So geht die Band Blond aus Chemnitz mit sexistischen Kommentaren um

Auf ihrem Album singen Nina, Lotta und Johann über vermeintliche Tabus wie Menstruationsblut und Magen-Darm-Probleme. Angst vor den Reaktionen haben sie nicht.

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Die Chemnitzer*innen Nina, Johann und Lotta sind Blond. Foto: © Anja Jurleit

Wie benutzt man als Frau Toiletten auf Autobahnparkplätzen so, dass man nichts berühren muss? Diejenigen, die dem Instagram-Account der Chemnitzer Band Blond folgen, wissen es: mit wohlplatzierten Kickbewegungen gen Spüle und Türgriff sowie einer gut trainierten Beinmuskulatur.

Blond war 2019 viel unterwegs: Im Sommer bespielte die Band diverse Festivals in Deutschland und supportete die Indiebands Leoniden und Von Wegen Lisbeth auf Tour. Auf Instagram zeigten die weiblichen Mitglieder von Blond Lotta und Nina Kummer die Alltagsmomente des Tourlebens. Beispielsweise: räudige Autobahntoiletten.

25.000 Menschen folgen dem Profil der Band, die neben Lotta und Nina noch aus dem Bassisten Johann Bonitz besteht. Das Feedback zu den Toilettenstorys ist so gut, dass die drei inzwischen über Toilettengangseminare nachdenken.

Zunächst steht jedoch erstmal das Blond-Debütalbum Martini Sprite an, das am 31. Januar erscheint. Darin besingen die drei Chemnitzer*innen Magen-Darm-Probleme auf sechsstündigen Autofahrten, die mansplainenden Thorstens dieser Welt, die Enttäuschungen der Elf-Minuten-Parship-Garantie und Menstruationskrämpfe im Flixbus.

Wir haben Lotta, Nina und Johann im Dezember in Berlin getroffen – und mit ihnen über ostdeutschen Dilettantismus, die Ausschreitungen in Chemnitz 2018 und Sexismus in der Musikindustrie gesprochen.

ze.tt: Lotta, Nina, Johann, in eurer Albumbeschreibung steht, dass Martini Sprite die Zustandsbeschreibung einer ostdeutschen Jugend ist. Was macht die denn aus?

Lotta: Für uns bedeutet das, nicht abends mit den Kumpels beim Späti zu hängen, sondern zuhause zu sein und sich selbst unterhalten zu müssen – weil nicht ganz so viel Unterhaltung da war. Deshalb haben wir auch angefangen, Musik zu machen.

Nina: Zur ostdeutschen Sozialisation gehört auch, dass man viel über Beziehungen regelt. Der Kumpel von dem kennt doch die, und die arbeitet dort. Das funktioniert in Chemnitz ausgezeichnet. So arbeiten wir, so ist unser kreativer Prozess, so organisieren wir Musikvideos. Das hat man ja in der DDR auch häufig so gemacht. Dadurch, dass unsere Eltern so sozialisiert wurden, haben wir das übernommen.

Auch den Dilettantismus haben wir von unseren Eltern: Dass man ganz naiv an Sachen rangeht und die einfach irgendwie macht. Auch wenn man nicht die benötigten Sachen dafür hat und es am Anfang total chaotisch ist und mal was schiefgeht.

Andere Chemnitzer Künstler*innen thematisieren immer wieder die Begegnungen mit Nazis als Teil ostdeutscher Jugend. Könnt ihr ähnliche Geschichten erzählen?

Johann: Das kennt man vor allem von den großen Geschwistern. Von denen kennt man die Geschichten von Verfolgungsjagden und von Nazis, die irgendwem die Zähne ausgeschlagen haben.

Nina: Aber auch für uns ist das Thema im Alltag präsent. Ich wohne im Studierendenviertel in Chemnitz, in dem auch viele indische Studierende wohnen. Da bin ich letztens Straßenbahn gefahren und der Fahrer hat die indischen Mitfahrenden mit krass rassistischen Wörtern wie Vergewaltigervolk beleidigt. Ich hab‘ mich bei den Verkehrsbetrieben in Chemnitz über diesen Fahrer beschwert. Da wird man aber auf den Boden zurückgeholt. Die sagen: Ja, wir kümmern uns. Aber: In Chemnitz gibt’s halt nicht genug Fahrer. Und das ist die Misere, in der wir stecken.

In Städten wie Berlin hat man seine Wohlfühloasen, wo alle links denken. In Chemnitz ist das eine kleine Gang.

