Zwei Perspektiven zur Hadsch: Junge Musliminnen erzählen, was ihnen die Pilgerreise bedeutet

Mehr als zwei Millionen Muslim*innen sind am Wochenende zur jährlichen Pilgerreise Hadsch in Saudi-Arabien angetreten. Wir haben mit zwei jungen gläubigen Musliminnen über ihre Haltung zur Wallfahrt gesprochen.

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Als zentrales Heiligtum des Islam gilt es, die Kaaba siebenmal entgegen des Uhrzeigersinns zu umrunden. Foto: © Ahmad Al-Rubaye / Getty Images

Die Hadsch gilt als eine der fünf Säulen des Islam. Jede*r gläubige und gesunde Muslim*in, die*der es sich leisten kann, sollte einmal im Leben die Pilgerreise antreten. So reisten laut dpa bereits am Sonntag während der ersten Etappe der Wallfahrt Millionen von Gläubige von der Heiligen Stadt Mekka in das nahgelegene Wüstental Mina. Bis Freitag durchlaufen die Pilger*innen mehrere Riten. Das große spirituelle Ziel der mehrteiligen Hadsch ist die Kaaba, ein würfelförmiges Gebäude im Zentrum der Großen Moschee in Mekka. Als zentrales Heiligtum des Islam gilt es, dieses siebenmal entgegen des Uhrzeigersinns zu umrunden. Die überwiegend weiß gekleideten Pilger*innen ziehen außerdem zum Berg Arafat bei Mekka und führen später mit Kieseln eine symbolische Steinigung des Teufels durch. Am Dienstag, dem dritten Tag der Pilgerreise, wird weltweit das Opferfest gefeiert.

Die Jahrhunderte alte muslimische Pilgerfahrt ist selbstverständlich auch für junge Muslim*innen ein Thema. Wir haben mit zwei gläubigen Frauen darüber gesprochen, welche Bedeutung die Hadsch für sie persönlich hat. Wie stehen sie zu der religiösen Pilgerpflicht?

Şeyma, 27  

Der Wunsch, eines Tages nach Mekka und Medina zu reisen, ist bereits früh bei mir aufgekommen. Für mich war jedoch immer klar, dass ich diese besondere Erfahrung mit meinem Lebenspartner machen wollte. Glücklicherweise konnte mein Mann diese Sehnsucht teilen, sodass wir ein Jahr nach unserer Hochzeit die Hadsch angetreten sind. Da uns die finanzielle Sicherheit gegeben war, wir gesund waren und keine Verantwortungen wie Kinder hatten, war vergangenes Jahr für uns der perfekte Zeitpunkt.

Als praktizierende Muslima ist es mir wichtig, den Pflichten meiner Religion nachzukommen. Die Hadsch ist, anders als die anderen Pflichten, oft ein einmaliges Ereignis, das gut vorbereitet werden sollte. Neben der spirituellen Stärkung und der Aneignung von Wissen über Rituale bishin zur Entstehungsgeschichte der Hadsch, sind wir regelmäßig im Wald joggen gewesen, um körperlich fit zu sein. Dies erwies sich als erforderlich, wenn man bedenkt, dass wir am Tag bis zu 30 Kilometer gelaufen sind.

Ich fühlte mich, als sei ich von einer langen beschwerlichen Reise endlich zu Hause angekommen.“ – Şeyma

Vor der Reise beschäftigten mich Gedanken zu den bevorstehenden Herausforderungen, die mir von Pilgern aus den vorherigen Jahren berichtet wurden. Menschenmassen, die ungewohnte Hitze und die körperliche Anstrengung wurden häufig angesprochen. Neben den Sorgen waren aber auch die Vorfreude, Aufregung und Neugierde groß. Und es stellte sich sehr bald heraus, dass meine Befürchtungen unbegründet waren.

Es ist bemerkenswert, wie Menschen aus aller Welt, geprägt von unterschiedlichsten Traditionen und Lebensumständen, im engsten Raum unter der prallen Sonne geduldig und freundlich zueinander sind, miteinander lachen und füreinander beten. Insbesondere der rücksichtsvolle und familiäre Umgang unter den Pilgern hat meine Wahrnehmung stark geprägt. Auch bei mir selbst bemerkte ich eine Ruhe, Geduld und Gelassenheit, die ich in dieser Form nicht von mir kannte. Ich fühlte mich, als sei ich von einer langen beschwerlichen Reise endlich zu Hause angekommen.

