ze.tt gr.een Was ist das?

So lebt Erzieherin Marie mit ihren psychischen Erkrankungen

Marie hat eine Abstufung einer dissoziativen Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt. Im Alltag wird sie oft mit fehlendem Verständnis und Vorurteilen gegenüber psychisch Erkrankten konfrontiert – hat aber gelernt, „zu funktionieren.“

depression
Wir wissen nicht, wie es im Inneren von Menschen aussieht. Foto: Christian Gertenbach / Unsplash | CC0

Marie* war lange nicht mehr im Kindergarten. Am Tag ihrer Rückkehr stürmen die Kinder auf sie zu, umarmen die 28 Jahre alte Erzieherin und erzählen ihr, was sie alles erlebt haben, während sie weg war. Warum Marie weg war, wissen sie nicht. Einzig ihre Chefin und manche ihrer Kolleginnen wissen, dass sie die letzten Monate in einer Klinik für Psychotherapie verbracht hat.

Marie ist psychisch krank, sie lebt mit einer Vielzahl von Diagnosen, darunter Depressionen, eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und eine sekundäre strukturelle Dissoziation. „Schon die Namen sind so lang, versuch da mal zu erklären, was das bedeutet“, sagt sie und lacht. Es ist eines der Probleme, die sie mit ihren Erkrankungen hat: Sie sind so komplex, dass sie für Außenstehende nur schwer begreifbar sind. Und sie sind mit vielen Vorurteilen behaftet.

Eltern und Kinder sind nicht informiert – aus guten Gründen

Aus diesen Gründen sind Kinder und Eltern in ihrem Kindergarten nicht über Maries Krankheitsbild informiert. Zu groß ist die Gefahr, dass es sie den Job kosten könnte. Ihren Traumjob, für den sie so hart gearbeitet hat. Dass ihre Krankheit wirklich zur Kündigung führen kann, hat die Erzieherin in der Vergangenheit schon erfahren müssen. Dabei kann sie den Alltag im Kindergarten auch mit ihrer Krankheit meistern, sie ist gut in ihrem Job. „Funktionsmodus“, nennt Marie das. Überlebensmodus könnte man es auch nennen.

In ihrer Kindheit hat sie über Jahre hinweg Misshandlungen und sexuelle, körperliche und psychische Gewalt erlitten. Heute lebt die 28-Jährige mit Schlafstörungen, Albträumen und Panikattacken. Die größten Auswirkungen auf ihren Alltag aber hängen mit ihrer dissoziativen Störung zusammen. Dissoziation bedeutet grundsätzlich, dass etwas abgespalten wird. Es ist, so beschreibt es Marie, wie beim Autofahren: „Wenn man in Gedanken ist und plötzlich erstaunt am Ziel ankommt“.

Mein Körper hat alles überlebt, aber die Gefühle wurden in den Anteilen gebunkert, damit ich auch überleben kann.

Marie, Erzieherin

Diese Art der Dissoziation ist alltäglich und gilt als normal. Bei Maries traumatischen Erlebnissen aber spalteten sich Persönlichkeitsanteile mit ihren Gefühlen ab. Teile, die für sie in diesen Momenten all die Angst, die Wut, den Ekel und andere starke Gefühle aufgenommen haben, die Marie nicht ertragen konnte. „Meine Anteile mussten mich früher retten. Mein Körper hat alles überlebt, aber die Gefühle wurden in den Anteilen gebunkert, damit ich auch überleben kann“, so erklärt sie es. Die Erzieherin hat eine Abstufung einer dissoziativen Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt. Während sich bei einer dissoziativen Identitätsstörung durch mehrere traumatische Erlebnisse im Kindesalter verschiedene, eigenständige Persönlichkeiten bilden, hat bei Marie stattdessen eine anteilige Abspaltung stattgefunden.

All die Identitäten sind Teil ihrer selbst; „nicht multipel, aber so ähnlich“, beschreibt sie es. Sie alle sind Marie, und zwar so alt wie in dem Moment, als sie entstanden sind. Sie sind vier, sieben, 13 oder 18 Jahre alt. Die 28-Jährige spürt, wenn sie da sind, kann sich danach daran erinnern, was sie erzählt und getan haben und hat die ganze Zeit über die gleichen kognitiven Fähigkeiten.

