Alkoholsucht: So war mein Silvester in einer Entzugsklinik

Schritt für Schritt rutscht Antje in den Alkoholismus ab – mehrere Therapieversuche scheitern. Erst ein langer Entzug über Weihnachten und Silvester ebnet ihr den Weg zurück ins Leben.

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Never again. Foto: Thomas Picauly / Unsplash | CC0

Alkohol gehört für viele Menschen so fest zu Silvester wie Feuerwerk und Dinner for One. Für Antje ist das anders. „Für mich hat Silvester total seinen Reiz verloren, weil es im Endeffekt nur ein riesengroßes Besäufnis ist“, sagt sie. Seit sieben Jahren hat Antje keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Sie ist trockene Alkoholikerin und weiß, wie schwierig die Feiertage für viele Menschen sind, die gegen ihre Sucht kämpfen. „Die Versuchung, die sowieso durch den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol schon gegeben ist, wird an diesen Tagen noch verstärkt.“

Früher, als sie noch getrunken hat, hat Antje das genossen. Endlich ein paar Tage, an denen sie sich keine Sorgen machen musste, ob jemand ihre Sucht bemerkt. Schließlich trinken viele Menschen in der Zeit um Weihnachten herum mehr. Doch dadurch steigt auch die Versuchung. „Für einen nicht gefestigten trockenen Alkoholiker sind diese Tage die Hölle.“

Ihr erstes Silvester ohne Alkohol hat Antje vor ein paar Jahren in einer Klinik verbracht. „Unter der Glaskuppel“, wie sie sagt. Die Feiertage in dieser sensiblen Phase dort zu verbringen, war ein absoluter Glücksfall, sagt Antje. „Eine ganze Zeit lang ist man sehr fragil. Für mich wäre es schwierig gewesen, direkt mit einer Ausnahmesituation wie Weihnachten konfrontiert zu werden.“ Nach vier Monaten, im Januar, wurde sie wieder in die Realität entlassen. Diesem Entzug waren bereits zwei gescheiterte Therapieversuche und viele Jahre Sucht vorangegangen.

Alles beginnt ganz normal

Das erste Mal trinkt Antje auf ihrer Jugendweihe mit 14, umgeben von ihrer Familie. Sie hat einen großen Freund*innenkreis, in der Oberstufe finden regelmäßig Partys statt. „Das war altersgemischt, es gab also auch immer jemanden, der ein paar härtere Sachen mitbringen konnte.“ Rückblickend könne sie schwer einschätzen, ob sie mehr oder weniger trank als ihre Freund*innen und Klassenkamerad*innen, sagt Antje. „Ich bin nie Auto gefahren zu solchen Partys, weil ich wusste, ich werde trinken und ich will auch trinken.“ In ihrer Familie wird gemäßigt mit Alkohol umgegangen. Getrunken wird zu feierlichen Anlässen wie Geburtstag, Weihnachten und Silvester.

Nach dem Abitur beginnt Antje ein Studium, bricht es aber nach zwei Semestern wieder ab. Sie hadert mit ihrer Entscheidung und möchte ihre Familie nicht enttäuschen. „Da war das Feiern eine willkommene Abwechslung.“ Sie beginnt eine Ausbildung und verliebt sich. Ihr Freund lebt in Hamburg, nach Abschluss ihrer Ausbildung zieht Antje mit ihm zusammen. Die erste eigene Wohnung, die erste große Liebe. Antje ist glücklich – und möchte ihr neues Leben feiern: „Ab da war keiner mehr da, der guckt. Keiner, der was vorschreibt.“ Ihr Freund trinkt gerne und viel. „Die Wochenenden waren eine einzige Party“, sagt Antje. Die beiden erkunden die Pubs und Bars in Hamburg.

Ein Drink am Morgen, um in die Gänge zu kommen

Rückwirkend fällt es Antje schwer zu rekonstruieren, wann sie die Kontrolle über ihr Trinkverhalten verlor. „Eine fiese Nebenwirkung der Krankheit ist, dass ich ein ganz miserables Langzeitgedächtnis habe.“ Mit der Zeit beginnt sie, auch alleine zu trinken, wenn ihr Freund mal keine Lust hat. Manchmal spricht er Antje darauf an. Zu einem richtigen Gespräch kommt es aber nicht. Nach acht Monaten Zusammenwohnen trennen sich die beiden. Antje zieht in eine Einzimmerwohnung in Hamburg-Barmbek. Dort wohnt sie zusammen mit ihrem Liebeskummer – und beginnt, immer mehr zu trinken.

Aus einer Flasche Wein am Abend wird ein Drink am Morgen, um in die Gänge zu kommen. „Plötzlich denkst du dir: Keiner merkt, wenn ich in der Colaflasche tagsüber auch Wein habe.“ Diese Entwicklung beschreibt Antje als schleichend und brutal. Sie zieht sich immer mehr zurück, bricht den Kontakt zu Bekannten ab. Statt auf Feiern zu trinken, meidet Antje diese nun: „Ich war schlicht zu betrunken, um noch loszugehen.“

Auch in dieser Phase geht sie noch jeden Tag zur Arbeit. Morgens quält sie sich mit pelziger Zunge, Kopfschmerzen und zittrigen Händen aus dem Bett. „Der erste Gang ging immer zum Weinglas.“ Erst danach schafft sie es, zu duschen. Auf der Arbeit trinkt Antje Wein, gemixt mit Cola, damit es niemandem auffällt. In einem verschließbaren Schrank in ihrem Büro hortet sie Weinkartons. Es gibt keine nüchternen Phasen mehr: „Ich war einfach immer betrunken.“