Ich bin froh, die körperlich herausfordernde Reise in jungen Jahren angetreten zu sein.“ – Şeyma

Bei der Kaaba in Mekka und auch in der Prophetenmoschee in Medina fühlte ich mich geborgen. Arafat war der Höhepunkt meiner Reise. Mir gefiel besonders, dass alle Menschen ähnlich gekleidet waren. Die Männer im weißen Ihram und die Frauen in ihren langen Gewändern konnten nicht nach weltlichen Unterscheidungsmerkmalen wie Gesellschaftsklasse oder Bildungsgrad unterschieden werden. Dies bekräftigte bei mir das Gefühl, dass vor Allah alle Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe, Größe und Alter gleich sind und nur ihre Taten und Nähe zum Schöpfer entscheiden.

Rückwirkend betrachtet bin ich froh, die körperlich herausfordernde Reise in jungen Jahren angetreten zu sein. Somit konnte ich uneingeschränkt alles erkunden und erfahren. Die Pilgerfahrt nach Mekka hat vor allem die Beziehung und Verbundenheit zu meinem Schöpfer noch weiter gestärkt.

Esther, 30

Als konvertierte Muslima bin ich nicht mit der Sehnsucht nach Mekka aufgewachsen. Für mich ist Mekka ein ferner Ort, der mich fasziniert, aber gleichzeitig auch abstößt. Ich liebe die Philosophie hinter der Pilgerfahrt: Männer und Frauen treten gleichberechtigt vor Gott. Sie tragen die gleiche weiße Kleidung als Symbol, dass wir ohne unsere Reichtümer und Errungenschaft von dieser Welt gehen. Der Bettler tritt neben dem König die Pilgerfahrt an – sie stehen gleichwertig nebeneinander und absolvieren ihre Pflicht. Ihre gesellschaftliche Stellung zählt nicht. So weit die Theorie.

Der Kapitalismus hat auch die Pilgerfahrt in seine Fänge genommen.“ – Esther

Die praktische Umsetzung der Pilgerfahrt erschreckt mich: Fünf Sterne Hotels reihen sich neben Fast-Food-Tempel. Der Kapitalismus hat auch die Pilgerfahrt in seine Fänge genommen. Als ein Mensch, den Menschenmengen abschrecken, ist es für mich schwer vorstellbar, die vollkommene Spiritualität in einer Masse von Menschen zu erfahren. Mein größtes Problem ist jedoch: Saudi-Arabien als Staat ist zutiefst rassistisch und misogyn. Nicht zu vergessen wie das Land im Jemen mit den muslimischen Geschwistern umgeht – einer der meist ignorierten Konflikte dieser Welt. In diesem Kontext stelle ich mir die Frage: To Hajj or not to Hajj?

Ich möchte nicht zu einem Boykott aufrufen. Mir ist bewusst, dass die Hadsch eine Säule des Islam ist und viele Muslime ihr Leben lang dem Moment entgegenfiebern, selbst einmal vor der Kaaba zu stehen. Aber ich wünsche mir, dass wir uns diese Frage in der Community stellen und uns bewusster damit auseinandersetzen, ob und wie man die Pilgerfahrt ethisch vereinbaren kann. Und bevor nun meine deutschen Mitbürger*innen jubeln – das gilt auch für die deutsche Bundesregierung, die nun mal fleißig mit Waffen und Geld das Land und die Zustände unterstützt. Ich entziehe mich zumindest temporär aufgrund dieser Zustände meiner Pflicht, die Pilgerfahrt zu absolvieren.

Ich begebe mich weiterhin in die Berge, denn auf den Gipfeln, mitten in der Natur, fühle ich mich Gott am nächsten!“ – Esther

Wenn ich eines Tages die Pilgerfahrt antrete, möchte ich außerdem nicht ins Flugzeug steigen, in Mekka aussteigen, die Rituale absolvieren und wieder heimfliegen. Ich sehne mich nach Entschleunigung. Ich möchte den Weg nach Mekka bewusst wahrnehmen. Begeistert habe ich die Reiseberichte früherer Pilger*innen verschlungen. Genauso möchte ich die Pilgerfahrt absolvieren: Auf der Reise Menschen mit ihren Wünschen, Lebensrealitäten und Glaubensvorstellungen kennenlernen.  Unterschiedliche Landschaften, Tiere und Vegetationen sehen.

Die Pilgerfahrt sehe ich als Reise zur Quelle meiner Beziehung mit Gott. Pilgern bedeutet für mich reisen. Dieser Aspekt geht in der modernen, schnelllebigen Zeit häufig verloren. Eines Tages möchte ich mich aufmachen von Deutschland nach Mekka – frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Und bis dahin begebe ich mich weiterhin in die Berge, denn auf den Gipfeln, mitten in der Natur, fühle ich mich Gott am nächsten!