18-Jähriger zwingt seine Freundin zum Sex mit seinem besten Freund – und filmt alles

Faris vermutet, dass seine Freundin mit seinem besten Freund eine Affäre hat. Er will sich an ihnen rächen – mit einer Tat, die selbst das Gericht ratlos zurücklässt.

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Etwa zehn Minuten dauert das Video, das Faris von Michael und Nadine filmte. Nach dem erzwungenen Oralverkehr weinen beide. Illustration: © ze.tt / Elif Küçük

Es ist Mitte Januar 2019, als bei der Polizei einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt ein anonymes Schreiben mit einer CD eingeht. Der Brief erklärt den Inhalt des Videos, das auf der CD gespeichert ist. Darin steht sinngemäß: „Du siehst Michael* und Nadine* beim Sex. Beide wollen es nicht. Faris* hat ihnen gesagt, dass sie es machen sollen und sie bedroht. Er steht daneben und filmt. Die beiden weinen dabei.“

Ein Jahr später ist dieses Handyvideo das wichtigste Beweismittel in einem Prozess vor der 41. Jugendkammer in Berlin. Hochkant gefilmt, dokumentiert es zehn Minuten im Leben von Michael, Nadine und Faris, die in Wahrheit alle anders heißen. Es sind zehn Minuten, die das Leben der drei nachhaltig verändert haben. Die Beziehungen zwischen ihnen sind zerbrochen, Faris muss ins Gefängnis.

Meth und Gras im Wechsel

In der siebten Klasse lernt Faris seinen späteren besten Freund Michael kennen. Im Prozess wird dieser sagen: „Die Freundschaft, die wir hatten, war sehr eng. Ich hätte nicht auf ihn verzichten wollen.“ Wie eine Kriminalbeamte vor Gericht sagt, ist Faris‘ und Michaels Clique polizeibekannt. Sie experimentiert mit verschiedenen Drogen. Faris sagt, dass sie abwechselnd Crystal Meth gezogen und gekifft hätten, um sich erst zu pushen und dann wieder runterzukommen.

Im Frühjahr 2018 lernt er Nadine über einen gemeinsamen Freund kennen. Sie ist damals 21 Jahre alt und arbeitet als Verkäuferin. Im Sommer kommt er mit ihr zusammen. Über die Beziehung sagt Faris vor Gericht: „Am Anfang war es okay, später gab es viel Streit.“ Nadine sagt: „Bis zur Tat gab es keine Drohungen oder Gewalt von ihm.“

Zeitweise wohnen sie gemeinsam in Nadines Wohnung und nehmen Drogen. Dann wohnt Faris wieder woanders. Es klingt nach einem rastlosen Leben ohne wirkliches Zuhause. Eine kurze Zeit wohnen auch Nadine und Michael zusammen. Einmal verreisen die beiden gemeinsam für ein Wochenende. Sie sind befreundet, aber läuft zwischen ihnen auch etwas? Vor Gericht sagen sie, dass nie etwas war. Faris stellt es anders dar. Dem Gericht sagt er, dass er von Freund*innen erfahren habe, dass die beiden eine Affäre hätten, dieses Wissen zunächst aber für sich behielten.

Gemeinsam mit einem Freund lockt Faris Michael in eine Wohnung

Der Tag, an dem alles passiert, ist ein Mittwochmorgen Anfang November 2018. Faris hängt mit zwei Freunden und Nadine in einer WG rum. Wie Faris vor Gericht sagt, hat er zu diesem Zeitpunkt seit drei Tagen nicht geschlafen, Crystal gezogen und Gras geraucht. Ob es stimmt, bleibt unklar. Die Aussagen verschiedener Zeug*innen, die ihn an jenem Tag erlebt haben, sind widersprüchlich. Die psychologische Gutachterin sagt allerdings: „Beide Drogen hatten keinen Einfluss auf sein Urteilsbewusstsein.“

Nach Faris‘ Angaben geraten er und Nadine an diesem Morgen in einen Streit. Faris sagt: „Dann hat sie mir gestanden, dass sie und Michael etwas miteinander haben.“ Faris will sich an ihnen rächen. „Ich wollte ihnen Angst einjagen und beide bestrafen“, sagt er. Einer seiner Kumpels schickt Michael eine Whatsapp-Nachricht, in der steht, dass sie etwas zu kiffen hätten und er doch vorbeikommen solle. Nach Ansicht des Gerichts hat er diese Tat also geplant und sich nicht spontan dazu entschieden – eine Tatsache, die sich auf das Strafmaß auswirkt.