Alles dreht sich ums Trinken

Nach Feierabend holt Antje in einem der umliegenden Discounter Nachschub. Dabei achtet sie darauf, nicht an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im selben Geschäft einzukaufen. „Manchmal habe ich auch Chips oder eine Glückwunschkarte gekauft, damit ich nicht die Sorge haben muss, dass jemand sieht, dass ich ein Problem habe.“ Zu diesem Zeitpunkt beschränken sich Antjes soziale Kontakte auf ihre Arbeit. Danach ist sie nicht mehr fähig, etwas zu unternehmen. „Es war eine meiner Hauptaufgaben, immer darauf zu achten, dass ich genug Alkohol im Haus habe“, sagt Antje. Fehlt der Nachschub, beginnt sie zu zittern und zu schwitzen. In der schlimmsten Phase ihrer Sucht bekommt Antje Entzugskrämpfe, wenn sie nicht genug trinkt. „Mein Leben hat sich um zwei große Konstanten gedreht: Woher ich meinen Alkohol bekomme und dass niemand merkt, wie sehr ich den Alkohol brauche.“

Man sieht Antjes Körper an, dass er krank ist. Ihre Haut ist mit Schuppenflechte bedeckt. Ihr Gesicht ist aufgedunsen. Zu diesem Zeitpunkt isst sie kaum noch: „Ich hatte die finanziellen Mittel gar nicht mehr, um Lebensmittel zu kaufen.“ Bereits am dritten oder vierten jeden Monats ist das Geld weg, vertrunken oder mit Schulden des Vormonats verrechnet.

„In diesem Augenblick habe ich beschlossen, um mein Leben zu kämpfen“

Ob jemand ihre Sucht bemerkt hätte? Antje ist sich nicht sicher. Daran, dass jemand sie offen auf ihr Trinkverhalten angesprochen hätte, kann sie sich nicht erinnern. Sie glaubt, dass viele die Tragweite ihrer Krankheit unterschätzten. Letztendlich ist es ein Freund, der ihre Eltern informiert, nachdem er einen von Antjes Entzugskrämpfen mitbekommt. Antje begibt sich in einen körperlichen Entzug und verbringt drei Wochen in einer Klinik. Sie zieht weg aus Hamburg, findet eine Wohnung in der Nähe ihrer Familie und einen neuen Job. „Auf einmal kam wieder der Gedanke: Mensch, dir geht’s super, jetzt hast du dir was verdient. Und zack – war ich wieder drin.“ Der Rückfall trifft Antje mit voller Wucht. In kürzester Zeit trinkt sie wieder Wein zum Frühstück.

Dieses Mal ist Antjes Familie in ihrer Nähe und versucht sie aufzufangen. Nur wenige Monate nach ihrem ersten Klinikaufenthalt beginnt Antje eine Langzeittherapie. Sie verliebt sich in der Klinik in einen Mann, ebenfalls Alkoholiker. Als seine Therapie frühzeitig beendet wird, entscheidet Antje sich, ihm zu folgen. Sie bricht die Therapie ab und kehrt zurück zum Alkohol. „Ich hab tatsächlich immer noch keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich hier gerade mein Leben aufs Spiel setze.“ Der Mann, in den Antje so verliebt ist, wird ihr gegenüber körperlich und psychisch gewalttätig werden. Auf die Versuche ihrer Familie und von Freund*innen, ihr zu helfen, reagiert Antje mit Trotz.

Die Erkenntnis kommt erst, als Antje eine alte Freundin wieder trifft. Diese lebt in Frankreich und ist mit ihrem zweiten Kind schwanger. Antje sitzt betrunken im Café, als ihr klar wird: So hatte sie sich ihr Leben auch mal vorgestellt. Mit Ende 20 eine Familie und ein aufregendes Leben im Ausland. Stattdessen sei sie ein körperliches und seelisches Wrack gewesen. „Ich habe in diesem Augenblick beschlossen, um mein Leben zu kämpfen.“ Sie bleibt vier Monate in einer Klinik, über Weihnachten und Silvester. Dieses Mal schlägt die Therapie an. Das war der Jahreswechsel 2013/2014.

Weihnachten ohne Alkohol

Ab da dauert es zwei Jahre, bis sich Antje wieder auf die Feiertage freuen kann. „Ja, die Weihnachtszeit ist besinnlich und gemütlich. Aber es fließt eben auch viel Alkohol.“ Viele Menschen zelebrieren ihr Trinkverhalten. Nach ihrer Therapie muss Antje sich daran gewöhnen, dass es das für sie jetzt nicht mehr gibt. „Weihnachten war für mich in den ersten Jahren ganz komisch“, sagt Antje, sie fühlt sich in den ersten trockenen Jahren oft wehmütig. Gerne würde sie auch mit einem Wein auf der Couch sitzen und Teil dieser Feiertagskultur sein.

Da ist die Frage, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie die Kurve bekommen hätte. Wenn der Alkohol nicht ihr Leben bestimmt hätte. Aber mit jedem Jahr findet Antje sich besser mit der Abstinenz ab. Inzwischen lebt sie mit ihrem Sohn in Leipzig. Weihnachten dreht sich nicht mehr ums Trinken, sondern darum, ihrem Kind eine aufregende Zeit zu bescheren und die Familie zusammenzubringen. Es gehe ihr gut, sagt sie. Wenn sie heute an ihr Vergangenheits-Ich denkt, dass den ganzen Tag auf dem Sofa saß und getrunken hat, möchte sie ihr sagen: „Du musst keine Angst haben, dir Hilfe zu holen.“


Du kannst dir deinen Alltag nicht mehr ohne Alkohol vorstellen? Hier findest du Hilfe:

Die Telefonseelsorge bietet rund um die Uhr kostenlose und anonyme Beratung: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

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