Nina Kummer

Man checkt, dass manche Sachen nicht so einfach funktionieren in einer Stadt wie Chemnitz. In anderen Städten wie Berlin hat man seine Wohlfühloasen, seinen Kiez, wo alle links denken und wählen. Und in Chemnitz ist das eine kleine Gang, eine kleine Blase. Das ist zwar supertraurig, aber ich finde es wichtig, dass man immer wieder in die Realität zurückgeholt wird. Dass man nicht in der eigenen Blase versinkt. Dass man checkt, dass es andere Leute gibt, die nicht immer alle deiner Meinung sind.

Lotta: Man wird jeden Tag konfrontiert mit Menschen, die anders denken. Dadurch lernt man gut, dass man nicht einfach dicht machen kann, dass man versuchen muss, ins Gespräch zu kommen, man muss Gespräche führen, weil man so oft damit konfrontiert wird.

Wie erinnert ihr euch an die Ausschreitungen in Chemnitz im Spätsommer 2018 – hat euch das geprägt?

Nina: Ich weiß noch, dass wir am Tag der Ausschreitungen im August Kraftklub am Elbufer in Dresden begleitet haben. Das war ein mega schöner Abend, alle waren da. Am nächsten Tag sind wir zurück nach Chemnitz gefahren, über Nacht ist das passiert. Wir saßen im Auto und das war wie ein Schlag ins Gesicht. Weil man die Nacht davor in dieser schönen Blase verbracht hat.

Wobei man sagen muss, dass das nichts Überraschendes war. In Sachsen war das schon immer ein Problem, das da sichtbar wurde. Die Leute kommen ja nicht aus dem Nichts.

Ihr seid bekennende Chemnitz-Liebhaber*innen – was macht die Stadt so gut?

Lotta: Wenn wir mit Leuten aus Berlin reden, sagen wir immer erstmal: billige Mieten. Du kannst dir hier überall alleine eine Dreiraumwohnung leisten.

Nina: Und wir lieben die Leute, die dort in der Subkultur kreativ tätig sind. Da gibt es viele Leute, die Bock haben, Sachen zu machen. Dadurch, dass es nicht so überladen ist, unterstützen sich alle gegenseitig. Das ist schon fast ein bisschen dorfmäßig. Deshalb wollen wir auch nicht weggehen, denn um die Band herum war von Anfang an ein riesiger Freundeskreis. Die Musikvideos sind zum Beispiel von Kumpels aus Chemnitz.

Chemnitz ist eine Stadt, die noch nicht fertig ist – was es interessant macht, in ihr zu leben.

Lotta Kummer

Johann: Auch die Nachtclubkultur in der Innenstadt. Da gibt es drei, vier Clubs, in die wir alle gehen. Das hängt alles zusammen. Dort kann man eine Party machen, wenn man ein schönes Konzept hat, man kann sowas relativ einfach und schnell verwirklichen.

Lotta: Und es ist eine Stadt, die noch nicht fertig ist, was es interessant macht, in ihr zu leben. Wenn ein neues Café aufmacht, dann weiß das jeder Chemnitzer. Dann gehen alle zur Eröffnung und testen das. Es geht nichts an einem vorbei. Und das ist auch cool, weil man sich Stück für Stück mit der Stadt weiterentwickelt.

Ihr wart in den vergangenen Jahren unter anderem Vorband von Kraftklub, Annenmaykantereit, Von wegen Lisbeth – was können diese durchweg männlichen Indiebands von euch lernen?

Lotta: Sehr viel. Wir machen ja live viele Choreos. Während der Support-Tours hat sich immer rauskristallisiert, dass die auch gerne tanzen würden. Wir dachten, wenn wir ein Cover mit dem Sänger von Von Wegen Lisbeth performen, würde der sagen: Ja, macht ihr mal eure Choreo, ich bleib an der Gitarre. Aber es ist genau das Gegenteil: Alle sind immer Feuer und Flamme.

Wir sind quasi die Tanz- und Aerobic-Lehrer der deutschen Musiklandschaft.

Nina Kummer

Nina: Wir sind quasi die Tanz- und Aerobic-Lehrer der deutschen Musiklandschaft. Nicht nur für männliche Bands sondern generell alle Bands.

In eurem Lied Thorsten geht es um Mansplaining – was haben euch Männer schon alles nicht zugetraut?

Lotta: Bei einem Konzert in München haben wir einen Tontechniker kennengelernt, auf dem fast ganz Thorsten basiert. Es ging damit los, dass ich mein Schlagzeug reingetragen hab, und er dann mit dem Schlagzeuger sprechen wollte. Er hat mir einfach nicht geglaubt, dass ich die Schlagzeugerin bin. Das war schonmal unangenehm.

