Blackfishing: Warum es nicht cool ist, sich eine dunklere Hautfarbe zu schminken

Shirin David oder Ariana Grande: Es gibt immer mehr weiße Künstlerinnen, die sich mittels Make-up oder Tanning-Spray als Schwarze Frauen inszenieren. Diese Praxis des Blackfishing ist problematisch, findet unsere Autorin. Ein Kommentar

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Blackfishing ist eine Praxis aus der Popkultur, in der sich weiße Personen mittels Make-up, Solarium, Tanning-Spray oder Body-Modifikation als Persons of Color inszenieren. Fotos: Frazer Harrison/ANGELA WEISS/AFP/Getty Images

Shirin David hat es getan, ebenso Ariana Grande, Iggy Azalea baute sogar ihre gesamte Karriere auf dieses Fundament: Blackfishing ist eine Praxis aus der Popkultur, in der sich weiße Personen mittels Make-up, Solarium, Tanning-Spray oder Body-Modifikation als Persons of Color inszenieren. Nicht weiße Attribute fließen in Bühnenshows, Musikvideos oder Instagram-Auftritte ein. Sie werden zum Accessoire und Verkaufsschlager zugleich und können je nach Belieben und Marktwert an- und ausgezogen werden wie ein Kostüm.

Schwarze Frauen und Women of Color werden hierbei durch das Reduzieren auf ihre Äußerlichkeiten sexualisiert. Ihr Aussehen wird sich angeeignet, ungeachtet der realen Problematiken wie Rassismus und Diskriminierung, mit denen sie in ihrer Lebenswelt konfrontiert sind.

Ist das noch Make-up oder schon Blackface?

Im Gegensatz zum Blackfacing, einer rassistischen Praxis, bei der sich weiße Menschen mittels Gesichtsfarbe als Schwarze Menschen verkleiden und diese nicht selten verhöhnen oder stereotyp zur Schau stellen, sehen wir uns beim Blackfishing mit einer subtilen Form der kulturellen Aneignung konfrontiert. Das britische Onlinemagazin The Tab beschreibt es als in der Regel von weißen Frauen ausgehende Handlung, die in ihren Auftreten den Anschein erwecken wollen, als wären sie Mixed Race, hätten also mindestens einen nicht weißen Familienstrang. Das Ergebnis ist oftmals ein dunklerer Teint, zudem die Modifizierung eines als Stereotyp Schwarz oder auch Latinx gelesenen Körperteils wie volleren Lippen oder markanten Kurven.

Der beschriebene Prozess sowie die Veränderung hin zu einem immer dunkler werdenden Phänotyp hat in den vergangenen Jahren viele Fans mehr als nur verwundert. Wie Ariana Grande, eine US-amerikanische Sängerin mit italienischen Wurzeln, die von ihren Fans lange Zeit für Latinx gehalten wurde, erregte auch die Influencerin Emma Hallberg mit einem Blackfishing-Vorwurf Aufmerksamkeit. Nachdem eine Followerin aus ihrer Community ältere Bilder entdeckt hatte, rechtfertigte sich Emma damit, niemals behauptet zu haben, nicht weiß zu sein. Wer sich ihrem Instagram Kanal annimmt, sieht jedoch eine junge Frau mit sich entwickelnder dunkler Hautfarbe und langen braunen Locken. Nicht fern liegt die Annahme, durch das Profil einer WoC, einer Woman of Color, zu scrollen.

Emma Hallberg 2016:

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Emma Hallberg 2019:

Ethnizität ist kein Trend

Fünf Nuancen dunkler, die richtigen Accessoires und die perfekte Inszenierung in Musikvideos und Social Media: Welche visuellen Codes sind es, die popkulturelle Schöpfungen nach Black Culture aussehen lassen? Während Hautfarben explizit sind, muss mensch genauer hinschauen, um herauszufinden, worauf die Produktionen von Shirin David, Iggy Azalea oder Ariana Grande aufbauen. Twerken, teure Autos, tonnenweise Kohle, Schmuck und nackte Haut: Attribute, die man zuweilen aus Hip-Hop-Videos kennt, tauchen verstärkt bei genannten Musikerinnen auf und sind prägend für die Wahrnehmung ihrer Fans.

Während nicht weiße Menschen tagtäglich mit realen Bedingungen einer rassistisch sozialisierten Gesellschaft zu kämpfen haben, wirkt inszenierte Ethnizität wie ein Spottgesang auf die Realitäten von Schwarzen Menschen und People of Color. Ähnlich wie bei Debatten um die Aneignung von Frisuren und Kleidungsstücken sind viele Accessoires oder Stile kodierte, realitätsbildende Größen für BPoC und keine Bestandteile von Strömungen oder Trends. Das bedeutet, dass zum Beispiel Cornrows oder Afros relevante Kulturgüter sind, während sie von einer weißen Mehrheitsgesellschaft häufig diskreditiert werden, wenn sie von Schwarzen Personen ausgehen. Was für die berühmten Persönlichkeiten zu einer Marketingstrategie gehört und Teil einer stilistischen Episode ist, wird durch ihre Performance populär und durch die Rezipierenden reproduziert.

An der Grenze zur kulturellen Aneignung

Jens Kastner verweist im Deutschlandfunk und der Definition von kultureller Aneignung auf den Titel des Buches Everything But The Burden von Greg Tate. Heißt: Der weiße Mensch bedient sich an allem, übernimmt, imitiert, kopiert – ohne die Bürde, in diesem Fall die Diskriminierung und den Rassismus, tragen zu müssen. Was Hautfarben angeht, das Imitieren, Annähern oder Nachahmen dieser, ist der Fall klar. Wie gehen wir aber um mit weniger eindeutigen Attributen? Wem gehören bestimmte modische Schöpfungen, Frisuren oder sogar Tattoos und Piercings?

Die Antwort ist hier vorsichtiger und noch unvollständig: Ein achtsamer Umgang mit allen Kulturen ist Voraussetzung für einen diskriminierungsfreien und respektvollen Umgang miteinander. Zudem eine stetige Auseinandersetzung mit entsprechenden Entwicklungen und Diskursen. Wer als weißer Mensch gerne Locks tragen möchte und auf die Frisur besteht, sollte sich nicht nur informieren und in die Recherche gehen. Es lohnt sich hier immer, ein Business aufzusuchen, das von Menschen aus einer entsprechenden Community geführt wird. Schlichtweg für den Versuch, aus der Appropriation eine Appreciation, also Wertschätzung zu machen. Geld für gewisse Dinge an den richtigen Orten auszugeben, wäre hierbei zum Beispiel ein Anfang.