Eine Therapeutin brach die Schweigepflicht

Der offene Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung war für Marie nicht immer leicht. Mit 18 Jahren, im Anerkennungsjahr der Ausbildung, hat sie zum ersten Mal bei einer Beratungsstelle über den sexuellen Missbrauch und die Vergewaltigung in ihrer Kindheit gesprochen. Dass sie eine dissoziative Störung hat, wusste sie zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht. Marie kommt ursprünglich aus einem kleinen Ort in Mitteldeutschland, die Therapeutin an der Beratungsstelle war eine Freundin von Maries damaliger Chefin im Kindergarten – und brach ihre Schweigepflicht. „Meine Chefin kam ein paar Tage später auf mich zu und sagte: Wenn du missbraucht wurdest, wer sagt uns dann, dass du nicht irgendwann unsere Kinder missbrauchst?“, erzählt Marie. „Dann musste ich gehen. Nach drei Monaten.“ In diesem Jahr entstand ein neuer Anteil in Marie: Die 18-Jährige, die all diese Gefühle aufgenommen hat.

Danach hat Marie niemandem mehr erzählt, was ihr passiert ist – bis sie fünf Jahre später zusammenbrach und in eine psychiatrische Klinik musste. Daraufhin erzählte sie es ihrer damaligen Chefin im Kindergarten. Die hatte Verständnis. Von da an konnte Marie offen darüber reden, wie es ihr geht und was sie braucht, ihre Situation verbesserte sich. Bis die Chefin wechselte. „Die Neue hatte ein Verständnis wie ein Toastbrot“, sagt Marie und lacht bitter. Ein Waldausflug stand an, und Marie sagte ihrer Chefin, sie habe schlimme Erinnerungen an den Wald und würde gerne mit einer Kollegin tauschen, die in der Woche in der Krippe arbeitet. Die Chefin hatte kein Verständnis, eine Woche lang musste Marie für fast sechs Stunden in den Wald, an einen Ort, den sie kaum erträgt.

Marie liebt ihren Beruf: Er hält sie am Leben

Danach war sie drei Wochen krank, ging das erste Mal in eine Klinik und verließ danach die Kindertagesstätte. Marie fing eine Therapie an und war erstmal arbeitsunfähig. Nach dreieinhalb Jahren Therapien, Kliniken und mehrfachen Kämpfen mit Behörden schaffte sie den Sprung zurück ins Arbeitsleben. Marie liebt ihren Beruf. Für sie ist er das, was sie am Leben hält. „Die Kinder sagen mir ganz ehrlich, was sie denken, sie verarschen mich nicht, sie verurteilen mich nicht. Das kriege ich in der restlichen Welt nicht. Ich glaube, ich therapiere mich ein Stück weit über meine Arbeit. Wäre ich eine Gefahr für die Kinder, würde ich aber sofort aufhören. Deshalb war ich auch mehrere Jahre arbeitsunfähig, weil ich wusste: Es geht gerade nicht.“

An ihrem jetzigen Arbeitsplatz hat Marie von vornherein mit offenen Karten gespielt. Das war ein Risiko, gibt ihr aber auch das Gefühl, ein gewisses Maß an Kontrolle zu haben. Vor den Eltern dagegen muss sie ihre Krankheiten nach wie vor verheimlichen. „Wenn die wüssten, dass ich psychisch krank bin, würden sie mir doch niemals ihre Kinder anvertrauen“, sagt sie.

Maries Vater ist für viele Traumata verantwortlich

Während Viele in Maries sozialen Umfeld über ihre Depressionen und die posttraumatische Belastungsstörungen Bescheid wissen, so weiß von ihrer dissoziativen Störung fast keine*r. Vor allem deshalb, weil Marie einfach nicht weiß, wie sie das erklären soll. Sie selbst hat es erst vor zwei Jahren erfahren. Insgesamt hat Marie sieben Anteile. Wann sie herauskommen, kann sie nur selten kontrollieren: „Manchmal fühlt es sich an, als wäre da eine Scheibe aus Milchglas. Ich sehe und höre genau, was ich erzähle, aber ich kann es nicht unterbrechen. Manchmal kriege ich es auch gar nicht mit, sondern habe erst hinterher die Erinnerung daran“, sagt Marie. „Es ist echt schwer zu erklären und beeinträchtigt mich, weil es einfach nur peinlich ist. Ich bin 28 Jahre alt und sitze mit meiner Therapeutin am Boden, um mit Einhörnern im Sand zu spielen.“ Nur zu Hause und bei ihren Therapeutinnen dürfen sie sich hervortrauen, die Vierjährige, die 18-Jährige und all die anderen. Bei der Therapiestunde kämpfen sie oft um die Aufmerksamkeit. Wer darf heute, wer nicht?

An diesem Nachmittag ist es die Siebenjährige. Plötzlich ist sie da und hat eine ganz klare Forderung: Sie will am Sandtisch spielen. Von Maries Anteilen weiß dieser besonders klar, was er will. Die Siebenjährige verwendet die Grammatik einer Vierjährigen, weil ihr Stiefvater ihr in dem Alter verbot, zu sprechen. Sie liebt Einhörner und alles, was bunt ist und glitzert. Auf dem Sandtisch hat sie nach kurzer Zeit ein Bild entwickelt: In dem Haus und dem Garten, den die Siebenjährige in dem Sandkasten aufbaut, muss in jeder Ecke und jedem Versteck ein Tier stehen – um sie „vor Papa zu schützen, der sich dort verstecken könnte“. Ihr Papa, Maries Stiefvater, ist für viele der Traumata verantwortlich, mit deren Folgen sie bis heute lebt.

Das Therapiezimmer ist ihr sicherer Ort

Das Therapiezimmer ist gemütlich eingerichtet, auf den Stühlen sind Kissen und Decken ausgelegt. An der Wand hängen viele Bilder, im Regal stehen Kinderbücher und Plüschtiere, in der Ecke steht eine Kiste mit Therapiematerial, das benutzt werden kann, um das auszudrücken, was Klient*innen nicht in Worte fassen können. Auch von Marie gibt es viel in diesem Zimmer, bei ihren Therapiestunden bringt sie oft selbstgemalte Bilder und Selbstgebasteltes von sich oder einem ihrer Anteile mit. Es ist ihr sicherer Ort, hier kann all das raus, was sie in ihrem Alltag unterdrücken muss. Nur hier kann Marie ihre Kreativität ausleben. Wenn sie sie öffentlich zeigt, sagt Marie, hat sie Angst, dass Eltern oder Kolleg*innen das sehen.

Das Therapiezimmer ist der eine Ort, an dem Marie nicht im „Funktionsmodus“ ist. Alle zehn Tage ist Marie dort, ein bis zwei Mal pro Woche geht sie in eine Ergotherapie für psychische Erkrankungen und im Moment zusätzlich alle zwei Wochen zu einer Krisenberatung für suizidale Krisen. Alle sechs Wochen hat sie außerdem eine psychosoziale Beratung beim Sozialpsychiatrischen Dienst. Marie finanziert all das durch den Fonds Sexueller Missbrauch und das Opferentschädigungsgesetz. Beide staatliche Hilfen hat sie sich selbst gesucht.

Marie hat gelernt, zu funktionieren

Es ist, so sagt sie, eines ihrer Probleme: Dass sie nach außen hin so gut funktioniert. Lange hat sie deshalb vergeblich nach Hilfe und einem Therapieplatz suchen müssen. „Ich wurde immer wieder weggeschickt, weil ich doch so gut klarkomme und so selbstständig bin. Von außen wird das oft so bagatellisiert. Ich nehme mich selbst und meine Sorgen und Ängste nicht ernst, weil es sonst auch keiner tut“, erklärt die 28-Jährige. Dabei wäre Marie eigentlich gerne ein Stück unselbstständiger. Sie funktioniert gut, aber eher aus dem Gefühl heraus, dass sie das muss. Für ihren Job. „Ich habe gefühlt nur zwei Optionen: Entweder, ich gehe arbeiten oder ich bin psychisch krank„, sagt Marie. Am liebsten würde sie in einer geschützten Mini-WG in der Betreuung von Therapeut*innen wohnen. Wo die Anteile da sein dürfen, wo sie nicht im „Funktionsmodus“ leben muss.

Das macht einsam.

Marie, Erzieherin

Aber diese Mini-WG gibt es nicht. Stattdessen lebt Marie irgendwo zwischen beiden Welten: Sie ist psychisch „nicht krank genug“, aber eben auch nicht gesund. Sie kann nicht zu hundert Prozent arbeiten, aber für die Psychiatrie oder das betreute Wohnen geht es ihr zu gut. Dafür fehlen ihr die Diagnosen, sie hat keine Essstörung, sie verletzt sich nicht selbst, sie hat keine Alkohol- oder Drogensucht. Weil Marie gelernt hat, nicht zu fühlen. Um zu funktionieren. Irgendwo zwischen diesen beiden Lagern zu stehen bedeutet für sie vor allem eins: Immer und überall eine Außenseiterin zu sein. „In unserer Gesellschaft habe ich ständig das Gefühl, zu versagen und alles falsch zu machen. Egal, was ich mache. Und es gibt kein Entkommen. Ich lebe in einer Drehtür, die sich einfach immer weiterdreht.“ Bisher habe sie noch nie jemanden kennengelernt, der*dem es mit der Persönlichkeitsstruktur genauso geht wie ihr. „Das macht einsam.“

Marie sitzt auf einer Steinmauer in der Nähe eines kleinen Flussbetts unweit der Innenstadt ihres Wohnortes. Es ist ein windiger Tag, sie muss gegen die lauten Böen anreden, während sie ihre Geschichte erzählt. Kommt ein*e Spaziergänger*in vorbei, der*die dann mithören könnte, was sie sagt, stört sie das nicht. Eigentlich will Marie doch genau das: gehört werden. Trotzdem muss sie aufpassen, von wem. Oft habe sie das Gefühl, dass psychisch gesunde Menschen nicht aushalten, dass es auf der Welt auch Menschen gibt, die nicht so funktionieren wie sie. „In unserer Gesellschaft ist jemand mit psychischer Krankheit oft gleich ein*e Axtmörder*in, der*die im Zug auf Menschen einhackt“, sagt Marie.

Bessere Ausbildung für Polizist*innen

Klare Forderungen hat die 28-Jährige an Behörden und Fachleute in Deutschland: „Polizist*innen müssen in Deutschland besser auf Traumata ausgebildet werden.“ Damals, als ihr Stiefvater festgenommen wurde, kamen drei Polizisten in Maries Kinderzimmer, haben sich im Halbkreis vor ihr hingesetzt und gefragt: „Hast du eigentlich deinen Papi lieb?“ „Ich war 13, ich war manipuliert, ich hatte für das, was mir passiert ist, gar keine Worte. Natürlich habe ich da gesagt, dass ich meinen Papi lieb habe“, sagt Marie. Als sie danach fragten, ob sie manchmal Angst vor Papi hätte, antwortete sie: „Papa hat sich ein bisschen viel gewaschen in der Badewanne.“ Es war das Einzige, was in diesem Moment aus ihrem Mund kam. Die Polizisten standen auf, gingen die Treppe hinunter und führten ihren Stiefvater vor ihren Augen in Handschellen ab. „Darunter leide ich bis heute, weil ich mich immer noch schuldig fühle“, sagt Marie. „Wären diese Polizisten vernünftig darin geschult worden, wie man mit traumatisierten Missbrauchsopfern umgeht, hätte ich glaube ich mehr Gerechtigkeit erfahren.“ Ein paar ihrer Anteile, da ist sie sich sicher, sind im Laufe ihres Lebens durch den falschen Umgang mit ihren Traumata entstanden. „Ärzt*innen, Lehrer*innen – sie hätten es sehen können. Sie hätten mir helfen können. Oft gibt man Missbrauchsopfern das Gefühl, selbst schuld zu sein.“

Ärzt*innen, Lehrer*innen – sie hätten es sehen können. Sie hätten mir helfen können. Oft gibt man Missbrauchsopfern das Gefühl, selbst schuld zu sein.

Marie, Erzieherin

Marie wurde nach der Festnahme ihres Stiefvaters nie wieder verhört. Der Richter sagte damals in seinem Richtspruch, das 13-jährige Mädchen würde aus dem Missbrauch keine langfristigen Folgen mitnehmen. Bis heute weiß sie nicht, ob sie sich selbst glauben kann, dass genau das nicht stimmt. Dass es sehr tiefgehende Folgen gibt, mit denen sie jeden Tag leben muss. Am schwierigsten ist für Marie die immerwährende Angst, dass ihr nicht geglaubt wird. „Weil ich ja psychisch krank bin. Meine Erfahrung ist, dass manche Menschen meinen, ich sei deshalb unzurechnungsfähig.“ Sie wünscht sich mehr gesellschaftliche Akzeptanz, für sich und andere mit psychischer Erkrankung. „Wichtig ist, dass uns zugehört wird. Dass geglaubt wird. Es ist wichtig, reden zu dürfen. Ohne Verurteilung oder Glückskekssprüche. Man kann so viel Leid dadurch aushaltbarer machen.“

*Der Name der Protagonistin wurde zu ihrem Schutz geändert


Hilfe holen

Falls du unter Depressionen leidest und dich Suizidgedanken plagen, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Die Kommentarfunktion ist ausschließlich unseren Leser*innen von ze.tt gr.een vorbehalten.

1 Kommentar

  1. Danke für den wunderbaren Artikel. Psychische Erkrankungen werden leider in unserer Gesellschaft immer noch stark taburisiert. Solche Artikel helfen dabei, Menschen eine Stimme zu geben.

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Es kann ein paar Minuten dauern, bis dein Kommentar erscheint.