Es kann doch nicht sein, dass deutsche Jugendliche nur noch demonstrieren, wenn ihr Smartphone leer ist!

In der Schule wird kaum tagesaktuelle Politik besprochen und Parteien sind so veraltet, dass Jungmitglieder eher zum Gähnen als zum Mitgestalten eingeladen werden. Höchste Zeit, dass die Jungen ihre Zukunft selbst gestalten – und wieder auf die Straße gehen! Ein Kommentar

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Viele Alte bestimmen über die Zukunft weniger Junge – das kann nicht sein! Collage: © ze.tt Quelle: Unsplash | CC0

Anton Eickel ist 17 Jahre alt und geht im Sauerland zur Schule. Für ze.tt schreibt er zweimal im Monat unter „Schülerreporter“, was ihn in seinem Schulalltag bewegt.

Mit Freude lese ich seit Wochen die zahlreichen Medienberichte über die Proteste in den USA, bei denen Hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene für strengere Waffengesetze und gegen die mächtige Waffenlobby NRA demonstrieren. Auch aus Russland hören wir immer wieder von Kundgebungen des Oppositionellen Alexej Nawalny, der vor allem unter den jungen Leuten Zustimmung und Unterstützung findet. Selbst in Europa scheinen viele Jugendliche politisiert: ob in Großbritannien mehrheitlich für den linken Jeremy Corbyn oder in Frankreich, wo Studierende aus Protest gegen eine Hochschulreform mehrere Universitäten besetzten.

Und in Deutschland? Hier, wo vor genau 50 Jahren die 68er für Frieden, Partizipation und gegen die veralteten, teils noch von der NS-Diktatur geprägten Strukturen auf die Straße gingen und sich selbst von Wasserwerfern, Schlagstöcken und dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg nicht aufhalten ließen, spüre ich keinen Funken von politischer Rebellion und Auflehnung in den Reihen der Jugendlichen. Auf unseren Straßen ist es ruhig geworden; wenn man mich fragt, zu ruhig. Ein Aufschrei? Höchstens zu hören, wenn sich der Akkustand unserer Smartphones dem Ende neigt. Weshalb sind wir Jugendlichen politisch so verdrossen? Wo bleiben unsere Rebellion und Protestschilder?

Weiß, privilegiert, träge

Eigentlich gibt es für mich keinen Grund, mich politisch zu engagieren. Ich meine, ich bin weiß, hetero, stamme aus einer bürgerlichen Akademiker*innenfamilie und bin (noch) Mitglied in der katholischen Kirche. Somit gehöre ich in Deutschland zum Establishment und meine Zukunft ist als Teil dieser vermeintlichen Elite weitestgehend gesichert – warum sich also mit Politik auseinandersetzen?

Eigentlich gibt es für mich keinen Grund, mich politisch zu engagieren. Ich meine, ich bin weiß, hetero, stamme aus einer bürgerlichen Akademiker*innenfamilie und bin (noch) Mitglied in der katholischen Kirche.“

Ich selbst wurde vor allem durch satirische Politserien wie die heute-show, Die Anstalt oder Mann, Sieber! politisiert, obwohl ich zugegeben bei den ersten Folgen kaum mitlachen konnte. Doch irgendwann regt man sich zwangsläufig über die Bundesregierung, Lobbyist*innen und Waffenexporteur*innen so dermaßen auf, dass man nicht mehr länger nur vom Sofa zugucken möchte und den Willen hat, selber mitanzupacken.

Auch die politischen Veränderungen der vergangenen Jahre, die geprägt waren durch die Geflüchtetenkrise und den aufkeimenden Rechtspopulismus, trugen dazu bei, mich politisch zu engagieren und da es hier auf dem Land weit und breit keine Demonstrationen, Ostermärsche oder Kundgebungen von Pulse of Europe gibt, blieb nur die Option, in eine Partei einzutreten. In meinem Fall: die Grünen. Fast ein Jahr hielt ich es dort gewissermaßen aus und musste feststellen, dass die von alten Menschen geprägten Parteien – zumindest auf dem Land – die Jugendlichen eher zum Gähnen als zum Mitgestalten einladen.