Ich ficke euer Leben!

Faris zu Nadine und Michael

Als Michael gegen 18 Uhr die Wohnung betritt, hat Faris Nadine schon gezwungen, ins Schlafzimmer zu gehen. Dort muss sie hinter einem Kleiderschrank warten. Faris sagt zu Michael: „Lass mal ins Schlafzimmer gehen, was besprechen.“ Plötzlich hält Faris eine Eisenkette in der Hand und einer seiner Kumpels eine Machete.

Sie sind nun zu viert im Schlafzimmer und Faris fordert Nadine und Michael auf, sich auszuziehen. Mit der einen Hand schwingt er die Kette durch die Luft, in der anderen hält er sein Smartphone und filmt die beiden. Auf dem Video, welches am ersten Prozesstag im Gericht gezeigt wird, ist Michael auf dem Bett sitzend zu sehen. Seine Beine stehen auf dem Boden. „Fick sie, von vorne, hinten, alles“, ruft Faris. Michael und Nadine beginnen zu weinen. Dann zwingt er Nadine, sich über Michaels Schoß zu lehnen und seinen Penis in den Mund zu nehmen. „Schneller, schneller“, ruft Faris. „Mach einfach weiter, du musst in ihr kommen, oder willst du geschlagen werden?“, sagt er zu Michael. Dann zu beiden: „Ich schlag‘ euch tot.“

Faris zwingt seinen besten Freund nach der Tat, nur in kurzer Hose die Wohnung zu verlassen

Nach etwa fünf Minuten ejakuliert Michael in ihrem Mund. Faris sagt: „Jetzt küsst euch.“ Beide schluchzen. Dann sagt Faris zu Michael: „Zieh deine Socken aus.“ Faris wirft Michael eine kurze Hose zu. „Zieh die an“, sagt er. „Und jetzt verpiss‘ dich.“ Die Kamera folgt Michael zur Tür, Faris‘ Kumpel verpasst Michael einige Schläge mit der flachen Hand ins Gesicht, bis dieser weinend aus der Wohnung stürzt. Dann endet das Zehn-Minuten-Video. Im Gerichtssaal herrscht betretenes Schweigen. Faris starrt vor sich auf den Tisch.

Die Freundschaft, die wir hatten, war sehr eng. Ich hätte nicht auf ihn verzichten wollen.

Michael über seine Beziehung zu Faris

Was das Video nicht mehr zeigt: Michael, zur Tatzeit 17 Jahre alt, steht nun Mitte November in kurzer Hose und barfuß vor der Wohnung und weiß nicht, wohin. Er flüchtet zunächst zu Freund*innen, erst am Abend kommt er nach Hause, erzählt seiner Mutter aber nichts von der Tat.

Wie Nadine vor Gericht sagt, zwingt Faris sie danach, mit ihm zusammenzubleiben. Alle paar Tage ziehen sie von der Wohnung eines*r Freund*in in eine andere. „Er hat mich nicht mehr aus der Wohnung gelassen“, sagt Nadine. Ihre Beziehung endet, als die Polizei Faris festnimmt – weil er nicht zu einem Prozess wegen einer Körperverletzung erscheint.

Nadine und Michael haben die Tat nicht verarbeitet

Vor Gericht zeigt sich, welchen Einfluss die Tat auf Nadine und Michael hatte. Nadine hat ein weißes Stofftier dabei, als sie als Zeugin aussagen soll. Sie umklammert es mit beiden Händen. Der vorsitzende Richter fragt sie: „Wie haben Sie die Tat verarbeitet?“ Nadine sagt: „Ich verdränge alles.“ Richter: „Haben Sie mit Faris jemals über die Tat gesprochen?“ Nadine schüttelt den Kopf. „Haben Sie seitdem noch Kontakt mit Faris oder Michael?“ Nadine schüttelt den Kopf.