Niemand würde sich an das Schlagzeug von ’nem Typen setzen. Nur weil ich eine Schlagzeugerin bin, trauen die sich das.

Lotta Kummer

Dann war ich draußen und höre von drinnen mein Schlagzeug. Da saß einfach ein fremder Typ an meinem Schlagzeug und checkte das an. Ich meinte, dass ich den Soundcheck auch selbst machen kann. Niemand würde sich an das Schlagzeug von ’nem Typen setzen. Nur weil ich eine Schlagzeugerin bin, trauen die sich, sich an mein Instrument zu setzen. Das ist leider schon sehr lange her, deshalb habe ich damals noch verhaltener reagiert, als ich es jetzt tun würde. Er meinte dann irgendwie: Reg dich nicht so auf Mäusel, du kommst schon noch dran.

Wie reagiert ihr auf sowas?

Lotta: Wenn man so Sachen hört oder liest, denkt man sich immer: Also ich hätte ihm das oder das gesagt. Aber in dem Moment ist man oft so perplex, da kann man noch so tough sein. Vor allem, wenn es um Leute geht, die in einer Machtposition sind, zum Beispiel Festivalveranstalter, die einen gebucht haben und dann sexistische Kommentare loslassen.

Nina: Ich erinnere mich noch an einen Festivalmoderator, der vor allen Leuten ins Mikrofon sagte: Ach Blond, das war doch schön. Musik geil – Frauen auch geil. Manchmal ist es schwer, sowas direkt anzusprechen, weil man mit einer Person noch sechs Stunden rumhängen muss. Mittlerweile sprechen wir das aber schon entweder direkt an, oder merken hinterher über die Booking-Agentur an, dass das nicht schön war.

Ist die Musikszene besonders mansplaining-lastig?

Nina: Es gibt überall in der Gesellschaft Bereiche, die männerdominiert sind. Das ist in der Musiklandschaft auch so. Es gibt ein strukturelles Problem. Das äußert sich nicht nur durch das Mansplaining, sondern auch dadurch, dass man beispielsweise in ’nem Backstage-Raum sitzt, in dem man sich nicht umziehen kann. Oder, dass man hinter der Bühne nur an ’nen Zaun pissen kann und wir Frauen müssen halt irgendwie sehen, wie wir klar kommen.

Lotta, Nina, ihr zeigt euch mit Spinat in den Zähnen und schneidet Grimassen auf Instagram. Glaubt ihr, es braucht insbesondere für Frauen Mut dazu, öffentlich hässlich zu sein?

Nina: Das Problem ist ja, dass das gleich als nicht schön wahrgenommen wird. Wir machen das gar nicht bewusst. Aber ich finde es gut, wenn fest verankerte Schönheitsideale aufgebrochen werden. Wenn sich im Internet anders gezeigt wird. Das bedeutet nicht, dass ich die, die dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen, angreifen will. Aber ich fände es gut, wenn der Begriff Schönheitsideal nicht mal mehr verwendet werden würde.

Ich fände es gut, wenn der Begriff Schönheitsideal nicht mal mehr verwendet werden würde.

Nina Kummer

Wir hatten Glück, dass es in unserer Kindheit und Jugend nie eine Rolle gespielt hat, was für ein Geschlecht wird haben. Deshalb haben wir uns damit nie so auseinandergesetzt und einfach das gemacht, was wir cool fanden.

Gefühlt gibt es wenige Musikerinnen, die so viel Quatsch auf Instagram, der Bühne und in ihren Songtexten veranstalten wie ihr. Welche Frauen findet ihr lustig?

Durcheinander: Uh, sehr viele.

Nina: Giulia Becker, Toyah Diebl, Sophie Passmann, Charlotte Roche, Hazel Brugger, mir fallen Tausende ein.

Lotta: Ines Anioli, Larissa Riess. Denen folgen wir auf Instagram. Wir haben jetzt aber bestimmt die Hälfte vergessen.

In Songs auf eurem Album singt ihr über Dinge wie Menstruationsblut und Magen-Darm-Probleme. Glaubt ihr, dafür wird es Hass geben?

Nina: Er soll kommen, der Hass. Gerade das Thema Menstruation ist ein Tabuthema, von dem wir finden, dass es kein Tabuthema sein sollte. Und wir wollen auch ein bisschen die Menschen ärgern, die das so schlimm finden.