Die von alten Menschen geprägten Parteien – zumindest auf dem Land –laden Jugendliche eher zum Gähnen als zum Mitgestalten ein.“

Mein jugendliches Umfeld lässt sich wohl am ehesten als politisches Brachland bezeichnen. Obwohl man hier im Sauerland – quasi eine Hochburg des Mittelstandes, Bildungsbürgertums und Konservativismus – eigentlich ein gewisses Maß an Bildung erwarten darf und an einem katholischen Gymnasium erst recht, wissen selbst viele meiner Mitschüler*innen nicht, von welchen Parteien wir gerade regiert werden oder geschweige denn, dass sie eine*n Minister*in aus dem aktuellen Merkel-Kabinett aufzählen könnten. Und einige ganz Zurückgebliebene könnten nicht mal sagen, was denn die AfD ist.

Mein jugendliches Umfeld lässt sich wohl am ehesten als politisches Brachland bezeichnen.“

In den Schulen wird viel zu wenig aktuelle Tagespolitik besprochen

Habe ich mal Langeweile und bestaune andere junge Menschen meiner Generation im Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken, ist meistens Fremdscham angesagt. Jugendliche, die noch nicht mal unsere Staatsform benennen können, Deutschland auf einer Europakarte nicht finden würden und aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen nicht wählen gehen, wobei ich da bei dem*der ein oder anderen, um ehrlich zu sein, auch erleichtert bin.

[Außerdem auf ze.tt: Erstwähler*innen: Kein Bock auf konservativ]

In meinem näheren Umkreis wiederum kenne ich maximal eine Hand voll Leute, die sich in Parteien engagieren oder kurz davor sind, in welche einzutreten, allerdings muss das nicht immer ein Indiz für politische Bildung sein. Und dann gibt es doch tatsächlich noch ein, zwei Freund*innen, die unter sich sogar politische Debatten führen und sich schon wieder so gut mit Politik auskennen, dass sie wohl nie in eine Partei eintreten würden.

Die Gründe für die Politikverdrossenheit in meiner Generation sind vielfältig und lassen sich nicht auf einen Nenner runterbrechen. Ein Problem ist die fehlende politische Bildung in den Schulen. Zum einen lässt der Lehrplan kaum Platz für aktuelle Tagespolitik und eigene Meinungsbildung und zum anderen werden uns zwar die Strukturen der BRD und die Gewaltenteilung ausgiebig gelehrt, jedoch bringt man uns Schüler*innen dadurch noch lange nicht dazu, uns politisch zu engagieren oder wählen zu gehen.

Zum einen lässt der Lehrplan kaum Platz für aktuelle Tagespolitik und eigene Meinungsbildung und zum anderen werden uns zwar die Strukturen der BRD und der Gewaltenteilung ausgiebig gelehrt, jedoch bringt man Schüler*innen dadurch noch nicht dazu, sich politisch zu engagieren.“

Die Schüler*innen, die über die Bildung verfügen würden, um sich politisch engagieren und interessieren zu können, stammen dank unseres asozialen Bildungssystems meist aus bürgerlichen Gutverdiener-Familien. Dieses Bild zeichnet sich auch bei uns in der Region ab, wo hauptsächlich Gymnasiast*innen in Parteien zu finden sind und diese, weil sie eben aus bürgerlichen Familien kommen, aus ortsüblicher Tradition oder weil sie einfach ihren konservativen Eltern hinterherlaufen, meist bei der CDU am Stammtisch sitzen oder auch mal für FDP Wahlwerbung verteilen. Zwar entsprechen diese Parteien keineswegs meiner politischen Haltung, dennoch muss ich zugeben, besser man engagiert sich dort als gar nicht.

Zudem geht es dem Großteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gut. Für die meisten reicht schon ein Internetzugang und sie sind glücklich. Doch im Vergleich zu jungen Menschen anderswo auf der Welt, die in Ländern leben, in denen beispielsweise eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und dadurch auch eine hohe Jugendkriminalität herrschen, leben wir im Paradies. Warum sollte sich das auch ändern, wenn wir uns sogar vier Amtszeiten Merkel leisten können?

