So schöne Zufälle verstecken sich in unserem Alltag

Der Fotograf Pau Buscató ist oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wenn er den Auslöser seiner Kamera drückt. Das Ergebnis sind One-in-a-million-Fotos, geprägt durch Zufall und Perspektive.

Was ist Zufall? Laut Duden ist Zufall etwas, das weder beabsichtigt noch vorauszusehen war. Ein unerwarteter Umstand, für den keine Ursache und keine Gesetzmäßigkeit erkennbar ist und der daher auch nicht lenkbar ist. An diese Definition hält sich Pau Buscató nicht.

Buscató ist 43, lebt in Oslo und spürt zufällige Ereignisse auf, um sie im richtigen Moment mit seiner Kamera festzuhalten. Manchmal entscheidet er innerhalb von Sekunden über die Perfektion eines Augenblicks – und drückt dann ab. Manchmal sucht er stundenlang nach dem geeigneten Motiv und zapft dabei seine Geduldsreserven an.

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Einer seiner liebsten Zufälle passierte, als er an einer Fußgängerampel in Barcelona darauf wartete, die Straße überqueren zu können. Er entdeckte zwei gelbe Linien auf der Straße, als sich ein Mann mit einem gelben Gehstock neben ihn stellte. Aus dem richtigen Blickwinkel ergaben die gelben Streifen gemeinsam mit dem Stock einen Pfeil. In dem Augenblick, als Buscató diese Zusammenstellung fotografieren wollte, tauchte ein dritter Mann auf, der sich zufällig so platzierte, dass es nun auf dem Foto so aussieht, als würde der gelbe Pfeil aus seinem Ohr kommen. Auch, dass beide Männer dunkelblaue Kleidung trugen, war reiner Zufall. Den bemerkte er allerdings erst später, nachdem er das geschossene Foto zu Hause betrachtete.

© Pau Buscató

Inwiefern die definitorische Abgrenzung des unvorhersehbaren Zufalls in diesen Fällen noch zutrifft, darüber lässt sich streiten. Buscatós Fotos zeigen aber zumindest scheinbare Zufälle, auch wenn er sie teilweise selbst heraufbeschwört. Sei es, indem er seine Kamera entsprechend ausrichtet, um den Blickwinkel anzupassen, oder indem er halbe Ewigkeiten an Ort und Stelle ausharrt, bis etwas Wertvolles passiert. Wichtig sei, unvoreingenommen zu sein. „Wer mit seiner Umgebung zu vertraut ist, verpasst Vieles“, sagt Buscató.

So war es auch, als er im Jahr 2016 in London unterwegs war. Buscató spazierte gerade am Leicester Square vorbei, als er eine Bildsequenz von fliegenden Vögeln auf die Absperrfläche einer Baustelle aufgedruckt sah. Im Gerüstschutznetz der Baustelle dahinter entdeckte er zudem ein Loch, das einem Vogel verdächtig ähnlich sah und so die Vogelfolge erweiterte. Buscató setzte sich also im richtigen Winkel davor und begann zu warten, die Kamera abschussbereit in seinen Händen. Irgendwann musste doch sicher noch eine Taube so vorbeifliegen, dass sie die Abfolge nochmals verlängerte. Nach zwei Tagen Wartezeit und einer kleinen Dosis gesunder Obsession, erbarmte sich schließlich eine Taube und lieferte Buscató das perfekte Zufallsmotiv.

© Pau Buscató

Hinter jedem erfolgreichen Zufallsfoto würden laut Buscató hunderte Versuche stecken, die nicht funktioniert hätten. Jeden Tag würde er sechs bis acht Stunden draußen verbringen und etwa 400 Fotos schießen, sagt er. „Ich lösche im Anschluss sehr viel. Ich behalte nur etwa zehn Prozent aller geschossenen Fotos, wovon ich wiederum nur einen Bruchteil veröffentliche.“

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Das kreative Auge für zufällige Motive habe Buscató aus seiner Kindheit mitgenommen. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf auf Ibiza, hatten er und seine beiden Geschwister nur wenig Spielzeug. Um trotzdem Spaß zu haben, ließen sie sich selbst Spiele einfallen. Eine simple Linie auf dem Gehsteig, die vorbeifahrenden Autos und ein bisschen Vorstellungskraft reichten. Sie stellten ein paar Spielregeln auf und schon waren sie stundenlang beschäftigt. „Was ich jetzt mit meiner Fotografie tue, ist nicht viel anders. Nur, dass ich eben alleine mit meiner Kamera unterwegs bin. Wenn ich auf der Suche nach Motiven bin, fühlt es sich manchmal immer noch so an, als würde ich Regeln für ein imaginäres Spiel erfinden“, sagt Buscató. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Glück, Vorstellungsvermögen und mindestens ein offenes Auge.