Es ist schon traurig, wenn man gegenüber einem biologischen Prozess Hass empfindet.

Lotta Kummer

Lotta: Es ist schon traurig, wenn man gegenüber einem biologischen Prozess Hass empfindet. Man kann ja nix daran ändern. Das ist, als würde jemand hassen, dass ich pullern muss, wenn ich einen Liter Wasser trink.

Nina: Vielleicht sollten wir mal darüber einen Song machen.

Finden euch viele Leute scheiße?

Nina: Wir fragen Bands, mit denen wir touren oder auf Festivals spielen, ob sie Hasskommentare bekommen. Seltsamerweise kriegen wir sehr viel und andere quasi gar nichts. Die erinnern sich an einen schlimmen Kommentar unter einem YouTube-Video.

Das liegt bei uns glaube ich an der Mischung. Wir bieten schon viel Fläche, wir sind Frauen, ein Blinder, sächsischer Dialekt, wir rappen, wir tanzen, wir besingen Themen, die nicht häufig besungen werden, wir haben komische Outfits, wir machen Unsinn auf Instagram, wir covern Songs, wo natürlich die Fans des wahren Interpreten voll loswettern können. Wir hatten das auch schon von Anfang an. Als uns noch 100 Leute gehört haben, fanden uns sicher schon 20 extrem scheiße.

Man muss sich auch damit auseinandersetzen, wo dieser Hass stattfindet: nämlich im Internet. Dann überlegt man sich: Wer sitzt dort in seinem Keller und schreibt bei YouTube: Ich hab sowas Beschissenes noch nie gesehen? Ich geh da ganz hippiemäßig ran und denke mir: Gott, der tut mir ganz arg Leid, der hat wahrscheinlich ein totales Problem mit sich und mir geht’s ja wahrscheinlich so viel besser als dem.

Johann, du bist seit deinem fünften Lebensjahr blind. Was bedeutet das für dich für den Touralltag?

Johann: Ich hab eine schöne Crew um mich. Klar ist man eingeschränkt und ich brauche bei manchen Dingen Hilfe. Gerade bei Festivals, wo es teilweise weitere Wege sind. Ich sitz eigentlich gerne rum und quatsch einfach und trink zwei Stunden lang Kaffee. Ich bin nicht so der Typ, der die ganze Zeit viel rumrennen muss. Deshalb ist es relativ entspannt. Für das, was wir machen, ist es eigentlich irrelevant, dass ich blind bin. Ich versteh aber, dass das Leute interessiert und sie nachfragen. Ich rede da auch gern drüber.

Nina: Ich vergess‘ selber manchmal, dass der Johann blind ist.

Johann: Ich freu mich, wenn Leute nach zehn Minuten Gespräch sagen: Ey, du siehst nichts? Es ist nicht so, dass ich mich dafür schäme, aber es ist schön, wenn das einfach nicht auffällt und egal ist. In Clubs oder auf Festivals hatte ich nie Probleme. Eher mit Busfahrern. So Busfahrer, die zu ignorant sind, den Blinden mitzunehmen, der zehn Meter weiter vorne steht, an dem Punkt, wo der Bus eigentlich halten sollte.

Ihr gebt nicht nur viele Konzerte sondern besucht auch viele. Wo findet man dich da – am Tresen beim Saufen oder vorne beim Pogen?

Johann: In der Crowd natürlich. Ich hör mir gerne Konzerte von Punkten aus an, wo man die Musik gut hört.

Nina: Und das ist halt die Mitte des Moshpits.

Lotta: Ich renne immer mit Johann eingehakt in den Pit. Das Ding bei ’nem Moshpit ist ja, dass da alle blind sind. Niemand darauf achtet, wo man hingeht, weil man immer von der Masse gedrückt wird. Insofern ist es eigentlich sehr frei.

Nina, Lotta, eure Brüder spielen in der Band Kraftklub. Wie nervig ist es, in jedem Interview darauf angesprochen zu werden?

Lotta: Och. Das geht schon.

Habt ihr es geschafft, wenn ihr nicht mehr die Kraftklub-Schwestern, sondern Kraftklub die Blond-Brüder sind?

Lotta: Wir haben die ja jetzt auch erstmal in die Pause geschickt, damit wir Musik machen können.

Nina: Der Felix probiert gerade mit seinem Kummer-Ding so ein bisschen Fuß zu fassen. Wir ziehen ihn da mit.

Lotta: Vielleicht dürfen uns Kraftklub dann auch supporten, wenn wir die Album-Tour spielen.

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