Michael ist mit seiner Mutter zum Prozess gekommen. Während er vor der Tür des Gerichtssaals auf seine Aussage wartet, schweifen seine Augen unruhig umher. Er wippt mit den Füßen. Über die Tat spricht er distanziert. „Es war schon beschissen für mich, aber das Leben geht weiter. Man denkt schon ab und zu darüber nach. Aber es ist halt so und man kann es nicht ändern.“ Auch er hat seitdem keinen Kontakt mehr zu seinem ehemals besten Freund Faris.

Nach seiner Aussage sagt Faris‘ Anwalt zu Michael: „Mein Mandant würde sich gerne bei Ihnen entschuldigen. Möchten Sie die Entschuldigung annehmen?“ Michael sagt: „Ich würde sie annehmen, ja.“ Faris steht auf und streckt Michael seine Hand hin. Auch Michael steht auf, ergreift sie. Sie umarmen sich, beide steif wie Bretter und klopfen sich auf den Rücken. Keiner spricht ein Wort. Dann verlässt Michael den Saal.

Faris muss in Haft

Am dritten und letzten Verhandlungstag spricht das Gericht sein Urteil. „Der Angeklagte ist der besonders schweren Vergewaltigung in Tateinheit mit Herstellung einer jugendpornografischen Schrift schuldig“, sagt der vorsitzende Richter. „Er wird zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.“ Mit diesem Strafmaß bleibt das Gericht nur knapp unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die zwei Jahre und elf Monate Haft gefordert hatte. Sein Verteidiger hatte dafür plädiert, eine Strafe von maximal zwei Jahren zu verhängen. Sie hätte auf Bewährung ausgesetzt werden können.

Das Gericht spricht von einer Tat, „die einen relativ ratlos zurücklässt“. Auch in der Verhandlung sei nicht viel klarer geworden, warum Faris sie begangen habe.

Gegen Faris sprach nach Ansicht des Gerichts, dass die Tat geplant und für Michael und Nadine besonders erniedrigend war. Strafmildernd sei lediglich sein Geständnis zu werten und dass er möglicherweise auf Drogen war. Zugute kommt Faris, dass sich das Gericht entschieden hat, ihn nach dem Jugendstrafrecht zu verurteilen. Zur Tatzeit war Faris 18 Jahre und vier Monate alt. Bei ihm seien „erhebliche Reifeverzögerungen“ zu beobachten.

Zweieinhalb Jahre? Das geht.

Faris über das Urteil

Diese rühren von einer Traumatisierung, die sich lange vorher ereignet hat. Es ist Faris‘ Reise nach Deutschland. Als er zwölf Jahre alt ist, schickt ihn seine Familie aus dem Irak nach Deutschland. Dort studiert seine ältere Schwester. Später soll der erkrankte Vater nachkommen und sich in Deutschland behandeln lassen. Wie er einer psychologischen Gutachterin schildert, wird er auf der Reise von seiner Begleitung getrennt und schlägt sich alleine durch. Erst nach neun Monaten erreicht er Deutschland. Im Prozess sagt die Gutachterin, dass ihn diese Reise traumatisiert habe – ohne ins Detail zu gehen.

Faris hätte eine Gefängnisstrafe möglicherweise abwenden können. Doch Faris ergreift die Chance nicht. Sein Anwalt hatte ihn Mitte November 2019 aus der Untersuchungshaft geholt. Faris‘ soll sich einen Ausbildungsplatz suchen und im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs über Sozialstunden Geld für Michael und Nadine erarbeiten. Nichts davon passiert. „Ich bin enttäuscht von der Schlappheit meines Mandanten“, sagt sein Anwalt in seinem Plädoyer. „Unserer Ansicht nach ist es sehr wichtig, dass ihm feste Strukturen vorgegeben werden“, sagt der vorsitzende Richter – und meint damit die Strukturen einer Haftantstalt.

Faris nimmt alles regungslos zur Kenntnis. Nach dem Prozess sagt er zu ze.tt: „Zweieinhalb Jahre? Das geht.“


* alle Namen geändert

 

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