Ode an den Filterkaffee

Gewöhnlicher Filterkaffee hat einen schlechten Ruf. Völlig zu unrecht, wie unsere Autorin findet.

Photocase 3197114
Ein Filter, kein Schnickschnack. Foto: Truelight Now / photocase | CC0

Liebesgeschichten beginnen mit Pauken und Trompeten, sie starten mit der Gewissheit, dass jetzt nichts mehr ist, wie es vorher war. In ihnen legt sich die Liebe um dein Herz und sagt: „Lass alles los, was bisher dein Leben war, denn jetzt gibt es mich.“ Manchmal aber, ganz selten, schleicht sie sich langsam und gemütlich in dein Leben, dann ist sie einfach da, die Liebe. Und noch seltener, vielleicht zum Glück, ist plötzlich Liebe da, wo vorher Abscheu herrschte.

So war es mit mir und Filterkaffee vom Café nebenan.

Ich glaube, ich war vier oder fünf Jahre alt, vielleicht auch schon sechs. Auf jeden Fall in einem Alter, in dem gewisse Erwachsenen-Dinge noch Tabu waren: Alkohol, Zigaretten, der Rotwein, den die Eltern tranken, interessierten mich so gar nicht. Alkohol machte albern, das brauchte ich nicht (noch mehr!). Kaffee schon. Kaffee versprach etwas anderes, Kaffee versprach Abenteuer. Das wollte ich. Kaffee tranken die Erwachsenen nicht einfach zum Spaß, sie tranken ihn, um sich in die Welt zu stürzen, sie zu erschließen und zu ertragen. Kaffee hieß: „Jetzt geht’s los!“ Außerdem hieß es, man würde von viel Kaffee nicht mehr gut schlafen können. And again: Ich war sechs oder so, ich wollte nicht schlafen.

Eines Tages hatte ich Glück. Es gab Kaffee und Kuchen (auch so ein Ausdruck, den meine jungen Hipsterfreund*innen jetzt wieder benutzen) und danach blieb eine halbe Tasse Kaffee auf der Veranda stehen. Ich umrundete das edle Gut, langte in einem günstigen Moment zu und verfrachtete die Kostbarkeit auf mein Hochbett. Decke über den Kopf, der Moment war gekommen.

Doch, ihr wisst es schon, denn ihr kennt das Leben: Die Freude, die Feierlichkeit, die Hoffnung der ungefähr sechsjährigen Gundi wurde erschüttert von der Realität. Der Kaffee war kalt und schmeckte schlimmer als jeder Hustensaft.

Kaffee versprach Abenteuer!

Würfelzucker und Milchkaffee

Mein nächster Versuch mit Kaffee, zehn Jahre später. Ich war immer noch nicht erwachsen, aber immer noch gierig auf Abenteuer. Nun gab es Freistunden, Freiheit, ein bisschen Geld, und es gab ein Café gleich neben meiner Schule. Das Wort „Existenzialismus“ kannte ich von Herrn Keim, meinem Deutschlehrer, und durch die Pflichtlektüre des Mythos des Sisyphos. Deswegen freute ich mich zwar, als meine Freundin Tina in der großen Pause das Existenzialisten-Frühstück bestellte, saß dann aber nur da und dachte darüber nach, dass der Sinn des Lebens darin bestünde, sich Sisyphos-mäßig an der Sinnlosigkeit desselben zu bewähren, während Tina Würfel um Würfel um Würfel Zucker in einem Milchkaffee versenkte.

Überzeugt war ich also noch immer nicht. Trüb-cremiges Etwas als Wagnis? Damit Abenteuer bestehen? Dafür gibt es doch Cola und Energy Drinks, dachte ich mir, und verbrachte meine nächsten Freistunden auf den Schaukeln im Park.

Dann wurde ich 18. Kaffee schmeckte mir jetzt.

Die große Kaffeewende

In den 2000ern, da war ich 20 und älter, kam meine Kaffeewende. War man als Kind der 80er noch an guten alten Filterkaffee (mmmmmmmh vollendet veredelter Spitzenkaffee) und Cappuccino mit Kakaopulver und Sprühsahnehauben gewöhnt, machten in den 2000ern erste Coffee-Läden auf. Starbucks schien plötzlich wie die Antwort deren Frage mein Leben war.

