Historische Fotos: Männer, die sich lieben

Hugh Nini und Neal Treadwell sammeln historische Fotos von Männern, die sich lieben. Die Bilder stammen aus einer Zeit, in der Intimität zwischen Männern riskant war.

Was Liebe genau ist, lässt sich schwer in Worte fassen. Aber trotzdem erkennen wir sie, wenn wir ihr begegnen. Und das nicht nur bei uns selber, sondern auch bei anderen Menschen. Es sind Blicke, Berührungen, die Art und Weise, wie zwei Körper einander zugewandt sind, die selbst Außenstehenden unmissverständlich klarmachen: Hier wird geliebt.

Das New Yorker Ehepaar Hugh Nini und Neal Treadwell hat solche Augenblicke in seiner fotografischen Sammlung zusammengestellt. Die Sammlung zeigt Bilder von Männern, die sich lieben. Und zwar über ein ganzes Jahrhundert hinweg, von 1850 bis 1950. Die Bilder stammen aus allen Teilen der Welt, sie zeigen Männer aus ganz unterschiedlichen Schichten. Was sie eint, ist nur das Motiv: „Sie waren verliebt. Und wie alle Menschen, die verliebt sind, wollten sie sich an ihre Bindung mit einem Foto erinnern“, schreiben die beiden ze.tt in einer Mail.

Man kann den Mut, der aus diesen Fotos spricht, kaum überschätzen.

20 Jahre ist es her, dass die beiden in einem Antiquitätenladen in Dallas eher zufällig ihr erstes Bild entdeckten: zwei junge Männer, die sich vor einem Haus umarmen. Es stammte aus den 1920er-Jahren, einer Zeit, in der eine selbst nur angedeutete Homosexualität riskant war: „Man kann den Mut, der aus diesen Fotos spricht, kaum überschätzen. Damals sah man solche Gesten nur ganz selten.“

Mit dieser ersten Umarmung war der Grundstein für die Sammlung von Nini und Treadwell gelegt, sie wuchs weiter durch Zufallsfunde auf Flohmärkten, durch Online-Auktionen, aber vor allem durch die Kontakte zu anderen Sammler*innen, die die beiden in den letzten Jahrzehnten knüpfen konnten. Das Kriterium für die Aufnahme in die Sammlung ist, dass beide davon überzeugt sein müssen, dass die zwei abgebildeten Männer mit mindestens 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Liebesbeziehung haben: „Wir sehen den Fotografierten in die Augen. Im Blick von Verliebten liegt ein unverkennbarer Ausdruck. Man kann ihn nicht vortäuschen. Und wenn man Liebe empfindet, lässt sie sich nicht verbergen“, schreiben die beiden.

Wer die Männer auf den Fotos sind, finden sie nur selten heraus. Manchmal stehen Namen auf der Rückseite der Fotos und mit Onlinerecherche und etwas Glück lassen sich die abgebildeten Personen identifizieren.

Die jüngsten Fotos ihrer Sammlung stammen aus den 1950er-Jahren. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: „Die Welt hat sich in dieser Zeit stark verändert und ein Foto eines männlichen Paares aus den Sechzigern ist, zumindest für uns, ein ganz anderes Bild, als eines, das davor aufgenommen wurde“, schreiben Nini und Treadwell per Mail.

Fotos von Menschen, die sich lieben

Damit distanzieren sich die beiden von einem zu stark politischen Kontext für ihre Sammlung. Sie vermeiden es, ihre Bilder mit Begriffen wie „schwul“ oder „homosexuell“ zu bezeichnen: „Auf der einen Seite, weil diese Begriffe von der wahren Botschaft unseres Buches ablenken, nämlich ‚lieben‘. Aber vor allem auch, weil wir keine Fotos haben, die sexueller Natur sind – egal ob schwul oder straight. Was wir hingegen haben, sind Fotos von zwei Menschen, hier zwei Männern, die sich lieben.“

gw


Der Bildband Loving – Männer, die sich lieben ist 2020 im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen.