Zuppeln, tupfen, ankleiden – wie ich am Set eines Werbefilmdrehs verhätschelt wurde

Sommerhitze und strenge Corona-Regeln: Beim Dreh eines Werbefilms kommt Dragqueen Jurassica Parka ins Schwitzen. Zum Glück wird sie wie ein Hollywoodstar umschwärmt.

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Foto: © Kai Heimberg

8:30 Uhr in Hamburg, der schwarze Transporter wartet schon. Ich schlurfe vom Hotel über die Straße. Schiebetür auf, rein, weg. Mein Ziel ist der Drehort eines TV-Spots etwas weiter draußen. Es fühlt sich surreal an, dass der Dreh heute tatsächlich stattfinden soll: Zwischen der ersten vorsichtigen „Wir haben Interesse an dir“-Mail und heute liegen sieben Monate.

Es gab mehrere Telefonate, ein Casting, Anproben mit einer Stylistin. Eine ganze Zeit lang herrschte Funkstille, dann verschob Corona den Dreh nach hinten, jetzt steige ich am Set aus – ein gemieteter Kiosk. Selbst beim Dreh für einen kurzen Werbeclip wuseln unfassbar viele Menschen herum. Alle tragen Mund-Nasenschutz, so auch Susi, meine persönliche Betreuerin für den Tag. Sie trägt ein Klemmbrett unterm Arm, einen Knopf im Ohr und ein freundliches Lächeln im Gesicht, das ich selbst unter der Maske deutlich erkenne.

Susi lässt mich eine Corona-Liste mit einem desinfizierten Stift unterschreiben, drückt mir eine frische Maske in die Hand – und dann beginnt sie, mich zu umsorgen, wie man nur im Fünf-Sterne-Hotel oder eben bei einem Werbefilmdreh umsorgt wird. Hunger? Durst? Irgendwelche Lebensmittelunverträglichkeiten? Sie verschwindet kurz mit wehendem Haar und erscheint mesmerierend ein paar Minuten später mit einem frisch aufgeschäumten Cappuccino. Dazu gibt es ein kleines Croissant und einen Obstsalat, Wassermelone, Apfel, Ananas, Minze und einen Smoothie – meine Güte! Ich warte kurz, ob Susi fragt, ob sie mein Essen vorkauen soll. Nicht der Fall.

Anziehen? Machen andere für dich!

Nächste Station: Schminkmobil. Draußen werden’s 32 Grad, Travestie kann dann eine Qual sein. Aber im Mobil werde ich davon nichts merken, das Teil ist vollklimatisiert. Katrin, die Maskenbildnerin, und ich verstehen uns – naja, Schminkmädchen unter sich! Katrin arbeitet höchst professionell, ich habe noch nie so einen klinisch reinen, aufgeräumten Schminkplatz gesehen. Der Luxus setzt kurz aus: Ich habe mein eigenes Schminkköfferchen mitgebracht und mache mir das Gesicht selbst.

Fertig angemalt bringen mich Susi und Katrin zum Kostümwagen. Stylistin Anna wartet schon mit meinem Outfit: roter Paillettenfummel, Pelzstola, lange Satinhandschuhe, Schmuck, Pumps. Anna kleidet mich ein, ich stehe nur da und lasse an mir zuppeln. Da wird gerupft, geschoben und genäht, bis alles am Transvestiten dran ist. Susi bringt zwischendurch frisches Minzwasser. Anna macht mir derweil die Schuhe zu. Tatsächlich ist mir das unangenehm: Ich komme mir vor wie ein Riesenbaby.

Wasserspray, kalte Handtücher und ein persönlicher Ventilator

Am Set herrscht Konzentration, Menschen sprechen in Walkie-Talkies, überall Monitore, Kameras. Durch die Scheibe des Kiosks strahlen riesige Lampen künstliches Tageslicht herein. Der Dreh dauert einige Stunden, viele kleine Szenen wollen immer und immer wieder gespielt werden.

Es ist unsagbar heiß, der Schweiß läuft mir übers Gesicht. Katrin tupft ab, besprüht mich mit Wasserspray, kämmt mein Haar. Anna zupft und richtet. In den Umbaupausen legt mir Katrin kalte Handtücher über Schulter und Nacken und schiebt mich vor meinen persönlichen Ventilator. Wasser steht immer bereit, sogar ganz tuntenfreundlich mit Strohhalm. Ich fühle mich wie ein Püppchen, das von einer in die andere Ecke gekarrt wird.

Am Ende bedanken sich die Mädels sogar bei mir: Ich sei eine sehr unkomplizierte Darstellerin gewesen, das sei nicht normal. Na gut, ich habe ja auch keine weißen Lilien für meine Garderobe verlangt, ich Gute. Und ich habe einen super Therapeuten, der mir empfohlen hat, mir für solche Jobs ein Vorbild zu nehmen – meine Wahl fiel auf Heidi Klum: Das Credo „Sei immer pünktlich, unkompliziert und freundlich“ habe ich von ihr übernommen und fahre damit gut. Damit wird der Spot schön und niemand muss heulen.

Aber eigentlich ist es kein Wunder, wenn berühmte Menschen zu Arschlöchern mutieren. Wenn dir jeden Tag das Essen vorgesetzt wird und alle dabei fröhlich vor sich hin strahlen, kann man mal abdrehen. Parallelwelt. Brauch ich nicht ständig, aber macht natürlich auch Spaß! An alle Katrins, Annas und Susis dieser Welt, die tagein tagaus irgendwelche fremden Menschen betüddeln müssen: DANKE!

Außerdem auf ze.tt: Diese Fotos zeigen, wie es an Filmschauplätzen heute aussieht