Die Liste der Angebote wurde lang und länger und die Menschen, die daraus wählten, ein wenig peinlicher: Wer immer noch grübelte, ob es zwei Espresso oder zwei Espressi (ersteres) heißt, bestellte sich sicherheitshalber einen Kaffee mit Milch im Glas (Latte Macchiato) und fühlte sich mit dem beigefarbenen Getränk dann umgehend als kosmopolitische*r Connaisseur*in. Doch lang ging das nicht gut, denn spätestens als der Latte es selbst in jedes Gasthaus der norddeutschen Tiefebene auf die Karte geschafft hatte, musste das Thema folgerichtig weiter ausdifferenziert werden. Cold Brew. Sojamilch. Slow Roast. No Roast. Bullet proof. Hafermilch. Haselnussmilch. Keine Milch. Betonpoller gegen Kinderwägen. Nitro.

„Einen Kaffee zu trinken“ hatte plötzlich nichts mehr mit nebenan einen Kaffee trinken zu tun. Jede*r, der*die heute versucht, „einen Kaffee“ zu bestellen, weiß was ich meine, wenn er*sie sich von Baristas sagen lassen muss, dass er*sie eigentlich einen Americano möchte. Das macht dann vier Euro, bitte.

Kaffee und Kuchen gibt’s jetzt nur noch/ wieder ironisch. Kaffee soll nicht mehr wach machen. Kaffee birgt keine Abenteuer mehr. Kaffee ist ein Fashion Accessoire.

Der Filterkaffee von nebenan

Nun weiß ich nicht, wohin sich das evolutionäre Kulturstufenmodell kaffeetechnisch noch entwickeln soll. Selbst anbauen? Bohnen erst keimen lassen? Geht das überhaupt? Aber es ist mir auch ein bisschen egal, denn ich bin nunmal treuherzig und desinteressiert an Heißgetränken als Modeerscheinung und wohl auf Dauer da stehen geblieben, wo es mir gut gefällt. Beim Filterkaffee von nebenan.

Dem Kaffee also, der mir vor vielen Jahren noch blankes Entsetzen einflößte, der mir später aber als geniale Erfindung erschien: Ein heißes, simples Getränk, das wach macht und lebendig. Kein Schnickschnack, niedrigschwellig, günstig. Jede*r kann ihn zubereiten. „Zubereiten“ klingt eh viel zu krass dafür. Es braucht eine Kanne, einen Halter, einen Filter und Kaffeepulver. Einfacher geht’s nur bei Teebeuteln. Aber die sind ein ganz eigenes Thema.

Kaffee mit großer Geste

Filterkaffee von nebenan ist kein Getränk für Minimalist*innen. Menschen, die in kleinen Tassen wenig Wertvolles zu sich nehmen. Filterkaffee von nebenan wird mit großer Geste ausgeschenkt, in Größe M und L und XXL, und immer noch mehr, wenn man will. „Dann setz ich noch ne Kanne auf!“ Man bekommt genug, das ist sicher, und rührt klimpernd in einem ollen Becher auf dessen Boden schon Dutzende vor einer*m selbst ihre Löffelrunden drehten.

„Ich mache erstmal Kaffee“ ist der Gegenentwurf zu „Lass mal auf einen Kaffee treffen.“

„Ich mache erstmal Kaffee“ ist der Gegenentwurf zu „Lass mal auf einen Kaffee treffen“, denn wo Filterkaffee von nebenan aufgesetzt wird, wird gehandelt. Und zwar sofort, aber erst gleich. Kaffee aufsetzen hat etwas Solidarisches. Denn immer geht es auch um eines: Erst einmal klarkommen. Jede*r für sich und alle zusammen. Es ist die Sorte Kaffee, die du trinkst, wenn dich schon morgens alles erschlägt, aber der Tag halt noch fünftausend Stunden hat. Es ist die Sorte Kaffee, die du brauchst, wenn du beim Smalltalk mit der Chefin wenigstens etwas in der Hand halten willst. Der Kaffee, der dich die Autofahrt ans Meer durchhalten lässt. Kaffee, mit dem du drei Tage im Berghain tanzen kannst. Der Kaffee bei Oma. Der Kaffee, den die Letzten und die Ersten im Büro trinken. Der Kaffee für morgens 5 Uhr, egal was war oder was ist oder was kommt.

Ich behaupte nicht, dass Filterkaffee schmeckt. Aber ich weiß, dass er dir die Zeit gibt, die du brauchst, bis du bereit bist für deine Abenteuer. Und dann ist er da und hält dich wach und warm und lebendig.