen Frauen, die in den 1920ern in die Arbeitswelt vordrangen. Die Protagonistin Gisela Kron, genannt Gilgi, ist Stenotypistin, will unabhängig sein und wehrt sich gegen schlechte Bezahlung und übergriffige Vorgesetzte. In der späten Weimarer Republik wurde Keun damit berühmt, unter den Nazis floh sie ins Exil – und kehrte später mit falschem Pass zurück, um weiterzuschreiben. Ein Buch über den frühen Kampf gegen überholte Geschlechterrollen.

Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues (1929)

Der junge Soldat Paul Bäumer schildert in diesem weltberühmt gewordenen Roman die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die gleichzeitige Brutalität und Monotonie an der Front, das Sterben von Kameraden. Bei einem kurzen Heimataufenthalt stellt er fest, wie sehr ihn der Einsatz bereits verändert hat: Bäumer ist gleichgültig und sprachlos gegenüber Freund*innen und Familie geworden. Ein Antikriegsroman über eine verlorene Generation.

Nelly Sachs – Legenden und Erzählungen (1921)

Mit 17 schrieb Nelly Sachs ihre ersten Gedichte. Romantisch und melancholisch kreisten sie um Natur und Musik. Bei der Veröffentlichung ihres ersten Bands Legenden und Erzählungen unterstützte sie der ebenfalls jüdische Schriftsteller Stefan Zweig. 1940 floh Sachs vor den Nazis nach Schweden, 1953 erhielt sie die schwedische Staatsbürgerschaft. Die Grauen des Holocausts blieben bis zum Schluss prägend für ihre Gedichte, für die sie 1965 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)

In diesem Versepos kritisiert Heine mit bissigem Sarkasmus den Militarismus und den reaktionären Chauvinismus seines Heimatlandes. Vorbild ist für ihn das liberalere Frankreich. Und doch wird in dem Werk der Zwiespalt deutlich, in dem sich Heine zu befinden schien: Seiner Heimat Deutschland fühlte er sich tief verbunden – und gleichzeitig verzweifelte er an ihr. Deutschland. Ein Wintermärchen erschien im Pariser Exil.

Von Heinrich Heine stammt auch eines der meistzitierten Zitate im Zusammenhang mit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialist*innen. Es ist ein Auszug aus seiner Tragödie Almansor von 1823: „Das war nur ein Vorspiel, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“