Schönheitsideal: Meine Mutter hat mich als Kind immer mit Sonnenschirm rausgeschickt

Die Mutter unseres Autors wanderte von den Philippinen nach Deutschland aus. Mit im Gepäck: Unmengen an Hautaufheller. Hier erzählt er, wie ihre Schönheitsideale ihn beeinflussten.

Unser Autor mit seiner Mutter. Foto: © privat

Schönheit bedeutet für meine Mutter helle, makellose Haut, eine schmale, spitze Nase und naturbelassenes Haar. Als gebürtige Filipina ein eigentlich unerreichbares Ideal, trotzdem streben unzählige Pinays und Pinoys danach. Mit Hinblick auf die Geschichte des Landes erübrigt sich im Grunde die Frage nach einem Warum. Zunächst von Spanien besetzt und danach von den USA, waren die Philippinen über 300 Jahre nicht unabhängig. In diesem Zeitraum haben die Kolonialmächte ihren imperialistischen Stempel der weißen Vorherrschaft in die philippinische Kultur eingebrannt: Die Folgen sind bis heute spürbar, und meine Mutter und ich sind die lebenden Beweise.

Die Idee, dass westliche Kulturen wertvoller sind als die philippinische, ist das Erbe des Kolonialismus. Die Besessenheit meiner Mutter von einem kaukasischen Erscheinungsbild wirkt mittlerweile auf mich wie ein internalisierter Minderwertigkeitskomplex, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde – so auch mir. „Als ich in Manila studiert habe, wurde ich regelmäßig Negro oder Monkey genannt, weil meine Haut gebräunt ist“, erzählt mir meine Mutter.

Sie ist eine Morena, wie auf den Philippinen Frauen mit dunklem Haar und gebräunter Haut bezeichnet werden. Chinitas beziehungsweise Chinitos sind hingegen Frauen und Männer mit stereotypisch asiatischen Merkmalen, also etwas hellerer Haut, glattem, schwarzen Haar und mandelförmigen Augen. Ich selbst werde dort als Mestizo angesehen – halb deutsch, halb pinoy. Im Grunde verkörpere ich also das Schönheitsideal meiner Mutter, nur leider war meine Haut nie hell und meine Nase nie schmal genug.

Schneewittchen als Maß aller Dinge

An meinem ersten Schultag hielt ich in der einen Hand meine Schultüte und in der anderen einen Regenschirm, um meine Haut vor der Sonne zu schützen. Jahrelang musste ich morgens und abends einen Nasenclip tragen, damit meine Stupsnase verschwindet und trotzdem wurde mein Selbsthass mit jedem Blick in den Spiegel nur größer.

Ich glaube zu verstehen, wie schwer es für meine Mutter gewesen sein muss, als Morena in einem Land aufzuwachsen, in dem die Hautfarbe ihren sozialen Status bestimmt: Bis heute ist in den Köpfen vieler Pinays und Pinoys gebräunte Haut ein Synonym für Armut und Hässlichkeit. Bis heute ist es dort unfassbar schwer, in Drogerien Kosmetika zu finden, die keine hautaufhellenden Inhaltsstoffe enthalten und bis heute sind die erfolgreichsten Schauspieler*innen und Models zum größten Teil mixed und hellhäutig. „Wenn ich den Fernseher eingeschaltet habe oder einkaufen war, habe ich niemanden gesehen, der aussah wie ich. Ich will schön sein und dazugehören. Deswegen benutze ich Creme, die meine Haut heller macht“, sagt sie.

Ihr Badezimmerschrank ist gefüllt mit Produkten, die versprechen, ihre Haut heller und sie glücklicher zu machen, doch wirklich geklappt hat beides nicht. Die philippinische Obsession mit Hautaufhellern geht Hand in Hand mit einer Vorliebe für Rhinoplastiken. Ganz nach dem Motto: je mehr Jackson, desto besser. Meine Mutter ließ sich ihre Nase operieren, als ich acht oder neun war.

Ich war neidisch, weil ich in der Schule gehänselt wurde. Schweinenase war der liebevolle Kosename meiner Mitschüler*innen für mich, manchmal auch Miss Piggy; ich solle doch endlich mal den Schlamm von meiner Haut waschen, hieß es. Ich war nie stolz auf meine Wurzeln. Warum auch, wenn selbst meine Mutter alles daran setzte, weniger philippinisch auszusehen. Die Scham vor meinem eigenen Körper, vor einem Teil meiner Identität wurde mir von ihr vorgelebt.

Ein langer Weg zur Selbstakzeptanz

Dieses Gefühl wuchs bis zu meiner Pubertät exponentiell an, doch im Laufe meiner Teenagerjahre wurde mir glücklicherweise bewusst, dass helle Haut nicht überall Status Quo ist. Mitschüler*innen, die mich früher wegen meines Aussehens mobbten, gingen im Winter plötzlich auf die Sonnenbank oder trugen Selbstbräuner auf, um einen sogenannten gesunden Teint zu bekommen. So problematisch, wie das klingen mag, konnte ich dadurch die Kraft aufbauen, mich in meiner eigenen Haut wohler zu fühlen, weil ich endlich anfing, die Schönheitsindustrie und die Hautpflege meiner Mutter in Frage zu stellen.

Vor allem in den letzten Jahren war ich aber auch durch die sozialen Medien dazu in der Lage, ein gesünderes Körpergefühl zu entwickeln. Die verschiedensten Menschen predigen auf Instagram und Co. Body und Skin Positivity. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass ich nicht erst durch irgendwelche Internet-Gurus mit Mitte 20 langsam lerne, mich selbst rundum zu akzeptieren, doch besser spät als nie.

Das klärende Gespräch

Die Unsicherheiten bezüglich meines Erscheinungsbilds und meiner Wurzeln haben dazu geführt, dass ich mich selbst und auch meine Mutter abgelehnt habe.
Anstatt ein Gespräch mit ihr zu suchen, flüchtete ich in die Anonymität des Internets. Ich war zu wütend auf sie, um ihr zu erklären, wie ich mich gefühlt habe. Rückblickend hätten wir aber vielleicht beide davon profitiert. Bis heute benutzt sie Hautaufheller und das seit fast 40 Jahren. Ich bin mittlerweile 26 und habe erst jetzt die Kraft gefunden, ihr zu vermitteln, wie ihre Schönheitsideale mich beeinflusst haben.

Wenige Tage bevor ich diesen Text schreibe, sitze ich mit ihr zusammen in der Küche und wir schauen uns philippinische Werbung für Hautaufheller an. „Ich dachte, ich könnte schön sein, wenn ich alles so mache wie du“, erkläre ich ihr. Sie antwortet: „Auf den Philippinen ist es halt anders als hier. Helle Haut zu haben, ist nicht nur schön, sondern auch die Chance auf ein besseres Leben.“ Wir klicken uns durch weitere Videos und ich begreife, dass ich meine Mutter niemals zu einem Boykott solcher Kosmetika bewegen kann, aber das ist in Ordnung. Jetzt kann ich ihr wenigstens zeigen, wie ihr Sohn selbstbestimmt und glücklich seine philippinische Identität und Hautfarbe annimmt. „Ang ganda mo“, sage ich zu ihr. Auf Deutsch bedeutet das: „Du bist schön.“

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