Viele Alte entscheiden über die Zukunft weniger Junger

Der demografische Wandel ist voll im Gange. In Deutschland war 2013 jede*r fünfte Mitbürger*in über 65 Jahre alt, bis 2060 könnte es jede*r Dritte sein und somit entscheiden genau die über die Zukunft unserer Republik, unseres Kontinents und unserer Umwelt, die von dieser Zukunft kaum betroffen sind. Viele sagen sich deshalb, dass politisches Engagement sowieso nichts bringt und meine Stimme eh so gut wie nicht zählt, besonders wenn wir Jugendlichen in der Minderheit sind.

Unsere Jugend bleibt so schon auf der Strecke. Bildung, Karriere, hohes Einkommen: Das sind die Ideale, die uns eingeprügelt werden. Jede*r soll einzigartig sein, aber wehe eine*r ist anders. Der strikte Weg ins Berufsleben, die Schnelllebigkeit und die Angst vor dem Abstieg, die ständige Suche nach noch einem Praktikum und noch einer Zusatzqualifikation verbauen unsere Zukunft doch mehr als wir ahnen. Sie lassen uns keine Zeit und Lust mehr auf einen Aufstand, geschweige denn eine Minute zum Durchatmen. Allein dafür ist eine Rebellion doch schon sinnvoll.

[Außerdem auf ze.tt: Eure Selbstoptimierung kotzt mich an]

In meinen Augen ist aber nicht nur die Jugend entpolitisiert, sondern die ganze Gesellschaft wird es mehr und mehr. Das sieht man zum Beispiel an Themen wie einem neuen drohenden Kalten Krieg, dass wir auf dem Weg in einen Überwachsungsstaat sind oder dass wir kurz davor stehen, das größte Aufrüstungsprogramm seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu beschließen, sprich Themen, die früher mal wahlentscheidend waren und Tausende Menschen politisierten, scheinen bis auf ein paar eingefleischte Aktivist*innen niemanden mehr zu jucken.

Für einen Aufstand der jungen Generation in Deutschland fehlen zwei wesentliche Dinge: eine politische Leitfigur, wie es Rudi Dutschke für die 68er-Bewegung war oder wie es Emma González für die aktuellen Anti-Waffen-Proteste in den USA ist, und ein großes, bedeutendes und politisierendes Ereignis wie es der Brexit für Großbritannien oder das Schulmassaker von Parkland in Florida ist.

Für einen Aufstand der jungen Generation in Deutschland fehlen zwei wesentliche Dinge: eine politische Leitfigur und ein großes, bedeutendes, politisierendes Ereignis wie der Brexit in Großbritannien.“

„Die Rebellion der Jugend ist unvermeidlich, sie ist so etwas wie ein Naturgesetz“, meinte mal die US-amerikanische Schriftstellerin Erma Bombeck. Ja, vielleicht war das mal so. Doch die Jugendlichen von heute und bereits die Jahrgänge vor uns scheinen unglaublich angepasst an die Elterngeneration und trotz ihrer jungen Jahre auch leider schon so konservativ wie sie. Wir zeigen uns gelangweilt, von dem was ein paar Politiker*innen „da oben“ bestimmen und selbst davon, in welchem katastrophalen Zustand unsere Eltern und Großeltern den Planeten in unsere Hände übergeben, oder zumindest das, was noch von ihm übrig ist.

[Außerdem auf ze.tt: Warum es okay ist, nach dem Abitur noch keinen Plan für die Zukunft zu haben]

Ich vermisse wirklich den Aufschrei, den Aufstand von uns jungen Menschen, und hoffe noch inständig Teil einer zweiten 68er-Bewegung werden zu können. Doch unser bisheriger Protest, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, findet seinen Ausdruck lediglich in Hashtags und Anpassungen des Facebook-Profilbildes in Regenbogenfarben oder der französischen Nationalflagge. Auf Dauer reicht der leise Protest im Internet nicht. Es kann nur der Anfang sein, für eine Rebellion auf den Straßen.

Ich meine, es geht doch um nicht weniger als unsere Zukunft, die hier auf dem Spiel steht. Wir müssen unsere Stimme erheben gegen Neonazis, Pegida und AfD, gegen die Macht der Konzerne und des Geldes und auf die Barrikaden stürmen für ein friedliches Europa, bessere Bildung, mehr Umweltschutz, für Menschenrechte und Abrüstung oder sei es zunächst nur die Legalisierung von Cannabis. Gründe haben wir jedenfalls genug.